8/2000

INHALT

Kirchliche Berufe

Das "Humankapital" (in) der Kirche

von Michael Krüggeler

 

In den kirchenstatistischen Heften des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) liegt mit dem hier anzukündigenden Heft 10 (1991 bis 1995) ein umfassender Überblick über die Personalentwicklung in der Kirche Schweiz in den Jahren 1965­1995 vor.<1> Die kirchliche Personalstatistik des SPI trifft also genau die Zeit des grossen Umbruchs, die Zeit der Auflösung der katholischen Sondergesellschaft in der Schweiz mit ihren vertrauten Werten und Strukturen und mit ihrer imposanten Kongruenz von Personalbestand und Personalbedarf. Vor diesem Hintergrund ist es besonders misslich, dass in jedem Stadium der Berichterstattung über die vergangenen 30 Jahre immer wieder dieselbe Botschaft wiederholt werden musste und muss: Hinsichtlich der ungünstigen Personalentwicklung innerhalb der Kirche Schweiz kann es keine Entwarnung geben, beim Weltklerus wie innerhalb der Ordensgemeinschaften setzt sich der Trend eines deutlichen Rückgangs ungebrochen fort.
Auf der anderen Seite bietet die kirchliche Personalstatistik die Grundlage für einen in der kirchlichen Praxis unter den neuen Gegebenheiten eher vernachlässigten Bereich: die Praxis einer in mehreren Dimensionen konsequent verfolgten Personalentwicklung. Zurzeit geraten verschiedene Angebote aus der wirtschaftlichen Unternehmensführung auch ins Blickfeld der kirchlichen Praxis: «Leitbilder» und Pastoralkonzepte werden auf verschiedenen Ebenen formuliert und man zeigt damit, dass man bereit ist, sich Prozessen der Organisationsentwicklung zu öffnen und den unübersehbaren Wandel nicht einfach hinzunehmen, sondern mit verschiedenen Mitteln aktiv zu gestalten. Der Bereich aber, «in dem die Übernahme neuer innovativer Konzepte aus der Wirtschaft offenbar noch am wenigsten vorangetrieben ist, ist erstaunlicherweise die Personalentwicklung...».<2>

