41/2000

INHALT

Berichte

Wenn Schwestern und Brüder sich begegnen

von Andri Tuor

 

Aus Anlass des Heiligen Jahres fand zum ersten Mal das Junioratstreffen der Schweizerischen Benediktinerinnenföderation und der Benediktinerkongregation gemeinsam statt. Die Arbeitsgemeinschaft von im Noviziat Verantwortlichen benediktinischer Prägung in der deutschen Schweiz (BENARNO) lud alle benediktinischen und zisterziensischen Schwestern und Brüder im Junioratsalter in die Abtei Mariastein ein. So trafen sich vom 28. bis zum 31. August 2000 eine Kandidatin und fünf Schwestern mit zeitlicher Profess aus den Klöstern Habsthal (D), Niederrickenbach, Magdenau, Sarnen und Wurmsbach, teils begleitet von ihren Novizenmeisterinnen, und ein Kandidat und acht zeitliche Professen aus Disentis, Einsiedeln, Engelberg und Mariastein im Gästehaus des Klosters.
P. Peter von Sury OSB, Mariastein, leitete die Tagung zum Thema «lectio divina». Ausgehend von Augustinus' Berufungsgeschichte, die mit den Worten «Nimm und lies!» im engen Zusammenhang steht, tauschten wir unsere eigenen prägenden Erfahrungen mit der Heiligen Schrift aus. Danach versuchten wir aus der Vita Antonii des Athanasius herauszuarbeiten, wie der heilige Antonius mit der Schrift lebte, um danach unsere eigene Praxis zu reflektieren. Vor allem die Gespräche über die vier Stufen des geistlichen Weges (lectio, mediatio, oratio und contemplatio), welche der im beschaulichen Leben geschulte Prior der Grande Chartreuse, Guigo von Kastell (um 1083­1137), in einem Schreiben an seinen Mitbruder Gervasius entwickelte, zeigten neue Zugänge zur Schriftlesung auf.
Neben der thematischen Arbeit und dem gemeinsamen Feiern der Liturgie blieb genügend Zeit für das gegenseitige Sich-Kennen-Lernen, für regen Gedankenaustausch und gemütliches Beisammensein.
In einer Zeit, wo in vielen Klöstern der Nachwuchs spärlich ist, war das Junioratstreffen für alle ausserordentlich bestärkend. Es tut gut, zu erfahren und zu wissen, dass auch andere junge Frauen und Männer auf dem gleichen Weg der Suche nach Gott sind und die bzw. der Einzelne mit seinen Schwierigkeiten und Zweifeln nicht alleine ist.
Anfängliche Bedenken und Ängste waren schnell verflogen ­ zu wohltuend war die ungezwungene, herzliche und frohe Stimmung. Das gemeinsame Beten, Arbeiten, Essen, Spazieren, die intensiven Gespräche und das frohe Beisammensein liessen uns spürbar zur benediktinischen Familie werden. Es ist zu hoffen, dass dieses Treffen von Schwestern und Brüdern des heiligen Benedikt eine regelmässige Fortsetzung findet ­ zum Wohl der Einzelnen und der jeweiligen Klostergemeinschaften.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000