48/1999 | |
INHALT | |
Wortmeldung |
Mit recht grosser Genugtuung habe ich den Artikel von Markus Thürig
über männliche Homosexualität in der Kirchenzeitung (44/1999)
gelesen. Ich hoffe, dass die differenzierte Darstellung aus psychologischer
Perspektive ebenso kompetente, (kontroverse) Reaktionen auslöst. Der
Beitrag kann Auftakt sein, die verschiedenen Aspekte der gleichgeschlechtlichen
Liebe auch innerhalb der katholischen Kirche Schweiz offen zu diskutieren.
Wenn weitere theologische und biblische, historische und ethische Gesichtspunkte
miteinbezogen werden, wird es auch in breiter Bevölkerung zu einer
erneuerten, christlichen Beurteilung von Homosexualität kommen. Diese
ist um der Glaubwürdigkeit der Kirche willen heute notwendig, sowohl
im Rückblick auf die wesentlich mitverursachte Diskriminierung von
Homosexuellen in der Geschichte, wie auch als konstruktiver Beitrag zur
brennenden Zeitfrage der Findung von Rollen-, Geschlechtsidentität
und Persönlichkeitsentwicklung.
Einige kritische Bemerkungen zu den Darlegungen von Markus Thürig möchte
ich anfügen:
Die Wahrnehmung von verschiedenen Formen der Homosexualität und ihre
Einordnung und Beurteilung im Horizont einer Persönlichkeitsentwicklung
ist sehr zu begrüssen. Nur gilt dies auch für den so genannten
Heterosexuellen. Therapeutische Massnahmen auch im Sinne einer umfassenden
Persönlichkeitsentwicklung sind bei beiden Gruppen nur für
jene notwendig, die wirklich psychische Probleme haben. Von Homosexuellen
eine ideal integrierte Sexualität zu erwarten, die auch von Heterosexuellen
kaum erreicht wird, würde als absolutes und unvermitteltes Ideal Schaden
anrichten.
Die psychischen Schwierigkeiten von Homosexuellen sind wesentlich durch
eine gesellschaftliche und kirchliche Struktur mitverursacht, die ihnen
vielleicht immer weniger explizit, aber immer noch implizit eine Existenzberechtigung
bestreitet: keine positiven Rollenmodelle; keine sozialen Foren, sich zu
treffen und auszutauschen; keine Institutionen, die diese Lebensform stützen
und schützen. Therapeutische Hilfestellung und individuelle Betreuung
sind von der Kirche daher wichtige, aber keineswegs ausreichende Angebote.
Strukturierter, alltäglicher Lebensraum muss geschaffen werden, in
dem Homosexuelle und Heterosexuelle in gegenseitigem Respekt leben können.
Schliesslich braucht es sicherlich im langen Prozess der kirchlichen
Entkrampfungen gegenüber der gleichgeschlechtlichen Liebe besondere
Foren, in denen die Betroffenen sich selbst organisieren können. In
diesem Sinne besteht seit langem die Vereinigung «Homosexuelle und
Kirche» (HuK) und seit einigen Jahren auch der «Verein Schwuler
Seelsorger Schweiz» (VSSS) und dessen Förderkreis. Sie als Gesprächspartner
ernst zu nehmen, ist der Prüfstein, ob wirklich mit Homosexuellen in
der Kirche ein Weg gegangen und nicht nur über sie verhandelt wird.
Zuschriften an Chr. M. R. werden von der Redaktion weitergeleitet.