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Kirche in der Welt |
Im August des vergangenen Jahres war es fünfzig Jahre her, dass der Ökumenische Rat der Kirchen in Amsterdam gegründet wurde. In Harare, der Hauptstadt Simbabwes, wurde dieses Jubiläum an der achten Vollversammlung gefeiert. In den fünfzig Jahren ist der ÖRK von 147 auf 339 Kirchen angewachsen, trotz Krisen wird seine Existenz nicht in Frage gestellt.
Am 23. August 1948 wurde in Amsterdam der Ökumenische Rat der Kirchen
gegründet. 350 Delegierte aus 147 Kirchen kamen zusammen, um auf dem
europäischen Trümmerhaufen über die «Unordnung der
Welt und Gottes Heilsplan» (Tagungsthema) nachzudenken. Über
die Grenzen der eigenen Kirchen hinaus waren sich die Delegierten einig,
dass sich solche Kriege, solches Elend nicht wiederholen darf. Gemeinsam
wollten die Kirchen sich in der Versöhnung, in der Friedensarbeit und
in der karitativen Hilfe gegenseitig unterstützen.
Bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch,
dass die Kirchen mit ihrem Misstrauen und ihren Spaltungen kein friedliches
Klima schaffen. Verschiedene kirchliche Organisationen, zum Beispiel die
international organisierten christlichen Jugendvereine (CVJM/CVJF; Studentenvereine,
Bibelgruppen von Studentinnen/Studenten) suchten über Konfessionsgrenzen
hinweg die Zusammenarbeit. 1914 wurde in Konstanz der Weltbund für
Freundschaftsarbeit der Kirchen gegründet, der sich zum Ziel setzte,
durch Freundschaft zwischen den Kirchen zur Versöhnung der Völker
beizutragen. An einer Konferenz des Weltbundes 1919 kam es zur Gründung
der «Bewegung für praktisches Christentum», die 1925 in
Stockholm ihre erste Konferenz abhielt. Fast zur gleichen Zeit war die «Bewegung
für Glaube und Kirchenverfassung» entstanden. Diese aus der Weltmissionskonferenz
hervorgegangene Bewegung führte 1920 in Genf und 1927 in Lausanne internationale
Konferenzen durch. In beiden Bewegungen waren orthodoxe Delegierte vertreten.
Bereits 1937 wurde von der Bewegung für praktisches Christentum und
der Bewegung für Glaube und Kirchenverfassung die Grundlage für
einen Ökumenischen Rat gelegt. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges
verhinderte weitere Kontakte und die Weiterarbeit. Das Zusammengehen der
Kirchen schien nötiger denn je und war zwar aufgeschoben, aber nicht
aufgehoben. 1948 schien die Zeit gekommen. Der ÖRK wurde in Amsterdam
gegründet. 1950 wurde in Toronto ein Text zum Thema «Die Kirche,
die Kirchen und der ÖRK» verfasst, der für das gemeinsame
Verständnis des Rates grundlegend ist. Unter anderem ist darin festgelegt,
dass der ÖRK keine Überkirche ist und die Lehren der Mitgliedkirchen
mit dem Beitritt nicht ausser Kraft gesetzt werden. Das oberste Organ des
ÖRK ist die Vollversammlung, die alle sieben Jahre zusammenkommt. Diese
Vollversammlung wählt den Zentralausschuss des ÖRK, dem 150 Mitglieder
angehören und der einmal im Jahr zusammenkommt.
In Harare, dem Tagungsort der achten Vollversammlung, wurde an einer
Jubiläumsversammlung Rückblick auf die 50-jährige Geschichte
und auf die Schwerpunkte der sieben Vollversammlungen des ÖRK gegeben.
