12/2000

INHALT

Berichte

Hoffnungsschub dank Tagsatzung 98

von Walter Ludin

 

Der Mai 98 hat manche im Bistum Basel ermutigt. Die damals in Luzern durchgeführte Tagsatzung trägt bis heute ihre Früchte. Dies hat Ende Januar der «Zwischenhalt» gezeigt, der in Olten auf der Reise zur nächsten Tagsatzung (24. bis 26. Mai 2001 in Bern) eingelegt wurde. Ein so nüchterner Mann wie Alois Reinhard, Vertreter der Bistumsleitung bei der Vorbereitung der beiden Tagsatzungen, stellte erfreut fest: «Wenn ich jemandem begegne, der an der Tagsatzung war, kommt ein Lächeln auf sein Gesicht. Wir haben etwas Begeisterndes erlebt und tragen etwas von dieser Begeisterung weiter.» Eine Teilnehmerin meinte, das Treffen vom Mai 98 sei ein «Hoffnungsschub» gewesen.
Die Frage, was jenseits vom Hoffnung Machenden von der Tagsatzung 98 im Bistum Basel übrig geblieben ist, lässt sich nicht leicht beantworten. Die Gruppe Nachhaltigkeit (Jürg Meienberg, Präsident, und Anna Wasserfallen, Sekretärin, sowie Ferdinand Luthiger, Kurt Irniger und Walter Ludin) haben zwar etliche Rückmeldungen erhalten und einige davon im Internet platziert (www.kath.ch/tagsatzung98/nachhaltigkeit). Der Zwischenhalt von Olten zeigte aber, dass «im Geist der Tagsatzung» noch weit mehr geschehen ist. Fast alle der rund 60 Teilnehmenden konnten von eigenen Beispielen der Nacharbeit erzählen.
Der Vorbereitungszug zur Tagsatzung 2001 ist in voller Fahrt. Paul Jeannerat als Präsident (eine Co-Präsidentin wird gesucht) und Irene Bächler als Sekretärin sowie zahlreiche Mitglieder von Gruppen haben bereits enorme Arbeit geleistet. Die Tagsatzung bleibt zwar eine Initiative der kirchlichen Basis. Sie soll aber in einem Miteinander und im kritischen Dialog mit der Bistumsleitung vorbereitet und durchgeführt werden.


Schneewittchen oder Räubertochter

von Regina Osterwalder

 

An die hundert Frauen aus der Deutschschweiz und aus dem Fürstentum Liechtenstein nahmen im November 1999 an der Impulstagung zu feministischer Mädchenarbeit und Katechese in Luzern teil. Die Tagung begann mit einer ersten Theatersequenz von Giuliana Censullo, in der sie aufzeigte, wie schwierig es für Mädchen ist, die Rolle der Räubertochter zu übernehmen, da es heute für Mädchen mehr bringt, in die Rolle des Schneewittchens zu schlüpfen.
In ihrem Referat über «Feministische Mädchenarbeit und Religionspädagogik» zu Beginn der Tagung knüpfte Helga Kohler-Spiegel<1> an dieser Sequenz an und führte aus, dass die neuen Mädchenbilder, «die Selbständigkeit und Eigenwilligkeit bei Mädchen betonen, einen neuen Zwiespalt mit kaum zu erfüllenden Ansprüchen eröffnen». Es gelte einerseits Eigenschaften männlicher Jugendlicher zu entwickeln und andererseits auch den herrschenden Bildern von Weiblichkeit zu genügen.
In einem kulturellen System, in dem es zwei Geschlechter gibt mit ihren stereotypen Eigenschaftszuschreibungen, sei es die Aufgabe der Religionspädagogik, «alle Fragestellungen und Inhaltsbereiche unter der Perspektive der Geschlechter zu bearbeiten». In erster Linie, so die Ausführende, gehe es darum, die Unterscheidung von biologischem und sozialem Geschlecht präzise wahrzunehmen und die Situation konsequent sichtbar zu machen. Weiter erläuterte die Referentin sechs verschiedene Arten, wie geschlechtsspezifisches Verhalten vermittelt wird. Eine Art ist die des bewussten Vermittelns, wenn Erziehende ausdrücklich sagen, was ein Mädchen tut und was es nicht tut (Mädchen pfeifen nicht). Die unbewusste Vermittlung geschlechtsspezifischen Verhaltens besteht darin, subtil Geschichten und Geschenke für Mädchen auszuwählen, die für einen Jungen nicht ausgewählt werden. Unterschiede finden auch statt bei Lob und Trost eines Mädchens oder eines Jungen. Mädchen oder Jungen lernen männliches und weibliches Verhalten zu klassifizieren, weil es von Erwachsenen und Gleichaltrigen als männlich oder weiblich klassifiziert wird. (Du benimmst dich wie ein Bub.) Die Referentin erläuterte dann im Weiteren die psychischen und sozialen Prozesse von Mädchen in der Pubertät (ab ca. 9 Jahren) und in der Adoleszenz. Für ihre Identitätsfindung brauchen die jungen Mädchen ein Feld zum Experimentieren, in dem sie ­ «mit Unterstützung von Frauen ­ Rollen erspielen, das Leben erproben können, das heisst wo sie sich einbringen und gemeiname Erfahrungen machen können, ohne bereits völlig darauf festgelegt zu werden». Gegen Schluss ihres Referates kam Helga Kohler-Spiegel auf Möglichkeiten Feministischer Mädchenarbeit in der Religionspädagogik zu sprechen und wies dabei auf die beiden Grundhaltungen hin, die für Pädagoginnen zentral sind, die Mädchen in der Schule und in der Jugendarbeit begleiten: «Parteilichkeit und Affidamento». Mädchenarbeit ­ so die Referentin ­ ist parteilich, wenn sie akzeptierend bei den Möglichkeiten und Wünschen der Mädchen ansetzt und die selbstbestimmte Lebensgestaltung in Politik, Beziehungen, Beruf und Sexualität fördert und die verschiedenen Lebensformen als gleichwertig anerkennt. Feministische Mädchenarbeit begleitet die Mädchen in ihrer Entwicklung, ohne ihnen vorzugeben, wie Mädchen zu sein haben. Die zweite Voraussetzung für Pädagoginnen ist das Affidamento, das Sichanvertrauen. Das bedeutet, dass Frauen einander Autorität und Wert zuschreiben, auch wenn sie anders sind. Dieses Affidamento schaffe, so Helga Kohler-Spiegel, Schutz und Unterstützung unter den Frauen.
Zum Schluss zeigte die Referentin auf, was Mädchen alles brauchen: Bezugs- und Anlaufstellen, eine Sprache, in der sie selber vorkommen, themenbezogene zeitweilige Trennungen nach Geschlecht, Durchforstung der Lehrpläne und der Schulbücher, der Arbeitsunterlagen und Medien, ein erneuertes Reden von Gott und vom Menschen, alte und neue Geschichten von Frauen mit Gott, Gebete und Lieder von Frauen zu Gott.
Nach dem dichten und informativen Referat fanden sich die Teilnehmerinnen in Gesprächsgruppen ein und diskutierten über das Gehörte. In allen Gruppen wurden Stimmen laut, wie Feministische Mädchenarbeit immer wieder an Grenzen stosse, und viele fragten sich, wie die gehörten Optionen in der offenen Jugendarbeit, in der Katechese und in den Verbänden verwirklicht werden können. Anregungen dazu gaben am Nachmittag dann die verschiedenen Ateliers, die von Frauen geleitet wurden, die auf ihre jahrelangen Erfahrungen in feministischer Mädchen- und Frauenarbeit zurückgreifen konnten.
Im Podiumsgespräch, moderiert von Lisianne Enderli, wurde die «Spannung zwischen Feministischer Theorie und Alltagspraxis in der Arbeit mit Mädchen» diskutiert. Diese Spannung werde die feministische Arbeit wohl immer begleiten. Trotzdem lohne es sich, so die Teilnehmerinnen, «Mädchen darin zu begleiten, dass sie ihren eigenen Weg finden, ihre Eigenständigkeit entwickeln können und entdecken, was sie wollen». In Zukunft müsse man auch vermehrt Bubenarbeit anbieten, die von Männern animiert und geleistet werde, denn das Bewusstsein wachse, geschlechtsspezifische Angebote durchzuführen. Eine zentrale Aussage aus dem Podiumsgespräch ermutigte die Anwesenden, gut zu sich selber zu schauen und wahrzunehmen, was subtil an Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen geschieht.
Die Tagung wurde abgeschlossen mit einer weiteren Theatersequenz, die manches Schmunzeln entlockte, aber auch Fragen stellte.


