37/2000 | |
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Berichte |
Vom 1. bis 5. Juli 2000 trafen sich in der alten spanischen Universitätsstadt
Alcalá de Henares Vertreter und Vertreterinnen von Laienorganisationen
aus 21 europäischen Ländern. Motto dieses Treffens war: Leben,
so dass andere leben können. Die Schweiz war mit 5 Delegierten dabei,
zwei aus der französisch-, einem aus der italienisch- und zwei aus
der deutschsprachigen Schweiz.
Auf die Begrüssung der mehr als 200 Teilnehmenden durch das spanische
Laienkomitee und die Vorsitzende des Laienforums, die Holländerin Maria
Martens, folgten drei Referate. Im ersten stellte der belgische Jesuit Jan
Kerkhofs seine «Analyse der säkularisierten Gesellschaft»
vor. Er präsentierte schon bekannte Phänomene der postmodernen
Entwicklung wie Individualisierung, wachsende Skepsis gegenüber der
institutionalisierten Religion und patchworkartige Religiosität der
Einzelnen. «Für viele stellen Traditionen als solche keinen absoluten
Wert mehr dar. Traditionen müssen eine Bedeutung haben, um weiter akzeptabel
zu sein. Und die Menschen möchten über die Frage, was bedeutend
ist, mitbestimmen können», hielt er fest. Im zweiten Referat
versuchte die in Rom lebende spanische Theologin Aránzazu Aguado
die Grundlagen aus dem Evangelium vorzustellen. Viele konnten mit der Anhäufung
von Zitaten nicht viel anfangen. Linda Hogan aus Irland kristallisierte
im dritten Referat die moralischen Implikationen für Christen und Christinnen
im aktuellen politischen und sozialen Kontext heraus. Sie plädierte
für eine gemeinschaftliche Interpretation von Texten, Traditionen und
Beispielen, aus denen sich unsere christlichen Quellen zusammen setzen,
damit wir zu tragfähigen Visionen gelangen können. Für sie
hat die Kirche eingesehen, dass das Finden solcher Visionen «allein
durch das Vertrauen auf eigene Ressourcen nicht» machbar ist. «Im
Dialog mit der Vielfalt von unterschiedlichen und sogar gegensätzlichen
Ansichten» kann festgelegt werden, «welche Struktur die Vision
des gerechten und getreuen Lebens aufweisen soll». Anschliessend erst
hatten die Teilnehmenden Gelegenheit sich in Sprachgruppen zu treffen (so
genannte Workshops), um ihre Eindrücke auszutauschen.
Am zweiten Tag, an einem Sonntag, fand nach einer Stadtführung zuerst
eine Begegnung mit lokalen Initiativen von Laien statt. In der Messe am
Abend in der Kathedrale hat der junge Bischof von Toledo nicht
erlaubt, dass Laien Lesung und Gebete vortrugen.
Am dritten Tag folgten weitere drei Referate über Laieninitiativen
in Deutschland, Frankreich und Slowenien. Es wurden auch rund ein Dutzend
kleine Initiativen vorgestellt. Wir aus der Schweiz haben das Modell der
Jugendpastoral im Leimental und das Projekt Casagora zur Hilfe von Flüchtlingen
in Genf vorgestellt.
Das letzte Referat am vierten Tag handelte vom Engagement von Christen in
der Politik und wurde vom slowakischen Staatssekretär Jan Figel gehalten.
Am Abend konnten die Teilnehmenden spanische Gastfreundschaft im festlichen
Essen hautnah erleben.
Am letzten Tag hat zuerst die scheidende Vorsitzende, Maria Martens, ihre
Eindrücke präsentiert. Sie bezog sich hauptsächlich auf die
Referate, welche eindeutig den Schwerpunkt des Treffens bildeten. Leider
fanden die Meldungen aus den «Workshops», welche während
des ganzen Treffens etwa dreimal zusammen kamen, in ihren Eindrücken
keinen Platz. Aus den Workshops wurde zum Beispiel, in Bezug auf das Motto
des Treffens, ergänzt: «Man/frau kann im Grossen wenig machen.
Vielmehr muss im Kleinen, an vielen Orten etwas passieren, damit sich etwas
verändert.» Es zirkulierte auch ein Schreiben des belgischen
Komitees an den Rat der europäischen Bischofskonferenzen, in dem verlangt
wurde, dass künftige Bischofsernennungen im Gespräch und nach
Beratungen mit den Gläubigen der jeweiligen Diözese erfolgen sollten.
Die Schweizer Delegation hat diese Initiative diskutiert und sie mit zwei
Änderungsvorschlägen unterstützt.
