44/1999 | |
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Kirche in der Welt |
Nach einem eidgenössischen Ereignis, das vor allem durch den Erfolg einer politischen Gruppe gekennzeichnet ist, die den Abschluss gegenüber Europa auf ihre Fahnen geheftet hat, von einem Ereignis zu berichten, das zugegeben von einer innerkirchlichen Öffnung gegenüber Europa sprach, ist nicht leicht. Es hat sich ja gezeigt, dass diese «Angst» vor Europa besonders in katholischen Gebieten der Schweiz stark ausgeprägt ist. Johannes Paul II. hat in seiner Ansprache am Sonntag nach dem Abschluss der Europa-Synode vor mehreren tausend Pilgern auf dem Petersplatz gesagt, aus dem Verlauf der Bischofs-Synode ergebe sich «mit Nachdruck die Forderung nach einer erneuerten und mutigen Evangelisierung, nach einer breit angelegten missionarischen Aktion». Diese «Neu-Evangelisierung» auf die der Papst seit längerer Zeit immer wieder zu sprechen kommt müsse den veränderten Bedingungen in Europa Rechnung tragen. Er umschrieb diese veränderten Bedingungen mit den Worten, Europa werde «immer multi-ethnischer und immer multi-kultureller». Genau das aber ruft bei vielen Schweizerinnen und Schweizern Albträume hervor. Die Identität der Schweiz könne nur gerettet werden, so meinen sie, indem man sich abschottet vor dieser Entwicklung.
Was die letzte der von Johannes Paul II. zur Vorbereitung des Jubiläums-Jahres
2000 einberufene Kontinental-Synoden geprägt hat, war das Erlebnis
des «neuen Europa», wie es etwa im Brief von Romano Prodi, dem
Präsidenten der Europäischen Gemeinschaft, zum Ausdruck kam. Werte,
die heute das menschliche Zusammenleben prägen wie: die Menschenwürde
Johannes Paul II. hat es die «Würde des erlösten Menschen»
genannt , die Qualität der Gestalt des menschlichen Lebens, die
Gedanken-, Rede- und Bekenntnisfreiheit, der gesetzliche und soziale Schutz
des Individuums und der Gruppierungen, besonders der schwächsten, die
Arbeit als persönliches und soziales Gut, die Zusammenarbeit aller
und die verbindenden Institutionen, die Autorität des Staates, die
dem Gesetz und der Vernunft unterliegt und von den Menschen- und Völkerrechten
begrenzt wird sie sind in Europa geformt worden, und zwar ganz wesentlich
aus christlichem Geist. Romano Prodi hat das Christentum den «Lebenssaft»
Europas genannt und die Bischöfe darum aufgerufen: «Europa bittet
euch in dieser Zeit um ein Zeichen der Hoffnung.»
Dieses Europa ist nicht perfekt, darauf hatte schon das «Instrumentum
laboris», die Arbeitsgrundlage der Synode, hingewiesen und in den
Voten der beiden ersten Wochen kam es oft zu einer «Auslegeordnung»
dieser Unvollkommenheiten. Auch in den Kirchen Europas gibt es Fehlentwicklungen,
von denen die Schluss-Erklärung einige nennt. Es wird etwa die «religiöse
Gleichgültigkeit vieler Europäer» hervorgehoben und an die
vielen Nichtgetauften erinnert sowie an jene Christen, die «leben,
als ob Christus nicht existierte». In einer Welt des Konsums und der
Oberflächlichkeit gehe vielfach der «Sinn des Mysteriums»
verloren.
Aber der Schluss-Appell sieht auch viele «Zeichen der Hoffnung».
So etwa die Märtyrer dieses Jahrhunderts «aus allen christlichen
Konfessionen», die einfachen Christen, die im Alltag durch ihr Leben
ein Vorbild gewesen sind, die «wieder gewonnene Freiheit in Osteuropa,
die in einigen Ländern ein erneutes Aufblühen der Kirche ermöglichte»,
die «neue Konzentration der Kirche auf ihre geistliche Sendung»,
die zu «neuen geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften» geführt
hat, die «wachsende Mitverantwortung der Laien» und ausdrücklich
hervorgehoben die «verstärkte Mitwirkung der Frauen in
der Kirche». Ob es glücklich war, als Beispiel der Fortschritte
in der Ökumene die gemeinsame Augsburger Erklärung von Lutheranern
und Katholiken zur Rechtfertigungslehre die in den letzten Wochen
in der lutheranischen Kirche Deutschlands zu Protesten von mehreren hundert
Professoren geführt hat hervorzuheben, darüber kann man
wohl diskutieren.
