42/1999

INHALT

Kirche in der Welt

Eine "Bekehrung der Getauften"

von Nestor Werlen

 

Im heutigen Europa ist die Priorität nicht so sehr die ÐTaufe der Konvertitenð, sondern die ÐBekehrung der Getauftenð. Auch unter den Christen ist die grösste Versuchung die, so zu leben, als ob es Christus nicht gäbe.» Diese Worte von Kardinal Dionigi Tettamanzi, Erzbischof von Genua, möchten den Weg zur «Erneuerung des christlichen Lebens in seinen Ursprüngen selbst» weisen, die die «göttliche und menschliche Hoffnung bringen, die Europa so dringend benötigt», wie es der Generalrelator der Bischofssynode, Kardinal Antonio Maria Rouco Varela, Erzbischof von Madrid, etwas umständlich in seinem Zwischenbericht ausdrückte. Die Bischofssynode wird am Samstag, den 23. Oktober, beendet werden. Zuvor haben die Synodalen die Propositiones zuhanden des Papstes verabschiedet, haben aus ihrer Mitte eine Kommission gewählt, die mit dem Papst und dem Synodensekretariat die nachsynodale Botschaft erarbeiten wird, und dann die Abschlussbotschaft zur Kenntnis genommen, die eine Gruppe von Synodenvätern unter der Leitung von Kardinal Dionigi Tettamanzi, einem der Hoffnungsträger des italienischen Episkopates, während der Bischofssynode entwarf.

Brüssel horchte auf Rom

Meines Wissens war es das erste Mal, dass sich ein Politiker mit einem Brief direkt an die in Rom versammelten Vertreter des Episkopates wandte. Schon während der erste Woche hatte François Garnier, Bischof von Luçon, im Plenum gesagt: «Zusammen mit einigen Bischöfen Frankreichs haben wir in Brüssel gerade einen der Kommissare und einige höhere Funktionäre Europas getroffen. Sie sprachen uns von den Einrichtungen des sozialen Europas, vom Euro, von der Wirtschaft, von der Verteidigung und sie sagten uns: ÐWir brauchen euch!ð» Nachdem er den Bischöfen ausführlich vorgelegt hatte, unter welchen Bedingungen die Christen an Europa mitarbeiten können, schloss Garnier: «Der Christ ist weiterhin eine Quelle der Hoffnung für Europa. Es ist unsere Aufgabe ­ zusammen mit anderen und unter anderen ­ jenen nahe zu bleiben, die am politischen Bau beteiligt sind.»
Nicht nur französische Bischöfe hatten vor Beginn der Bischofssynode in Brüssel Station gehalten, auch einige polnische Bischöfe hatten in Brüssel angeklopft, wohl um zu erfahren, wie es mit dem Wunsch Polens nach Aufnahme in die EU stehe. Man geht kaum fehl, wenn man den Brief, den Romano Prodi, Präsident der Europäischen Gemeinschaft, der Bischofssynode schrieb, mit diesem bischöflichen Besuch in Brüssel in Verbindung bringt. Prodi dankte den «christlichen Kirchen und religiösen Glaubenshaltungen», dass sie in der Vergangenheit bei der «Entscheidung der Völker für die Freiheit» einen «unersetzbaren Dienst geleistet haben». Dank jener Entscheidung und der Leiden der Europäer «hat der gesamte Erdteil ein neues Antlitz erhalten... Europa ist heute nicht