2/2000

INHALT

Neue Bücher

Katholischer Freiheitsbegriff

Hubert Wolf (Hrsg.), Freiheit und Katholizismus. Beiträge aus Exegese, Kirchengeschichte und Fundamentaltheologie. Dies Academicus des Fachbereichs Katholische Theologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt a. Main 1998, Schwabenverlag, Ostfildern 1999, 98 Seiten.

Das Jubiläum der Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt (1848) war für die Katholiken eher peinlich. Damals lehnte der offizielle Katholizismus Freiheiten, Menschenrechte und Volksvertretung entschieden ab. Nur die so genannten «liberalen Katholiken» begrüssten die Verfassungsbewegung und den ersten Versuch zu einer Deutschen Einigung. Damals war die Zeit noch nicht für einen deutschen Einheitsstaat reif; «Grossdeutsch» und «Kleindeutsch» schienen in ihren Gegensätzen unüberbrückbar. Wer die Problematik genauer ins Visier nimmt, stellt eine ambivalente Haltung der Kirche im Deutschland des letzten Jahrhunderts fest. Die Kirche lehnt zwar die von der Aufklärung beeinflussten Ideen der Freiheit vehement ab, versteht es aber, die revolutionären Freiheiten für ihre Interessen zu nutzen. Im Schutze dieser Freiheit entsteht das ganze Netzwerk katholischer Organisationen und Verbände ­ der Verbandskatholizismus. Diese Sozial- und Mentalitätsgeschichte des 19./20. Jahrhunderts hat für die Schweiz Urs Altermatt in seinem immer noch grundlegenden und aktuellen Buch «Katholizismus und Moderne» dargestellt.
Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte in Frankfurt hat diese Untersuchungen an einem speziellen «Dies academicus» vorgetragen. Das Buch enthält noch zwei andere Referate dieser Tagung. Der Professor für Theologie des Neuen Testamentes, Josef Hainz, stellte eine exegetische Grundlegung zum Galaterbrief (Kapital 5) vor: «Zur Freiheit befreit». Siegfried Wiedenhofer bietet eine fundamentaltheologische Reflexion über «Freiheit, Vatikanum II. und Moderne». Das Zweite Vatikanum hat die pauschalen Verurteilungen des Syllabus praktisch beendet und durch einen kritisch wohlwollenden Dialog ersetzt. Der Autor untersucht den gegenwärtigen katholischen Freiheitsbegriff und arbeitet die Unterschiede zur modernen Freiheitsauffassung heraus.

Leo Ettlin


Die Frage nach Gott

Hanns Cornelissen, Der Faktor Gott. Ernstfall oder Unfall des Denkens? Herder Verlag, Freiburg i.Br. 21999, 336 Seiten.

In unserer Zeit scheint die Frage nach Gott aus der Mode gekommen zu sein. Viele Menschen interessieren sich eher für ihre Lebensversicherung als für die Ewigkeit. Nicht mehr «was oben ist» wird gesucht, sondern das Vergnügen auf der Rutschbahn ins Nichts. Andere decken sich für ihre Bedürfnisse in esoterischen Supermärkten ein.
Aber man sollte nicht übersehen, dass auch eine Gegenbewegung in Gang kommt. Es gibt Menschen, die sich um Gott ebenso kümmern wie um die sonntäglichen Lottozahlen.
Das vorliegende Buch stellt wieder explizit die Gottesfrage ­ aber nicht mit abgewetzten Phrasen. Hanns Cornelissen beginnt die einzelnen Kapitel seiner neuartigen Theodizee mit einem engagierten, unterhaltsamen, aber präzisen Dialog. In den nachfolgenden Abhandlungen werden nun die dargelegten Thesen vertieft. Dabei arbeitet der Autor mit dem Leser so, dass er sich weder über- noch unterfordert fühlen muss. Langeweile kommt bei dieser Lektüre um elementare Lebensfragen kaum auf. Es soll sich erweisen, dass die christliche Deutung des Ganzen, von dem unsere Welt ein Teil ist, das Bedürfnis nach rationaler Deutung dieser Welt befriedigen kann, sofern man bereit ist, sich auf ungewohnte Überlegungen einzulassen. Es soll dabei nicht gezeigt werden, dass jeder Vernünftige an Gott glauben muss, wohl aber, dass kein Vernünftiger behaupten kann, der Glaube an Gott sei unvernünftig. So wird sich herausstellen, dass die christliche Religion viel moderner sein kann als die Ansichten ihrer Kritiker.
Knapp gesagt, das Buch bietet eine Inventur des Denkens und Ordnung im Kopf. Ist das nicht ein beachtenswertes Angebot für Menschen mit der Bereitschaft, grosse Gedanken zuzulassen und sie konsequent zu Ende zu denken?

Leo Ettlin


Charismatik

Thomas Kern, Schwärmer, Träumer & Propheten? Charismatische Gemeinschaften unter der Lupe. Eine soziologische Bestandesaufnahme, Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main 1998, 223 Seiten.

Zwar scheint die charismatische Bewegung bei uns den Höhepunkt ihrer Dynamik als ein erfolgreicher Anbieter auf dem religiösen Erlebnismarkt überschritten zu haben, aber in fundamentalistisch orientierten Kreisen hat sie immer noch starken Rückhalt, und die mit speziellen Charismen wirkende Leitung wirkt auf ihre Gefolgschaft auch autoritär und exklusiv.
Die vorliegende Studie beruht im Wesentlichen auf Untersuchungen der Charismatischen Szene in Frankfurt am Main. Mit teilnehmender Beobachtung, Interviews und der Anlayse von Dokumenten der Bewegung, also mit den Methoden der Sozialforschung, verfolgt sie das Ziel, einen umfassenden Einblick in die kollektive Lebenswelt der Charismatiker zu gewinnen. Dabei konzentriert sie sich hauptsächlich auf folgende Schwerpunkte: die historische Entwicklung der charismatischen Bewegung, die eingehende Beschreibung der spirituellen Erlebnismöglichkeiten und die organisatorischen Besonderheiten charismatischer Gemeinschaften.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000