12/1999

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Wortmeldung

Die Juden

Es ist schön, an einem sommerlichen See zu sitzen, wenn sich der Wasserspiegel blau und wie leise atmend zum fernen Ufer ausstreckt. Und es ist immer wieder spannend, ein Schiff weit draussen vorbeiziehen zu sehen und dann zu erleben, wie erst nach einer langen Weile seine aufgepflügten Wellen ans Ufer klatschen. Ein wenig ähnlich muss da das Pontifikat des Papstes Johannes XXIII. heute erscheinen. Wie ein Schiff auf dem See ist es weitergezogen und erst jetzt «klatschen seine aufgepflügten Wellen zu uns ans Ufer».
Zu denken ist vor allem an das grosse Thema «Die Juden». Der Konzilspapst Johannes XXIII. hatte dabei eine Wende herbeigeführt, indem er den Wortlaut der Fürbitte in der Karfreitagsliturgie ­ was die Juden anbetrifft ­ ganz neu formuliert hat. Während der alte Text sich «auf die Bekehrung der ungläubigen Juden» fixiert hatte (wobei der jeweilige Ruf zum Beugen der Knie allein bei dieser Fürbitte nicht erfolgte!), spricht die Fürbitte heute in der Karfreitagsliturgie die wunderbaren Worte: «Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat. Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will. ÐBeuget die Knie.ð»
Einer der Nachfolger des Konzilspapstes Johannes XXIII., Papst Johannes Paul II., hat diese Wende in die Tat umgesetzt. Als erster Papst überhaupt betrat er eine Synagoge, die alte Synagoge in Rom. Er betrat sie ohne Berechnung, ohne Forderung, sondern als ergriffener Gast bei seinen ergriffenen Gastgebern. Auch der neue Katechismus (KKK) greift die Wende in der Karfreitagsliturgie auf. Vorträge und Zeitungsbeilagen folgen. Eine Entspannung ohnegleichen will ihren Anfang nehmen im neuen Jahrtausend. Die aufgepflügten Wellen des Pontifikates von Johannes XXIII. sind an unserem Ufer angekommen.

Lore Dürr


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999