nur eine ökonomische Grösse, eine Ðkoineð von Gütern und menschlichen Dienstleistungen, die sich frei bewegen können; Europa hat sich gewandelt. Für unsere Väter hätte dieser Erdteil, auf dem sich ­ im Widerspruch zu seinem eigenen Geist ­ einige der grössten Tragödien der Geschichte ereignet haben und dessen Teilung auf staatlicher Ebene durch den Kommunismus erhalten blieb, gerade wegen seines aufgeklärten und christlichen Geistes ein Wall für den Frieden und für die Entwicklung unter den Völkern sein sollen. Ihre Hoffnung hat Früchte getragen... Europa soll somit aus freier Entscheidung und nicht als Ergebnis von Gewalt entstehen, als ein Vorhaben, und nicht als die Summe der Egoismen und ethnischen Partikularismen.»
Europa hat heute bereits «eine beachtliche wirtschaftliche Grösse» erreicht und «stellt in den weltweiten menschlichen Beziehungen einen festen Bezugspunkt dar». Aber es ist nicht möglich, «die wirtschaftliche Entwicklung von der kulturellen oder politischen abzukoppeln oder ihr gegenüber gleichgültig zu sein, will man nicht die Bedeutung des europäischen Erbes für die Menschheit aufgeben». Die Erweiterung Europas ist von einer fortschreitenden Integration gekennzeichnet, die sich «nicht auf die Suche nach der Komplementarität der Märkte oder der Schaffung von Möglichkeiten für den freien Austausch» beschränkt. «Die Europäisierung Europas ist freilich nur möglich, wenn Europa ausser seinen aufgeklärten Wurzeln auch sein Gedächtnis wiederentdeckt... Es gibt keine Hoffnung ohne Erinnerung. Und im kulturellen Gedächtnis Europas gibt es jene Werte, die diesen Erdteil während seiner langen Geschichte geformt haben: die Menschenwürde; die Qualität der Gestalt des menschlichen Lebens; die Gedanken-, Rede- und Bekenntnisfreiheit; der gesetzliche und soziale Schutz des Individuums und der Gruppierungen, insbesondere der schwächsten; die Arbeit als persönliches und soziales Gut; die Zusammenarbeit aller und die verbindenden Institutionen; die Autorität des Staates, die dem Gesetz und der Vernunft unterliegt und von den Menschen- und Völkerrechten begrenzt wird.»
Europa ist undenkbar, wenn es sein Gedächtnis verliert. Und seinem Gedächtnis ist das Christentum auf eine bleibende Weise eingeprägt. «Der Lebenssaft des Christentums, der die Gläubigen und Nichtgläubigen gleichermassen versorgt, fliesst in den Kulturen, in den europäischen Völkern, in der Kunst, in der Literatur und in der Hermeneutik des Denkens. Darum sollte im grossen Projekt der europäischen Einheit die Harmonie zwischen einem grossen politischen Entwurf und den allgemeinen Prinzipien des Menschen und der Gesellschaft wieder aufleben.» Die Kirche muss zu diesen Prinzipien weiterhin ihren unersetzlichen Beitrag leisten. «Europa bittet euch in dieser Zeit um ein Zeichen der Hoffnung!» Das war mehr als ein Anstandsbillet; das war ein Bekenntnis des Professore aus Bologna.

