44/2000 | |
INHALT | |
Kirchliche Berufe |
Mit dem Begriff CIFT (Centre interdiocésain de formation théologique) ist ein Projekt gemeint, das die theologische und spirituelle Ausbildung der Seminaristen für die französischsprachige Schweiz neu umschreiben will. Die Bischöfe als Letztverantwortliche für die Ausbildung ihrer künftigen Priester haben 1994 eine Kommission beauftragt, das Curriculum der theologischen Ausbildung ihrer Seminaristen zu studieren. Das Projekt sollte Antwort geben auf die akademischen, spirituellen und pastoralen Probleme des Studiums für künftige Priester, Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten.
Bis 1970 wurden die Priester in den jeweiligen Priesterseminaren in Freiburg
und Sitten ausgebildet. Nur vereinzelt schickte man Seminaristen an die
Universität, und wenn, dann vor allem zum Weiterstudium. Ferner sei
erwähnt, dass noch in lateinischer Sprache unterrichtet wurde. Mit
der Einführung der Muttersprache in der Liturgie wurde dann auch in
dieser unterrichtet. Die Universität richtete an der Theologischen
Fakultät zwei Sprachsektionen ein. In der Zwischenzeit nahm aber die
Zahl der Studierenden stetig ab. Dies veranlasste die Fakultät und
die Seminare, nach einer vermehrten Zusammenarbeit Ausschau zu halten. Nur
so konnte das Weiterbestehen der theologischen Bildungsstätten längerfristig
gewährleistet bleiben.
Seit knapp dreissig Jahren werden die künftigen kirchlichen Mitarbeiter,
Priester und Laien, an der französischsprachigen Sektion der Universität
Freiburg ausgebildet. Gewisse Restrukturierungen, vor allem wegen finanziellen
Engpässen, hatten zur Folge, dass die so genannte Sektion B (mit spezieller
pastoraler Ausrichtung) aufgehoben wurde. Für Studenten des 3. Bildungsweges
wird dadurch der Zugang zum Studium erschwert. Die Priesterseminare von
Lausanne, Genf und Freiburg und von Sitten konnten die Aufhebung der Sektion
B nicht ohne weiteres auffangen.
Mit dem CIFT schuf man in der Westschweiz eine Dachorganisation, die versucht,
die verschiedenen Ausbildungswege zu koordinieren und vor allem Doppelspurigkeiten
zu vermeiden. Träger dieses Projekts ist die COR (Conférence
des Ordinaires de la Suisse Romande), also das Pendant zur Deutschschweizerischen
Ordinarienkonferenz (DOK). Im Folgenden sollen nun die einzelnen Projekte
des CIFT kurz beschrieben werden.
Das Einführungsjahr (Année de Discernement) vor Studienbeginn
bildet die Basis des CIFT. Dieses Jahr soll die menschliche, spirituelle
und christliche Bildung zum Schwerpunkt haben. Hier kann nicht auf die Einzelheiten
dieses Jahres eingegangen werden. Es soll aber kurz der Inhalt umschrieben
werden.
Das Jahr beinhaltet die Anleitung zum persönlichen Gebet, die Einführung
ins Stundengebet, ein Vertrautwerden mit dem Glaubensgut der Kirche, mit
den Dokumenten des Konzils (Vaticanum II) und mit der Heiligen Schrift.
Zehn Dozenten unterrichten ein bis zwei Stunden pro Woche. Dies ist vor
allem dank der guten Lage von Freiburg mit seinen vielen Ausbildungsstätten
möglich. Von Montag bis Donnerstag sind am Vormittag Vorlesungen, die
Nachmittage sind für das persönliche Studium, Sport und Arbeiten
im Seminar freigehalten. Der Freitag ist reserviert für Begegnungen
mit Menschen, die in den verschiedensten kirchlichen Diensten arbeiten.
