5/2000

INHALT

Berichte

"Katechetische Nachqualifikation"

von Eugen Koller

 

Dreizehn Frauen und ein Mann liessen sich in einem zweijährigen berufsbegleitenden Ausbildungskurs erstmals zu Katechetinnen bzw. zum Katecheten im Hauptamt ausbilden und erhielten Ende November 1999 im Zentrum St. Agnes in Luzern ihr Zertifikat.<1>
Im Rückspiegel zum Leitbild aus dem Jahr 1997 des Institutes für Fort- und Weiterbildung der Katechetinnen und Katecheten (IFOK) ist zu lesen: «Mit dem Projekt ÐVom Nebenamt zum Hauptamtð haben das Insititut für Fort- und Weiterbildung der Katechetinnen und Katecheten (IFOK) und das Katechetische Institut Luzern (KIL) einen Auftrag der Interdiözesanen Katechetischen Kommission (IKK) aufgenommen und damit einem Bedürfnis entsprochen. ... Es waren alles Leute, die nach einer Ausbildung zum Nebenamt seit Jahren hauptamtlich tätig sind oder ein Hauptamt anstreben.
Ein grosser Erfahrungshorizont und die verschiedensten Verantwortlichkeiten in der Pfarrei motivierten die Kursteilnehmer/Kursteilnehmerinnen zu hohem Lernengagement. Die Ausbildung brachte deutlich kritische Stimmen ein zur katechetischen Berufsentwicklung, zur Frage der Anerkennung der Erfahrungskompetenz und zur Einschätzung und Einstufung nebenamtlicher und teilamtlicher Arbeit. Es muss in diesem Bereich noch viel an Bewusstseinsbildung und politischer Aufklärung geleistet werden.» Nick Sieber, der das Pilotprojekt mit 63 Kurstagen leitete, schreibt dies und zeigt sich überzeugt, dass es neue Zugänge zu pastoralen Berufen brauche. Es sei in der heutigen Zeit grundsätzlich zu fragen, welche Kompetenzen in der heutigen Situation der Kirche und in dieser Gesellschaft nötig sind, um in einem kirchlichen Beruf bestehen zu können. Die massgeblichen Entscheidungsträger hätten diesbezügliche Entscheidungen zu fällen.
Der Kurs richtete sich an Katechetinnen und Katecheten, die eine nebenamtliche Ausbildung abgeschlossen haben, 30 Jahre alt sind und mindestens 5 Jahre katechetisch tätig waren. In der Regel werden sie nach der Ausbildung zu mehr als 50 Prozent katechetisch tätig sein. Die Ausbildung wollte die persönlichen, fachlichen und berufsspezifischen Kompetenzen der Teilnehmer/Teilnehmerinnen erhöhen, damit sie den Anforderungen eines Hauptamtes gerecht werden. Erreicht wurde dieses Ziel mit der berufsbegleitenden Ausbildung in der sozialen, theologischen, spirituellen, pädagogischen und didaktischen Kompetenz. Massgeblich mitfinanziert wurde der Ausbildungsgang durch das Fastenopfer und die Römisch-katholische Zentralkonferenz (RKZ).