Prägend für die Geschichte des ÖRK waren wohl zwei Vollversammlungen:
die dritte Vollversammlung 1961 in Neu-Dehli, an der sowohl die grossen
orthodoxen wie auch zahlreiche kleinere Kirchen aus Afrika, Asien und Lateinamerika
beitraten. Diese Öffnung nach Osten und Süden veränderte
die protestantisch-westliche Ausrichtung des ÖRK, wenn ihm diese Vielseitigkeit
auch manche Probleme eintrug. Vorerst schien sich aber die Verstärkung
zu bewähren. Bereits sieben Jahre später, an der Vollversammlung
von Uppsala, trat ein geeinter ÖRK den Herausforderungen der Zeit entgegen.
Die weltweiten Protestbewegungen der 68er Jahre gingen auch an den Kirchen
nicht spurlos vorüber, ganz im Gegenteil.
Dreissig Jahre später erinnerten in Harare zwei prominente Redner an
die Ereignisse um Uppsala. Der eine, Philipp Potter, war bereits an der
Gründungsversammlung 1948 als Jugendsprecher dabei. Seit 1960 war er
Mitarbeiter im Stab des ÖRK und von 1972 bis 1984 dessen Generalsekretär.
Für ihn war Uppsala die spannendste Versammlung, die er erlebt habe.
Das Engagement der jungen Studentinnen und Studenten habe diese Versammlung
geprägt, in gut vorbereiteten Debatten stellten sie revolutionäre
Ideen zur Diskussion. In eigenen Cafés boten die jungen Leute Raum
für nächtliche Diskussionen und Strategien. Manche davon hätten
die Resolutionen, die verabschiedet wurden, beeinflusst.
Als weiterer Redner erinnerte kein geringerer als der südafrikanische
Präsident Nelson Mandela an einen wesentlichen Entscheid von Uppsala:
das «Programm zur Überwindung des Rassismus». Der Kampf
gegen den Rassismus geschah nicht nur mit schönen Worten, sondern auch
mit finanziellen Unterstützungen von Befreiungsbewegungen wie der ANC
in Südafrika, die SWAPO in Namibia oder die schwarze Befreiungsfront
von Rhodesien/Simbabwe. Diese Politik bescherte dem ÖRK zwar sehr viel
Kritik und Austrittsdrohungen. Sie verlieh ihm und manchen seiner Mitgliedkirchen
ein politisch glaubwürdiges Profil. Die Versammlung in Uppsala fühlte
sich dem Kampf gegen Rassismus, gegen Apartheid auch einem Mann verpflichtet,
der an der Vollversammlung als Redner auftreten sollte, wenige Monate vorher
aber ermordet wurde: Martin Luther King. Sein Traum, dass Schwarz und Weiss
in Frieden zusammenleben, wurde, nach den Worten Mandelas, in Südafrika
nun Wirklichkeit. Mandela, der überraschend nach Harare gekommen war,
erinnerte dankbar an dieses Engagement der Kirchen.
Der Erfolg seines Einsatzes durfte der ÖRK bereits 1994 erleben, als
zum ersten Mal in seiner Geschichte Südafrika Gastgeberin für
den Zentralausschuss des ÖRK war. An dieser Tagung wurde vom Zentralausschuss
beschlossen, das «Programm zur Überwindung des Rassismus»
mit dem «Programm zur Überwindung der Gewalt» abzulösen.
So konkret fassbar wie der Kampf gegen den Rassismus ist es nicht. Ähnliches
gilt auch für das Engagement zur Bewahrung der Schöpfung, das
in den Europäischen Versammlungen für Gerechtigkeit, Frieden und
Bewahrung der Schöpfung in Basel (1989) und Graz (1997) und in der
Sonderversammlung des ÖRK 1990 in Seoul zum Ausdruck kam. In diesen
Empfehlungen tun sich die Kirchen ungleich schwerer, an konkreten Forderungen
festzuhalten und politisch konsequent zu verfolgen. In Seoul wurde aber
doch die Grundlage für die «Theologie des Lebens» gelegt,
die für die theologische und sozialethische Arbeit des ÖRK von
Bedeutung sind.