Ergänzt wird die Ausbildung durch ein vierwöchiges Praktikum im
sozialen Bereich (Spital, Altersheim, Caritas, Behindertenheim usw.). Regelmässige
Besinnungswochenenden (Recollectiones) und Dienste in der Seminargemeinschaft
runden diese Aktivitäten ab. Studium, Gebet, Begegnungen und Praktikum
und eine Besinnungswoche am Ende des Jahres sollen den Studenten und den
Verantwortlichen der Ausbildung genügend Elemente liefern für
eine gute Entscheidung, den eingeschlagenen Weg im Hinblick auf ein Engagement
in der Kirche weiterzugehen.
Im Herbst 1996 konnte für die Bistümer der Westschweiz: Lausanne,
Genf und Freiburg sowie Sitten und Basel (Jura) mit dem Einführungs-
und Entscheidungsjahr begonnen werden.
Es gibt in der französischsprachigen Schweiz keinen eigenen Dritten
Bildungsweg wie für die Deutschsprachigen in Luzern. Die Universität
ist aber bereit, Kandidaten mit einer entsprechenden Empfehlung der Seminare
aufzunehmen. Wegen der bereits erwähnten Aufhebung der Sektion B an
der Theologischen Fakultät ist für manche der Zugang zum Studium
mit Schwierigkeiten verbunden. Für diese beginnt die Ausbildung normalerweise
an der École de la Foi. Nach zwei Jahren wechseln sie für den
zweiten Teil des Studiums an die Universität.
Für Studenten mit Matura findet die Ausbildung nach dem Einführungsjahr
wie bisher an der Theologischen Fakultät statt. Es würde die Kräfte
unserer Institutionen übersteigen, einen eigenen Bildungsweg zu unterhalten.
Andererseits würde das Fehlen künftiger kirchlicher Mitarbeiter
an der Fakultät angesichts der sinkenden Zahlen der Studenten auch
ins Gewicht fallen.
Im Weiteren wird den Studenten eine Studienbegleitung angeboten (Tutorat).
Das heisst, jeder Seminarist soll die Möglichkeit haben, während
dem Studium Begleitung in Anspruch nehmen zu können. Zusätzlich
sollen spezielle Kurse angeboten werden, die die Vorlesungen an der Universität
ergänzen und den Bedürfnissen der Ortskirche besonders Rechnung
tragen; so wird namentlich auf das Kennenlernen des eigenen Bistums Wert
gelegt. Dazu gehören neben der Ausbildung in Kirchengesang und Liturgie
auch Fragen wie die der Affektivität, der Zusammenarbeit zwischen Laien
und Priestern sowie Hilfestellungen für die Berufsentscheidung.
Um die Studenten besser auf die Praxis vorzubereiten, sollen im Verlaufe
des Studiums unter der Leitung des jeweiligen Regens drei Praktika von je
einem Monat absolviert werden, und zwar in den Bereichen allgemeine Pfarreiarbeit,
Katechese und Spezialseelsorge. Die Praktika sollen den Studierenden helfen,
einerseits das im Studium erworbene Wissen in der Praxis anzuwenden und
andererseits Theorie und Alltag miteinander zu vergleichen und persönlich
zu erleben. In diesem Bereich ist noch eine Harmonisierung unter den einzelnen
Bistümern anzustreben. Während Sitten und Basel dies schon ein
paar Jahre praktizieren, erarbeitet Lausanne, Genf und Freiburg, welches
bis vor kurzem noch nach dem Vordiplom ein Praktikumsjahr einschob, ein
neues Statut. Der Wille zur Zusammenarbeit auf diesem Gebiet ist aber klar
vorhanden.
