16-17/2000 | |
INHALT | |
Berichte |
Dem 1574 bzw. 1577 gegründeten Jesuitenkollegium Luzern wurde 1600
eine obere Abteilung für Theologie und später auch für Philosophie
angegliedert. Damit begann eine bis heute 400-jährige Geschichte der
höheren Bildung in Luzern. 1910 wurden das Gymnasium und die Theologische
Abteilung institutionell getrennt; die Theologische Abteilung wurde 1938
zur Theologischen Fakultät erhoben, 1970 erhielt sie die Gradrechte
und 1993 wurde sie mit der Errichtung einer zweiten, der Geisteswissenschaftlichen
Fakultät, eine Fakultät der Universitären Hochschule. Am
kommenden 21. Mai wird das Luzerner Volk über das Universitätsgesetz
und damit nicht nur über den Ausbau der Geisteswissenschaftlichen Fakultät
und die Errichtung einer dritten, der Rechtswissenschaftlichen Fakultät,
sondern auch über die Zukunft der universitären Bildung in Luzern
entscheiden.
Im Rückblick erscheint diese 400-jährige Bildungsgeschichte immer
auch als eine Geschichte der Verspätungen und des Scheiterns. Die Bemühungen
des Luzerner Rates im Jahre 1647 um die Erhebung der oberen Abteilung des
Jesuitenkollegiums in den Rang einer Akademie mit Gradrechten scheiterte
an Kompetenzstreitigkeiten zwischen der Nuntiatur und den Jesuiten. Nachdem
anfangs des 19. Jahrhunderts die Hohen Schulen in Zürich und Bern zu
Akademien erhoben wurden, wurden auch in Luzern Kräfte zum Aufholen
mobilisiert. Zwischen 1819 und 1978 bemühte sich Luzern fünf Mal
um die Gründung einer Universität und scheiterte jedes Mal.
In einer interdisziplinären und interfakultären Arbeit gingen
Markus Ries (Kirchengeschichte) und Aram Mattioli (Allgemeine und Schweizer
Geschichte der Neuesten Zeit) den Gründen für den Luzerner Sonderweg
nach, indem sie die gesellschaftlichen Entwicklungen und jeweiligen politischen
Konflikte erforschten.<1>
Diese 400 Jahre mit ihrer unverwechselbaren Geschichte als ermutigende und
verpflichtende Herausforderung, als Chance für die nächste Generationen
annehmen. Dazu ermutigte Markus Ries dann an der 400-Jahr-Feier in der Kantonsschule,
zu der die gymnasiale Abteilung des Jesuitenkollegiums geworden ist. Bundesrat
Kaspar Villiger, der sich beim letzten erfolglosen Versuch einer Universitätsgründung
als liberaler Grossrat des Kantons Luzern überzeugt und motiviert landauf
und landab für die damalige Vorlage eingesetzt hatte, sprach sich an
der Feier für eine zukunftgerichtete Bildungspolitik aus. In seinen
Ausführungen über «Bildung an der Schwelle zum 21. Jahrhundert»
stellte er sachlich fest: «Bildung ist der wichtigste Rohstoff der
modernen Wissensgesellschaft. Bildung ist nicht nur der wichtigste, sondern
auch der einzige Rohstoff der Schweiz.» Dem Staat komme deshalb die
Aufgabe zu, die Bidungspolitik zu definieren, die entsprechenden Rahmenbedingungen
zu schaffen und die notwendigen Mittel bereit zu stellen. So betrachte der
Bund die Förderung von Bildung und Forschung als prioritären Politikbereich.
Als Vorsteher des Erziehungs- und Kulturdepartementes bezeichnete der liberale
Regierungsrat Ulrich Fässler die Universität als die «Chance
für Luzern». Ohne auf die Bildungspolitik des Kantons Luzern
insgesamt einzugehen, stellte er die Bedeutung einer Vernetzung der Institutionen
der tertiären Bildung im Raume Luzern heraus, wofür er den Begriff
«Campus» ins Spiel bringt.
Zur Vernetzung, und darauf machte Bundesrat Villiger aufmerksam, gehört
auch die internationale Dimension. «Einen entscheidenden Schritt zur
Vertiefung des internationalen Austauschs in den Bereichen Forschung und
Bildung kann die Schweiz mit der Ratifikation der bilateralen Verträge
mit der EU vollziehen. Nicht nur, aber insbesondere auch wegen der neuen
Möglichkeiten für die studentische Mobilität sowie die Bildung
und Forschung hofft der Bundesrat auf ein klares Ja der Stimmberechtigten
am 21. Mai zu den bilateralen Verträgen.» So stehen am kommenden
21. Mai nicht nur in Luzern, sondern in der ganzen Schweiz bildungspolitische
bzw. auch bildungspolitische Entscheide von erheblicher Tragweite an.
1 Aram Mattioli, Markus Ries, «Eine höhere Bildung thut in unserem Vaterlande Noth». Steinige Wege vom Jesuitenkollegium zur Hochschule Luzern, Chronos Verlag, Zürich 2000. Wir werden mit einer Besprechung auf dieses Buch noch zurückkommen.