37/2000

INHALT

Berichte

Europäisches Laienforum 2000

von Roberto Suter-Jäger

 

Vom 1. bis 5. Juli 2000 trafen sich in der alten spanischen Universitätsstadt Alcalá de Henares Vertreter und Vertreterinnen von Laienorganisationen aus 21 europäischen Ländern. Motto dieses Treffens war: Leben, so dass andere leben können. Die Schweiz war mit 5 Delegierten dabei, zwei aus der französisch-, einem aus der italienisch- und zwei aus der deutschsprachigen Schweiz.
Auf die Begrüssung der mehr als 200 Teilnehmenden durch das spanische Laienkomitee und die Vorsitzende des Laienforums, die Holländerin Maria Martens, folgten drei Referate. Im ersten stellte der belgische Jesuit Jan Kerkhofs seine «Analyse der säkularisierten Gesellschaft» vor. Er präsentierte schon bekannte Phänomene der postmodernen Entwicklung wie Individualisierung, wachsende Skepsis gegenüber der institutionalisierten Religion und patchworkartige Religiosität der Einzelnen. «Für viele stellen Traditionen als solche keinen absoluten Wert mehr dar. Traditionen müssen eine Bedeutung haben, um weiter akzeptabel zu sein. Und die Menschen möchten über die Frage, was bedeutend ist, mitbestimmen können», hielt er fest. Im zweiten Referat versuchte die in Rom lebende spanische Theologin Aránzazu Aguado die Grundlagen aus dem Evangelium vorzustellen. Viele konnten mit der Anhäufung von Zitaten nicht viel anfangen. Linda Hogan aus Irland kristallisierte im dritten Referat die moralischen Implikationen für Christen und Christinnen im aktuellen politischen und sozialen Kontext heraus. Sie plädierte für eine gemeinschaftliche Interpretation von Texten, Traditionen und Beispielen, aus denen sich unsere christlichen Quellen zusammen setzen, damit wir zu tragfähigen Visionen gelangen können. Für sie hat die Kirche eingesehen, dass das Finden solcher Visionen «allein durch das Vertrauen auf eigene Ressourcen nicht» machbar ist. «Im Dialog mit der Vielfalt von unterschiedlichen und sogar gegensätzlichen Ansichten» kann festgelegt werden, «welche Struktur die Vision des gerechten und getreuen Lebens aufweisen soll». Anschliessend erst hatten die Teilnehmenden Gelegenheit sich in Sprachgruppen zu treffen (so genannte Workshops), um ihre Eindrücke auszutauschen.
Am zweiten Tag, an einem Sonntag, fand nach einer Stadtführung zuerst eine Begegnung mit lokalen Initiativen von Laien statt. In der Messe am Abend in der Kathedrale hat der ­ junge ­ Bischof von Toledo nicht erlaubt, dass Laien Lesung und Gebete vortrugen.
Am dritten Tag folgten weitere drei Referate über Laieninitiativen in Deutschland, Frankreich und Slowenien. Es wurden auch rund ein Dutzend kleine Initiativen vorgestellt. Wir aus der Schweiz haben das Modell der Jugendpastoral im Leimental und das Projekt Casagora zur Hilfe von Flüchtlingen in Genf vorgestellt.
Das letzte Referat am vierten Tag handelte vom Engagement von Christen in der Politik und wurde vom slowakischen Staatssekretär Jan Figel gehalten. Am Abend konnten die Teilnehmenden spanische Gastfreundschaft im festlichen Essen hautnah erleben.
Am letzten Tag hat zuerst die scheidende Vorsitzende, Maria Martens, ihre Eindrücke präsentiert. Sie bezog sich hauptsächlich auf die Referate, welche eindeutig den Schwerpunkt des Treffens bildeten. Leider fanden die Meldungen aus den «Workshops», welche während des ganzen Treffens etwa dreimal zusammen kamen, in ihren Eindrücken keinen Platz. Aus den Workshops wurde zum Beispiel, in Bezug auf das Motto des Treffens, ergänzt: «Man/frau kann im Grossen wenig machen. Vielmehr muss im Kleinen, an vielen Orten etwas passieren, damit sich etwas verändert.» Es zirkulierte auch ein Schreiben des belgischen Komitees an den Rat der europäischen Bischofskonferenzen, in dem verlangt wurde, dass künftige Bischofsernennungen im Gespräch und nach Beratungen mit den Gläubigen der jeweiligen Diözese erfolgen sollten. Die Schweizer Delegation hat diese Initiative diskutiert und sie mit zwei Änderungsvorschlägen unterstützt.