Seit vier Jahren wird das Pastoraljahr nach Abschluss der Studien unter der Hauptverantwortung der Regenten absolviert. Im Gegensatz zum Année de Discernement ist das Pastoraljahr auch für Pastoralassistentinnen und -assistenten verpflichtend. Voraussetzung für die Teilnahme am Pastoralkurs ist der Abschluss des Studiums (Lizentiat, Diplom oder kirchlicher Abschluss). Die Absolventen des Pastoraljahres arbeiten während 910 Monaten in einer Pfarrei. Für fünf Kurswochen treffen sich die künftigen Priester und Pastoralassistentinnen und -assistenten im Priesterseminar Sitten in Givisiez bei Freiburg. Dazu kommen die Besinnungstage vor den Weihen, die Einführungs- und Auswertungstage im Seminar und in den Pfarreien. In den Kurswochen, die über das ganze Jahr verteilt sind, soll eine kritische Reflexion der Arbeit gemacht werden. Darüber hinaus begegnen die Praktikanten Leuten aus der Praxis, die sie mit verschiedenen Arbeitsbereichen der Seelsorge vertieft vertraut machen oder ihnen die Dienststellen der Spezialseelsorge vorstellen. Die Verantwortlichen sind dabei bemüht, das Typische der einzelnen Bistümer (z.B. Tourismusseelsorge), aber auch das Gemeinsame im Auge zu behalten. Es ist auch ein Anliegen, die Zusammenarbeit mit dem Professor für Pastoraltheologie zu verstärken. Mit Professor Viau hatten wir einen kompetenten Partner gefunden, der aber nach nur zweijähriger Tätigkeit nach Kanada zurückgekehrt ist. Es ist den Verantwortlichen ein grosses Anliegen, dass der Lehrstuhl für Pastoraltheologie neu besetzt wird und an der Fakultät das nötige Gewicht erhält, wie dies in der deutschsprachigen Sektion der Fall ist. Nebst den Kurswochen, die in den ersten fünf Berufsjahren durch die Arbeitsstelle für Fortbildung (formation permanente) noch ergänzt werden, sollen die Praktikanten in den Pfarreien möglichst in viele Bereiche der Seelsorge Einsicht bekommen. Die ersten vier Kurse ermutigen uns, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
Aus der anfänglich ehrenamtlichen Kommission des CIFT hat sich eine feste Struktur entwickelt, in der heute mehrere Personen teilzeitlich engagiert sind. Die Leitung des CIFT wird vom Jesuitenpater Dr. Jean-Blaise Fellay im Halbamt wahrgenommen. Ihm zur Seite steht ebenfalls zu 50% Chorherr Jean-Marie Lovey als Leiter des Année de Discernement. Durch seine langjährige Tätigkeit als Novizenmeister bringt er ideale Voraussetzungen für dieses Amt mit. Weiter sind die Regenten Pierre Aenishänslin für Lausanne, Genf und Freiburg, Stefan Roth für Sitten und als Vertreter von Basel Dominique Jeannerat, Spiritual des Seminars in Luzern, berufshalber in diese Arbeit integriert. Als Vertreter der COR nimmt Bischof Bernard Genoud Verantwortung im CIFT wahr.
Bevor wir auf die einzelnen Ausbildungsstätten eingehen, soll vorerst
festgehalten werden, dass wir an einer guten Zusammenarbeit mit allen theologischen
Bildungsstätten in Freiburg interessiert sind.
Der wichtigste Partner für uns ist natürlich die Theologische
Fakultät. Dank ihr ist es unseren Studenten möglich, eine wissenschaftlich
fundierte Ausbildung zu erhalten. Um den Kontakt mit den Professoren zu
vertiefen, laden wir sie gelegentlich in die Priesterseminare zu Aussprachen
oder geistlichen Vorträgen ein. Dies ermöglicht es den Studenten,
ihre Professoren von einer anderen Seite kennen zu lernen und mit ihnen
über das Zusammengehen von Studium und Spiritualität auszutauschen.
Bereits ist erwähnt worden, dass einige Studenten des Dritten Bildungsweges
ihr Grundstudium an der École de la Foi machen. Diese Schule, die
vor allem von Studenten der Dritten Welt besucht wird, bietet den Studenten
die Möglichkeit, während zwei Jahren in einem etwas ruhigeren
Rhythmus sich die Grundkenntnisse der Theologie anzueignen. Nach bestandenen
Prüfungen können die Studierenden im zweiten Jahr an der Fakultät
einsteigen. Im Rahmen dieses Artikels können wir nicht näher auf
das Spezifische dieser Schule eingehen. Erwähnt sei aber, dass die
Studierenden in Wohngemeinschaften leben und dort ihre Spiritualität
leben. Das geistliche Leben ist für die Schule recht wichtig. Mit der
Leitung der Schule pflegen wir einen regelmässigen und guten Kontakt.