Nachdenkliche Situationsschilderungen

Es gab in diesen Tagen viele Versuche, die Situation des modernen europäischen Menschen zu beschreiben. Zwei möchte ich herausgreifen: P. Timothy Radcliffe, der Generalmagister des Dominikanerordens, zeigte, dass in «unserer Gesellschaft jeder absolute Anspruch als Totalitarismus erscheinen» kann. Die «Autoritätskrise innerhalb der Kirche ist lediglich ein Symptom einer weiteren Autoritätskrise in Europa». Sich dem Wort eines anderen zu beugen ist gleichbedeutend mit dem Verlust der Freiheit und Autonomie. «Wir geben auf diese Furcht keine Antwort, indem wir die Autorität der Kirche immer wieder stärker betonen. Die Leute werden entweder widerstehen oder einfach keine Notiz davon nehmen.» Was sollen wir tun? P. Radcliffe findet eine Antwort in der Perikope von den Emmausjüngern: Jesus geht mit den zweifelnden Jüngern, er lässt sich von ihnen einladen. «Die Kirche wird nur dann Autorität haben, wenn wir die Menschen auf ihren Wegen begleiten, wenn wir uns anrühren lassen von ihren Enttäuschungen, ihren Fragen und Zweifeln. Oft sprechen wir über Leute: Frauen, Arme, Immigranten, Geschiedene, Frauen, die abgetrieben haben, Gefangene, AIDS-Kranke, Homosexuelle, Drogenabhängige. Aber unsere Worte über Christus werden kein Gehör finden, solange wir nicht ihren Erfahrungen zuhören, ihre Sprache lernen, ihre Gaben annehmen.» Die Autoritätskrise wird nicht durch Unterwerfung, sondern durch die Verkündigung gelöst.
Bischof Kurt Koch ging aus vom «besorgniserregenden Verlust der Sicht der Kirche als sakramentale Wirklichkeit», wie er im «Instrumentum laboris» angesprochen wird. «Dieser Verlust ist in der Tat in verschiedenen Ortskirchen, auch und gerade in der Schweiz, festzustellen und zu beklagen.» Aber, so Bischof Koch, tragen wir nicht auch selbst dazu bei? «Kreisen wir im Westen Europas manchmal nicht allzu sehr um unsere eigenen strukturellen Probleme, so dass wir nicht immer mit genügendem Ernst wahrnehmen, dass vor allem die Gottesfrage wieder deutlich an unsere Kirchentüre klopft?»
Mit der «Wahrnehmung» ist es freilich nicht getan. «Denn die Menschen in Westeuropa sind nicht (mehr) Atheisten, wohl aber sind sie zum grossen Teil Deisten. Sie können sich weithin nicht mehr vorstellen, dass Gott in der Welt handelt, dass er sich um den einzelnen Menschen kümmert und dass er in der Kirche lebt. Ein solches Gottesbild hat natürlich auch Konsequenzen für die Sicht von Jesus Christus. Viele Menschen sind fasziniert am Menschlichen an Jesus; aber der Zugang zum Glauben, dass dieser Jesus der Christus, der Sohn Gottes und unser Erlöser ist, fällt ihnen schwer.» In einem eigenen Abschnitt zeigte Bischof Koch dann, dass wir «neue mystagogisch-katechumenale Hinführungswege zum christlichen Glauben» brauchen, die helfen, «eine persönliche Christusbeziehung zu ermöglichen oder zu vertiefen».
Im letzten Abschnitt legte Bischof Koch dar, dass «das glaubwürdige Leben der sakramentalen Wirklichkeit der Kirche» auch und gerade in Europa eine wichtige Voraussetzung für die so notwendige Neu-Evangeliserung ist, und zwar in einer spezifischen Hinsicht: «Der in Europa weit verbreitete Priestermangel hat auf der einen Seite seine Ursache im Verlust der sakramentalen Sicht der Kirche. Auf der anderen Seite trägt er aber auch selbst zu einer gefährlichen Verdunstung der Sakramentalität der Kirche bei. Denn ohne genügend Priester kann das sakramentale Leben nicht glaubwürdig gestaltet werden. Diesem drängenden Problem sollten wir uns in einer geeigneten Weise annehmen. Die erste Sorge muss dabei sein, wie die Bistümer und Pfarreien in Europa wieder zu mehr Priestern kommen, damit sie diese sakramentale Dimension der Kirche leben und vor allem Eucharistie feiern.»
Kardinal Martini hatte in seiner Intervention in vorsichtiger Weise die Möglichkeit eines neuen Konzils ins Auge gefasst, um die dringenden Probleme der Kirche heute lösen zu können. Es war für mich überraschend, wie negativ dieser Vorschlag aufgenommen wurde. Negativ äusserte sich etwa einer der beiden Sondersekretäre dieser Bischofssynode, der Erzbischof von Lublin, Jozef Miroslaw Zycinski, auf einer Pressekonferenz. Aber auch Bischöfe, die man im privaten Gespräch auf diesen Plan ansprach, brachten keine Begeisterung für diese Idee auf. Was mich am meisten überraschte: fast immer wurden gegen ein Konzil jene Bedenken ins Feld geführt, denen bereits Johannes XXIII. bei der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils begegnet ist und die Giuseppe Alberigo im ersten Band der Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils ausführlich dargestellt hat.

