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Kirche in der Welt |
Die ersten zwei Wochen der zweiten Europa-Synode sind, wenn diese Zeilen
erscheinen, vorbei. Der grösste Teil der 170 Bischöfe hat das
Wort ergriffen. Der erste Teil ist für die Beobachter und wohl
auch für die Bischöfe, wenn es auch mühselig ist, täglich
am Vor- und Nachmittag die langen Berichte anzuhören mit Abstand
der aufschlussreichste. Hier wird Kirche in ihrer Vielfalt sogar in
Europa sichtbar. In den «circuli minores» diskutieren
die Bischöfe jetzt das weitere Vorgehen. Der deutschsprachige «circulus»
ist übrigens zahlenmässig der grösste. Deutsche Bischöfe
haben sich auf einem Presse-Kolloquium leicht beschwert, man habe sie in
einen Raum «gepfercht», in dem kaum alle Platz hätten.
Es braucht deshalb auch etwas die Geduld des Präsidenten, des Kapuziner-Bischofs
von Bozen/Brixen, Wilhelm Emil Egger, die Prälaten trotzdem bei guter
Laune zu halten.
Es geht in diesem Zwischenbericht eigentlich nur darum, auf einige interessante
Interventionen hinzuweisen. Ein zweiter Bericht soll dann ausführlicher
auf die Interventionen der drei Schweizer Bischöfe (Bischof Grab von
Chur als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz; Bischof Ivo Fürer
von St. Gallen, der als langjähriger Sekretär des CCEE [Rat der
europäischen Bischofskonferenzen] sich im Thema sehr gut auskennt;
Bischof Kurt Koch von Basel) eingehen. Dabei ist die Auswahl der ausgewählten
Interventionen immer sehr subjektiv, wenn ich auch bemerkt habe, dass einige
der das Synodengeschehen am Rande begleitenden Journalisten eine ähnliche
Wahl getroffen haben.
Bei der ersten Bischofssynode für Europa 1991 war der kommunistische
Machtkoloss eben zusammengebrochen. Man war erfreut, zum ersten Mal auch
Bischöfe in Rom in brüderlichem Kreis begrüssen zu dürfen,
die jahrzehntelang von Westeuropa abgeschlossen waren und von denen viele,
wie Eusebius von den Konzilsvätern von Nizäa berichtete, noch
die Narben der Verfolgung an sich trugen. Die Stimmung war, wenn nicht gerade
euphorisch, doch hoffnungsvoll, sowohl unter den Vertretern Ost- wie Westeuropas.
Acht Jahre später ist die Stimmung realistischer geworden, nicht zuletzt
deshalb, weil man inzwischen erfahren hat, dass der «Sprung über
die Mauer» langwieriger, der Eintritt ins Gebiet des materiellen Wohlstandes
mit vielen Hindernissen gespickt ist und der Übergang zu demokratischen
Verhältnissen viele, oft schmerzliche Umwege mit sich bringt. Zudem
machte sich bei nicht wenigen Oberhirten des Ostens die Angst breit, dass
eventuell durch den Einbruch westlicher säkularer Werte wichtige spirituelle
und ethische Werte östlicher Kultur verloren gehen könnten.
58 Mitglieder der Bischofssynode stammen aus der Ländern Osteuropas.
Der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn OP, hat die Entwicklung
dieser acht Jahre so gekennzeichnet: lange Jahrzehnte stand Wien am Rande
Europas, jetzt sind wir ins Zentrum gerückt.
Eine Bemerkung zum Stimmungsmässigen: ich habe bisher keine Bischofssynode
erlebt, bei der alles so «friedlich» vor sich ging und
deshalb bei den italienischen «Vatikanisti» auch kaum wahrgenommen
wird. Einzig wenn die inneritalienischen Antipoden, Kardinal Martini und
Kardinal Ruini, aufgetreten sind, dann liest man in den grossen Tageszeitungen
etwas, dann werden Schlagzeilen wie «E Martini invoca più democrazia
nella chiesa» (La Repubblica) herbeigezaubert und dabei notiert, dass
«il discorso dell'alto prelato è stato accolto con applausi,
ma anche con silenzi e imbarazzo». Die Pressekonferenz, auf der Kardinal
Pio Laghi die italienische Übersetzung eines in Französisch bereits
vor zwei Jahren erschienen Buches des bekannten Jesuiten-Historikers Pierre
Blet über «Pius XII. und der zweite Weltkrieg in den vatikanischen
Archiven» vorstellte, beschäftigte die «Vatikanisti»
bedeutend mehr als die Bischofssynode.