Ein weiterer Partner für die Ausbildung kirchlicher Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter ist das IFM (Institut Romand de Formation aux Ministères).
Das IFM ist ein Institut, das am ehesten dem Katechetischen Institut in
Luzern entspricht. In einem dreijährigen berufsbegleitenden Studium
werden die Studierenden für eine vollamtliche Tätigkeit in der
Kirche ausgebildet. Die Studentinnen und Studenten sind bereits teilzeitlich
in einer Pfarrei engagiert und kommen für zwei Tage pro Woche nach
Freiburg ans Institut. Zusätzlich finden Blockveranstaltungen statt.
Die Institutsleitung rechnet mit einem Zeitaufwand von ca. 60%. Die Zahl
der Studenten hat sich stark reduziert. Die Bischöfe haben eine Arbeitsgruppe
eingesetzt, die diese Ausbildungsform überprüfen soll. Das erste
Studienjahr ist zurzeit sistiert. Es müssen raschmöglichst Entscheide
getroffen werden, soll dieses Institut weiterbestehen. Auch hier muss sehr
wahrscheinlich nach neuen Formen der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen
gesucht werden vielleicht eine neue Herausforderung für das Projekt
CIFT?
In einer Zeit, in der überall in Westeuropa über stark sinkende
Zahlen der Priesteramtskandidaten geklagt wird, in der auch die Zahlen der
übrigen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stagnieren, kann
es sich die Kirche nicht mehr leisten, ihre Kräfte aufzusplittern.
Sie muss im Gegenteil Synergien suchen und nutzen. Mit dem Projekt CIFT
ist nach den bisherigen Erfahrungen ein Schritt in die richtige Richtung
getan. Das Anliegen der Verantwortlichen ist es, die Zusammenarbeit mit
den bestehenden Institutionen zu verstärken. Jede soll ihre Eigenständigkeit
bewahren können. Das CIFT sieht seine Hauptaufgabe darin, die Vorteile
der einzelnen Institutionen gewinnbringend für andere nutzbar zu machen.
Es gibt Aufgaben, die allen Seminaren aufgetragen sind, wie zum Beispiel
das Einführungsjahr oder das Pastoraljahr. Hier müsste für
wenige Kandidaten ein eigener Kurs angeboten werden, der personell und materiell
kaum tragbar wäre. Mit dem Zusammengehen der Bistümer der Westschweiz
können die Kräfte und die zur Verfügung stehenden Mittel
viel effizienter und wirkungsvoller eingesetzt werden.
Wir sind froh, dass die Schweizerische Kirchenzeitung uns eingeladen hat,
die Ausbildungswege in der Westschweiz vorzustellen. Dies ermöglicht
es, einem breiteren Kreis Chancen und Grenzen der Ausbildung im anderen
Sprachgebiet aufzuzeigen. Dabei haben die betroffenen Bistümer alle
einen mehr oder weniger grossen Anteil von deutschsprachigen Gläubigen.
Ist es im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg eine kleine Minderheit, so
macht diese im Bistum Sitten schon einen Drittel aus und für das Bistum
Basel ist der französischsprachige Teil wiederum eine kleine Minderheit.
Der Austausch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg bringt mehr Verständnis
füreinander. Gerade in der Kirche sollten wir fähig sein, andere
Empfindungen stehen zu lassen und seine eigenen Werte an ihnen zu messen.
Wenn wir verstehen, das Bereichernde des anderen aufzunehmen, kann vieles
bei uns selbst wertvoller werden kann ein «Röstigraben»
überwunden werden.
Stefan Roth ist Regens des zweisprachigen Sittener Priesterseminars in Givisiez bei Freiburg.