Jugendtreffen

Zum ersten Mal fand, parallel zum Laienforum, ein europäisches Jugendtreffen statt. Am Anfang wurden ein Dutzend Jugendliche vorgestellt, aber erst am letzten Tag durften sie ihre Schlüsselpunkte und Eindrücke vortragen. Es war in meinen Augen einer der Höhepunkte des Treffens. In erfrischender Art stellten sie zuerst klar, dass Jugendliche, obwohl nicht immer in kirchlichen Gebäuden zu sehen, ein wichtiger Teil der Kirche sind. Sie wünschten sich Offenheit, Pluralität und Vielfalt, denn «wir alle zusammen sind Kirche und jede und jeder ist ein Stein davon». Sie plädierten für eine Kirche als tägliche Haltung, in der jede und jeder sich selbst sein kann, Engagementmöglichkeiten zugunsten der Nächsten und Fremden angeboten bekommt und Raum und Zeit zum Innehalten findet.
Das Treffen des Europäischen Laienforums ist eine gute Gelegenheit, um das Leben anderer katholischen Gemeinschaften in Europa etwas kennen zu lernen. Zu denken gibt die Tatsache, dass die meisten katholischen Laienorganisationen von den Bischofskonferenzen berufen, ernannt und finanziert sind und dass viele Laien in Alcalá von Priestern vertreten waren. «Das ist, wie wenn es in einer Frauenzeitschrift einen Chefredaktor gäbe», sagte dazu eine Freundin von mir.

 

Roberto Suter-Jäger ist Mitarbeiter der Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit der deutschsprachigen Schweiz.


In vielfachen Bezügen

von Sr. Maria Crucis Doka

 

Das St. Franziskushaus in Dulliken war auch dieses Jahr wieder Begegnungsort der Vereinigung der Ordensoberinnen nichtklausurierter Ordensgemeinschaften der Schweiz und Liechtensteins (VONOS). Während sich unter der Leitung von Sr. Aquina Burger und deren Sekretärin Sr. Eugenia Jörger von Ilanz die Verantwortlichen der Gemeinschaften zur Generalversammlung am 8. Mai einfanden, trafen zu den Studientagen vom 9. bis 11. Mai auch noch zahlreiche Schwestern aus den verschiedenen Kongregationen und aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen ein. Sie füllten die schöne Aula des Hauses mit viel Leben und Interesse.

