36/2000

INHALT

Berichte

Gerechtigkeit heute

von Andreas Kapeller

 

Eine der grössten akademischen Sommerveranstaltungen Mitteleuropas ­ die Salzburger Hochschulwochen ­ war dieses Jahr dem Thema Gerechtigkeit gewidmet. Mehr als zwanzig Wissenschafter, darunter mit dem Freiburger Prof. Fritz Oser und dem Zürcher Jesuiten Nikolaus Klein auch zwei Schweizer, diskutierten und referierten vor rund 1000 Zuhörern zwei Wochen lang über «Gerechtigkeit heute. Anspruch und Wirklichkeit».
Gleich zu Beginn der diesjährigen Veranstaltung wurde darauf hingewiesen, dass jede Zeit, jede Generation ihre eigene Definition von Gerechtigkeit finden muss. Was heute als ungerecht empfunden werde, könne bereits in zehn Jahren als gerecht erscheinen oder umgekehrt. Aufgabe der Menschen müsse es jedenfalls sein, so der Tenor, sich nach bestem Wissen und Gewissen ständig um gerechte Verhältnisse zu bemühen. Dies, obwohl es, wie mehrere Referenten betonten, die «perfekte», die endgültige Gerechtigkeit auf Erden wohl nie geben werde.
Es wurde auch darauf aufmerksam gemacht, dass vom Einzelnen wohl immer die Spannung zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ausgehalten werden muss. Bezugnehmend auf die Bibel meinte in diesem Zusammenhang etwa die Essener Theologin Dr. Ilse Müllner, dass offenbar genau diese beiden ­ Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ­ einander bedürfen, um die Welt im Lot zu halten. Müllner war es auch, die einmahnte, Gott nicht bloss auf das Bild des Richtenden zu reduzieren. Die Vorstellung von Gott als Richter, der alles von jedem Menschen wisse, sei, so die Theologin, für viele Menschen heute unvereinbar geworden mit der biblischen Botschaft von Liebe und Erbarmen. Dieser Richtergott verkörpere eine Gerechtigkeit, an der die Seele zerbreche, weil sie ihr nie genügen könne.
Wie konkret Solidarität mit Gerechtigkeit zu tun hat, wurde bei der Veranstaltung vor allem durch die Aussagen des Münchner Sozialethikers Prof. Alois Baumgartner verdeutlicht. Er ortete eine ernste Gefahr der Entsolidarisierung der Gesellschaft in Bezug auf die Bereiche Gesundheitsvorsorge und medizinische Versorgung. Die finanziellen Möglichkeiten würden, so Baumgartner, mit dem medizinisch Machbaren nicht mehr Schritt halten können. Dies berge ungeheure Brisanz in sich, weil sich Fragen ergeben würden, wie die, ob man medizinische Hilfe bzw. Versorgung von Faktoren wie Alter und Geld abhängig machen solle. Baumgartner stand mit seiner Meinung nicht allein. Auch andere wiesen auf eine solche mögliche Entwicklung hin und warnten ausdrücklich davor.

Ethik und Religion

Das Verhältnis von Religion und Gerechtigkeit thematisierte der diesjährige Festredner, der Heidelberger Ägyptologe Prof. Jan Assmann. Seiner Meinung nach ist die Ethik nicht im Schosse der Religionen entstanden, als vielmehr im Rahmen der menschlichen Erfahrungen. Erst im Laufe der Zeit und im Zuge «vieler Enttäuschungen und Zusammenbrüche» sei sie zur Sache Gottes geworden. Die Suche nach dem «Weltethos» sei, so Assmann, durch diesen Prozess der Theologisierung nicht einfacher geworden. Der Ägyptologe forderte daher, dass die Gerechtigkeit wieder vom Himmel auf die Erde zurückgeholt werden müsse. Assmanns Forderung nach «Wiederverweltlichung» der Gerechtigkeit blieb nicht unwidersprochen.
Die Gerechtigkeit dürfe nicht von Gott losgelöst werden, meinte der Salzburger Weihbischof Dr. Andreas Laun. Weil Gerechtigkeit eine Qualität Gottes und ein Geschenk des Himmels sei, müssten wir äusserst sorgsam ­ ja ehrfürchtig ­ mit ihr umgehen. Die Aufgabe der Menschen sieht Laun darin, zu erkennen, was diese Gerechtigkeit für unser irdisches Leben bedeutet. Dabei können sicherlich die Worte von Papst Johannes Paul II. hilfreich sein, die er im Rahmen einer Grussbotschaft an die Hochschulwochenteilnehmer richtete. Praktizierte «Gerechtigkeit» bedeute, so Papst Johannes Paul II., den anderen in seiner Personalität weniger als nützliches Mittel zu sehen, als vielmehr als «ebenbürtiges» Wesen, als «Hilfe», als Nächsten, der am Festmahl des Lebens teilnehmen solle, zu dem alle Menschen von Gott in gleicher Weise eingeladen sind. Der Papst drückte in seiner Grussbotschaft auch die Überzeugung aus, dass man das von allen so ersehnte Ziel des Friedens im Grossen wie im Kleinen mit der Verwirklichung der sozialen und internationalen Gerechtigkeit erreichen könne. Er ermutigte alle, die das Thema der Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung bewegt, dazu, auch praktisch jene Tugenden einzuüben, die das Zusammenleben fördern, um im Geben und Nehmen an einer neuen Gesellschaft und einer besseren Welt bauen zu helfen.
Über die richtige Dosierung von Gerechtigkeit machte sich bei den Hochschulwochen der Bonner Staatsrechtler Prof. Josef Isensee Gedanken. Seiner Meinung nach ist die Bedeutung, die die Gerechtigkeit für das Leben spielt, «dosisabhängig». Gerechtigkeitsperfektionismus sei lebensfeindlich, mahnte er und wies darauf hin, dass das Leben nicht um der Gerechtigkeit willen existiere.
Dennoch sollte wohl niemand, um es mit den Worten von Hochschulwochen-Obmann Prof. Heinrich Schmidinger zu sagen, darauf verzichten, Gerechtigkeit permanent im Kleinen zu üben, sie im Glashaus zu kultivieren wie ein kleines Pflänzchen, damit sie auch widrigen Verhältnissen trotzen kann.<1>