Eindrücklich für mich waren zwei Interventionen von Synodenvätern
aus Osteuropa, in denen versucht wurde, die vergangenen Jahrzehnte für
die Zukunft der Kirche wertvoll zu machen. Der Redemptoristenpater Michel
Hrynchyshin, Exarch für die Ukrainer des byzantinischen Ritus in Frankreich,
wies auf die «zahlreichen Märtyrer unserer Zeit» hin, die
eine lebendige Herausforderung für die Kirche des nächsten Jahrtausends,
insbesondere für die Jugendlichen, sei. Die Kommission «Neue
Märtyrer» habe die Namen von über zehntausend Märtyrern
der jüngeren Zeit von den entferntesten Enden der Erde zusammengetragen,
die in den Verzeichnissen der Märtyrer auftauchen werden, die vorbereitet
werden. Hier könne man mit dem Hebräerbrief von einer «grossen
Wolke von Zeugen» reden.
Klemens Pickel, Weihbischof im europäischen Teil Russlands, erzählte
den Synodenvätern, was uns Menschen im Westen die Katholiken in diesem
Teil Europas vermitteln können. «1990 ging ich als katholischer
Priester des Bistums Dresden-Meissen in die Sowjetunion, um den unendlich
weit verstreuten Menschen zu helfen, die seit 50/60 Jahren auf einen Priester
warteten.» Man muss bei diesen Zahlen einen Moment still stehen: 50/60
Jahre haben Katholiken, die zudem oft aus Gebieten verschleppt worden waren,
in denen ihre Vorfahren seit mehreren Generationen gelebt haben, gewartet.
Geben wir Bischof Pickel erneut das Wort. «Sie haben ausgehalten und
ihren Glauben weitergegeben. Natürlich nicht alle. Beten mit Kindern
war lebensgefährlich geworden. Es war nur eine kleine Flamme, die übrig
geblieben war, aber eben eine Flamme, das heisst Feuer, im Gegensatz zum
Kunstlicht des kirchlichen Lebens, das ich in verschiedensten Farben kannte.
Das mag übertrieben klingen, wahr ist aber, dass ich, der zum Helfen
kam, erleben musste, wie mir geholfen wurde. Noch nie in meinem Leben hatte
ich mich so über meine Berufung zum Priestertum gefreut wie jetzt,
als ich Menschen die Sakramente spenden durfte, die mit reinster Sehnsucht
darauf warteten.» Man sollte diese Worte im Zusammenhang sehen mit
Artikel 34 des «Instrumentum laboris», wo von einem «besorgniserregenden
Verlust der Sicht der Kirche als sakramentale Wirklichkeit» gesprochen
wird; Bischof Kurt Koch ging in seiner Intervention auf diese sakramentale
Dimension der Kirche ein. Doch davon im zweiten Bericht.
Der Bischof von Hildesheim, Josef Homeyer, berichtete als Vorsitzender der
Kommission der Bischöfe der Europäischen Gemeinschaft (COMECE)
an einem Pressegespräch, wie er und andere Bischöfe des Westens
gefragt wurden, ob man bei der Integrierung in die europäischen Bündnisse
nicht etwas helfen könnte. Politisch gesehen ist offenbar für
alle diese Länder die Teilnahme an NATO oder EU ein Wunschtraum.
Eine eindrückliche Gewissenserforschung des «reichen»
Westens und seiner «reichen» Kirche legte der Bischof von Rotterdam,
der Salesianer Adrianus Herman van Luyn, ab. Er habe dieses Jahr zwei Reisen
unternehmen dürfen, nach Osttimor und in die ehemalige Sowjetunion.
«Ich bin besonders stark betroffen von der riesigen Kluft, die zwischen
dem materiellen Reichtum in Westeuropa und der Armut im Westen (so in den
Presseunterlagen; es müsste aber wohl heissen: im Osten) und Süden
dieser Welt herrscht. Der Bruch zwischen den reichen und den armen Ländern
vertieft sich immer mehr, weil wir im Westen unzählige Möglichkeiten
haben, die immer mehr vermarktet und verfeinert werden.» Die Kardinaltugend
des Masses sollte von der Bischofssynode hervorgehoben werden. «Ohne
Mässigung können wir kein wirklich geistliches und solidarisches
Leben aufbauen.» Diese Tugend erfordere Opfer, er sei sich dessen
bewusst. «Regelmässig muss ein Ðscrutinium sobrietatisð
auf allen Ebenen der Kirche abgehalten werden, eine Gewissenserforschung
hinsichtlich unseres Wohnens Bischof van Luyn hat seine Bischofswohnung
in Rotterdam verlassen und ist in eine einfachere umgezogen , unserer
Verkehrsmittel, unserer Mahlzeiten, unserer Freizeit und Ferien.»