Die Personallage der Bistümer und Orden

Beginnen wir daher für einmal mit einer in diesem Bereich unerwarteten positiven Nachricht. Für den Berichtszeitraum 1991­1995 ist die Anzahl aller im Dienst der Schweizer Bistümer stehenden Seelsorgerinnen und Seelsorger leicht gestiegen: nämlich von 3757 (1990) auf 3889 (1995). Hier kündigt sich aber sogleich ein in den Zahlen kaum zu verbergendes pastorales Problem an: das Problem nämlich des unterschiedlichen Umgangs der verschiedenen Bistümer mit dem Einsatz von Laientheologinnen und Laientheologen in der pastoralen Praxis. So gibt etwa das Bistum Lausanne-Genf-Freiburg nur noch eine einzige Zahl sämtlicher Laienmitarbeiter/Laienmitarbeiterinnen an; in dieser Zahl sind also auch Katecheten/Katechetinnen und andere Laien im pastoralen Dienst enthalten. Im Bistum Chur ist die Zahl der Laientheologen/Laientheologinnen im Berichtszeitraum fast konstant geblieben (gestiegen von 123 auf 136); das Bistum Lugano weist nach wie vor keine Laien in seiner Personalstatistik mehr aus. In den anderen Bistümern hat sich die Zahl der Laientheologen/Laientheologinnen in der Seelsorge nahezu verdoppelt: Im Bistum Basel ist die Zahl gestiegen von 208 auf 331, im Bistum St. Gallen von 53 auf 90 und auf geringerem Niveau im Bistum Sitten von 9 auf 22. Es trifft also für diesen Zeitraum besonders zu, dass der Rückgang bei der Zahl der aktiven Diözesanpriester von 1471 (1990) auf 1235 (1995) durch den vermehrten Einsatz von Laientheologen/Laientheologinnen aufgefangen wird. Zu erwähnen ist dabei aber auch die von 45 auf 73 bemerkenswert gestiegene Zahl der Ständigen Diakone.
Das Problem unterschiedlicher Praxis der Schweizer Bistümer wird besonders anschaulich im Umgang mit der markant gestiegenen Zahl der Pfarreien ohne eigenen Priester am Ort. Waren im Zeitraum 1986­1990 62,5% der Pfarreien noch mit einem Priester besetzt, so ist die Zahl bis Ende 1995 auf 55% gesunken. Fast die Hälfte aller Pfarreien in der Schweiz müssen also gegenwärtig ohne Priester am Ort auskommen. Hier werden nun in den Bistümern Chur, Lugano, Lausanne-Genf-Freiburg und Sitten alle Pfarreien ohne eigenen Priester als von auswärtigen Priestern (mit-)verwaltet eingeordnet. Anscheinend werden einzig in den Bistümern Basel und St. Gallen auch Laientheologen/Laientheologinnen als hauptamtliche Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen in einzelnen Pfarreien eingesetzt und entsprechend ausgewiesen. Dies geschieht weitgehend in der Form von so genannten «Pfarreien-» oder «Seelsorgeverbänden», in denen mehrere Pfarreien zusammengeschlossen und von einem Seelsorgeteam (Priester, Laientheologen/Laientheologinnen, Diakone) betreut werden; dieser Form entspricht in der frankophonen Schweiz die Zuordnung von «equipes pastorales» zu neu eingerichteten «secteurs pastorales».
An dieser Stelle der Entstehung ganz neuer Seelsorgeeinheiten zeigt sich ein weiteres Problem der kirchlichen Personalstatistik: Sie sollte ihre Kategorien der sich wandelnden pastoralen Wirklichkeit möglichst genau anpassen, was aber wegen der Divergenz eben dieser Praxis und aus Gründen der Vergleichbarkeit auf grosse Schwierigkeiten stösst. Und man wird auch nicht übersehen dürfen, dass die neu beschrittenen Wege zumeist als äusserst pragmatische Lösungen aus der Not der personellen Engpässe gefunden wurden, Wege also, die ihre Bewährungsprobe erst noch vor sich haben.
Von entscheidender Bedeutung für die Frage der Personalentwicklung ist das Problem des Nachwuchses. Hier steht für die Jahre 1991­1995 316 Todesfällen und 16 Amtsniederlegungen die Zahl von 98 Priesterweihen gegenüber (1986­1990: 275 Todesfälle, 19 Amtsniederlegungen, 96 Priesterweihen; Bilanz: ­8,2%); daraus ergibt sich eine verschärft negative Bilanz der Bestandsentwicklung des Klerus von ­12% und es bestätigt sich die Prognose, dass die Konstanz der Anzahl der Priesterweihen auf niedrigem Niveau angesichts der ungünstigen Altersstruktur des Diözesanklerus den Klerus (auch in Zukunft) immer kleiner werden lässt.
Das Schaubild macht deutlich, dass die Zahl der Studienanfänger im Fach Katholische Theologie in den vergangenen 15 Jahren starken Schwankungen unterworfen ist, was in groben Zügen allerdings der Entwicklung der Maturanden-/Maturandinnenzahlen entspricht. Bemerkenswert für den Berichtszeitraum ist das historische Tief der Studienaufnahme von Frauen im Jahr 1993.
Schliesslich stellt Heft 10 der kirchenstatistischen Reihe wie gewohnt auch Einblicke in die Mitgliederentwicklung der Frauen- und Männerorden in der Schweiz zur Verfügung. Bereits für den Zeitraum 1986­1990 wurde festgestellt, dass der Mitgliederschwund bei den Frauenorden weit dramatischer ausgefallen ist als bei den Männerorden. Diese Beobachtung bestätigt sich auch für die Berichtsperiode 1991­1995: Der Rückgang des Bestands der Mitglieder bei den Männerorden liegt bei 10,4%, bei den Frauenorden steigt er auf 14,6% (beides auf den rückgerechneten Bestand von 1990). In beiden Fällen ist aber auch die Beobachtung interessant, dass sich sowohl in Männer- wie in Frauenorden leicht höhere Austrittszahlen und damit eine gestiegene Tendenz zur Instabilität aufweisen lassen.
Auch im Blick auf die Orden stellt sich der kirchlichen Personalstatistik ein Kategorienproblem: Sollte man angesichts des dramatisch sinkenden Mitgliederbestandes der traditionellen Orden vielleicht die Zahlen für die kirchlichen «Bewegungen» (Movimenti) in die Statistik integrieren? Die Gründerin der Fokolarbewegung, Chiara Lubich, deutet so etwas an, wenn sie sagt: «Es gab eine Zeit für die Orden, und jetzt ist eine Zeit für die Movimenti» (vgl. Tages-Anzeiger vom 22.Juli 1999, S. 5). Was hier in der kirchlichen Wirklichkeit von heute aus in Bewegung gesetzt wird, wird aber wohl erst die Zukunft zeigen können.

 