Nach Nairobi (1975) war der ÖRK zum zweiten Mal mit einer Vollversammlung
auf dem afrikanischen Kontinent zu Gast. Der Generalsekretär des ÖRK,
Konrad Raiser, nannte in seinem Rechenschaftsbericht zu Beginn der Vollversammlung
die Gründe, die für eine Vollversammlung in Simbabwe sprachen:
«Als der ÖRK vor mehr als vier Jahren beschloss, die Einladung
der Kirchen in Simbabwe zur Durchführung der achten Vollversammlung
in Harare anzunehmen, wollte er ein Signal setzen. Die Jubiläumsversammlung
sollte nicht so sehr Gelegenheit sein, Rückschau zu halten, sondern
vielmehr ein Anlass, sich darum zu bemühen, die heutigen Herausforderungen
in den Blick zu nehmen, denen sich die ökumenische Bewegung gegenübersieht.
Die Zukunft der Christenheit und der ökumenischen Bewegung wird sich
wahrscheinlich eher in Regionen wie Afrika und Lateinamerika entscheiden
als in den nördlichen Regionen des historischen Christentums. In den
ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts wird Afrika vermutlich der Kontinent
mit der grössten christlichen Bevölkerung sein. Gleichzeitig ist
Afrika die Region, in der die Unordnung des gegenwärtigen globalen
Systems und die Marginalisierung und Auflösung ganzer Gesellschaften
am dramatischsten zu Tage treten...» Die grosse Zahl von AIDS-Toten
oder die hohe Verschuldung sind zwei Beispiele, die Raiser nannte. Das Gastland
und der afrikanische Kontinent nutzten die Gelegenheit, ihre Hoffnungen,
Anliegen und Probleme selbst darzustellen.
In einer Veranstaltung im Fussballstadion Harares, zu der die Kirchen Simbabwes
eingeladen hatten, war als Prediger der römisch-katholische Bischof
der Diözese Torit im Südsudan, Paride Taban, eingeladen. Er erinnert
die Anwesenden an die Gründung des ÖRK vor fünfzig Jahren.
«Damals blutete das Herz des zerrissenen Europa, das sich nur langsam
von diesem schrecklichen Krieg erholte.» In eindringlichen Worten
rief er den Versammelten zu, in welcher Lage sich viele Länder Afrikas,
und besonders der Sudan, heute befinden. Der Krieg im Sudan sei nicht ein
Krieg zwischen Muslimen und Christen. Auf beiden Seiten gebe es christliche
und muslimische Anführer. «Der Kern des Problems liegt darin,
dass eine Gruppe von Muslimen den Islam als Ideologie der Macht, der Kontrolle
und der Unterdrückung missbraucht.» Um die Kurden Nordiraks zu
schützen, hätten die Vereinten Nationen ein Überflugsverbot
gegen die irakische Regierung erlassen. «Die Menschen bei uns fragen:
sind wir es nicht wert, dass unser Leben vor der sudanesischen Luftwaffe
geschützt wird, indem ein Überflugsverbot verfügt wird?»
Dieser Frage schloss Bischof Taban einen dringenden Appell an, Einfluss
zu nehmen auf den Krieg im Sudan.
Ebenso pointiert war der Appell von Musimbi Kanyoro, die zur Eröffnung
der Dekadekonferenz «Kirchen in Solidarität mit den Frauen»
die anwesenden Frauen fragte: «Was seid ihr zu sehen gekommen?»
Wie Jesus die Menschen fragte, die Johannes den Täufer in der Wüste
aufsuchten (Lk 7,2425), fragte sie mehrmals, was die Anwesenden in
Afrika sehen wollen: ein Volk, das gegen Armut kämpft, das von Kriegen
und Epidemien, speziell von AIDS, heimgesucht ist? «Wir kommen von
Angola, wo die Landminen unendlichen Schaden anrichten. Wir kommen von Ruanda,
Kongo, Burundi und sind gezeichnet vom Völkermord im Gebiet der grossen
Seen. Wir sind von Liberia, Sierra Leone und Mosambik, unsere Kinder sind
bereits Soldaten, sie spielen in den Strassen mit Gewehren statt zu Hause
mit Kinderspielzeugen!» Mit diesen eindringlichen Worten machte Musimbi
Kanyoro die Nöte der afrikanischen Länder bewusst und gleichzeitig
deutlich, dass der Tod auf dem afrikanischen Kontinent zwar viele Namen
habe, der Kontinent aber nicht am sterben sei, «solange wir ihn nicht
aufgeben».
