15/1999

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Wortmeldung

Brauchen wir eine Metapherntheologie?

Verschiedene Osterartikel katholischer Autoren veranlassen mich zu folgender Überlegung: Gehen wir von «Fakten des Glaubens» aus und deuten sie auf unser Leben hin, oder nehmen wir unser Leben als einzig bedeutsames Faktum, das wir in Glaubenserzählungen und Glaubenslehren nur mehr als Metaphern (Bilder) widergespiegelt sehen?
Zwei Beispiele: Das Kreuz ist kein Erklärungsmuster für wirtschaftliche Unterdrückung und sexuelle Ausbeutung (das gibt und gab es bekanntlich auch ausser- und vorchristlich); man wäre dankbar für stringente historische Argumentation, Behauptungen sind nicht hilfreich. ­ Was es mit der «Auferstehung» Christi als «Glaubensfaktum» auf sich hat, ist anscheinend unwichtig, die Hauptsache ist, wenn Auferstehung irgendwo unter den Menschen geschieht ­ und damit hat es sich dann auch. Ich sage ausdrücklich «Glaubens-Fakten» ­ denn ich meine natürlich nicht, dass es sich um Fakten im Sinne des 19. Jahrhunderts handelt (denn in diesem Vorstellungsschema stecken die, die sie rundweg bestreiten oder leichthin auf sich beruhen lassen). Mit andern Worten, es gibt Erkenntniszugänge zu Wirklichkeiten, die nicht eindimensional verengt werden dürfen zugunsten eines einzigen.
Dass übrigens das Kreuzigungsgeschehen unmittelbar mit dem Auferstehungsfaktum zu tun hat, ist in der lateinischen Karfreitags-Liturgie längst bekannt (das «Hagios o Theos» ist Hinweis auf den Sieg im Osterereignis). Das dürfte sich auch sonst herumgesprochen haben, so dass man nicht mehr immer gegen eine einseitige Darstellung polemisieren müsste. Zwar pflegt man die Auferstehung meist nicht gerade rundherum zu bestreiten (als reines Phantasieprodukt), aber sie wird sehr nebulös dargestellt, und es stehe beliebig frei, sie zu deuten, wie man will. Und welche Theologie mag angesichts von Kosovo, Rwanda, Tibet usw. ­ aber auch angesichts der allseits verbreiteten Unsicherheit bei uns ­ langfristig tragfähiger sein: die von Kreuz und Auferstehung Christi (immer beides zusammen!) oder die von der lustvollen Auferstehung der Frauenkörper? Die Begründung für dieses berechtigte Anliegen könnte man mit mehr Stichhaltigkeit auch etwas näher suchen.
Noch einmal die Frage: Gilt noch immer: «Glaube ist die Wirklichkeitsgrundlage für das, worauf man hofft, der Nachweis von Dingen, die man nicht sehen kann» (oder wie immer die Übersetzung von Hebr 11,1 lauten mag; vgl. Hebr 1,3, wo es von Christus heisst, er sei «das Aufleuchten seiner [Gottes] Herrlichkeit und die Ausprägung seiner Wirklichkeit [seines Wesens]», ebenfalls hypostasis) ­ oder geht es um ein vages subjektivistisches Meinen? Es geht nicht um «représentations» (eingebildete Vorstellungen) wie in allen Ideologien, sondern um ein «Erfassen» (im Sinne Newman's) von «Glaubens-Fakten» im Christentum, das keine Buchreligion, sondern eine Person-Religion ist, das Festhalten an einer historischen Person, die geboren wurde, gelebt und gelitten hat, gestorben ist, begraben wurde und zum «Hades» abstieg- und auferstand! Er sendet uns ins Handeln, nicht unser Handeln findet bei ihm passende bildhafte Erklärungsmuster.

Iso Baumer


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999