Es dürfe einfach nicht geschehen, dass eine «Wohlstandsfestung
Europa» sich gegenüber den Ärmeren abschotte.
Luigi Accattoli, «Vatikanista» des «Corriere della Sera»,
hat mit Bischof van Luyn kurz nach seiner Intervention ein längeres
Gespräch geführt, in dem der niederländischen Oberhirte einige
Beispiele anführt, wo dieses «scrutinium sobrietatis» dringend
notwendig sei. Aufgrund dieses Gespräches und des Auftrittes an der
Bischofssynode stellte Lugi Accattoli einen «Dekalog des Masshaltens»
zusammen, der mir so wichtig scheint, dass ich ihn hier veröffentlichen
möchte.
Natürlich kann man über einzelne Forderungen diskutieren. Aber
auf eine Gewissenserforschung sollte man es ankommen lassen. Bischof van
Luyn gab übrigens in seinem Interview im «Corriere della Sera»
zu, dass der Ausdruck «scrutinium sobrietatis» von seinem Ordensgründer
Don Bosco stamme.
Natürlich stand im Mittelpunkt aller Beratungen das Leitmotiv dieser
Bischofssynode: «Jesus Christus, der lebt in seiner Kirche, Quelle
der Hoffnung für Europa». Die Synodenväter mussten sich
darum auch die Frage stellen, wie weit sie selber, wie weit das Volk Gottes
lebendige Zeugen dieses Lebens sind. Es gab gerade für diese «Gewissenserforschung»
einige bemerkenswerte Interventionen.
Daneben aber konnte die Frage nicht ausbleiben, ob die Kirche im nächsten
Jahrtausend ein «neues Gesicht» tragen müsse, damit in
ihr das «Antlitz Christi» aufscheinen könne. Denn «das
Antlitz der Kirche erscheint den Menschen der heutigen Zeit oft als ein
klerikales Antlitz, das die Last institutioneller und persönlicher
Macht und den Willen zu Privilegien mit sich bringt. Das Antlitz einer Kirche,
die viel über sich selbst spricht, spricht ausgehend vom Inneren, sie
hört wenig zu, sie fragt wenig und ist nicht bereit, etwas vom anderen
und zusammen mit den anderen zu lernen. Das Antlitz einer Kirche, die nicht
sehr innovativ und kreativ ist und an den kulturellen und historischen Traditionen
festhält. Das Antlitz einer Kirche, die die Gnade des II. Vatikanischen
Konzils bereits vergessen zu haben scheint, vor allem in seiner Realität
als Gottesvolk und in der Entschlossenheit zu einem ständigen Dialog
mit der gegenwärtigen Welt. Das Antlitz einer Kirche, die Schwierigkeiten
hat bei der Unterscheidung, der Förderung und der Integration der Charismen,
die der Geist weckt und die nicht immer im Einklang mit den Traditionen
steht. Der Kirche Christi fehlt es nicht an Gründen für
die Umkehr oder für die Umsetzung der Nachfolge.» Der diese selbstkritischen
Worte den Synodenvätern und dem Papst vortrug, war der Portugiese Antonio
Baltasar Marcelino, Bischof von Aveiro.
Ob die Kirche weiterhin als monolithische Einheit weiterbestehen kann, diese
Frage stellten sich auch andere Synodalen. So etwa Kardinal Carlo Maria
Martini, Erzbischof von Mailand, in einer besonders in den italienischen
Gazetten beachteten Stellungnahme. «Ich hatte einen Traum»,
so begann auf den vergangenen Bischofssynoden der im Frühjahr gestorbene
Kardinal Basil Hume seine Interventionen. Kardinal Martini, mit Hume sehr
befreundet beide waren nacheinander Präsidenten des CCEE ,
möchte diese Tradition des Erzbischofs von Westminster weiterführen.
