7/2000

INHALT

Berichte

Glaube und Vernunft

von Patrick Weisser

 

Eine der grössten Spannungen im menschlichen Leben besteht zwischen dem, was er zu wissen meint, und dem, was er glaubt, zwischen Vernunft und Glaube also. Soll der Mensch sich von seiner Vernunft oder aber von seinem Glauben leiten lassen? Diese Frage zieht sich durch die ganze Geschichte der Menschheit hindurch. Sie stellt sich dort verschärft, wo der Mensch an einen Gott glaubt, den er nicht sieht. Es erstaunt deshalb nicht, dass sich Christen aller Zeiten immer wieder mit der Spannung zwischen Glaube und Vernunft auseinandergesetzt haben, und es ist im Grunde nur zu verständlich, dass Papst Johannes Paul II. zu diesem Thema eigens eine Enzyklika verfasst hat: Fides et ratio ­ Glaube und Vernunft.
An der diesjährigen Thomas-Akademie der Theologischen Schule des Klosters Einsiedeln sprach der Churer Weihbischof Dr. Peter Henrici SJ über diese Enzyklika und ihre Ausführungen zum Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft. P. Henrici, Theologe und Philosoph, bis zu seiner Ernennung zum Weihbischof 1993 Professor und Dekan der Philosophischen Fakultät an der Jesuiten-Universität Gregoriana in Rom, ist in besonderer Weise kompetent, das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft auszuleuchten. Die folgenden Zeilen fassen seine Ausführungen in einfacher Weise zusammen.
Wozu, so fragen sich viele Christen, sollen wir uns mit dem Denken nicht- oder andersgläubiger Menschen abmühen, wenn wir im Glauben an Christus die endgültige Antwort auf die Frage nach dem Sinn unseres Lebens bereits erhalten haben? Andere Christen dagegen versuchen, den Glauben durch Vernunftgründe zu beweisen. Menschen wiederum, die dem Christentum distanziert gegenüber stehen, sehen im Glauben geradezu einen Angriff auf die Eigenständigkeit und Würde der menschlichen Vernunft. All diese Ansichten, so unterschiedlich sie auch sein mögen, stellen das Verhältnis zwischen Vernunft und Glauben zu einseitig dar. Es gilt, die komplexen Beziehungen zwischen Glaube und Vernunft an tieferer Stelle zu suchen.
1. Das menschliche Denken, die menschliche Vernunft ist der einzige gemeinsame Boden, auf dem Christen wie Nichtchristen, Gläubige wie Nicht- oder Andersgläubige miteinander überhaupt ins Gespräch kommen können, ohne aneinander vorbei zu reden. Mit anderen Worten: Die Vernunft, nicht der Rückgriff auf Bibel und Offenbarung, ermöglicht den Gedankenaustausch zwischen Menschen unterschiedlicher philosophischer und religiöser Ansichten. Bereits der Apostel Paulus scheut sich deshalb nicht, zu den Griechen in Athen in der Sprache ihrer Philosophie zu reden (Apg). Weil alle Menschen vernünftiger Überlegung fähig sind, aber nicht alle denselben religiösen Glauben teilen, ist die Aufgabe der Vernunft im Dialog zwischen den verschiedenen Religionen, zwischen Religion und Atheismus eine unschätzbare.
2. Die menschliche Vernunft kann und soll den christlichen Glauben von abergläubischen Vorstellungen reinigen. Noch einmal ist es bereits Paulus, der die Vernunft zu diesem religionskritischen Zweck einsetzt (Röm). In der Zeit der blühenden Esoterik, in der Menschen alles Mögliche und Unmögliche glauben, ist die Wichtigkeit dieser Läuterungsfunktion der menschlichen Vernunft nur noch gestiegen.
3. Der Christ glaubt an die Erlösung der Welt durch den Tod Jesu Christi am Kreuz. Dieses Fundament des christlichen Glaubens bedeutet für die menschliche Vernunft eine radikale Herausforderung, wie schon Paulus betont (1. Korintherbrief). Denn die menschliche Vernunft steht hier vor etwas, das sie aus eigener Kraft nicht mehr zu erklären vermag. Dies bedeutet jedoch nicht einfach eine Kapitulation der Vernunft vor dem Glauben, sondern im Gegenteil ihre Herausforderung: Die Vernunft erkennt ihre eigenen Grenzen und kann nicht mehr leichtfertig auf unbegrenzte Leistungen hoffen. Sie ist berufen, eine Wahrheit zu suchen, die über ihre eigenen Grenzen hinausgeht. In der Vernunft selbst liegt ein Streben nach etwas, das weit über sie selbst hinausreicht. So etwa formuliert es im Mittelalter der Benediktiner Anselm von Canterbury (1033­1109).
4. Befreit vom Anspruch, die Wahrheit aus eigener Kraft immer schon erkannt haben zu müssen, kann sich nun die menschliche Vernunft ganz frei ihrer eigentlichen Aufgabe widmen: der Suche nach der Wahrheit. In dieser selbst gewählten Orientierung an der Wahrheit erfährt das menschliche Denken seine radikalste Freiheit und Unabhängigkeit. Weil die Vernunft durch das Geheimnis des Kreuzes vom Anspruch befreit wird, die Wahrheit schon gefunden zu haben, wird paradoxerweise gerade der Gläubige dazu befreit, mit der ganzen Kraft seiner Vernunft nach Wahrheit zu suchen. Es ist diese enorme geistige Freiheit, die ­ entgegen vieler traditioneller Vorstellungen ­ Thomas von Aquin auszeichnet: Nur aufgrund dieser radikalen Offenheit für die Wahrheit, egal welcher Herkunft, wird verständlich, weshalb Thomas es gewagt hat, die Philosophie des zu seiner Zeit umstrittenen griechischen Heiden Aristoteles voll und ganz in das christliche Denken aufzunehmen. Alles Wahre, woher es auch immer stammen mag, wer auch immer es sagt, stammt von Gott ­ das ist die radikal freie geistige Einstellung des Thomas von Aquin.
5. Schliesslich ist die Vernunft auch in ganz praktischer Hinsicht von Bedeutung: Zur Verwirklichung einer Gesellschaft nach christlichen Grundsätzen ist es nämlich notwendig, dass die christlichen Vorstellungen auch für Menschen anderer Überzeugungen einsichtig sind. Mit anderen Worten: Nur ein vernünftiges Christentum vermag Welt, Kirche und Gesellschaft zum Besseren zu verändern. (Das war der eigentliche Grund, weshalb Papst Leo XIII. 1879 die Kirche zum Studium der Lehre von Thomas von Aquin verpflichtet hat.)
Was also hat Glaube mit Vernunft, Vernunft mit Glaube zu tun? Die Antwort auf diese Frage, so Henrici, ist so vielschichtig wie das Leben selbst.