Um auf die Herausforderungen der afrikanischen Länder eine Antwort
zu geben, stimmte die achte Vollversammlung einem Aufruf an die Mitgliedkirchen
zu, sich bei den Regierungen und internationalen Finanzinstitutionen für
einen Schuldenerlass von hochverschuldeten, verarmten Länder einzusetzen.
Vor der achten Vollversammlung des ÖRK trafen sich in Harare über
tausend Frauen und wenige Männer zur Abschlusskonferenz der ökumenischen
Dekade «Kirchen in Solidarität mit den Frauen».
Im Anschluss an die Frauendekade der Vereinten Nationen (19751985)
erforschte der ÖRK die Stellung der Frauen in einigen seiner Mitgliedkirchen.
Diese machten deutlich, dass Frauen, die über die Hälfte der kirchlichen
Mitgliedschaft ausmachen, im Allgemeinen nach wie vor «traditionelle»
Rollen in den Kirchen innehaben. Dies bewog den ÖRK, 1988 die Ökumenische
Dekade «Kirchen in Solidarität mit den Frauen» zu lancieren.
Mit Gottesdiensten wurde sie in der Osterzeit 1988 weltweit eröffnet.
Die Gebetstexte in den Gottesdiensten enthielt die bange Frage der Frauen,
die Jesus in seiner Grabkammer aufsuchen und salben wollten: «Wer
wird den schweren Stein wegrollen?»
Während zehn Jahren sollte nun die Lage der Frauen nicht nur erforscht,
sondern auch Lösungen und Veränderungen vorgeschlagen werden.
Die Dekade fand aber kaum Eingang in den Kirchenalltag, meist waren die
Frauen unter sich auf der Suche, wer die Steine wegrollt. Bald tauchte der
Slogan in abgeänderter Variation auf: «Frauen in Solidarität
mit den Kirchen», das heisst, dass Frauen die Lösungsvorschläge
meist zum Wohl ihrer Kirchen suchten, viele in der Angst, die Männer
an der Macht mit ihren Vorstössen zu verletzen. 1993, zur Dekade-Mitte,
besuchten ökumenische Teams fast alle ÖRK-Mitgliedkirchen, um
festzustellen, was erreicht worden war. Mit der paulinischen Sicht der Gemeinde
von Korinth, die «Brief Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern
mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern
in Herzen von Fleisch» (2 Kor 3) sein soll, wurden die Teams gebeten,
als «lebendige Briefe» einander zu besuchen. In diesen Berichten,
die in der Broschüre «Lebendige Briefe» enthalten sind,
kommt zum Ausdruck, dass Frauen mit viel Ausdauer sich für eine Kirche
einsetzen, die dem sozialen Wandel und dem Leben verpflichtet ist. Die Besuchsteams
stellten aber auch fest, dass viele Steine noch fest an ihrem Platz sind.
Die Gewalt gegen Frauen, um nur ein Thema zu nennen, ist nach wie vor existent
und wird von den Kirchenführern nur wenig angegangen.
Am Dekade-Festival in Harare war eine Veranstaltung der Thematik «Gewalt
gegen Frauen» gewidmet. Fünf Frauen sprachen aus, wo sie Gewalt
erlebt und überlebt haben. Rassismus, sexueller Missbrauch oder strukturelle
Gewalt in den Kirchen, Gewalt in der Ehe, in der Familie, kam zur Sprache.
Stellvertretend nahm der Generalsekretär des Ökumenischen Rates,
Konrad Raiser, dazu Stellung. Die Beispiele hätten deutlich gemacht,
dass auch die Kirchen Heilung brauchen. «Die Krankheit der Kirchen
darf nicht länger verschwiegen werden. Sie gehört aufgedeckt.
Besonders unter den Männern ist die Suche nach der Gewaltlosigkeit
eine wichtige Forderung.»