Europas eigenes Gesicht

Mehrere Bischöfe anerkannten in ihren Interventionen ausdrücklich die Arbeit des «Rates der europäischen Bischofskonferenzen» (CCEE). An einer Pressekonferenz kamen die beiden Präsidenten ­ Kardinal Miloslav Vlk, Erzbischof von Prag als Präsident des CCEE, und Bischof Josef Homeyer (Hildesheim), der Vorsitzende der Kommission der Bischöfe der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) ­ ausführlich auf die Aufgaben dieser regionalen Bischofskonferenzen zu sprechen. Bischof Ivo Fürer, langjähriger Sekretär von CCEE, legte in seiner Intervention dar, dass «neue Schritte der Evangelisierung und einer neuen Inkulturation» unternommen werden müssen. «Gegenseitiges Vertrauen ist nötig. Wenn zu viel zentral geregelt wird, können wir nur schwer neue Wege versuchen.» Darum sollten «im Sinne einer echten Subsidiarität Bischöfe, Bischofskonferenzen und CCEE vermehrt eigenständig tätig, gefördert und mit vermehrten Kompetenzen ausgestattet werden müssen». Bereits 1980 haben die Präsidenten der europäischen Bischofskonferenzen geschrieben: «Es freut uns, feststellen zu können, dass sich die Kirchen in Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien bemühen, ihr eigenes Gesicht zu finden. Auch die Kirche in Europa muss ihren spezifischen europäischen Charakter finden. Damit können wir unseren Beitrag leisten für die Begegnung zwischen Christentum und nicht europäischen Kulturen.» Bischof Ivo Fürer wandte sich auch gegen eine gewissse Resignation unter den europäischen Christen. «Wenn wir die kirchliche Entwicklung weltweit betrachten, gewinnen wir leicht den Eindruck, die Zukunft der Kirche liege in anderen Kontinenten.» Hier werde das Leitwort der Bischofssynode von grosser Bedeutung: Jesus Christus, die Quelle der Hoffnung. «Ich freue mich darüber, dass ich immer Menschen begegne, die aus der gleichen Hoffnung ohne Angst in das kommende Jahrhundert pilgern.»
Etwas von diesem Vertrauen brachte auch Bischof Amédée Grab zum Ausdruck: «Trotz der Verschiedenheit der nationalen Situationen und der einzelnen Diözesen, auch innerhalb eines Landes wie die Schweiz, brauchen wir alle neuen Mut und neue Hoffnung.» Unsere einzige Hoffnung ist Christus. «Die Synode lädt uns ein, ihn in seiner Kirche lebendig zu sehen. Also muss auch die Kirche in dieser Welt Zeichen und Quelle der Hoffnung werden.» Die Synode sollte Impulse geben für die christliche Bildung auf allen Ebenen, für die Feier der Liturgie und für die tatsächliche Öffnung hin zu allen, insbesonders zu den Armen, in menschlicher Nähe und Sympathie. «Wir müssen uns von der beinahe alles andere ausschliessenden Sorge um unsere eigenen Probleme lösen und demütige Instrumente jener Einheit werden, die der Herr will. Hören wir besser zu, reden wir weniger!» Bischof Grab wünschte dann, dass die Synode allen danke, die in der Seelsorge stehen, den Priestern und Diakonen. Sie sollte auch den Laien in der Seelsorge, Männern und Frauen, ein Wort der Ermutigung sagen und «sollte sich mit der Zukunft der kirchlichen Dienste befasssen».
Am Schluss dieses Berichtes möchte ich noch auf die Intervention von Kardinal Christoph Schönborn OP, Erzbischof von Wien, hinweisen. Er meint, nach dem Fall des «Eisernen Vorhanges» sei in Europa eine neue Grenze enstanden, die «Schengen-Grenze», die eine «de-Facto-Trennung» Europas gebracht habe. Es müssse zu einer «Europäisierung der EU» kommen, die nur gelingen könne, wenn eine «seelische Heilung» von «drei Wunden» geschehe, bei der die Christen mithelfen können.
«Während die Verbrechen des Nationalsozialismus genau aufgearbeitet wurden, liegt über denen des Kommunismus oft noch eine ÐWolke des Nichtwissensð und des Schweigens. Haben nicht auch wir, Christen und Bischöfe des Westens, an diesem Schweigen Anteil?» Genau während der Bischofssynode erschien in Italienisch ein Buch des bekannten Assumptionisten-Paters Wenger, das erstmals den Weg der katholischen Kirche in Russland seit 1917 anhand von neu zugänglichen KGB-Dokumenten aufzeigt.
Der Papst redet immer von den «beiden Lungen Europas und der Kirche». Ost- und Westkirche: «In der dramatischen Kirchenkrise des Westens war, so darf ich persönlich bekennen, die ostkirchliche Tradition eine rettende Hilfe. Der christliche Westen braucht den lebenswichtigen Beitrag der Theologie der Kirchenväter, des ostkirchlichen Mönchtums, der Würde und Schönheit der göttlichen Liturgie und der Ikonen... Aber auch die Ostkirche bedarf des westlichen Lungenflügels, um sich besser in den sichtbaren Strukturen der Gesellschaft zu inkardinieren und um die lebensbedrohende Gefahr des Nationalkirchentums zu überwinden, wozu der Bezug zu Petrus, zum Zentrum der Einheit, unerlässlich ist.»
Wladimir Soloviev hat prophetisch gesehen, dass die Spaltung der Christenheit in Ost und West nur überwunden werden kann durch einen neuen Bezug zum Geheimnis Israels: «Die Wurzel trägt uns, nicht wir sie. Wir gehören zu dem einen Volk Gottes nicht durch Sprache, Kultur, Nation, sondern durch Gottes Wahl und Ruf, der uns aus allen Verschiedenheiten in seine Ðheilige Versammlungð zusammenruft, in das ÐIsrael Gottesð.»