Im politischen Teil der Erklärung bekennen sich die Bischöfe Europas
zur Option für die Armen, zu Bescheidenheit im Lebensstil, zum Schutz
der Umwelt sowie zu Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität. Für
das zusammenwachsende Europa begrüssen sie die demokratischen Spielregeln
und die Achtung der Menschenrechte. Gleichzeitig erinnern sie an die christlichen
Wurzeln des Kontinents und das Erbe der Gründungsväter der Gemeinschaft.
Sie warnen vor einer Abschottung Europas gegenüber anderen Völkern
und fordern Solidarität für Einwanderer und Flüchtlinge.
Für den Prozess der Erweiterung der EU mahnen sie die Politiker zu
mutigen Schritten, wobei allerdings «in weiser Harmonie die geschichtlichen
und kulturellen Verschiedenheiten der Nationen gewürdigt werden müssen».
Wer beim Lesen dieser Zusammenfassung versucht ist, den Bischöfen vorzuwerfen,
sie hätten damit nur einen zu nichts verpflichtenden «Wunschkatalog»
vorgelegt, sollte nicht vergessen, dass hinter jeder dieser Forderungen
die Aussage von einem oder mehreren Bischöfen steht, für die «Europa»
eine Hoffnung für die Zukunft und eine Sicherung gegen den Rückfall
in eine schlimme Vergangenheit ist. Oft sind die Wünsche herausgewachsen
aus Leid und Not, so etwa beim slowakischen Kardinal Jan Chryzostom Korec
SJ, Bischof von Nitra, der mehrere Jahrzehnte im Gefängnis verbrachte.
Die Übertragung auf unsere konkrete schweizerische Situation möchte
ich jedem Leser selbst überlassen !
Was man jetzt schon weiss ist, dass nächstes Jahr eine Welt-Bischofssynode
zum Thema «Das Bischofsamt» stattfinden wird, treten nicht inzwischen
unerwartete Ereignisse ein. Aber wie kaum bei einer anderen Bischofssynode
stellte sich und wurde auch formuliert die Frage, ob es nicht
«neue Instrumente» zur Leitung der Weltkirche brauche, um der
Probleme, die heute anstehen, Herr zu werden. Besonders Kardinal Carlo Maria
Martini, Erzbischof von Mailand, stellte in einem sehr beachteten Votum
solche Überlegungen an. Martinis Pressesprecher Gianni Zappa relativierte
später die Worte des Mailänder Kardinals: «Manche Presseorgane
haben behauptet, der Erzbischof träume von einem neuen Konzil. In Wirklichkeit
hat der Kardinal die Bedeutung einer Mitverantwortung der Bischöfe
bei der Auseinandersetzung mit den vitalen Problemen der Kirche in unserer
Zeit betont und sich nicht über die Form oder die Modalitäten
geäussert.» Dem gegenüber behauptete der Erzbischof von
Lublin, Jozef Zycinski, an einer Pressekonferenz recht kühn, von neuen
Leitungsgremien die Lösung der Probleme zu erwarten, habe eher etwas
mit Magie als mit Theologie zu tun. Der Blick auf die anderen christlichen
Kirchen mit ihren synodalen Leitungsstrukturen zeige, dass für sie
die Probleme keineswegs geringer seien.
Mag sein, dass der Kardinal nicht direkt an ein neues Konzil gedacht hat;
was aber wichtig ist, er möchte neue Formen der «Mitverantwortung
der Bischöfe bei der Auseinandersetzung mit den vitalen Problemen»
der heutigen Kirche. Doch diese Synode zeigte wie keine andere, dass Synoden
in ihrer jetzigen Form an Grenzen stossen. Einmal kommt immer mehr ein «Geburtsfehler»
der Bischofssynode zum Vorschein: aus dem ursprünglich vorgeschlagenen
«Mitentscheidungsgremium» wurde ein «Mitberatungsgremium».
Persönlich habe ich immer die Meinung vertreten, es sei sehr wichtig
, dass die Vertreter der Kurie an diesen Beratungen teilnehmen, weil die
Bischöfe besonders in den ersten beiden Wochen offen vor
Papst und Kurienbischöfen ihre Probleme darlegen können. Diese
Meinung erhielt durch einen Synodenvater einen gehörigen Dämpfer.
