8/2000 | |
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Kirchliche Berufe |
In den kirchenstatistischen Heften des Schweizerischen Pastoralsoziologischen
Instituts (SPI) liegt mit dem hier anzukündigenden Heft 10 (1991 bis
1995) ein umfassender Überblick über die Personalentwicklung in
der Kirche Schweiz in den Jahren 19651995 vor.<1>
Die kirchliche Personalstatistik des SPI trifft also genau die Zeit des
grossen Umbruchs, die Zeit der Auflösung der katholischen Sondergesellschaft
in der Schweiz mit ihren vertrauten Werten und Strukturen und mit ihrer
imposanten Kongruenz von Personalbestand und Personalbedarf. Vor diesem
Hintergrund ist es besonders misslich, dass in jedem Stadium der Berichterstattung
über die vergangenen 30 Jahre immer wieder dieselbe Botschaft wiederholt
werden musste und muss: Hinsichtlich der ungünstigen Personalentwicklung
innerhalb der Kirche Schweiz kann es keine Entwarnung geben, beim Weltklerus
wie innerhalb der Ordensgemeinschaften setzt sich der Trend eines deutlichen
Rückgangs ungebrochen fort.
Auf der anderen Seite bietet die kirchliche Personalstatistik die Grundlage
für einen in der kirchlichen Praxis unter den neuen Gegebenheiten eher
vernachlässigten Bereich: die Praxis einer in mehreren Dimensionen
konsequent verfolgten Personalentwicklung. Zurzeit geraten verschiedene
Angebote aus der wirtschaftlichen Unternehmensführung auch ins Blickfeld
der kirchlichen Praxis: «Leitbilder» und Pastoralkonzepte werden
auf verschiedenen Ebenen formuliert und man zeigt damit, dass man bereit
ist, sich Prozessen der Organisationsentwicklung zu öffnen und den
unübersehbaren Wandel nicht einfach hinzunehmen, sondern mit verschiedenen
Mitteln aktiv zu gestalten. Der Bereich aber, «in dem die Übernahme
neuer innovativer Konzepte aus der Wirtschaft offenbar noch am wenigsten
vorangetrieben ist, ist erstaunlicherweise die Personalentwicklung...».<2>
Beginnen wir daher für einmal mit einer in diesem Bereich unerwarteten
positiven Nachricht. Für den Berichtszeitraum 19911995 ist die
Anzahl aller im Dienst der Schweizer Bistümer stehenden Seelsorgerinnen
und Seelsorger leicht gestiegen: nämlich von 3757 (1990) auf 3889 (1995).
Hier kündigt sich aber sogleich ein in den Zahlen kaum zu verbergendes
pastorales Problem an: das Problem nämlich des unterschiedlichen Umgangs
der verschiedenen Bistümer mit dem Einsatz von Laientheologinnen und
Laientheologen in der pastoralen Praxis. So gibt etwa das Bistum Lausanne-Genf-Freiburg
nur noch eine einzige Zahl sämtlicher Laienmitarbeiter/Laienmitarbeiterinnen
an; in dieser Zahl sind also auch Katecheten/Katechetinnen und andere Laien
im pastoralen Dienst enthalten. Im Bistum Chur ist die Zahl der Laientheologen/Laientheologinnen
im Berichtszeitraum fast konstant geblieben (gestiegen von 123 auf 136);
das Bistum Lugano weist nach wie vor keine Laien in seiner Personalstatistik
mehr aus. In den anderen Bistümern hat sich die Zahl der Laientheologen/Laientheologinnen
in der Seelsorge nahezu verdoppelt: Im Bistum Basel ist die Zahl gestiegen
von 208 auf 331, im Bistum St. Gallen von 53 auf 90 und auf geringerem Niveau
im Bistum Sitten von 9 auf 22. Es trifft also für diesen Zeitraum besonders
zu, dass der Rückgang bei der Zahl der aktiven Diözesanpriester
von 1471 (1990) auf 1235 (1995) durch den vermehrten Einsatz von Laientheologen/Laientheologinnen
aufgefangen wird. Zu erwähnen ist dabei aber auch die von 45 auf 73
bemerkenswert gestiegene Zahl der Ständigen Diakone.
Das Problem unterschiedlicher Praxis der Schweizer Bistümer wird besonders
anschaulich im Umgang mit der markant gestiegenen Zahl der Pfarreien ohne
eigenen Priester am Ort. Waren im Zeitraum 19861990 62,5% der Pfarreien
noch mit einem Priester besetzt, so ist die Zahl bis Ende 1995 auf 55% gesunken.