Zum ersten Mal fand, parallel zum Laienforum, ein europäisches Jugendtreffen
statt. Am Anfang wurden ein Dutzend Jugendliche vorgestellt, aber erst am
letzten Tag durften sie ihre Schlüsselpunkte und Eindrücke vortragen.
Es war in meinen Augen einer der Höhepunkte des Treffens. In erfrischender
Art stellten sie zuerst klar, dass Jugendliche, obwohl nicht immer in kirchlichen
Gebäuden zu sehen, ein wichtiger Teil der Kirche sind. Sie wünschten
sich Offenheit, Pluralität und Vielfalt, denn «wir alle zusammen
sind Kirche und jede und jeder ist ein Stein davon». Sie plädierten
für eine Kirche als tägliche Haltung, in der jede und jeder sich
selbst sein kann, Engagementmöglichkeiten zugunsten der Nächsten
und Fremden angeboten bekommt und Raum und Zeit zum Innehalten findet.
Das Treffen des Europäischen Laienforums ist eine gute Gelegenheit,
um das Leben anderer katholischen Gemeinschaften in Europa etwas kennen
zu lernen. Zu denken gibt die Tatsache, dass die meisten katholischen Laienorganisationen
von den Bischofskonferenzen berufen, ernannt und finanziert sind und dass
viele Laien in Alcalá von Priestern vertreten waren. «Das ist,
wie wenn es in einer Frauenzeitschrift einen Chefredaktor gäbe»,
sagte dazu eine Freundin von mir.
Roberto Suter-Jäger ist Mitarbeiter der Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit der deutschsprachigen Schweiz.
Das St. Franziskushaus in Dulliken war auch dieses Jahr wieder Begegnungsort der Vereinigung der Ordensoberinnen nichtklausurierter Ordensgemeinschaften der Schweiz und Liechtensteins (VONOS). Während sich unter der Leitung von Sr. Aquina Burger und deren Sekretärin Sr. Eugenia Jörger von Ilanz die Verantwortlichen der Gemeinschaften zur Generalversammlung am 8. Mai einfanden, trafen zu den Studientagen vom 9. bis 11. Mai auch noch zahlreiche Schwestern aus den verschiedenen Kongregationen und aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen ein. Sie füllten die schöne Aula des Hauses mit viel Leben und Interesse.
Die Traktandenliste einer Generalversammlung mag auf den ersten Blick
den Eindruck des «Déjà vu» machen. Aber es gab
da neben den «Stammteilnehmerinnen» auch neue Gesichter: Sr.
Edelina Uhr, Provinzoberin von Ingenbohl; Sr. Marie-Ruth Ziegler, Generaloberin
von Baldegg; Sr. Rita Emmenegger, Provinzvertreterin der Dorotheaschwestern.
Die Amtablösung in der Leitung ihrer Gemeinschaft bedeutete für
manch verdiente «Kämpferin» auch den Abschied von der Teilnahme
an den VONOS-Versammlungen. So besonders für Sr. M. Martine Rosenberg
von Baldegg und für Sr. Christiane Jungo von Ingenbohl.
Nicht nur personelle Veränderungen relativierten das «Déjà
vu». Liess man sich nämlich auf die einzelnen Informationen und
Berichte aus den Gremien, in denen die VONOS vertreten ist, näher ein,
so entdeckte man eine Vielfalt von Beziehungsfäden, ein interessantes
Netzwerk. Davon einige Kostproben.
Ein internationaler und ein ökumenischer Faden liegt in der Westschweiz.
Die Präsidentin der Westschweizer Ordensoberinnenkonferenz (USMSR),
Sr. Franziska Kälin, berichtete vom Austausch mit einer Diakonissin
aus Romainmôtier und von der Präsenz französischer und niederländischer
Ordensvertreterinnen. Die Vereinigung der klausurierten Ordensfrauen (UCSR),
die ihr 20-jähriges Bestehen feierte, zählen zu ihren regelmässigen
Teilnehmerinnen an den Versammlungen protestantische Schwestern aus Grandchamp.
Die Verbindung zu den Ordensbrüdern hält Sr. Susanna Baumann,
Sekretärin der VOS, aufrecht. Sie knüpft auch, zusammen mit den
Vertreterinnen an der Generalversammlung der europäischen Vereinigung
UCESM den Faden zu den Ordensschwestern und -brüdern des ganzen Kontinents.