Der schottische Erzbischof Keith O`Brien von St.Andrews und Edinburgh erklärte
gegenüber der US-amerikanischen katholischen Nachrichten-Agentur CNS,
obwohl zahlreiche Bischöfe kontroverse Themen diskutiert hätten
offenbar in einer der sprachregionalen Gruppen und Vorschläge
für deren Behandlung im Abschlusspapier gemacht hätten, sei dies
«von Synodenmitgliedern der römischen Kurie verhindert worden».
Das habe zu Spannungen geführt: «Ich will nicht sagen, dass wir
uns geschlagen haben, aber die Meinungen prallten sehr hart aufeinander.»
Man könne fast von einer «oppositionellen Lobby» von Kurienbischöfen
reden. In seiner eigenen Arbeitsgruppe seien zehn Bischöfe gewesen,
von denen vier Vatikanmitarbeiter gewesen seien. Sensible Themen seien mehrfach
mit fünf gegen vier Stimmen abgewiesen worden. Ich habe mehrere Synodenbischöfe
mit dieser Aussage konfrontiert. Unisono war ihre Reaktion: in ihren sprachregionalen
Gruppen sie gehörten verschiedenen Sprachgruppen an hätten
sie diese Erfahrung nicht gemacht. Es sei zwar offen und auch gegensätzlich
diskutiert worden; dass sich aber ein spektakulärer Gegensatz zwischen
Mitgliedern der Kurie und den Ortsbischöfen herausgeschält hätte,
sei nicht der Fall gewesen.
Der Präsident der deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof
Karl Lehmann, ist zwar skeptisch bezüglich der technischen Durchführbarkeit
eines Konzils, denn das würde eine Versammlung von 4500 Bischöfen
bedeuten. Aber «man müsste überlegen, ob es eine andere
Form von Synode geben kann, die zwischen dem bisherigen Synoden-Stil und
dem klassischen Konzil steht». Fragen, in denen es Klärungsbedarf
gebe, seien durchaus da, so etwa das Verhältnis vom Zentrum der Weltkirche
zu den Ortskirchen und Bischofskonferenzen eine Frage, die von einigen
Bischöfen aufgegriffen wurde, so etwa von Bischof Ivo Fürer ,
aber auch die Frage nach den Diensten und Ämtern in der Kirche
Bischof Kurt Koch hattte auf dieses Problem eindrücklich hingewiesen.
Nach Bischof Lehmann handelt es sich dabei um Themen, die vom Zweiten Vatikanischen
Konzil nicht erfasst worden seien.
Bei den Überlegungen um eine neue Form der Synode müsste sicher
auch die Mitarbeit der Laien und der Gäste aus andern christlichen
Konfessionen auf die Frage, ob dieses Mal auch Muslime eingeladen
wurden, wurde mit Nein geantwortet geklärt werden. Vertreter
der europäischen Kirchenvolks-Bewegungen überreichten dem Vatikan
in einem grossen gelben Umschlag mit der Aufschrift: «An Papst Johannes
Paul II.» das Schlussdokument eines mehrtägigen Laientreffens,
das in der ersten Woche der Bischofssynode als «Parallel-Synode der
Laien» in Santa Severa nahe Rom stattgefunden hatte. Der Sprecher
des österreichischen Kirchenvolksbegehren, der bekannte Journalist
Hubert Feichtlbauer, betonte, ihre Bewegung wolle weder den Papst noch die
Bischöfe abschaffen, sondern deren Dienst menschlicher gestalten. Man
fordere die Einberufung eines Konzils, bei dem die rechtmässige Machtausübung
in der Kirche diskutiert werden solle.
Am Schluss dieser Berichterstattung soll noch auf ein Problem hingewiesen
werden, das einige Diskussion entfachte: die Christen und Muslime in Europa.
Am schärfsten klang dabei die Warnung von Alain Besançon, Mitglied
des «Institut de France» und der «Académie des
Sciences Morales et Politiques» in Paris. Er warnte die Bischöfe
davor, die theologischen Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam
zu betonen und erinnerte sie daran, dass jetzt schon in Frankreich ebenso
viele Muslime wie praktizierende Katholiken lebten. «In zwanzig Jahren
werden 20 Prozent der Franzosen Muslime sein.» Auf diese Worte des
Auditors angesprochen, erklärte der Lubliner Erzbischof Jozef Zycinski
auf einer Pressekonferenz, es habe sich hier um die Privatmeinung des französischen
Laien gehandelt; es sei ein Zeichen der Toleranz der Synode, dass er diese
Meinung unzensuriert habe vertreten können. Aber auch von französischen
Bischöfen etwa Kardinal Pierre Eyth von Bordeaux hörte
man eher pessimistische Töne über den Dialog mit den Muslimen.