«Wir, Leib Christi aus verschiedenen Teilen der Welt, die bei diesem
Dekade-Festival zusammengekommen sind, grüssen Euch im Namen Jesu Christi.
Wir loben und danken Gott für das Geschenk der Dekade der Kirchen in
Solidarität mit den Frauen, die der ÖRK vor zehn Jahren ins Leben
gerufen hat. Dadurch wurde ein Raum geschaffen, in dem Frauen ihre Spiritualität,
ihre täglichen Kämpfe und ihre Gaben miteinander teilen können.
Aber die Lebendigen Briefe, die während der letzten fünf Jahren
zu Euch geschickt wurden, haben schmerzlich offenbart, dass die Kirchen
diesem Prozess nicht verpflichtet waren. Deshalb kommen wir erneut als ein
Lebendiger Brief zu Euch, um die Kirchen dieser Jubiläumsveranstaltungen
einzuladen, mit uns eine inklusive christliche Gemeinschaft zu schaffen,
wie Christus sie gewollt hat. Für uns ist dies keine Option, sondern
ein Auftrag des Evangeliums.»
Mit diesen Worten beginnt der Brief an die Vollversammlung des ÖRK,
über den die Frauen am Dekadefestival beraten haben. Die Frauen, und
die wenigen anwesenden Männer, die zum Brief ebenso einen Abschnitt
hinzufügten, fordern die Kirchen auf, Gewalt gegen Frauen zur Sünde
zu erklären. Gefordert wird ein Prozess der Busse, der Umkehr und Erneuerung
der Kirchen, in dem auch die Leitungsstrukturen, die Theologie und die Traditionen
einer kritischen Prüfung unterzogen werden.
Die Steine, die zur Beginn der Dekade im Weg lagen, sind nicht weggerollt,
das wurde bereits an der Plenumsversammlung der Vollversammlung klar, an
der die Dekade thematisiert war. Zwar wurde von den Frauen als «Säulen
der Kirchen» gesprochen, der Brief wurde ausgeteilt, aber nicht verlesen.
Trotz aller unterstützender Voten sind solche, die die Frauenordination
oder Feminismus als blasphemisch und kirchenspaltend hinstellen, noch nicht
verstummt. Orthodoxe Delegierte sprechen aus, was andere wohl nur still
für sich denken. Wie im Brief an die Vollversammlung stand, übten
sich die Frauen in der «Spiritualität des Durchhaltewillens».
Dieser war an der zehntägigen Vollversammlung auch gefordert. Die Frauenquote
unter den Delegierten lag knapp unter den geforderten vierzig Prozent. Bei
den Wahlen ins Präsidium wurden von acht Mitgliedern sechs Männer
gewählt. Bei den Nominierungen für den zu wählenden Zentralausschuss
wurde ebenso von verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern beanstandet,
dass sowohl die Quoten für Frauen wie auch für Jugendliche (zwischen
18 bis 30 Jahren) nicht eingehalten wurden. Jede Kirche hatte gute Gründe,
warum sie diesem Anliegen nicht nachkommen konnte. Der «Backlash»,
den Frauen im gesellschaftlichen Leben für ihre Forderungen und Anliegen
erfahren, ist auch in den Kirchen, trotz (oder gerade wegen) der Dekade
spürbar. Doch der lange Atem, die «Spiritualität des Durchhaltewillens»
ist in der Arbeit des ÖRK in verschiedenen Themen und Fragen gefordert.
«Während wir das 50. Jubiläum feiern, machen sich Zeichen
von Ungewissheit über den Auftrag der Gemeinschaft von Kirchen im Ökumenischen
Rat bemerkbar und Zweifel über die Zukunft der ökumenischen Bewegung.