Ein Netz von Beziehungen

Die Traktandenliste einer Generalversammlung mag auf den ersten Blick den Eindruck des «Déjà vu» machen. Aber es gab da neben den «Stammteilnehmerinnen» auch neue Gesichter: Sr. Edelina Uhr, Provinzoberin von Ingenbohl; Sr. Marie-Ruth Ziegler, Generaloberin von Baldegg; Sr. Rita Emmenegger, Provinzvertreterin der Dorotheaschwestern. Die Amtablösung in der Leitung ihrer Gemeinschaft bedeutete für manch verdiente «Kämpferin» auch den Abschied von der Teilnahme an den VONOS-Versammlungen. So besonders für Sr. M. Martine Rosenberg von Baldegg und für Sr. Christiane Jungo von Ingenbohl.
Nicht nur personelle Veränderungen relativierten das «Déjà vu». Liess man sich nämlich auf die einzelnen Informationen und Berichte aus den Gremien, in denen die VONOS vertreten ist, näher ein, so entdeckte man eine Vielfalt von Beziehungsfäden, ein interessantes Netzwerk. Davon einige Kostproben.
Ein internationaler und ein ökumenischer Faden liegt in der Westschweiz. Die Präsidentin der Westschweizer Ordensoberinnenkonferenz (USMSR), Sr. Franziska Kälin, berichtete vom Austausch mit einer Diakonissin aus Romainmôtier und von der Präsenz französischer und niederländischer Ordensvertreterinnen. Die Vereinigung der klausurierten Ordensfrauen (UCSR), die ihr 20-jähriges Bestehen feierte, zählen zu ihren regelmässigen Teilnehmerinnen an den Versammlungen protestantische Schwestern aus Grandchamp.
Die Verbindung zu den Ordensbrüdern hält Sr. Susanna Baumann, Sekretärin der VOS, aufrecht. Sie knüpft auch, zusammen mit den Vertreterinnen an der Generalversammlung der europäischen Vereinigung UCESM den Faden zu den Ordensschwestern und -brüdern des ganzen Kontinents. Von dort brachte Sr. Susanna den Text des interessanten Referates von Heribert Arens OFM (Hannover) mit: «Wer die Erde nicht berührt, kann den Himmel nicht erreichen»; zu einer geerdeten Spiritualität des Ordenslebens in Europa an der Schwelle des 3. Jahrtausends. «Man muss Europa eine Seele geben», so lautete denn auch das Thema eines von der UCESM organisierten Seminars in Brüssel zu Beginn des Jahres. Sind wir Ordensleute für diese Aufgabe nicht herausgefordert?
Gemeinsame Nöte und Probleme bringen nicht nur die einzelnen Klöster der seit 30 Jahren bestehenden Vereinigung der klausurierten Gemeinschaften der deutschen Schweiz (VOKOS) einander näher, sondern verstärken auch die gegenseitige Anteilnahme der Mitglieder von VOKOS und VONOS.
Gestützt auf entsprechende kirchliche Dokumente bemüht sich gegenwärtig der Vorstand der Vereinigung aller Ordensobern und -oberinnen der deutschsprachigen Schweiz und Liechtensteins (KOVOSS/CORISS) die Verbindung zur Schweizer Bischofskonferenz neu zu beleben. Es sind anderseits die Tessiner Ordensfrauen, die selbst um Aufnahme als Vollmitglieder in die KOVOSS ersucht haben, womit das Netzwerk eine wertvolle Ergänzung hin zur Südschweiz erhält.
Gute Kontakte bestehen zwischen Mitgliedern der VONOS und den Verantwortlichen der Information Kirchlicher Berufe (IKB), Pfarrer Oswald Krienbühl und Amanda Ehrler, die als engagierte Leiter leider zurücktreten werden. IKB ist mitbeteiligt an der Herausgabe eines von der Pastoralkommission der KOVOSS erarbeiteten «Klosterführers», der Auskunft geben soll über Möglichkeiten für kürzere oder längere Aufenthalte in Ordensgemeinschaften. Diese gemeinsame Broschüre wird in naher Zukunft unter dem Titel «Innehalten» (deutsch), «un nuovo respiro» (italienisch) und «Escale pour le corps et l'âme» (französisch) herauskommen.
Nicht zu übersehen sind die Fäden, die Karl Inauen, der frühere Schulungsleiter, in seinen Kursen für betagte Schwestern spannt, abgerissene oder schwache Verbindungen durch Kurse zu einer «neuen Gesprächs- und Streitkultur» wieder ermöglicht und in den Verwaltungskursen für gute Voraussetzungen in diesem Bereich besorgt ist.
Die VONOS ist auch Mitglied des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes (SKF). Der Bericht über Visionen und mutige Initiativen, vorgetragen durch Caroline Meier-Machen, weckte bei den VONOS-Mitgliedern besonderes Interesse. Er führte von der neuen Zeitschrift «frauenbunt» mit Themen zur Gesellschaft, über die verschiedenen Fach- und Arbeitsgruppen mit einer Fülle von Ideen und Einsätzen bis hin zu den Bildungsangeboten (vgl. Jahresbericht des SKF 1999).
Kontaktfäden wurden schliesslich auch sichtbar durch die aufmerksame Anwesenheit des Vertreters der Schweizer Bischofskonferenz, Weihbischof Martin Gächter. Der Apostolische Nuntius Pier Giacomo de Nicolò stand der Eucharistiefeier am Eröffnungstag vor und liess es sich auch nicht nehmen, durch sein musisches Talent der Freude Ausdruck zu geben.