Möglichkeit zur Nachqualifikation schaffen

Nach Professor Karl Kirchhofer (Leiter IFOK) haben viele nebenamtliche Katechetinnen und Katecheten entsprechend zu ihrer Ausbildung zu grosse Pensen (für nebenamtliche Katecheten/Katechetinnen sind sechs bis acht Wochenstunden vorgesehen) und sind als nebenamtliche Katechesekräfte unterbezahlt. «Deshalb wollten wir die Möglichkeiten zu einer Nachqualifikation schaffen», meint Karl Kirchhofer. Die Zusammenarbeit mit dem Katechetischen Institut erwies sich als sehr positiv. «Alle Teilnehmenden brachten eine grosse Erfahrung, riesiges Engagement und eine entsprechende Lernfähigkeit mit, weshalb auch die Dozierenden sehr gerne unterrichteten.»
Die Ausbildung erbrachte durch Selbststudium und Kolloquien das theologische Basiswissen und bestand in 63 Kurstagen in 14 Fächern bei 20 Dozentinnen und Dozenten. Neben den mündlichen Prüfungen galt es vier schriftliche Projektarbeiten in den religionspädagogischen Fächern abzuliefern.
13 Frauen und ein Mann aus neun Kantonen erhielten nach der Eucharistiefeier das Zertifikat von Professorin Helga Kohler-Spiegel (Trägerschaftspräsidentin) und Professor Karl Kirchhofer. Ausbildungsleiter Nick Sieber sprach von einem «anspruchsvollen Ausbildungsgang mit rund 500 Lektionen, der Spuren hinterlassen hat und motiviert».

Viel investiert und Neues gewagt

Predigerin Helga Kohler-Spiegel ging im Gottesdienst der Zertifikationsfeier unter dem Thema «aufbrechen» auf Elisabeth und Maria ein, die allen Hoffnungslosigkeiten zum Trotz aufgebrochen sind. In der Begegnung der beiden Frauen zeigte sich Gott. «Es ist eine Geschichte von erfüllten Hoffnungen, die uns Lukas im 5. Kapitel erzählt.» Sie sprach von einem gelungenen Kurs. «Ihr habt viel investiert und euch eingelassen, habt Neues gewagt und erfahren und hattet viele Begegnungen.» Eine Kursabsolventin ging auf den Leitgedanken des Kurses ein: Sachen klären ­ Menschen stärken. Sie nannten sich im Gegensatz zu den diplomierten und nebenamtlichen Katechetinnen «exklusive Katecheten/Katechetinnen», da sie bis zum zweiten Abschluss dieses Ausbildungsganges die einzigen so ausgebildeten Katechetinnen und Katecheten seien.
Karl Leimgruber, Luzern (katechetisch tätig in Giswil und Sachseln [OW]), äusserte rückblickend auf die Ausbildung: «Die Ausbildung war zeitintensiv. Manchmal war es schwierig, zwischen der praktischen Arbeit und der Ausbildung die richtige Balance zu finden, doch die Ausbildung war sehr interessant und hat mir den theoretischen Hintergrund meiner beruflichen Tätigkeit aufzeigen können.» Der «fürsorgliche und kämpferische» Ausbildungsleiter Nick Sieber und die Verantwortlichen erhielten eine Baustellen-Verkehrstafel mit dem Hinweis, weiter am Konzept zu bauen. Laut Karl Kirchhofer werden jetzt der Pilotkurs evaluiert und Verbesserungen geplant. Der nächste Kurs ist für das Jahr 2001 geplant und die Nachfrage jetzt schon gross.


Anmerkung

1 Die Absolventinnen und Absolventen des Ausbildungskurses vom Nebenamt zum Hauptamt:
Carla Bättig, Menziken (AG); Marie-Pierre Böni, Hohenrain (LU); Beatrice Borer-Wyss, Breitenbach (SO); Anneliese Camenzind, Köniz (BE); Esther Geisser-Tobler, St. Gallen (SG); Barbara Hollenstein-Wälti, Herisau (AR); Marianne Krummenacher, Teufen (AR); Karl Leimgruber, Luzern (LU); Rita Neff-Manser, Winterthur (ZH); Dorothea Portmann, Brüttisellen (ZH); Ursula Schwander Jäggi, Laufen (BL); Madeleine Volken, Naters (VS); Hanni Vonlanthen, Schneisingen (AG); Lisbeth Wey-Renggli, Wohlhusen (LU).