Fast die Hälfte aller Pfarreien in der Schweiz müssen also gegenwärtig
ohne Priester am Ort auskommen. Hier werden nun in den Bistümern Chur,
Lugano, Lausanne-Genf-Freiburg und Sitten alle Pfarreien ohne eigenen Priester
als von auswärtigen Priestern (mit-)verwaltet eingeordnet. Anscheinend
werden einzig in den Bistümern Basel und St. Gallen auch Laientheologen/Laientheologinnen
als hauptamtliche Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen in einzelnen Pfarreien eingesetzt
und entsprechend ausgewiesen. Dies geschieht weitgehend in der Form von
so genannten «Pfarreien-» oder «Seelsorgeverbänden»,
in denen mehrere Pfarreien zusammengeschlossen und von einem Seelsorgeteam
(Priester, Laientheologen/Laientheologinnen, Diakone) betreut werden; dieser
Form entspricht in der frankophonen Schweiz die Zuordnung von «equipes
pastorales» zu neu eingerichteten «secteurs pastorales».
An dieser Stelle der Entstehung ganz neuer Seelsorgeeinheiten zeigt sich
ein weiteres Problem der kirchlichen Personalstatistik: Sie sollte ihre
Kategorien der sich wandelnden pastoralen Wirklichkeit möglichst genau
anpassen, was aber wegen der Divergenz eben dieser Praxis und aus Gründen
der Vergleichbarkeit auf grosse Schwierigkeiten stösst. Und man wird
auch nicht übersehen dürfen, dass die neu beschrittenen Wege zumeist
als äusserst pragmatische Lösungen aus der Not der personellen
Engpässe gefunden wurden, Wege also, die ihre Bewährungsprobe
erst noch vor sich haben.
Von entscheidender Bedeutung für die Frage der Personalentwicklung
ist das Problem des Nachwuchses. Hier steht für die Jahre 19911995
316 Todesfällen und 16 Amtsniederlegungen die Zahl von 98 Priesterweihen
gegenüber (19861990: 275 Todesfälle, 19 Amtsniederlegungen,
96 Priesterweihen; Bilanz: 8,2%); daraus ergibt sich eine verschärft
negative Bilanz der Bestandsentwicklung des Klerus von 12% und es bestätigt
sich die Prognose, dass die Konstanz der Anzahl der Priesterweihen auf niedrigem
Niveau angesichts der ungünstigen Altersstruktur des Diözesanklerus
den Klerus (auch in Zukunft) immer kleiner werden lässt.
Das Schaubild macht deutlich, dass die Zahl der Studienanfänger im
Fach Katholische Theologie in den vergangenen 15 Jahren starken Schwankungen
unterworfen ist, was in groben Zügen allerdings der Entwicklung der
Maturanden-/Maturandinnenzahlen entspricht. Bemerkenswert für den Berichtszeitraum
ist das historische Tief der Studienaufnahme von Frauen im Jahr 1993.
Schliesslich stellt Heft 10 der kirchenstatistischen Reihe wie gewohnt auch
Einblicke in die Mitgliederentwicklung der Frauen- und Männerorden
in der Schweiz zur Verfügung. Bereits für den Zeitraum 19861990
wurde festgestellt, dass der Mitgliederschwund bei den Frauenorden weit
dramatischer ausgefallen ist als bei den Männerorden. Diese Beobachtung
bestätigt sich auch für die Berichtsperiode 19911995: Der
Rückgang des Bestands der Mitglieder bei den Männerorden liegt
bei 10,4%, bei den Frauenorden steigt er auf 14,6% (beides auf den rückgerechneten
Bestand von 1990). In beiden Fällen ist aber auch die Beobachtung interessant,
dass sich sowohl in Männer- wie in Frauenorden leicht höhere Austrittszahlen
und damit eine gestiegene Tendenz zur Instabilität aufweisen lassen.
Auch im Blick auf die Orden stellt sich der kirchlichen Personalstatistik
ein Kategorienproblem: Sollte man angesichts des dramatisch sinkenden Mitgliederbestandes
der traditionellen Orden vielleicht die Zahlen für die kirchlichen
«Bewegungen» (Movimenti) in die Statistik integrieren? Die Gründerin
der Fokolarbewegung, Chiara Lubich, deutet so etwas an, wenn sie sagt: «Es
gab eine Zeit für die Orden, und jetzt ist eine Zeit für die Movimenti»
(vgl. Tages-Anzeiger vom 22.Juli 1999, S. 5). Was hier in der kirchlichen
Wirklichkeit von heute aus in Bewegung gesetzt wird, wird aber wohl erst
die Zukunft zeigen können.

Im Ergebnis des Überblicks über die kirchliche Personalstatistik
für die Jahre 19911995 lässt sich festhalten, was dem aufmerksamen
Beobachter der pastoralen Wirklichkeit auch ohne diese Zahlen kaum entgangen
sein dürfte: An der grundsätzlichen pastoralen Problematik des
Festhaltens an der lokal fundierten Pfarreistruktur einerseits, dem Priester-
und Ordensleutemangel und dem in vieler Hinsicht unbefriedigenden Einsatz
von hauptamtlichen Laientheologen/Laientheologinnen andererseits hat sich
nichts geändert. Die Zahlen geben eher ein gegenüber der jüngsten
Vergangenheit verschärftes Bild und werden damit zur Grundlage einer
leider düsteren Prognose.