Von dort brachte Sr. Susanna den Text des interessanten Referates von Heribert
Arens OFM (Hannover) mit: «Wer die Erde nicht berührt, kann den
Himmel nicht erreichen»; zu einer geerdeten Spiritualität des
Ordenslebens in Europa an der Schwelle des 3. Jahrtausends. «Man muss
Europa eine Seele geben», so lautete denn auch das Thema eines von
der UCESM organisierten Seminars in Brüssel zu Beginn des Jahres. Sind
wir Ordensleute für diese Aufgabe nicht herausgefordert?
Gemeinsame Nöte und Probleme bringen nicht nur die einzelnen Klöster
der seit 30 Jahren bestehenden Vereinigung der klausurierten Gemeinschaften
der deutschen Schweiz (VOKOS) einander näher, sondern verstärken
auch die gegenseitige Anteilnahme der Mitglieder von VOKOS und VONOS.
Gestützt auf entsprechende kirchliche Dokumente bemüht sich gegenwärtig
der Vorstand der Vereinigung aller Ordensobern und -oberinnen der deutschsprachigen
Schweiz und Liechtensteins (KOVOSS/CORISS) die Verbindung zur Schweizer
Bischofskonferenz neu zu beleben. Es sind anderseits die Tessiner Ordensfrauen,
die selbst um Aufnahme als Vollmitglieder in die KOVOSS ersucht haben, womit
das Netzwerk eine wertvolle Ergänzung hin zur Südschweiz erhält.
Gute Kontakte bestehen zwischen Mitgliedern der VONOS und den Verantwortlichen
der Information Kirchlicher Berufe (IKB), Pfarrer Oswald Krienbühl
und Amanda Ehrler, die als engagierte Leiter leider zurücktreten werden.
IKB ist mitbeteiligt an der Herausgabe eines von der Pastoralkommission
der KOVOSS erarbeiteten «Klosterführers», der Auskunft
geben soll über Möglichkeiten für kürzere oder längere
Aufenthalte in Ordensgemeinschaften. Diese gemeinsame Broschüre wird
in naher Zukunft unter dem Titel «Innehalten» (deutsch), «un
nuovo respiro» (italienisch) und «Escale pour le corps et l'âme»
(französisch) herauskommen.
Nicht zu übersehen sind die Fäden, die Karl Inauen, der frühere
Schulungsleiter, in seinen Kursen für betagte Schwestern spannt, abgerissene
oder schwache Verbindungen durch Kurse zu einer «neuen Gesprächs-
und Streitkultur» wieder ermöglicht und in den Verwaltungskursen
für gute Voraussetzungen in diesem Bereich besorgt ist.
Die VONOS ist auch Mitglied des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes
(SKF). Der Bericht über Visionen und mutige Initiativen, vorgetragen
durch Caroline Meier-Machen, weckte bei den VONOS-Mitgliedern besonderes
Interesse. Er führte von der neuen Zeitschrift «frauenbunt»
mit Themen zur Gesellschaft, über die verschiedenen Fach- und Arbeitsgruppen
mit einer Fülle von Ideen und Einsätzen bis hin zu den Bildungsangeboten
(vgl. Jahresbericht des SKF 1999).
Kontaktfäden wurden schliesslich auch sichtbar durch die aufmerksame
Anwesenheit des Vertreters der Schweizer Bischofskonferenz, Weihbischof
Martin Gächter. Der Apostolische Nuntius Pier Giacomo de Nicolò
stand der Eucharistiefeier am Eröffnungstag vor und liess es sich auch
nicht nehmen, durch sein musisches Talent der Freude Ausdruck zu geben.
Gespannt war man auch dieses Jahr auf die nun bereits eingebürgerte
«Teilete», ein Austausch unter den Vertreterinnen der einzelnen
Orden. Welche Initiativen hatten sich die Gemeinschaften für 2000 ausgedacht?
Wer dabei Sensationelles erwartet hatte, kam allerdings nicht auf seine
Rechnung. Liegt es an der eher verhaltenen Schweizer Art im Vergleich zu
Schwestern aus dem Süden oder aus Übersee, die wie Vertreterinnen
internationaler Gemeinschaften betonten das Jubiläumsjahr und
seine Feiern mit viel grösserer Begeisterung und mächtigem Engagement
in Angriff genommen haben.