«Geist ­ Erfahrung ­ Leben»

Die Salzburger Hochschulwochen im Jahr 2001, sie beginnen übrigens am 30. Juli, werden dem Thema «Geist ­ Erfahrung ­ Leben» gewidmet sein. Das Thema wurde von den Veranstaltern vor dem Hintergrund gewählt, dass Religion bzw. Religiosität heute nur mehr Chancen besitzt, wenn sie im konkreten Alltagsleben vollzogen wird. Es kommt heute bei vielen Menschen zu einer Entkoppelung des eigenen Glaubensvollzuges von der Glaubenslehre. Nicht nur damit, sondern auch mit charismatischen und esoterischen Bewegungen wollen sich die nächstjährigen Hochschulwochen befassen. Dazu kommen Fragen wie jene nach der Spiritualität in Musik, Kunst und Literatur sowie jene nach dem Verhältnis von Spiritualität und Psychologie. Schliesslich sollen Phänomene wie die interreligiöse bzw. die nicht-konfessionelle Spiritualität ­ nicht zu vergessen die Spiritualität ohne Gott ­ untersucht und diskutiert werden.


Anmerkung

1 Die Referate der diesjährigen Veranstaltung können in einem Sammelband nachgelesen werden, der Ende 2000 erscheinen wird.


Vorläufig keine kirchliche Jugendzeitschrift

 

In der deutschsprachigen Schweiz gibt es keine kirchliche Jugendzeitschrift. Vor mehr als zwei Jahren begann das Forum Kirchliche Jugendarbeit (Mitglieder sind: Deutschschweizerische Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit, Deutschschweizer Jugendseelsorger[innen]verein, Blauring, Jungwacht, Jugendstufe, Verband Katholischer Pfadfinder/-innen) mit der Planung einer neuen Zeitschrift. Die Projektträger beabsichtigten, die Jugendzeitschrift mit begleitenden Hilfsmitteln für die Katechese, die Arbeit in den Verbänden und den Einsatz im Rahmen der «Firmung ab 18» nutzbar zu machen und eng mit der Jugendstufe zu vernetzen.
Auf Wunsch der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz (DOK) fanden eine breit abgestützte Bedürfnisabklärung und eine provisorische Subskription statt. Auf diese erste, provisorische Subskription hin wurden 1300 Zeitschriftenabonnemente zugesagt. Das ist mehr als die Hälfte der Abonnementenzahl, die für eine selbsttragendes Erscheinen der Jugendzeitschrift nötig gewesen wären. Ermutigt durch diese Rückmeldungen und das Ergebnis einer externen, professionellen Analyse stellten die Projektträger der DOK ein Gesuch zur mittelfristigen Finanzierung. An der DOK-Sitzung vom 14. Dezember 1999 wurde das Gesuch einer Jugendzeitschrift abgelehnt. Statt dessen wurde angeregt, Themenhefte für die «Firmung ab 18» zu schaffen. Für die DOK-Sitzung vom 21. März 2000 wurde ein überarbeitetes Gesuch eingereicht. In diesem Gesuch wurde besonders auf die Stellung der methodisch-pädagogischen Hilfsmittel für den Einsatz in der Firmvorbereitung innerhalb der projektierten Jugendzeitschrift hingewiesen. Die DOK blieb bei der Ansicht, dass an Stelle einer Jugendzeitschrift «Themenhefte zur Firmung ab 18» erarbeitet werden sollten. Diesem Wunsch können wir nicht durch die Aufgabe des Projektes Jugendzeitschrift entsprechen. Aus diesem Grund sehen wir uns gezwungen, die Bemühungen für eine kirchliche Jugendzeitschrift einzustellen.

Für das Forum Kirchliche Jugendarbeit:

Dominik Schenker, Präsident des Vereins
Herausgeberschaft Adventskalender

Roger Häfner-Neubauer, Präsident des Vereins
deutschschweizerischer Jugendseelsorger/
Jugendseelsorgerinnen


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000