 

Der Kapuziner Nestor Werlen nimmt für uns regelmässig Berichterstattungen von Bischofssynoden wahr.


Ökumenischer Rat: Überwindung der Gewalt als erstes Ziel

von Elisabeth Aeberli

 

Der an der letzten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die im Dezember 1998 in Harare (Simbabwe) stattfand, gewählte Zentralausschuss tagte vom 26. August bis 3. September 1999 im Ökumenischen Zentrum in Genf. Der 158 Mitglieder zählende Zentralausschuss vertritt bis zur nächsten Vollversammlung die 336 Mitgliedkirchen. Die Sitzung in Genf war die erste seit Harare, und unter den Tagesgeschäften stach eines besonders hervor: die Arbeiten rund um das «Programm zur Überwindung der Gewalt».

Von der Überwindung der Apartheid zur Gewaltfreiheit

An der achten Vollversammlung des ÖRK in Harare haben sich die Delegierten eingehend mit dem Programm zur Überwindung der Gewalt beschäftigt. Sie schlugen vor, eine «Dekade zur Überwindung der Gewalt» zu proklamieren. Die Beschäftigung mit den Problemen von Gewalt und Gewaltfreiheit ist für den ÖRK kein neues Thema. Bereits an der Vollversammlung 1968 in Uppsala protestierte der ÖRK gegen den Rassismus, konkret gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA und die Apartheid in den Ländern des südlichen Afrikas. Martin Luther King wurde eingeladen, an der Vollversammlung seinen Weg des gewaltlosen Kampfes vorzustellen. Kurze Zeit vor der Vollversammlung wurde er ermordet. Dieser Tod und die politisch harte Zeit trugen viel zu den radikalen Forderungen der Vollversammlung von Uppsala bei. So wurde 1968 das Programm zur Überwindung der Apartheid beschlossen. Für die Mitgliedkirchen hiess dieser Entscheid, ihre Beziehungen zu Staaten, die ein Apartheidregime hatten, zu überdenken. Kirchen und kirchliche Organisationen riefen die Regierungen ihrer Länder und ihre Gläubigen zu Boykotten auf. Der ÖRK leistete finanzielle Unterstützung an Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika. Dieses Engagement bestimmte über Jahre hinaus die Diskussionen in allen Kirchen. Mit den ersten freien Wahlen in Südafrika 1994 war die Apartheid aufgehoben. Gefühle des Hasses, der Rache konnten aber nicht einfach weggewischt werden. 1994 beschloss deshalb der Zentralausschuss des ÖRK, auf den Erfahrungen des «Programms zur Überwindung der Apartheid» aufzubauen und das «Programm zur Überwindung der Gewalt» zu lancieren. Zwei Jahre später wurde daraus die Kampagne «Friede den Städten».
Sieben Städte wurden, weltweit verteilt, ausgesucht. Für Europa ist es Belfast in Nordirland. In diesen Städten, die oft nicht aus den Negativ-Schlagzeilen herauskommen, soll trotz des Klimas der Gewalt eine Gemeinschaft aufgebaut werden, die das Leben lebenswert macht. Als Ziele sind vorgegeben, verschiedene Konfliktparteien zusammenzubringen, nach Wegen und Orten zu suchen, wo die Menschen als Gleiche zusammenkommen können. Diese Städte sind untereinander verbunden und können ihre Erfahrungen austauschen.
Als Grundsatz galt in diesem Programm, dass es nicht von Genf aus auf die so genannte «Basis» heruntergetröpfelt wird, sondern dass die Kirchen am Ort in den betreffenden Stadtquartieren aufgerufen wurden, die Konfliktparteien zusammenzubringen und dafür zu sorgen, dass Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten an einem sicheren Ort zusammenkommen können. Als gemeinsame Vision wurde das Evangelium des Friedens vorausgesetzt.
Bei den Verantwortlichen des ÖRK in Genf und für die teilnehmenden Städte hat diese Kampagne gezeigt, dass man über Gewalt nicht nur jammern kann, sondern dass die Beteiligten etwas zur Überwindung tun können. Aus diesen Erfahrungen heraus wuchs die Erkenntnis, dass die Gewalt ein Phänomen ist, das nicht mit einmaligen Aktionen behoben ist, sondern einen längerfristigen Einsatz braucht.