Wir scheinen an einem Scheideweg angelangt zu sein...» Mit dieser
Bemerkung in seinem Rechenschaftsbericht spricht Generalsekretär Konrad
Raiser unter anderem auch die schwelende Krise zwischen dem ÖRK und
den orthodoxen Mitgliedkirchen an. Verschiedentlich wurde von Konflikten
mit den Kirchen der orthodoxen Tradition gesprochen. Die Themen, die in
Harare zur Sprache kamen, widersprechen nach Meinung der Exponenten orthodoxer
Kirchen der Lehre der Kirche und ihrer Kultur. Sie haben ihre Teilnahme
auf Sparflamme gesetzt und üben bei Abstimmungen Stimmenthaltung.
In Harare war aber unter den orthodoxen Kirchen keine durchgehende Einheit
zu spüren. Die altorientalisch-orthodoxen Kirchen übten weder,
wie beschlossen, Stimmenthaltung, noch fehlten sie bei den Gottesdiensten.
Eine gemeinsame Studiengruppe soll nun die zukünftige Zusammenarbeit
zwischen orthodoxen Kirchen und ÖRK prüfen und eine Strukturreform
vorschlagen. Zwei orthodoxe Kirchen, die georgische und die bulgarische,
sind aus dem ÖRK ausgetreten. Ein Vertreter der georgischen Kirche
brachte auf den Punkt, um was es im Konflikt um die ÖRK-Mitgliedschaft
ging. Ein Verbleib im Rat hätte die Kirche gespalten. So entschloss
sich die Leitung der georgischen Kirche mit schwerem Herzen für den
Austritt. Die Versammlung musste zur Kenntnis nehmen, dass es «die»
orthodoxe Kirche sowenig gibt wie «die» protestantische oder
«die» katholische Kirche.
Die Frage bleibt, wer sich am Schluss durchsetzen kann. Die Versammlung
überraschte nicht mit grossen Beschlüssen, suchte aber doch in
der schwelenden Krise nach Auswegen. Einer davon ist die Beschlussfassung
über die Grundsatzerklärung: «Auf dem Weg zu einem gemeinsamen
Verständnis und einer gemeinsamen Vision des ÖRK», die nach
einem achtjährigen Studienprozess herausgegeben wurde. Dieses Dokument
betont, dass sich der ÖRK als Gemeinschaft von Kirchen versteht, die
sich verpflichten, «ihre Einheit in Christus sichtbar zu machen und
sich gegenseitig dazu aufzurufen, dieser Einheit im Gottesdienst sowie im
gemeinsamen Leben, Zeugnis und Dienst an der Welt tieferen Ausdruck zu verleihen».
Die Vollversammlung gab auch grünes Licht für die Schaffung eines
weltweiten ökumenischen Forums. Dieses Forum soll auch Kirchen und
Organisationen zusammenbringen, die bisher nicht Mitglied des ÖRK sind,
wie zum Beispiel die römisch-katholische Kirche. Das «Forum christlicher
Kirchen und ökumenischer Organisationen» soll mit einem Minimum
an Strukturen auskommen und den Meinungsaustausch fördern. Geplant
ist, dass das Forum erstmals im Jahr 2001 mit etwa 200 Teilnehmenden von
internationalem Rang, aus kirchlichen und ökumenischen Organisationen,
zusammenkommt. Obwohl die Skepsis gross ist und an der Plenumsdebatte Bedenken
laut wurden, wurde das Projekt schliesslich gutgeheissen und der Zentralausschuss
mit der Weiterarbeit betraut.
Die Vollversammlung stimmte einem Antrag deutscher Delegierter zu, ab dem
Jahr 2000 eine «Dekade zur Überwindung der Gewalt» auszurufen,
im Anschluss an die Dekade «Kirche in Solidarität mit den Frauen».
Gewalt sei ein weltweites Problem, zu dem die Kirchen nicht schweigen dürften.
Ein solches Programm führe konsequent die Ziele des vor dreissig Jahren
beschlossenen Programms zur Bekämpfung des Rassismus und der Frauendekade
fort. Dem ÖRK wird die Arbeit nicht ausgehen. Ob er das Profil zurückgewinnt,
das er nach der Vollversammlung von Uppsala 1968 hatte, wird die Zeit zeigen.
Die Theologin Elisabeth Aeberli ist Redaktorin bei der Zeitschrift Wendekreis.