33-34/2000 | |
INHALT | |
Berichte |
Nach dem grossen europäischen Kongress «Neue kirchliche Berufe
für ein neues Europa» vom Mai 1997 in Rom kommen jedes Jahr Verantwortliche
der Berufungspastoral zusammen. Nach 1998 in Ungarn und 1999 in Slowenien
(SKZ 1999, S. 487) trafen sich am 2.5. Juli 2000 50 Vertreter aus 18
europäischen Ländern im Canisianum Innsbruck: Laien, Ordensleute,
Priester und Bischöfe. Dieser Kongress, der sich EU-VOCATIO nennt,
stand unter dem Präsidium des Innsbrucker Bischofs Alois Kothgasser,
der sich in der CCEE besonders für die kirchlichen Berufe einsetzt;
leitender Sekretär ist Dr. Rainer Birkenmaier vom Deutschen Zentrum
für Berufungspastoral in Freiburg i.Br. Die Schweiz war vertreten durch
Weihbischof Martin Gächter und Pfarrer Ernst Heller von der IKB sowie
Abbé Pascal Desthieux und Sr. Marie-Bosco Berclaz vom CRV (Centre
Romand des Vocations).
Auch bei der heutigen Infragestellung der Kirche und der kirchlichen Berufe,
besonders der zölibatären Priester- und Ordensberufe, sind wir
überzeugt, dass Gott immer wieder Menschen beruft und befähigt.
Doch sollten wir diese eher verborgenen Schätze im Acker Europas entdecken
und heben, indem wir alle Berufenen entdecken und gut begleiten.
In seiner Eröffnungspredigt nannte Bischof Alois Kothgasser wichtige
Kriterien für eine Berufung zum kirchlichen Dienst: 1. Freude an Gott
(Lob Gottes, Anbetung, Verkündigung). 2. Freude an allen Menschen,
besonders den Armen. 3. Gesundheit und Ausgeglichenheit (psychisch und geistlich).
4. Freude am Studium. 5. Ein Ja zu den eigenen Grenzen und zu den Grenzen
der Kirche!
Hans Hobelsberger (Düsseldorf) führte in die komplexe Situation
der Jugendlichen in den verschiedenen Ländern Europas ein. Er vertrat
die These: je mehr sich ein Land modernisiert, um so eigenständiger
werden die Jugendlichen in ihrer religiösen Selbstbestimmung.
P. Paulo Martinelli OFMCap zeigte anhand der Theologie von Hans Urs von
Balthasar, wie jeder Mensch von Gott gerufen wird und wie jeder in der Welt
seine menschliche Entfaltung und wahre Freiheit nur in Christus findet,
der Mensch und Gott miteinander verbindet. Aufgabe der kirchlichen Berufe
ist es, jedem Menschen zu helfen, seine eigene Berufung zu finden.
In der grossen Aussprache wurde betont, wie Europa mehr als die andern Kontinente
durch eine aufklärerische Religionskritik und Säkularisation hindurchgegangen
ist. Daher nehmen in allen andern Kontinenten heute viel mehr Katholiken
und Jugendliche an den Gottesdiensten teil. Andererseits kann man dort auch
einige Unwahrhaftigkeit im Glauben beobachten, unkritische Nachlässigkeit
in der christlichen Moral und mehr Kitsch in der religiösen Kunst.
Einen selbstkritischen Bericht bot Marek Dziewiecki (Radom) über den
Stand der kirchlichen Berufungen in Polen. 1993 stammten aus Polen 5% aller
Priester der Welt und 13% der Priester Europas mit einem Durchschnittsalter
von 47 Jahren! 25% aller Seminaristen Europas sind Polen! Weniger erfreulich
als diese Quantität sei jedoch die Qualität. Manche polnische
Seminaristen stammen aus Krisenfamilien, zum Beispiel mit Alkoholproblemen,
was einige Verwundungen und Fragilität mit sich bringt wie auch Mängel
an Selbstdisziplin und Wahrhaftigkeit. Deshalb müssen die Polen die
Qualität der Berufungen verbessern!
Ein grosses Anliegen der EU-VOCATIO ist, dass in allen Ländern Fachgruppen
und Zentren für die Berufungspastoral gegründet werden. Dazu erweisen
sich die Anregungen des Europäischen Kongresses vom Mai 1997 in Rom
weiterhin als sehr hilfreich. Immer wieder wird das Schlussdokument «Neue
Berufungen für ein neues Europa (In verbo tuo)» vom 6. Januar
1998 erwähnt.