Eine Fortführung des Begonnenen

In den Jahren 1988­1998 war die Dekade «Kirchen in Solidarität mit den Frauen» das Thema. Martin Robra, Mitarbeiter des Teams «Gerechtigkeit, Frieden, Schöpfung» des ÖRK, misst der vergangenen Dekade «Kirchen in Solidarität mit den Frauen» eine grosse Bedeutung für die nun angesagte neue Dekade bei. «Gewalt gegen Frauen ist eine der schlimmsten Formen der Gewalt, auch in den Kirchen selbst.» Dass das, was die Frauen in der Zeit von 1988­1998 erarbeitet haben, die Dekade von 2001­2010 beeinflusst, ist Robras grosse Hoffnung. Die «Dekade zur Überwindung der Gewalt» soll nicht eine «innerkirchliche» Dekade werden. Robra betont aber, dass die Kirchen sich nicht vor der Überlegung drücken dürfen, wie sie beitragen zur Problematik der Gewalt, indem sie sich zum Beispiel auf verschiedenen Seiten von Konflikten finden und eine gewaltsame Austragung legitimieren. In Bezug auf die Gewalt gegen Frauen ist, um ein anderes Beispiel zu nennen, die theologische Aufarbeitung von Bedeutung. Patriarchale oder sexistische Muster sind noch immer Grundprobleme für Kirchen und theologisch gründlich zu hinterfragen. Hinterfragt werden muss auch der kirchliche Alltag in seinen Lebensvollzügen: «Wie Kirche lebt, wie Autorität ausgeübt wird, wie Liturgie gefeiert wird, wie pastorale Beziehungen gepflegt werden, das alles kann lebensfördernd, aber auch lebenszerstörend sein», so Martin Robra.

«Frieden ist möglich ­ Frieden ist machbar ­ Macht Frieden!»