Austausch

Gespannt war man auch dieses Jahr auf die nun bereits eingebürgerte «Teilete», ein Austausch unter den Vertreterinnen der einzelnen Orden. Welche Initiativen hatten sich die Gemeinschaften für 2000 ausgedacht? Wer dabei Sensationelles erwartet hatte, kam allerdings nicht auf seine Rechnung. Liegt es an der eher verhaltenen Schweizer Art im Vergleich zu Schwestern aus dem Süden oder aus Übersee, die ­ wie Vertreterinnen internationaler Gemeinschaften betonten ­ das Jubiläumsjahr und seine Feiern mit viel grösserer Begeisterung und mächtigem Engagement in Angriff genommen haben.
Dennoch lief und läuft auch bei uns einiges. Viele Gemeinschaften haben in einer Gebetsnacht dem Übergang ins Jahr 2000 eine besondere Weihe gegeben. Gebetsketten, Wallfahrten, Versöhnungsprogramme, das Engagement auf «dem Weg der Barmherzigkeit», Erneuerungsprogramme und Neubesinnung auf das eigene Charisma, besondere Vorbereitungen auf General- bzw. Provinzkapitel... das sind einige Stichwörter zu Aktivitäten, die verschiedentlich genannt wurden. Beachtenswert ist auch die Teilnahme und der mancherorts grosse Einsatz der Schwestern bei Veranstaltungen der Ortskirche, etwa im Wallis.
Die Solidarität unter den Ordensleuten findet ihren Ausdruck in besonderen Begegnungen mit «Nachbarschaftsgemeinschaften». Andere konkrete Zeichen von Solidarität sind mit einem persönlichen Verzicht verbunden oder gekennzeichnet durch Teilnahme etwa am geplanten Frauenmarsch gegen «Frauenarmut und Gewalt an Frauen» oder durch Beteiligung am Integrationsprogramm für ausländische Frauen des SKF.
Besonders eindrücklich bei diesem Austausch war der Bericht einer internationalen Gemeinschaft, die durch den notwendig gewordenen Verkauf ihres Mutterhauses einen für die ganze Kongregation einschneidenden Abschied vollzogen hat. Das Jahr 2000 ist dadurch für die Schwestern zu einem radikalen, das heisst an die Wurzel rührenden Neuanfang geworden, der Mut und Gottvertrauen aller Beteiligten herausforderte.

Sinnorientierung

Der Vorstand hatte seine Anliegen für die Studientage folgendermassen formuliert: «Gelübde leben und seelisch gesund bleiben ­ Individualismus und Verbindlichkeit» und dazu Dr. Elisabeth Lukas als Referentin eingeladen. Sie ist klinische Psychologin und Psychotherapeutin, Schülerin von Viktor E. Frankl und seit 1986 fachliche Leiterin des süddeutschen Instituts für Logotherapie in Fürstenfeldbruck bei München. Als Nichtordensfrau, gleichsam von einem Standpunkt ausserhalb, konnte und musste sie das Thema von einer anderen Warte aus angehen. Dabei war von vornherein klar, dass nicht die Gelübde als solche im Zentrum stehen und thematisiert werden konnten. Die zu Beginn der Studientage gesammelten Wünsche und Probleme des zahlreichen Auditoriums gingen denn auch in sehr verschiedene Richtungen, entsprachen aber, wie die Diskussionen der zweieinhalb Tage zeigten, konkreten Situationen, mit denen sich die Schwestern in ihrem Alltag konfrontiert sehen. Es waren vielfach allgemeinmenschliche Themen: Wahre Selbstverwirklichung, was ist das? Wie mit Misserfolg leben und dabei gesund bleiben? Freiheit und Bindung; Beziehungsfragen; Widerstand und Kompromissbereitschaft. Dazwischen gab es aber auch mehr oder weniger spezifische Fragen zum Ordensleben: Gehorsam ­ wem oder was gegenüber? Verzicht und Opfer ­ aber wo bleibe ich? Person sein/Person bleiben in einer Gemeinschaft; Beziehungsfähigkeit im Kloster; Spannung zwischen der Vielfalt von Ausdrucksformen und der gemeinsamen Ausrichtung in einer Gemeinschaft.
Eine Fülle von angesprochenen Themen, deren eingehende Behandlung Wochen gefüllt hätte. Elisabeth Lukas, in Theorie und Praxis gleicherweise daheim, ging auf pragmatische Weise, frei und ohne Manuskript, einzelne Fragen an. Ein reicher Schatz von konkreten Beispielen aus der Praxis illustrierten die Aussagen und Erklärungen auf spannende Weise.
In unserer Zeit, so die Referentin, lässt sich ein steigendes Interesse an der von Viktor E. Frankl begründeten Logotherapie feststellen. Diese so genannte «Dritte Wiener Richtung der Psychotherapie» rückt die «Sinnorientiertheit» des Menschen in den Mittelpunkt ihrer Motivationstheorie. Und wer wird bezweifeln, dass wir mit der Sinnfrage beim heutigen Menschen einen neuralgischen Punkt treffen. «Sinn kann nicht er-funden, sondern nur ge-funden werden», schreibt Frankl. Er hat seine Therapierichtung ganz auf der menschlichen Sinnsuche und Sinnentdeckung aufgebaut. Grundlegend ist auch Frankls Revision des Menschenbildes. Der Geist (nicht gleichzusetzen mit Verstand oder Gefühl) ist das, was den Menschen zum Menschen macht. Nur ein Menschenbild, das die geistige Dimension des Menschen überhaupt zulässt, kann den Menschen als ein Wesen erkennen, das «ein oberstes Bedürfnis hat», «einen Sinn in der Aussenwelt zu entdecken und zu erfüllen.»
Das ist der Hintergrund, auf dem Elisabeth Lukas die von den Schwestern angesprochenen Probleme zu beleuchten und Fragen zu beantworten verstand.
An dieser Stelle seien lediglich eine Auswahl von Kernaussagen zu speziellen Themen aufgeführt.