Anmerkung

1 Das Referat von Helga Kohler-Spiegel wurde veröffentlicht in: Religionspädagogische Beiträge 43/99, 41­53.


Innenrestauration der Hofkirche

von Rolf Weibel

 

In der Stifts- und Pfarrkirche «St. Leodegar im Hof» zu Luzern sind seit 1178, als vom damaligen Kloster eine Leutpriestereistiftung errichtet worden war, Chorgebet und Seelsorge eigenständige und zugleich eng miteinander verbundene kirchliche Tätigkeiten. 1456 wurde das dem Kloster Murbach unterstellte Benediktinerkloster in das heute noch bestehende Chorherrenstift umgewandelt; und so ist die Hofkirche, Patronatskirche von Stadt und Kanton Luzern, heute noch gemeinsames Eigentum des Kollegiat-Stiftes und der Leutpriesterei-Stiftung, deren Stiftungsrat der Katholische Kirchenrat der Stadt Luzern ist. An diesem zweifachen Auftrag als Stiftskirche und als Pfarrkirche soll nichts geändert werden.
In den letzten Jahren hat sich zunehmend die Notwendigkeit einer Renovation dieser über die Kantonsgrenzen hinaus bedeutenden Kirche ­ das ganze Hofkirchenareal steht unter eidgenössischem Denkmalschutz ­ gezeigt. Trotz der ungewöhnlichen Besitzverhältnisse und trotz finanziellen Vorbehalten konnte mit der Innenrenovation unlängst begonnen werden, weil eine Gruppe engagierter Laien aus der Pfarrei St. Leodegar sich unter der initiativen Führung von Anton F. Steffen für eine ungewöhnliche Finanzierung erfolgreich eingesetzt hat. Statt auf ein elitäres Mäzenatentum stellte sie auf das Kirchenvolk, mithin auf ein basisdemokratisches Mäzenatentum ab. Der Verein «Pro Hofkirche» brachte 2,4 Mio. Franken zusammen und machte es dem Kollegiat-Stift und dem Kirchenrat so leichter, ihre jeweiligen Anteile an der Finanzierung zu übernehmen. Für Anton F. Steffen ein Signal, dass die Laien für die Kirche aktiv werden und etwas erreichen können, auch ohne Mitglied einer Behörde zu sein, dass neue Wege der Kirchenfinanzierung möglich sind.
Die Restaurationsarbeiten sollen zu Ostern 2001 beendet werden. Bis dahin dürfen die Katholiken in der benachbarten evangelischen Matthäuskirche Gottesdienste feiern. Pfarrer Gerold Beck dankte an der Medienkonferenz der evangelischen Kirchgemeinde für diese ökumenische Geste.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000