Der Zentralausschuss des ÖRK verabschiedete an seiner Sitzung eine Botschaft, in der er festhält, dass die «Dekade zur Überwindung von Gewalt» ein Forum bietet, auf dem Erfahrungen ausgetauscht und Verbindungen hergestellt werden können. «Mit der Dekade zur Überwindung von Gewalt bieten wir einen wahrhaft ökumenischen Raum an, einen sicheren Raum für Begegnung, gegenseitige Anerkennung und gemeinsames Handeln. Wir wollen gemeinsam danach streben, Geist, Logik und Praxis der Gewalt zu überwinden. Wir wollen zusammenarbeiten, um Versöhnung und Frieden in Gerechtigkeit in unsere Häuser, Kirchen und Gesellschaften zu tragen wie auch in die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen auf Weltebene. Wir wollen zusammen eine Kultur des Friedens aufbauen, die sich auf gerechte Gemeinschaften stützt.
Die Vision, die uns das Evangelium vom Frieden bringt, ist eine Quelle der Hoffnung auf Veränderung und Neuanfang. Lasst uns nicht verraten, was uns verheissen ist. Menschen auf der ganzen Welt warten ungeduldig und sehnsüchtig darauf, dass Christen und Christinnen werden, was sie sind: Kinder Gottes, die die Botschaft von Gerechtigkeit und Frieden verkörpern. Der Glaube kann etwas verändern. Eine weltweite ökumenische Gemeinschaft von Glaubenden wird etwas verändern. Frieden ist möglich. Frieden ist machbar. Macht Frieden!»
Mit dieser Botschaft nahm der Zentralausschuss einen Rahmenplan für die Dekade entgegen, in dem auf die Mitwirkung der Kirchen und Bewegungen hingewiesen wird, die in den Ortsgemeinden und Gemeinschaften verwurzelt sind. Darüber hinaus wird die Bedeutung der Zusammenarbeit über die ÖRK-Strukturen hinaus betont, mit Kirchen, die nicht Mitglied des ÖRK sind, mit Nichtregierungs-Organisationen und mit allen Religionen der Welt, die sich in ähnlicher Weise für den Frieden einsetzen.
Besonders betont wird die Ausrichtung auf die Dekade der Vereinten Nationen «Für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit für die Kinder der Welt», die in der gleichen Zeitspanne angesetzt ist. Der Generalsekretär des ÖRK, Konrad Raiser, erklärt die Absicht des ÖRK, sich aktiv für eine Kultur des Friedens einzusetzen, weil er sich nicht damit begnügen kann, Zuschauer der Gewalt zu sein oder sie lediglich zu beklagen. «Wir erinnern uns und unsere Kirchen an unsere gemeinsame Verantwortung, mutig unsere Stimme gegen jeden Versuch zu erheben, ungerechte und repressive Strukturen, Gewaltanwendung und grobe Menschenrechtsverletzungen, die im Namen einer Nation oder einer ethnischen Gruppe begangen werden, zu verteidigen. Wenn die Kirchen das Zeugnis vom Frieden nicht mit dem Streben nach Einheit untereinander verbinden, dann versäumen sie, das beizutragen, was sie anbieten können», mahnte Konrad Raiser.

Der ÖRK und die Orthodoxen Kirchen

In der Vorbereitungszeit und während der achten Vollversammlung des ÖRK im Dezember 1998 schien es zum «Dauerbrenner» zu werden: die Beziehungen der orthodoxen Mitgliedkirchen zum protestantisch geprägten Ökumenischen Rat der Kirchen. Bereits an der zweiten ökumenischen Versammlung der europäischen Kirchen in Graz dominierte die Diskussion alle anderen Themen. Vor der achten Vollversammlung im Dezember 1998 in Harare, Simbabwe, wurde publik, dass kleinere orthodoxe Mitgliedkirchen wie zum Beispiel jene von Georgien und Bulgarien den ÖRK verlassen werden.
An der achten Vollversammlung in Harare wurde deutlich, dass der Widerstand gegen den ÖRK vielfach mit innerorthodoxen Spannungen zusammenhängt. Ein Delegierter der georgischen Kirche, der an der Vollversammlung den Austritt begründete, nannte das Problem beim Namen: Wenige konservative Mönche der georgisch-orthodoxen Kirche brachten den Austritt zustande. Der Patriarch (Vorsitzende) der georgischen Kirche war ehemals im Präsidium des ÖRK vertreten. Er wurde vor die Wahl gestellt: Austritt aus dem ÖRK oder eine Spaltung der Kirche. Das verdeutlicht, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
Sowohl an den eigenen Treffen der orthodoxen Delegierten wie an der Vollversammlung in Harare wurde von beiden Seiten eine Gesprächskommission gefordert, um Wege aus der Krise zu finden.
An der Tagung des Zentralausschusses wurde nun eine Gesprächsgruppe bestimmt. Dieser gehören je 30 orthodoxe und protestantische Delegierte an. Der Exekutivausschuss bestimmte als Co-Leiter Bischof Rolf Koppe, Leiter der Abteilung «Ökumene und Auslandsarbeit» der Evangelischen Kirche Deutschlands. Unter den Delegierten, die der Zentralausschuss des ÖRK bestimmt hat, ist auch der Bischof der christkatholischen Kirche der Schweiz, Hans Gerny.
Die zentrale Frage wird sein, wie die Zukunft des ÖRK gestaltet werden kann, ohne dass die orthodoxen Mitgliedkirchen immer das Gefühl haben, in der Minderheit zu sein, und aus dieser Sicht heraus die Gemeinsamkeiten in Frage stellen.
Den Protest, der sich auch darin äussert, dass zum Beispiel gewählte Mitglieder des Zentralausschusses den Tagungen fernbleiben, kann Koppe für eine Übergangszeit akzeptieren. «Ich weiss nicht, ob das nun die ganzen drei Jahre dauern muss. Wenn das viele machen, dann wird der ÖRK durch zu viele Rücksichtsnahmen blockiert.»
Die Kommission wird in der ersten Dezemberwoche 1999 in Genf zusammenkommen und soll bis ins Jahr 2003 Lösungsvorschläge ausarbeiten.