"Generation @ auf Sinnsuche"

von Sandra Dietschi

 

Die junge Generation als ÐGeneration @ð zu bezeichnen ist wohl gewagt, doch bestimmt nicht ganz abwägig» ­ mit diesen Worten eröffnete Nick Sieber, Mitglied der Institutsleitung IFOK, am 10. November 1999 im Pfarreizentrum Liebfrauen in Zürich den Denktag 99. Es sei Aufgabe religionspädagogischer Bemühungen, in einer Zeit atemberaubender medialer Entwicklungen dieser «Generation @» Erfahrungsräume zu öffnen, wo das Suchen nach eigenen Lebensentwürfen und nach Lebenssinn sich entfalten kann.
Der Denktag 99 entstand in Zusammenarbeit mit dem IFOK (Karl Kirchhofer, Lisianne Enderli, Nick Sieber) und der OST-Projektgruppe (Marie-Theres Beeler, Regula Schmid, Peter Sury). Aus den Arbeitserfahrungen und zur Weiterführung der Anliegen aus dem «OST-RU-Projekt» hat die Arbeitsgruppe folgende Tagungsziele formuliert: 1. Die gesellschaftliche Situation von heute reflektieren. 2. Die Lebenskonzepte Jugendlicher in dieser Gesellschaft erkennen und die eigenen diesbezüglichen Erfahrungen mit Jugendlichen überprüfen. 3. Die religionspädagogischen Konsequenzen für die Praxis in OST-RU und Jugendarbeit erarbeiten. 4. Entwicklungsperspektiven für die genannten Praxisfelder entwerfen.

Reflexion der Lebensbewältigung Jugendlicher im vorgegebenen gesellschaftlichen Umfeld

«Stellt euch vor, die Gesellschaft sei ein Gebäude. Zeichnet als Gruppe dieses Gebäude nach euren Vorstellungen und platziert in und um dieses Gebäude herum Jugendliche auf Sinnsuche.»
In Gruppen mit gleichen Praxisfeldern wurde diese Aufgabenstellung bearbeitet und eingehend diskutiert. Das anschliessende Plenum präsentierte eine breite Palette verschiedenster «Sinn-Gebäude»: vom Glashaus mit mehreren Ein- und Ausgängen bis hin zum Riesenrad, an dem sich verschiedene «Szenen-Kabinen» um die Sinnsuche Jugendlicher drehen. Zusammenfassend konnte festgestellt werden, dass die Kirche in den Bildern so gut wie nicht präsent war und keine Einigkeit darüber herrschte, was mit Sinnsuche letztendlich gemeint ist: Orientierung...? Unterhaltung...? Etwas ganz anderes...?

Analyse der Sinnsuche Jugendlicher aus soziologischen und entwicklungspsychologischen Perspektiven

Dominik Schenker, Assistent am Pädagogischen Institut in Freiburg (Fritz Oser) und Bundespräses VKP, setzte sein Referat unter den Titel: «Was hat das für einen Sinn?» Er gliederte seinen Gedanken in drei Schwerpunkte:

  1. Der Weg zum Lebenssinn. Mit dem «Weg zum Lebenssinn» skizzierte Dominik Schenker das Schreiben an der eigenen Biografie als Deutung der Vergangenheit und Entwicklung von Zukunftsperspektiven mit der Einbettung dieser Biografie in eine «Weltordnung». Als Hindernisse auf dem Weg der Sinnsuche bezeichnet er unter anderem das Fehlen von Anlässen, welche eine Sinnsuche begünstigen.
  2. Sinnsuche heutiger Jugendlicher aus soziologischer Perspektive. Nach der Auflösung der traditionellen Milieus sind wir heute konfrontiert mit einer modernen Arbeitswelt, welche Mobilität, Anpassung und lebenslanges Lernen verlangt. Unter diesen Vorzeichen besteht einerseits die Möglichkeit, die Herkunftsschicht zu verlassen und die eigene Biografie aktiv zu gestalten, andererseits zeigt sich aber auch ein umfassender Zwang der Wahl auf verschiedensten Ebenen.
    Konsequenzen für die Religion sind: Religiöse Einstellungen werden nicht mehr unreflektiert übernommen. Man/Frau muss seine/ihre religiösen Einstellungen begründen. Auch die Kirche muss sich rechtfertigen, da sie sich immer weniger auf Traditionen berufen kann.
  3. Sinnsuche Jugendlicher aus entwicklungspsychologischer Perspektive. Mit dem Fokus auf die 12- bis 18-jährigen Jugendlichen gliedert Dominik Schenker diese Perspektive in drei Hauptschwerpunkte: Verarbeitung der körperlichen Entwicklung, Aufbau der persönlichen und sozialen Identität, Funktionale Zukunftsplanung.