In Innsbruck wurden die Erfahrungen in der Berufungspastoral in Verbindung
mit dem Internet, dem Weltgebetstag, den neuen geistlichen Bewegungen, der
Ministrantenpastoral, mit Gebetsgemeinschaften und mit Exerzitien im Alltag
ausgetauscht.
Abbé Jean-Marie Launay aus Paris schilderte die neuen pastoralen
Bemühungen in Frankreich. 1997 hatten die französischen Bischöfe
zum aktiven Vorlegen des Glaubens aufgemuntert: «Proposer la foi»
ohne zu warten, bis wir nach dem Glauben gefragt werden. Im Jahr 2000 ermuntern
sie zu «Proposer de devenir prêtre». Tatsächlich
ist es wichtig, dass die Berufenen sich nicht selber melden müssen,
sondern dass ihnen von andern zugesichert wird: «Bei dir sehe ich
eine Berufung folge ihr!»
In der Schlussrunde wurden wichtige Erkenntnisse festgehalten: Gebet und
Anbetung bleiben die unerlässlichen Voraussetzungen für gute Berufungen.
In allen Ländern sollten sich Referatsbischöfe und nationale Berufungszentren
in besonderer Weise für kirchliche Berufe einsetzen. Dabei gibt der
Austausch zwischen den Ländern Europas wichtige Anregungen. Eine nächste
EU-VOCATIO ist für 1.4. Juli 2001 in Dublin vorgesehen.
Einige Vertreter sagten, wie sie in ihren Ländern Katholiken kennen,
die zugleich eine Berufung zur Priesterweihe und zur Ehe spüren, wie
auch Frauen, die für eine Weihe berufen sind. Solche Stimmen bilden
zwar eine Minderheit an dieser Konferenz, doch ist es wichtig, dass darüber
miteinander gesprochen wird.
Auf Einladung der drei Dachorganisationen: der italienischen, der europäischen
und der internationalen Vereinigung katholischer Ärzte tagte der diesjährige
Weltkongress vom 3.7. Juli anlässlich des Grossen Jubiläums
in Rom. Die Vereinigung katholischer Ärzte der Schweiz war an diesem
Kongress mit 13 Teilnehmern vertreten. Das relevante Thema des Kongresses
lautete: Medizin und Menschenrechte. 23 Redner mühten sich, Vertretern
aus 42 Ländern die Aktualität des Themas zu erläutern.
Der festliche Rahmen des Kongresses wurde in der Oper von Rom mit dem beeindruckenden
Eröffnungsvortrag des Friedensnobelpreisträgers Bischof Carlos
Ximenes Belo mit einer sehr präzisen Analyse der Rechte der Menschen
in seiner leidgeprüften Region inauguriert. Die Antwort auf seine Ausführungen
war die Initiative der Vereinigung, in Ost Timor ein Frauenkrankenhaus mit
70 Betten als «antastbares Zeichen der Solidarität» zu
errichten.
Der Kongress tagte im Auditorium del Massimo. Die Thematik war breit gestreut:
Die bedrohten Rechte der Menschen von seinem Anfang an, das ethische Problem
der Pränataldiagnostik bis zur Terminalphase, mit dem medizinisch assistierten
Sterben und der aktiven Euthanasie, Bedrohung durch die Apparatemedizin,
genetisches Screening, zwischen Autonomie des Kranken und Paternalismus
des Arztes. Wissenschaftliche Tätigkeit und Fortschritt müssen
nicht immer ethisch gerechtfertigt sein. Prof. Schockenhoff hat sehr deutlich
die Versandung der ethischen Verantwortung am Beispiel der Fortpflanzungsmedizin
überzeugend dargelegt. Am meisten vermissten wir die Begegnung mit
der Vertreterin aus Kuba, der man das Visum verweigerte.
Der Tagesablauf war in drei Teile gegliedert: Die wissenschaftlichen Vorträge,
die als heisse Eisen dargeboten wurden, wobei es nur wenig Zeit zur Diskussion
und Fragestellung gab. Dem folgte am späten Nachmittag die Eucharistiefeier,
jeweils in einer anderen der vier grossen Basiliken, unter der Leitung eines
Kardinals. Den Abend liessen wir mit einem Konzert in der Oper, in den Basiliken
St. Sabina und Santa Maria degli Angeli ausklingen. Dem ganzen Menschen
wurde etwas für Leib, Geist und Seele geboten.