«Unsere ökumenische Vision»

Vor zehn Jahren gab der Zentralausschuss den Auftrag zu einem langfristig angelegten Konsultations- und Diskussionsprozess. In diesem Prozess soll der Auftrag des Ökumenischen Rates neu beleuchtet werden. Für die Vollversammlung 1998 hat der Zentralausschuss den Text «Unsere ökumenische Vision» vorgelegt. (Der Prozess wurde nach dem englischen Titel: «Towards a Common Understanding and Vision of the World Council of Churches» als «CUV-Prozess» bezeichnet.)
Der Zentralausschuss, und vor ihm die Vollversammlung des ÖRK, hat als Kernaussage des CUV-Dokuments festgestellt, dass die «Gemeinschaft» im ÖRK nicht statisch ist. Bei der Gründung des ÖRK 1948 in Amsterdam wurde der Auftrag formuliert: «Wir haben den festen Willen, beieinander zu bleiben.» Die Vollversammlung in Harare begnügte sich nicht damit, dieses Versprechen zu wiederholen, sondern sah es vielmehr als ihre Verpflichtung an, gemeinsam voranzugehen und gemeinsam zu bauen. Der ÖRK sei mehr als ein rein funktioneller Zusammenschluss von Kirchen.
Diese Verpflichtung verbiete auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert eine Rückkehr zur Routine. Die Einladung an die Mitgliedskirchen, die ökumenischen Partner und die ÖRK-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, gemeinsam voranzugehen, sei ein Aufruf, die Beziehungen zueinander und das gemeinsame Handeln so zu gestalten, dass darin eine Gemeinschaft sichtbar wird, die zugleich verpflichtend und bereichernd ist. Der Zentralausschuss betont die Notwendigkeit, sich Gedanken über den Stil und die Methode zu machen, die in dieser neuen Phase im Leben des Rates zur Pflege der Beziehungen angewendet werden sollen. Dazu gibt es zwei Prioritäten: 1. Das theologische Potential des «Zusammenseins» zu erforschen, und 2. genauer zu klären, wer unsere Partner sind und was die Beziehungen zu ihnen erfordern.
An der Sitzung des Zentralausschusses in Genf wurde die Anglikanische Kirche von Korea als Mitgliedkirche und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz als «angeschlossener Rat» aufgenommen.<1>

 

Die Theologin Elisabeth Aeberli ist Redaktorin bei der Zeitschrift Wendekreis der Bethlehem Mission Immensee.


Anmerkung

1 Informationen und Dokumente sind erhältlich beim ÖRK, Route de Ferney 150, 1211 Genf 2, Telefon 022-7916111, Fax 022-7910361.
Die neuesten Informationen sind auf dem Internet einsehbar: www.wcc-coe.org


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999