Würdigung der Religion: Jugendliche leben in eigenen religiösen Welten. Es stellt sich die Frage, wie wir mit diesem Hintergrund miteinander ins Gespräch kommen. Im Weiteren ist festzustellen, dass die Sinnfindung eine sehr hohe ICH-Leistung verlangt (Manager/Managerin meiner Sinnsuche).

Standortbestimmung

In der Konfrontation der Erkenntnisse der Reflexionsarbeit mit den Einsichten aufgrund des Referates bildeten sich folgende Fragen: Ist die «Sinnsuche Jugendlicher» nur unser Thema ­ oder können wir Jugendliche mit dem Anspruch auf Sinnsuche auch überfordern? Brauchen Jugendliche eine religiöse Beheimatung? Wie sieht diese aus? Wie lautet in diesem Zusammenhang unser Auftrag? Wie sieht ein Angebot reflektierter Sinnsuche aus? Kann OST-RU/JA ein solches Angebot abdecken? Wie lauten die entsprechenden Kriterien? Sollten nicht anstelle von Grossveranstaltungen wieder vermehrt die kleinen Zellen in der Pfarrei gefördert werden?

Fazit

Die schwierige «Arbeit» der Sinnfindung, die Jugendliche leisten, ist unbedingt zu würdigen. Die Auseinandersetzung mit der Sinnfrage kann nicht verordnet werden.
Es ist in diesem Zusammenhang eine ganzheitliche Begleitung von Personen mit ihrer Authentizität gefordert. Da Religion bei uns ein stark privatisiertes Thema geworden ist, müssen wir wieder lernen, unsere Gedanken zum Thema Religion auszutauschen.

Entwicklungsperspektiven

In welchen Gefässen kann sich aufgrund der bisherigen Erkenntnisse künftig «religiöse Bildung und Begleitung Jugendlicher» ereignen? Welche Synergien und Vernetzungen sollen künftig aktiviert werden? Aufgrund dieser Fragestellungen formulierten die Teilnehmenden konkrete Postulate an die entsprechenden Institutionen, Ausbildungsstätten und Verbände:

 

«Generation @» auf Sinnsuche...! oder: Das Rad dreht sich weiter...?

Wir (Religionspädagogik/Jugendarbeit) müssen uns heute fragen, ob die Angebote und Ansätze für Jugendliche der heutigen Gestalt des Jugendalters noch entsprechen. Was meint ein Mann der ersten Stunde mit einer reichen Erfahrung nach einem Tag des Nachdenkens zu diesen Fragen? Karl Kirchhofer: «Wir müssen den Lernort Schule neu überdenken und neu definieren. Unsere Schule ist eine Leistungsschule die primär Wissensvermittlung zulässt. Was ist bezüglich unseres Auftrages in diesem Umfeld möglich? Welche alternativen Gefässe bieten sich an? Was müssen wir tun zur Steigerung der Lebensqualität Jugendlicher? Diese Fragen zeigen die Notwendigkeit auf, dass in Zukunft Jugendarbeit und OST-RU bestens vernetzt sein muss. Denn der Lernort Schule und der Lernort Jugendarbeit sind nicht zu vermischen.»

«Auf dass der bevorstehende Millenniums-Sprung zum Entscheidungssprung anregen soll!» Mit diesen Worten beschliesst Nick Sieber den Denktag 99.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000