 

Dr. P. Patrick Weisser OSB ist Sekretär der Theologischen Schule der Benediktinerabtei Einsiedeln.


Diakonie in den Pfarreien von Deutschfreiburg

von Marie-Thérèse Weber-Gobet

 

Die in der Pfarreiseelsorge Tätigen werden tagtäglich an der Pfarrhaustür, auf Hausbesuchen oder in Einzelgesprächen mit sozialen Problemen konfrontiert. Es gehört auch zur Aufgabe der Kirche, Menschen dort zu helfen, wo der Alltag sie überfordert. Für diese Hilfestellung stehen in Deutschfreiburg verschiedene kirchliche Strukturen zur Verfügung. Sie standen im Zentrum der letzten Dekanatsversammlung der hauptamtlich in der Seelsorge Tätigen Deutschfreiburgs im Bildungszentrum Burgbühl, St. Antoni.

Vinzenzkonferenzen leisten unbürokratische Hilfe

Fast in jeder Pfarrei besteht eine Vinzenzkonferenz oder ein Vinzenzverein, die sich zum Ziel gesetzt haben, innerhalb ihrer Pfarrei Menschen in finanziellen Notlagen zu helfen und allenfalls auch seelisch-moralisch zu unterstützen und zu begleiten.
Als Vertreter der Deutschfreiburgischen Vinzenzgemeinschaften erläuterten Markus Jungo, Präsident des Ortsrates der Vinzenzkonferenzen Deutschfreiburgs, und Josef Jungo, Präsident des Vinzenzvereins Düdingen, kurz die Aufgaben ihrer Organisation und äusserten anschliessend vor allem ihre Anliegen. So sei es für sie manchmal schwierig, überhaupt Kenntnis zu erhalten von Not leidenen Menschen innerhalb ihres Wirkungskreises. Die Tendenz zu Anonymität nehme zu und das strenge Datenschutzgesetz verhindere vieles. Beide betonten den spontanen, unbürokratischen Charakter ihrer Dienstleistung. Darin liege die grosse Stärke der Vinzenzkonferenzen gegenüber Angeboten der öffentlichen Hand. Sie wünschen sich von Seiten der Seelsorge mehr Informationen und ansonsten eine nicht zu starke Reglementierung, um die Spontaneität ihrer Hilfe aufrechterhalten zu können.