Resümee und Ausblick

Im Ergebnis des Überblicks über die kirchliche Personalstatistik für die Jahre 1991­1995 lässt sich festhalten, was dem aufmerksamen Beobachter der pastoralen Wirklichkeit auch ohne diese Zahlen kaum entgangen sein dürfte: An der grundsätzlichen pastoralen Problematik des Festhaltens an der lokal fundierten Pfarreistruktur einerseits, dem Priester- und Ordensleutemangel und dem in vieler Hinsicht unbefriedigenden Einsatz von hauptamtlichen Laientheologen/Laientheologinnen andererseits hat sich nichts geändert. Die Zahlen geben eher ein gegenüber der jüngsten Vergangenheit verschärftes Bild und werden damit zur Grundlage einer leider düsteren Prognose.
Welche Perspektive aber gäbe es für die katholische Kirche (nicht nur) in der Schweiz, sich auf die fälligen Strukturänderungen einzustellen und eine darauf aufbauende Personalentwicklung konsequent in Angriff zu nehmen? Eine Grundlage für diese Umstellung wäre etwa darin zu sehen, dass sich die Kirche wandelt von einer sozial unhinterfragbaren religiösen Institution hin zu einer religiösen Organisation, in der mehr an (auch strukturellem) Wandel möglich sein kann und möglich sein muss.<3> Karl Gabriel beschreibt die Kirchen in diesem Sinn als «intermediäre Organisationen», die neben der internen Welt der ihnen zugehörigen Mitglieder zum einen in das Netz der sie umgebenden anderen sozialen Organisationen eingebunden und zum anderen an der Systemlogik ihrer eigenen Tradition und Dogmatik zu orientieren sind. Für Kirchen und kirchliches Handeln typisch ist also die Einordnung «in das Spannungsfeld einer dreifachen Logik, das sie ständig auszubalancieren haben: zwischen Ursprungs- und Tradierungslogik, Mitgliedschaftslogik und Einflusslogik».<4>
Genau in diesem Spannungsfeld wären auch die Fragen und Probleme der kirchlichen Personalentwicklung anzugehen, zu diskutieren und einer Lösung zuzuführen. Es hat den Anschein, als ob ein solcher Kommunikationsprozess auf der Ebene der pastoralen Praxis bereits in Gang gekommen ist. Gleichzeitig ist aber einsichtig, dass sich «ein integriertes Personalentwicklungskonzept nicht durch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gegen die verantwortlichen Vorgesetzten oder an ihnen vorbei durchsetzen, sondern nur durch eine Leitung verwirklichen (lässt), die Personalentwicklung als eine kontinuierliche strategische Leitungsaufgabe erkennt»<5>. Was dabei für die Kirche auf dem Spiel steht, erläutert die Basler Ökumenische Kirchenstudie anhand des Begriffs des «Internen Marketing». Internes Marketing ­ die Verbesserung der Beziehungen zwischen der Kirche als Organisation und ihren Mitarbeitenden ­ beruht auf der Einsicht, «dass nur durch zufriedene Mitarbeitende auch zufriedene Kunden gewonnen werden können»<6>.
Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, die Kirche könnte ihre Probleme, und im Besonderen die der Personalentwicklung, auf möglichst effiziente Weise einfachhin durch die Übernahme marktökonomischer Wirtschaftsrezepte lösen. Vielmehr halte ich die Beobachtung des Sozialethikers Gerhard Kruip für äusserst aufschlussreich, dass nämlich viele der jetzt so attraktiv gemachten «Fremdprophetien aus der freien Wirtschaft» ursprünglich ihrerseits aus dem Bereich der sozialen Arbeit stammen: «Vielfach begegnen dabei in neuem Gewand Ideen, die ursprünglich in den Bereichen sozialer Arbeit entwickelt worden waren und von dort aus als wertvolle Anregungen in die freie Wirtschaft Eingang gefunden haben, weil durch sie die Kultur der Zusammenarbeit und die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen verbessert werden konnten.»<7> Speziell vor diesem Hintergrund hätte die katholische Kirche allen Anlass, das in ihr und für sie wirkende «Humankapital» ihrer Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen in besonderer Weise zur Geltung zu bringen.

 

Michael Krüggeler ist Projektleiter beim Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut St. Gallen (SPI); seine unlängst erschienene Dissertation «Individualisierung und Freiheit. Eine praktisch-theologische Studie zur Religion in der Schweiz» werden wir noch vorstellen.


Anmerkungen

1 Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut (Hrsg.), Kirchliches Personal/Personnel ecclésiastique 1991­1995, 32 Seiten, dt./frz., Kirchenstatistische Hefte 10, St. Gallen 1999; zu beziehen bei: SPI, Postfach 1926, 9001 St. Gallen, Telefon 071-2232389, Fax 071-2232287, E-Mail: spippk@kath.ch.

2 Gerhard Kruip, Das Humankapital pflegen, in: Herder Korrespondenz 53 (1999) 245­249, hier 246.

3 Auf der Linie dieser Transformation liegt auch die konzeptuelle Grundlage der «Ökumenischen Basler Kirchenstudie», vgl. Manfred Bruhn (Hrsg.), Ökumenische Basler Kirchenstudie. Ergebnisse der Bevölkerungs- und Mitarbeitendenbefragung, Basel 1999.

4 Karl Gabriel, Modernisierung als Organisierung von Religion, in: Michael Krüggeler, Karl Gabriel, Winfried Gebhard (Hrsg.), Institution ­ Organisation ­ Bewegung. Sozialformen der Religion im Wandel, Opladen 1999, 19­38, hier 31f.

5 Gerhard Kruip aaO., 248.

6 Manfred Bruhn aaO., VI.

7 Gerhard Kruip aaO. 245.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000