Für die Schweizer Vereinigung war der Römer Kongress ein guter Einstieg in die Herbstjahrestagung, die sich mit dem LeibSeele-Problem befassen wird. Seinen krönenden Abschluss bildete der Jubiläumsgottesdienst mit Kardinal Tettamanzi, Genova, und die Audienz beim Hl. Vater der 6000 im Petersdom versammelten Ärzte mit ihren Familienangehörigen.
Um an der Berner Münsterplattform Reparaturarbeiten ausführen
zu können, wurde 1986 ein Schacht gebaut, und dabei wurden Hunderte
von Bruchstücken spätgotischer Heiligenfiguren entdeckt, die seit
dem Bildersturm von 1528 dort lagen. Die eingehenden Untersuchungen haben
ergeben, dass sie einst zu Darstellungen von aussergewöhnlicher künstlerischer
Qualität gehörten. Das Bernische Historische Museum wird die Funde
ab November dieses Jahres in einer grossen thematischen Ausstellung zeigen
(anschliessend wird die Ausstellung im Musée de l'uvre Notre-Dame
in Strassburg zu sehen sein). Das Thema ist der «Bildersturm. Verehrung,
Schändung und Untergang des mittelalterlichen Kultbildes»; und
es soll eine Ausstellung werden über die grösste Kulturrevolution
des Abendlandes, über den Kampf zwischen sinnlicher Wahrnehmung und
rationalem Erfassen von Gott und der Welt, eine Ausstellung mit Kunstwerken
von unschätzbarem Wert, die durch Weitsicht und Zufall vor dem Untergang
gerettet worden sind.
Dieses Projekt ist so aussergewöhnlich, dass ihm die Vereinigung für
Schweizerische Kirchengeschichte (VSKG) die diesjährige Jahresversammlung
gewidmet hat.<1> Der Projektleiter Peter
Jezler, bekannt geworden als Projektleiter der Ausstellung «Himmel.
Hölle. Fegefeuer. Das Jenseits im Mittelalter», die das Schweizerische
Landesmuseum 1994 gezeigt hatte, stellte einzelne Kunstwerke und vor allem
das Konzept der Berner Ausstellung vor. Die gefundenen Kunstwerke entstanden
zwischen 1400 und 1528, die frühesten, darunter eines der schönsten
Vesperbilder, also noch vor dem Beginn des Münsterbaus (1421). Die
Ausstellung soll ein Kulturereignis werden, nicht zuletzt, um die hohen
Kosten zu rechtfertigen bzw. teilweise wieder einzubringen; die Untersuchung
und Instandsetzung der Kunstwerke sowie die Bereitstellung des ständigen
Ausstellungsraumes kosteten nämlich 1,3 Mio. Franken, und die Ausstellung
wird weitere 1,5 Mio. Franken kosten. Vom Arbeitsaufwand her gesehen rechnet
Peter Jezler, dass ihr wissenschaftlicher Teil nur 30% ausmacht. Das Konzept
der Ausstellung bei seinen Ausstellungen pflegt er vom Raum und den
Objekten auszugehen ordnet den Bilderfund in die mittelalterliche
Welt ein.
In einem ersten Raum geht es um den «intellektuellen Überbau»: Bilder, Hierarchie und Lehre; ein zweiter Raum ist dem «Emotionalen» gewidmet: Ritual und Devotion; dann wird die Reformation und ihre Bildkritik dargestellt und als Ergebnis der Bildersturm: «Wahnsinnn oder Gottes Wille?» wird eine Video-Installation fragen. Daran schliessen sich die Kunstwerke an: Nicht zerstörte, aber veränderte Skulpturen, Zeugen der Zerstörung und des Wandels, und schliesslich der Berner Skulpturenfund. Zum Ausklang werden Ikonoklasmen der Moderne gezeigt.
1 Im Mitgliederbeitrag von Fr. 50. ist das Abonnement der Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte inbegriffen; Anmeldungen an den Präsidenten Prof. Dr. Mariano Delgado, Rte Mgr. Besson 6, 1700 Freiburg.