Dennoch lief und läuft auch bei uns einiges. Viele Gemeinschaften haben
in einer Gebetsnacht dem Übergang ins Jahr 2000 eine besondere Weihe
gegeben. Gebetsketten, Wallfahrten, Versöhnungsprogramme, das Engagement
auf «dem Weg der Barmherzigkeit», Erneuerungsprogramme und Neubesinnung
auf das eigene Charisma, besondere Vorbereitungen auf General- bzw. Provinzkapitel...
das sind einige Stichwörter zu Aktivitäten, die verschiedentlich
genannt wurden. Beachtenswert ist auch die Teilnahme und der mancherorts
grosse Einsatz der Schwestern bei Veranstaltungen der Ortskirche, etwa im
Wallis.
Die Solidarität unter den Ordensleuten findet ihren Ausdruck in besonderen
Begegnungen mit «Nachbarschaftsgemeinschaften». Andere konkrete
Zeichen von Solidarität sind mit einem persönlichen Verzicht verbunden
oder gekennzeichnet durch Teilnahme etwa am geplanten Frauenmarsch gegen
«Frauenarmut und Gewalt an Frauen» oder durch Beteiligung am
Integrationsprogramm für ausländische Frauen des SKF.
Besonders eindrücklich bei diesem Austausch war der Bericht einer internationalen
Gemeinschaft, die durch den notwendig gewordenen Verkauf ihres Mutterhauses
einen für die ganze Kongregation einschneidenden Abschied vollzogen
hat. Das Jahr 2000 ist dadurch für die Schwestern zu einem radikalen,
das heisst an die Wurzel rührenden Neuanfang geworden, der Mut und
Gottvertrauen aller Beteiligten herausforderte.
Der Vorstand hatte seine Anliegen für die Studientage folgendermassen
formuliert: «Gelübde leben und seelisch gesund bleiben
Individualismus und Verbindlichkeit» und dazu Dr. Elisabeth Lukas
als Referentin eingeladen. Sie ist klinische Psychologin und Psychotherapeutin,
Schülerin von Viktor E. Frankl und seit 1986 fachliche Leiterin des
süddeutschen Instituts für Logotherapie in Fürstenfeldbruck
bei München. Als Nichtordensfrau, gleichsam von einem Standpunkt ausserhalb,
konnte und musste sie das Thema von einer anderen Warte aus angehen. Dabei
war von vornherein klar, dass nicht die Gelübde als solche im Zentrum
stehen und thematisiert werden konnten. Die zu Beginn der Studientage gesammelten
Wünsche und Probleme des zahlreichen Auditoriums gingen denn auch in
sehr verschiedene Richtungen, entsprachen aber, wie die Diskussionen der
zweieinhalb Tage zeigten, konkreten Situationen, mit denen sich die Schwestern
in ihrem Alltag konfrontiert sehen. Es waren vielfach allgemeinmenschliche
Themen: Wahre Selbstverwirklichung, was ist das? Wie mit Misserfolg leben
und dabei gesund bleiben? Freiheit und Bindung; Beziehungsfragen; Widerstand
und Kompromissbereitschaft. Dazwischen gab es aber auch mehr oder weniger
spezifische Fragen zum Ordensleben: Gehorsam wem oder was gegenüber?
Verzicht und Opfer aber wo bleibe ich? Person sein/Person bleiben
in einer Gemeinschaft; Beziehungsfähigkeit im Kloster; Spannung zwischen
der Vielfalt von Ausdrucksformen und der gemeinsamen Ausrichtung in einer
Gemeinschaft.
Eine Fülle von angesprochenen Themen, deren eingehende Behandlung Wochen
gefüllt hätte. Elisabeth Lukas, in Theorie und Praxis gleicherweise
daheim, ging auf pragmatische Weise, frei und ohne Manuskript, einzelne
Fragen an. Ein reicher Schatz von konkreten Beispielen aus der Praxis illustrierten
die Aussagen und Erklärungen auf spannende Weise.
In unserer Zeit, so die Referentin, lässt sich ein steigendes Interesse
an der von Viktor E. Frankl begründeten Logotherapie feststellen. Diese
so genannte «Dritte Wiener Richtung der Psychotherapie» rückt
die «Sinnorientiertheit» des Menschen in den Mittelpunkt ihrer
Motivationstheorie. Und wer wird bezweifeln, dass wir mit der Sinnfrage
beim heutigen Menschen einen neuralgischen Punkt treffen. «Sinn kann
nicht er-funden, sondern nur ge-funden werden», schreibt Frankl. Er
hat seine Therapierichtung ganz auf der menschlichen Sinnsuche und Sinnentdeckung
aufgebaut. Grundlegend ist auch Frankls Revision des Menschenbildes. Der
Geist (nicht gleichzusetzen mit Verstand oder Gefühl) ist das, was
den Menschen zum Menschen macht. Nur ein Menschenbild, das die geistige
Dimension des Menschen überhaupt zulässt, kann den Menschen als
ein Wesen erkennen, das «ein oberstes Bedürfnis hat», «einen
Sinn in der Aussenwelt zu entdecken und zu erfüllen.»