Nicht unbedingt neu war das, was der Erzbischof von Izmir, der italienische
Kapuziner Giuseppe Bernardini, in einem schriftlich eingereichten Votum
darlegte. Er legte dar, dass die Finanzierung neuer Moscheenbauten in den
westlichen Ländern, darunter auch in Rom, mit Hilfe der Petrodollars
ein Teil des «Programms der Expansion und Rückeroberung»
des Islams sei. Zwar müsse man bei den Muslimen unterscheiden zwischen
der fanatischen Minderheit und der ruhigen, gelassenen Mehrheit. Doch leider
lehre die Geschichte, dass gerade entschlossene Minderheiten in der Lage
seien, sich gegen schweigende Mehrheiten durchzusetzen. Bernardini hat
was er bereits bei einer Welt-Bischofssynode darlegte Bedenken, den
Muslimen christliche Kirchen für ihr Gebet auszuleihen. Viele Muslime
sehen darin den Beweis, dass es den Christen nicht ernst sei bei ihrem Glauben.
Erzbischof Bernardini ist überzeugt, dass eine gemeinsame Bischofsversammlung
der christlichen Konfessionen nötig wäre, um über die Fragen
der Muslime in mehrheitlich christlichen Ländern zu beraten. Dieser
Beitrag führte zu einer «diplomatischen Verstimmung» zwischen
der Türkei und dem Vatikan. Der türkische Botschafter beim Heiligen
Stuhl, Altan Güven, wurde beim Staatssekretariat vorstellig und forderte
Bernardini auf, diesen Beitrag zu «erläutern». Der Erzbischof
habe zum Beispiel nicht erwähnt, dass die Türkei zu denjenigen
Ländern mit islamischer Mehrheit gehöre, in denen die christliche
Minderheit aktive Religionsfreiheit geniesse und sich in eigenen Kirchen
versammeln dürfe.
Dass auch der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl
Lehmann zu dieser Frage Stellung bezog, ist verständlich, wenn man
weiss, dass zum Beispiel in Berlin einzelne Bezirke (Kreuzberg etwa) bald
eine Mehrheit von Türken zählen. Die christlichen Kirchen müssten
den Dialog mit dem Islam trotz erheblicher Probleme fortsetzen; es gebe
keine Alternative zum Dialog. Das gelte auch, wenn fundamentalistische Kreise
in manchen Gegenden Europas Moscheen und Koranschulen kontrollieren. Die
Politik müsse weiterhin auf das Ziel der Integration der in Europa
lebenden Muslime hinarbeiten. Zugleich kritisierte er, dass Christen in
vielen islamisch geprägten Ländern bei weitem nicht die gleiche
aktive Religionsfreiheit hätten, wie sie für Muslime in westlichen
Ländern selbstverständlich sei. Man müsse daher auf das «Prinzip
der Gegenseitigkeit» in den Beziehungen zum Islam drängen. Wer
die Situation etwa in Saudi-Arabien etwas kennt, weiss, dass diese Bitte
von grosser Bedeutung ist, besonders bei den vielen Christen aus dem Libanon,
Indien oder den Philippinen, die hier leben und arbeiten.
Ein letzter Hinweis auf eine von Krieg und politischen Gegensätzen
geplagte Gegend Europas soll diesen Rückblick auf die zweite Bischofssynode
für Europa abschliessen. Der katholische Erzbischof von Belgrad, der
Slowene Franc Perko, gab offen zu, dass die internationale Isolierung Serbiens
sich nur durch einen Wechsel des Regimes erreichen lasse. Zugleich sollte
die internationale Gemeinschaft ihre Zurückhaltung aufgeben und sich
für freie Wahlen mit freien Medien einsetzen. Die internationale Gemeinschaft
begehe einen politischen Fehler, wenn sie Milosevic an der Macht lasse und
gleichzeitig mit dem Haager Tribunal drohe. Es sei denkbar, dass er abtrete,
wenn man ihm keine Tür offen lasse.
Skeptisch äusserte sich Erzbischof Perko dazu, dass man durch Demonstrationen
die Demokratie voranbringen könne. «50 000 Demonstranten auf
den Strassen von Belgrad stellen keine Gefahr für das Regime dar.»
Einzig eine freie Wahl und eine freie Presse, die nicht der Zensur oder
der Regierungskontrolle unterlägen, können nach der Überzeugung
von Erzbischof Perko einen Wandel in Serbien herbeiführen.
Der Kapuziner Nestor Werlen nimmt für uns regelmässig Bericherstattungen von Bischofssynoden wahr.