Entscheidungsfähigkeit

Verschiedentlich angesprochen war die Beziehung zwischen Freiheit und Bindung bzw. Verbindlichkeit. Nach Elisabeth Lukas spricht Frankl von Freiheit zu etwas und nicht von etwas. Frei sind wir innerhalb von etwas; frei, etwas zu bewirken, Stellung zu nehmen zu dem, was da ist; etwas aus dem zu machen, was wir vorfinden. «Was wir vorfinden, ist unser Baumaterial.» Dieses können wir uns nicht aussuchen (unsere Vorgeschichte, unsere Mitwelt, gesellschaftliche Strömungen...). «Freiheit ist das, was ich daraus mache.» Der Mensch ist fähig, aus den Gegebenheiten etwas Neues zu machen. «Alles, was geschieht, als Frage des Lebens an mich betrachten.»
In diesem Zusammenhang erörterte die Referentin eingehend Fragen, die mit der menschlichen Entscheidungsfähigkeit zusammenhängen. Nur der Mensch kann Entscheidungen treffen. Seelisch gesund sein heisst, fähig sein zur Selbststeuerung. Kein Mensch ist aber gegen Fehlentscheidungen gefeit. Frankl: «Die Intention ist unser, der Effekt ist Gottes.» Freiheit zu wählen und Sinnerkenntnis sind die beiden Säulen für die Verantwortlichkeit des Menschen. Jede Wahl ist auch mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Frankl braucht den Ausdruck «half sure und whole-hearted» («halb» sicher und von ganzem Herzen). Sich zu entscheiden bedeutet auch: das Ja zu dem einen meint auch ein Nein zu einem andern, das Loslassen anderer Möglichkeiten im Hinblick auf das «Best-Mögliche». Dieses Ja wiegt mehr, und den Preis dafür muss ich bezahlen, «whole-hearted», das heisst ich stehe mit ganzem Herzen dahinter. Elisabeth Lukas berührte dabei auch die Problematik jener Menschen, die dauernd auf ihren einmal getroffenen Entscheid zurückkommen, ihn in Zweifel stellen, was eine innere Zerrissenheit zur Folge hat. Etwas anderes ist natürlich die gelegentliche Standortbestimmung in Bezug auf einen getroffenen Entscheid.
Besonders aufschlussreich war der Hinweis auf die Unterscheidung zwischen Pro- und Contra-Motiven bei Entscheidungen. Contra-Motive sind dann gegeben, wenn Entscheidungen getroffen werden, um angstbesetzten Situationen, Bindungen oder andern Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen (aus Angst vor der Ehe geht jemand ins Kloster; um dem Elternhaus zu entfliehen, entschliesst sich jemand für die Ehe). Pro-Motive richten sich auf einen Wert, der als solcher anzieht und lockt, selbst wenn damit verbundene Schwierigkeiten absehbar sind. Die sinnzentrierte Richtung ­ das Pro ­ setzt Energien frei. Sich dieses Pro immer wieder geistig präsent zu halten, stärkt den Durchhaltewillen in schwierigen Situationen. In diesem Zusammenhang wurden auch die Ordensgelübde thematisiert. «Gelübde ohne Wertobjekt fallen in sich zusammen. Das Ja zum entsprechenden Wert mag verschiedene Ausprägungen haben.» Die Frage an uns Ordensleute heute: «Welchen Wert in der Welt wollen wir mit unserm Leben nach den Gelübden verstärken, und was in der Welt wollen wir damit verändern?» Abschliessend fasste Elisabeth Lukas den Sinn der drei Ordensgelübde in eine von ihr geprägten Kurzformel:

«Ich lebe in materieller Armut und innerem Reichtum.
Ich lebe in Ehelosigkeit und vielfachen Liebesbezügen.
Ich leiste freiwillig meinen Beitrag zur Gemeinschaft im Einklang mit meinem Gewissen.»

 

Sr. Maria Crucis Doka ist Informationsbeauftragte der VONOS.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000