Das ist der Hintergrund, auf dem Elisabeth Lukas die von den Schwestern
angesprochenen Probleme zu beleuchten und Fragen zu beantworten verstand.
An dieser Stelle seien lediglich eine Auswahl von Kernaussagen zu speziellen
Themen aufgeführt.
Verschiedentlich angesprochen war die Beziehung zwischen Freiheit und
Bindung bzw. Verbindlichkeit. Nach Elisabeth Lukas spricht Frankl von Freiheit
zu etwas und nicht von etwas. Frei sind wir innerhalb von etwas; frei, etwas
zu bewirken, Stellung zu nehmen zu dem, was da ist; etwas aus dem zu machen,
was wir vorfinden. «Was wir vorfinden, ist unser Baumaterial.»
Dieses können wir uns nicht aussuchen (unsere Vorgeschichte, unsere
Mitwelt, gesellschaftliche Strömungen...). «Freiheit ist das,
was ich daraus mache.» Der Mensch ist fähig, aus den Gegebenheiten
etwas Neues zu machen. «Alles, was geschieht, als Frage des Lebens
an mich betrachten.»
In diesem Zusammenhang erörterte die Referentin eingehend Fragen, die
mit der menschlichen Entscheidungsfähigkeit zusammenhängen. Nur
der Mensch kann Entscheidungen treffen. Seelisch gesund sein heisst, fähig
sein zur Selbststeuerung. Kein Mensch ist aber gegen Fehlentscheidungen
gefeit. Frankl: «Die Intention ist unser, der Effekt ist Gottes.»
Freiheit zu wählen und Sinnerkenntnis sind die beiden Säulen für
die Verantwortlichkeit des Menschen. Jede Wahl ist auch mit einer gewissen
Unsicherheit verbunden. Frankl braucht den Ausdruck «half sure und
whole-hearted» («halb» sicher und von ganzem Herzen).
Sich zu entscheiden bedeutet auch: das Ja zu dem einen meint auch ein Nein
zu einem andern, das Loslassen anderer Möglichkeiten im Hinblick auf
das «Best-Mögliche». Dieses Ja wiegt mehr, und den Preis
dafür muss ich bezahlen, «whole-hearted», das heisst ich
stehe mit ganzem Herzen dahinter. Elisabeth Lukas berührte dabei auch
die Problematik jener Menschen, die dauernd auf ihren einmal getroffenen
Entscheid zurückkommen, ihn in Zweifel stellen, was eine innere Zerrissenheit
zur Folge hat. Etwas anderes ist natürlich die gelegentliche Standortbestimmung
in Bezug auf einen getroffenen Entscheid.
Besonders aufschlussreich war der Hinweis auf die Unterscheidung zwischen
Pro- und Contra-Motiven bei Entscheidungen. Contra-Motive sind dann gegeben,
wenn Entscheidungen getroffen werden, um angstbesetzten Situationen, Bindungen
oder andern Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen (aus Angst vor der Ehe
geht jemand ins Kloster; um dem Elternhaus zu entfliehen, entschliesst sich
jemand für die Ehe). Pro-Motive richten sich auf einen Wert, der als
solcher anzieht und lockt, selbst wenn damit verbundene Schwierigkeiten
absehbar sind. Die sinnzentrierte Richtung das Pro setzt Energien
frei. Sich dieses Pro immer wieder geistig präsent zu halten, stärkt
den Durchhaltewillen in schwierigen Situationen. In diesem Zusammenhang
wurden auch die Ordensgelübde thematisiert. «Gelübde ohne
Wertobjekt fallen in sich zusammen. Das Ja zum entsprechenden Wert mag verschiedene
Ausprägungen haben.» Die Frage an uns Ordensleute heute: «Welchen
Wert in der Welt wollen wir mit unserm Leben nach den Gelübden verstärken,
und was in der Welt wollen wir damit verändern?» Abschliessend
fasste Elisabeth Lukas den Sinn der drei Ordensgelübde in eine von
ihr geprägten Kurzformel:
«Ich lebe in materieller Armut und innerem Reichtum.
Ich lebe in Ehelosigkeit und vielfachen Liebesbezügen.
Ich leiste freiwillig meinen Beitrag zur Gemeinschaft im Einklang mit meinem Gewissen.»
Sr. Maria Crucis Doka ist Informationsbeauftragte der VONOS.