Welche Perspektive aber gäbe es für die katholische Kirche (nicht
nur) in der Schweiz, sich auf die fälligen Strukturänderungen
einzustellen und eine darauf aufbauende Personalentwicklung konsequent in
Angriff zu nehmen? Eine Grundlage für diese Umstellung wäre etwa
darin zu sehen, dass sich die Kirche wandelt von einer sozial unhinterfragbaren
religiösen Institution hin zu einer religiösen Organisation, in
der mehr an (auch strukturellem) Wandel möglich sein kann und möglich
sein muss.<3> Karl Gabriel beschreibt die
Kirchen in diesem Sinn als «intermediäre Organisationen»,
die neben der internen Welt der ihnen zugehörigen Mitglieder zum einen
in das Netz der sie umgebenden anderen sozialen Organisationen eingebunden
und zum anderen an der Systemlogik ihrer eigenen Tradition und Dogmatik
zu orientieren sind. Für Kirchen und kirchliches Handeln typisch ist
also die Einordnung «in das Spannungsfeld einer dreifachen Logik,
das sie ständig auszubalancieren haben: zwischen Ursprungs- und Tradierungslogik,
Mitgliedschaftslogik und Einflusslogik».<4>
Genau in diesem Spannungsfeld wären auch die Fragen und Probleme der
kirchlichen Personalentwicklung anzugehen, zu diskutieren und einer Lösung
zuzuführen. Es hat den Anschein, als ob ein solcher Kommunikationsprozess
auf der Ebene der pastoralen Praxis bereits in Gang gekommen ist. Gleichzeitig
ist aber einsichtig, dass sich «ein integriertes Personalentwicklungskonzept
nicht durch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gegen die verantwortlichen
Vorgesetzten oder an ihnen vorbei durchsetzen, sondern nur durch eine Leitung
verwirklichen (lässt), die Personalentwicklung als eine kontinuierliche
strategische Leitungsaufgabe erkennt»<5>.
Was dabei für die Kirche auf dem Spiel steht, erläutert die Basler
Ökumenische Kirchenstudie anhand des Begriffs des «Internen Marketing».
Internes Marketing die Verbesserung der Beziehungen zwischen der Kirche
als Organisation und ihren Mitarbeitenden beruht auf der Einsicht,
«dass nur durch zufriedene Mitarbeitende auch zufriedene Kunden gewonnen
werden können»<6>.
Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, die Kirche könnte ihre Probleme,
und im Besonderen die der Personalentwicklung, auf möglichst effiziente
Weise einfachhin durch die Übernahme marktökonomischer Wirtschaftsrezepte
lösen. Vielmehr halte ich die Beobachtung des Sozialethikers Gerhard
Kruip für äusserst aufschlussreich, dass nämlich viele der
jetzt so attraktiv gemachten «Fremdprophetien aus der freien Wirtschaft»
ursprünglich ihrerseits aus dem Bereich der sozialen Arbeit stammen:
«Vielfach begegnen dabei in neuem Gewand Ideen, die ursprünglich
in den Bereichen sozialer Arbeit entwickelt worden waren und von dort aus
als wertvolle Anregungen in die freie Wirtschaft Eingang gefunden haben,
weil durch sie die Kultur der Zusammenarbeit und die Identifikation der
Mitarbeiter mit dem Unternehmen verbessert werden konnten.»<7> Speziell vor diesem Hintergrund hätte
die katholische Kirche allen Anlass, das in ihr und für sie wirkende
«Humankapital» ihrer Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen in besonderer
Weise zur Geltung zu bringen.
Michael Krüggeler ist Projektleiter beim Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut St. Gallen (SPI); seine unlängst erschienene Dissertation «Individualisierung und Freiheit. Eine praktisch-theologische Studie zur Religion in der Schweiz» werden wir noch vorstellen.
1 Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut (Hrsg.), Kirchliches Personal/Personnel ecclésiastique 19911995, 32 Seiten, dt./frz., Kirchenstatistische Hefte 10, St. Gallen 1999; zu beziehen bei: SPI, Postfach 1926, 9001 St. Gallen, Telefon 071-2232389, Fax 071-2232287, E-Mail: spippk@kath.ch.
2 Gerhard Kruip, Das Humankapital pflegen, in: Herder Korrespondenz 53 (1999) 245249, hier 246.
3 Auf der Linie dieser Transformation liegt auch die konzeptuelle Grundlage der «Ökumenischen Basler Kirchenstudie», vgl. Manfred Bruhn (Hrsg.), Ökumenische Basler Kirchenstudie. Ergebnisse der Bevölkerungs- und Mitarbeitendenbefragung, Basel 1999.
4 Karl Gabriel, Modernisierung als Organisierung von Religion, in: Michael Krüggeler, Karl Gabriel, Winfried Gebhard (Hrsg.), Institution Organisation Bewegung. Sozialformen der Religion im Wandel, Opladen 1999, 1938, hier 31f.
5 Gerhard Kruip aaO., 248.
6 Manfred Bruhn aaO., VI.
7 Gerhard Kruip aaO. 245.