Caritas will Diakonie in den Pfarreien stützen

Eine andere, für den ganzen Kanton Freiburg angelegte kirchliche Sozialinstitution ist die Caritas Freiburg. Seit gut einem Jahr wieder mit einem Büro in der Stadt Freiburg präsent, kommt die Caritas dort zum Einsatz, wo die öffentliche Hand aufgrund ihrer gesetzlichen Vorschriften nicht mehr tätig ist. Ilse-Marie Cottier und Florence Butty, beide teilzeitlich bei Caritas Freiburg angestellt, erläuterten den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, was die Stelle bis jetzt leisten konnte und welches ihre mittel- und langfristigen Ziele sind.
Ein grosses Anliegen dieser überregionalen Hilfsorganisation, die sich noch in der Aufbauphase befinde und mit einem Minimum an finanziellen Mitteln auskommen müsse, sei die Vernetzung der kirchlichen Hilfsangebote im Kanton. Deshalb habe die Caritas in der Person von Florence Butty jemanden für die Projektarbeit in den Bezirken angestellt. Pfarreien und ortsansässige Hilfsgruppen könnten in Zukunft von dieser Stelle profitieren, indem sie bei geplanten Projekten mit Unterstützung und Begleitung von Seiten der Caritas rechnen dürften. An die Anwesenden richtete die Caritas den Wunsch ­ wie in der Behindertenseelsorge bereits verwirklicht ­ die Bestimmung eines Zuständigen für Fragen der Sozialhilfe in jeder Pfarrei an die Hand zu nehmen. So liesse sich ein Netzwerk besser aufbauen und koordinieren.
Die anwesenden Seelsorgerinnen und Seelsorger äusserten den Wunsch nach einem umfassenden Nachschlagewerk mit Adressen von Hilfsstellen für alle spezifischen Probleme, mit denen sie im Seelsorgealltag konfrontiert werden.

Haus der Gesundheit ­ ein ganz konkretes Hilfsangebot

Nicht selten holen Menschen, die in einer Lebenskrise stecken, Hilfe in der Seelsorge. Ein ganz konkretes Hilfsangebot für solche Menschen könnte in Zukunft das in Deutschfreiburg geplante «Haus der Gesundheit» sein. Es versteht sich als Alternative zur Psychiatrischen Klinik in Marsens. Wie Therese Hofer, eine der Initiantinnen, ausführte, sollen in diesem Haus sieben Menschen stationär für die Dauer von höchstens drei Monaten aufgenommen und mit ganzheitlichen, alternativen aber auch herkömmlichen Heilmethoden behandelt werden. Gearbeitet werde mit internen Fachleuten, es würden bei Bedarf aber auch Experten von aussen einbezogen. So wünscht sich Therese Hofer für das Haus der Gesundheit eine «Hausseelsorgerin oder einen -seelsorger» für jene, die auch eine seelsorgerliche Begleitung beanspruchen möchten. Ende Jahr hoffen die Initiantinnen die ersten Hilfesuchenden aufnehmen zu können.
Eine grosse Herausforderung diese Projektes ist die Finanzierungsfrage. Diesbezüglich erhofft man sich auch Unterstützung von Seiten der Seelsorge und der Pfarreien Deutschfreiburgs.

Deutschfreiburger Kirchentagung und Begegnungsnacht für Jugendliche

Das Bistums-Projekt AD 2000 kommt in die Endphase; am 4. Juni findet es seinen offiziellen Abschluss mit dem grossen Bistumsfest in der Stadt Freiburg. Als Verantwortlicher für das Dekanat Deutschfreiburg informierte Rolf Maienfisch über die Höhepunkte im Prozess AD 2000.
Auch an der Deutschfreiburger Kirchentagung vom 11./12. Februar standen die Inhalte von AD 2000 im Zentrum.
Am kommenden 7./8. April findet unter dem Titel «Out of the Dark ­ Into the Light» für die Jugendlichen Deutschfreiburgs eine Begegnungsnacht statt. «Wir werden in der Unterstadt den dunklen Seiten des menschlichen Lebens begegnen. Menschen sind bereit, uns an einer schwierigen Phase ihres Lebens teilhaben zu lassen», so Pfarrer Francis Ducrey, Mitorganisator, über ein Angebot dieser Begegnungsnacht. Organisiert wird der Anlass durch eine Untergruppe der Kantonalen Kommission für Berufungen.

 

Marie-Thérèse Weber-Gobet ist Leiterin der deutschsprachigen Informations- und Medienstelle des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000