36/1999

INHALT

Verstorbene

Josef M. Bisang, Vierherr, Sursee

Täglich feierte Vierherr Josef M. Bisang, solange es die Gesundheit zuliess, in der Pfarrkirche Sursee um 9 Uhr den Gottesdienst mit. Vor wenigen Jahren noch gehörten die wöchentlichen Gottesdienste in der Chrüzlikapelle und in der Kapelle Grüt, und noch früher die Schülergottesdienste in der Kapelle Schönenbühl, zu seinem festen Pensum. Nach kurzer Krankheit wurde er am 31. Januar 1999 nach einem 9-Uhr-Gottesdienst von seinen Altersbeschwerden erlöst.
Mit Vierherr Josef M. Bisang ging die «Legende eines Dreigestirns» zu Ende. Über Jahre hinweg hatte er zwei starke Persönlichkeiten neben sich: Pfarrer Franz Xaver Kaufmann und Vierherr Andreas Hofer. Dieses Dreigestirn hat über fast drei Jahrzehnte das Leben der Pfarrei Sursee geprägt. Nicht etwa, dass er von diesen beiden Persönlichkeiten erdrückt oder auf die Seite gedrängt wor-den wäre, vielmehr: Vierherr Bisang ging seiner Seelsorgearbeit nach, besuchte kranke Mitmenschen, feierte Gottesdienst und erteilte Religionsunterricht. Sehr viele seiner Beispiele, die er im Religionsunterricht erzählte, waren aus der Begegnung mit der Natur entnommen, die er in seinen Ferien im Engadin verbrachte. Die Natur, die Bäume, die Blumen, die Pflanzen, die Tierwelt waren für ihn eine Art Sprache des grossen und geheimnisvollen Gottes.
Als langjähriger Präses des ehemaligen Müttervereins setzte er sich für das geistliche Fundament der Familien ein; es war ihm ein grosses Anliegen, dass die Quelle des Glaubens der nächsten Generation nicht vorenthalten werde. Im privaten Studium vertiefte er sich bis in hohe Alter in Fachliteratur. Seine Predigten verrieten ein tiefes Suchen und ein bildhaftes Darstellen des geheimnisvollen Wirkens Gottes auch in der heutigen Welt.
Als fünftes Kind wurde Josef Bisang am 29. August 1908 geboren. Vier Geschwister waren älter und vier waren jünger. Sein Vater war Verwalter der damaligen Anstalt Sedelhof. Tief religlöse Eltern prägten sein Leben und legten ihm ein solides Fundament. Seine Mutter verehrte er Zeit seines Lebens. In einer Chronik schrieb sein Bruder Franz Josef vor einigen Jahren über unseren Verstorbenen: «Seine spätere Berufung war ihm sozusagen in die Wiege gelegt. Sobald er als kleiner Knirps auf eine Wagenbrücke klettern konnte, benutzte er diese als Kanzel und hielt von dort aus seinen Geschwistern eine Predigt über Himmel, Fegefeuer und Hölle. Und wenn Martin (sein jüngerer Bruder) aufgeregt dazwischen rief: ÐIch will ja gar nicht in den Himmelð, begann Josef sofort über die Hölle zu predigen. Über diese wusste er so anschaulich zu predigen, dass es die Zuhörer fast schauderte. Und wenn dann Martin wieder behauptete: ÐIch will ja gar nicht in die Hölleð, dann beschrieb er das Fegefeuer. Das war dann für Martin dazu bestimmt, seine Einwände abzubüssen, um dann doch noch in den Himmel zu kommen.»
Nach seinen Studien wurde Vierherr Josef M. Bisang 1935 zum Priester geweiht. In seinen ersten 20 Priesterjahren ist er in verschiedenen Pfarreien als Vikar, Kaplan oder Pfarrhelfer anzutreffen. Am 2. Februar 1955 übemahm er als Vierherr die St.-NiklausPfründe. Mit Stolz wies er stets darauf hin, dass er der letzte vom Schultheiss und Regierungsrat des Kantons Luzern ernannte Vierherr sei.
Am 5. Februar wurde Vierherr Bisang zu seiner letzten irdischen Ruhestätte bei der Martinskapelle begleitet. Im Schatten der Pfarrkirche wollte er begraben sein. Sehr oft musste er in seinem Leben im Schatten stehen. So oft hat er diesen Schatten selber gewählt. Denn Einfachheit und Zurückgezogenheit liebte er mehr als eine grosse Öffentlichkeit. Das will aber nicht heissen, dass er seine Talente vergraben hätte; reichlich hat er mit ihnen gearbeitet, sie eingesetzt und sie der Kirche zur Verfügung gestellt. Was Vierherr Josef Bisang durch sein Wort, durch seine Zuwendung, durch seine Freundlichkeit, durch seine Bereitschaft, immer wieder einen Schritt im Leben weiter zu wagen, was er für so viele Mütter, Väter und Kinder über Generationen bedeutet hat, was er an Trost und Zuversicht gespendet hat ­ das alles hat der Pfarreigeschichte von Sursee unverfälschliche Farbe gegeben, auch wenn so vieles verborgen und unscheinbar war. Deswegen gebührt ihm grösster Dank.

Jakob Zemp


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999