Er hat den Traum, dass Männer und Frauen eine immmer grössere
Vertrautheit mit der Bibel finden, denn «die Bibel ist das Buch der
Zukunft für den europäischen Kontinent». Weiter den Traum,
«dass die Pfarrei durch ihren prophetischen, priesterlichen und diakonalen
Dienst, zusammen mit den Bewegungen auf Pfarrei- und Diözesanebene»
die Anwesenheit des Auferstandenen gegenwärtig macht. Endlich den Traum
und dieser Punkt weckte bei den Journalisten besondere Aufmerksamkeit
, dass man die Möglichkeiten (wahrnimmt), «neue und grössere
Erfahrungen der Kollegialität zu machen, um zusammen mit allen Bischöfen
jene Probleme anzugehen, die das moderne Leben mit sich bringt, indem wir
die verschiedenen Sprachen und Kulturen, in denen heutzutage die christliche
Botschaft gelebt wird, berücksichtigen und miteinander vergleichen».
Hier hat Kardinal Martini klar auf die Notwendigkeit eines neuen Konzils
hingewiesen, die auch von andern aufgegriffen wurde. Der Berichterstatter
von «La Repubblica» ergänzt, dass Leute, die Kardinal Martini
nahestehen, wissen, dass ihm «organi collegiali che in maniera più
agile dialoghino con le communità ecclesiali delle varie aeree culturali,
in una Chiesa, che parla ormai vari linguaggi» am Herzen liegen. Man
brauche heute «neue Instrumente», weil «attualmente molti
problemi sono, buttati sulle spalle di pochi'e così non va».
Brechen wir hier mit zwei Ereignissen, die sich am Rande der Bischofssynode
aber nicht ohne Beziehung zu ihr abspielten, ab: am l. Oktober
erklärte Johannes Paul II. Birgitta von Schweden, Katharina von Siena
und Edith Stein zu «Mitpatroninnen» («compatrone»)
Europas. Zum hl. Benedikt und den Slawenaposteln Cyrill und Methodios haben
sich also drei Frauen gesellt, jede auf ihre Art imponierende Christinnen.
Schwester Tekla Famiglietti, die Generalpriorin des Ordens vom Heiligsten
Erlöser der hl. Birgitta, zeigte in ihrer Wortergreifung, worin Birgitta
Vorbild sein kann für unsere Zeit. Sie könne uns den «Weg
des Kreuzes», den «Weg der Einheit», den «Weg der
Erziehung», den «Weg der Heiligkeit» führen und,
was ich besonders tiefsinnig fand, den «Weg der Schönheit».
Ein paar Tage vor Beginn der Bischofssynode segnete Johannes Paul II.
die renovierte Fassade der Peterskirche ein. Es ist wirklich ein Meisterwerk
geworden oder besser gesagt: neu erstanden. Wenn in diesen Tagen die
Herbstsonne in die Fassade scheint, erkennt man die Wucht dieser Kirche.
«Kirche heute» muss indes nicht monolithisch wuchtig sein, sondern
überzeugend durch ihren Dienst an den Menschen von heute, von denen
Bischof Koch gesagt hat, die meisten seien nicht Atheisten, sondern Deisten,
die sich nicht vorstellen können, dass sich dieser Gott um diese Welt
kümmert.
Der Kapuziner Nestor Werlen nimmt für uns regelmässig Berichterstattungen von Bischofssynoden wahr.
Wohnung
Ähnlich der Wohnungen der Menschen, bei denen wir leben. Nein zu Zweitwohnungen.
Schmuck
Dient nicht zur besseren Lebensqualität, sondern ist reines Zurschaustellen.
Trinken
Bann gegen teure Klasseweine oder aussergewöhnliche Spirituosen.
Radio/Fernsehen/Video
Nein zum Fernsehen in jedem Zimmer und musikalischen Geräten, die einem
Konzerthaus angemessen sind.
Freizeit
Teure Kulturprogramme oder seltene Hobbys sind oft ohne sozialen Nutzen.
Auto
Soweit möglich, keinen zweiten oder sogar einen dritten Wagen. Am Run
nach grösseren Wagen unter Bekannten beteiligen wir uns nicht.
Essen
Das Haschen nach exotischen Speisen und teuren Produkten, besonders ausserhalb
der Saison, unterlassen.
Kleidung
Nein zur Masskleidung, die sich nur wenige leisten können.
Computer
Der Versuchung widerstehen, immer den neuesten PC zu haben und alle zwei
Jahre den alten abzustossen, weil er zu wenig schnell arbeitet.
Ferien
Exotische Ferienreisen, exklusive Hotels und teure Ferienwohnungen sind
zu vermeiden.