15/2000 | |
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Berichte |
Das Christentum ist im Kern Glaube an Gott und Leben einer persönlichen
Gottesbeziehung. Darum hat die Kirche keine wichtigere Aufgabe, als Gott
zu verkünden. Dies erklärte der Bischof von Basel, Kurt Koch,
in einem Vortrag, den er im Programm der «Katholischen Pfarreien der
Stadt Zug auf dem Weg ins 3. Jahrtausend» am 14. März in Zug
hielt.
Der Bischof hatte sein Referat betitelt «Kirche im Dritten Jahrtausend:
ursprungsgetreu und zeitgemäss». Zunächst hatte er dargelegt,
der christliche Glaube sei mit seinem befreienden Zuspruch als auch mit
seinem herausfordernden Anspruch stets unzeitgemäss. Dabei gehe es
darum, diesen unzeitgemässen Glauben auf zeitgemässe Art und Weise
zu verkünden und zu leben.
Bischof Koch hatte Alfred Delp zitiert, der betonte habe, nicht ob unsere
Kirche Zukunft habe, stehe zur Diskussion, sondern eher die Frage, welcher
Kirche eine gute Zukunft beschieden sein wird. «Nicht um Sein oder
Nichtsein der Kirche Jesu Christi kann es heute gehen, sehr wohl aber um
eine glaubensgeschichtliche neue Gestalt der Kirche», betonte Kurt
Koch. Freilich lägen deren Konturen noch weithin im Dunkeln.
Das Nachdenken über Delps Frage lasse erkennen, «dass in der
konkreten Kirche immer wieder vieles sterben muss, um neuen Lebensgestalten
Platz zu machen». Der Bischof erwähnte in diesem Zusammenhang
das «konstantinische Bündnis» zwischen dem christlichen
Glauben und der weltlichen Gesellschaft, deren Nachwirkungen bis heute zu
spüren seien. Er führte aus: «Diese sind besonders greifbar
in der kirchlichen Situation in der deutschsprachigen Schweiz, in der unsere
Kirche noch immer öffentlich- rechtlich anerkannt ist, freilich um
den keineswegs geringen Preis, dass sich die Kirche vom Staat vorschreiben
lässt, wie sie sich zu strukturieren hat.» Der nur in der Schweiz
existierende staatskirchenrechtliche Rahmen der Kirche habe den Vorteil,
dass viele engagierte Laien für das Leben und das Wohl der Kirche mitsorgten.
«Das Grundproblem der staatskirchenrechtlichen Strukturen bestehe
darin, dass mit ihnen das staatliche Prinzip der Gemeindeautonomie auch
auf die Kirche übertragen und dass damit der Kirche eine staatsanaloge
Struktur aufgeprägt wird, die mit ihrem eigenen theologischen Wesen
kaum zu vereinbaren ist, zumindest in einer grossen Spannung steht»,
stellte der Bischof fest. Diese starke Abhängigkeit bedeute, dass über
die zukünftige Gestaltung des kirchlichen Lebens weder die Bischöfe
noch die so genannten Landeskirchen entscheiden würden, sondern das
Volk. Würden in einzelnen Kantonen zukünftige Volksinitiativen
zur Trennung von Kirche und Staat angenommen, bedeute dies, dass «wir
kirchlich gleichsam am Nullpunkt wären».
In der deutschsprachigen Kirche gebe es heute den Begriff des Kirchenvolksbegehrens,
das sich in der Schweiz vor allem mit dem gravierenden Priestermangel und
den sich daraus ergebenden pastoralen Problemen beschäftigte. Bischof
Koch stellte diesem Begriff den des «Begehrens Gottes» gegenüber,
der im Alten Testament durch seine Propheten zur Umkehr aufrufen lässt.
Wenn es also um die Gestalt der Kirche im 3. Jahrtausend gehe, sei zu fragen:
«Welche Form von Kirche begehrt Gott heute?» Für die Kirche
heute muss das erste Kriterium ihres Handelns in der Orientierung an der
Wahrheit des Evangeliums liegen.
Der Bischof stellte fest: «Das Christentum ist im Kern Glaube an Gott
und Leben einer persönlichen Gottesbeziehung; alles andere folgt daraus.»
Die Kirche habe darum keine wichtigere Aufgabe, als Gott zu verkünden.
Dabei werde diese erste Priorität heute oft als Ablenkung von den notwendigen
Kirchenstrukturfragen empfunden.
Die moralischen Forderungen der Religion seien zum dominierenden Thema geworden.
Darum sehe er die Herausforderung der heutigen Zeit an die Kirche darin,
«den alle Moral überschreitenden Gehalt des christlichen Glaubens
in seiner Bedeutung für die Orientierungsprobleme der Gegenwart zu
verdeutlichen». Die spezifische religiöse Kompetenz der Kirche
heute liege in der Gotteserkenntnis, im Engagement für Gerechtigkeit
und in der Praxis der Barmherzigkeit. Der Bischof wies auch auf die «anthropologische
Revolution» hin, die beispielsweise in der medizinischen Wissenschaft
wirksam werde, und erwähnte die Menschenrechte, bei denen neuerdings
wieder gefragt werde, ob sie universal seien. Den schwierigen gesellschaftlichen
Fragen könne man nur gerecht werden, wenn man die in ihnen enthaltenen
metaphysischen und religiösen Fragen heraushöre: «Soll es
die Menschheit und die aussermenschliche Schöpfung überhaupt weiterhin
geben? Soll der Mensch so, wie ihn die Evolution hervorgebracht hat, überhaupt
erhalten bleiben? Soll es Leben geben?»
Diese Fragen warteten auf Antworten, die nur aus der Kernmitte des christlichen
Gottesglaubens heraus zu geben seien. Der Bischof fügte hinzu: «Die
Kirchen sind jedenfalls dann gesellschaftlich von Bedeutung und auch wirksam,
wenn sie dezidiert bei ihrer Sache bleiben, nämlich bei der Frage nach
Gott als dem Geheimnis des menschlichen Lebens. In dieser Aufgabe sind und
bleiben sie unersetzbar.»
Schliesslich sprach der Bischof auch noch über die Gestalt der Kirche,
die man am ehesten mit einer Ellipse mit den zwei Brennpunkten der Einheit
der Universalkirche und der Vielheit der Ortskirchen vergleichen könne.
Er betonte, die eigentümliche und unverwechselbare Verfassungsstruktur
der katholischen Kirche, «die es heute von Grund auf neu zu erlernen
gilt», bestehe darin, dass sie «zugleich ortskirchlich und universalkirchlich,
episkopal und papal verfasst ist». Daraus ergebe sich auch die doppelte
Aufgabe des Bischofs, der als Garant der Katholizität Brückenbauer
zwischen seiner Bistumskirche und der Universalkirche zu sein habe. In diesem
Zusammenhang stellte Kurt Koch fest: «Doch anders denn als Bindeglied
der Katholizität in der Kirche kann und will ich mich als Bischof in
Treue zum Konzil nicht verstehen. Und ich kann nur hoffen, dass das Bistum
dies versteht und anerkennt.»
Brigitte Muth-Oelschner ist Informationsbeauftragte des Bistums Basel.