32-33/1999

INHALT

Verstorbene

P. Jean Mesot SMB, Immensee

Ungezählte Menschen, die P. Jean Mesot im Leben begegneten, waren nachhaltig beeindruckt von der Eigenart seiner Persönlichkeit: von der missionarischen Offenheit und der menschlichen Nähe. Das war uns jungen Philosophen im Missionsseminar über Beckenried nicht anders ergangen. Als bereits fortgeschrittener Theologe bot Jean einen Zirkel in moderner französischer Literatur an. Wir staunten über die Leichtigkeit, mit der er sich in beiden Sprachen bewegte, und über seine Belesenheit: angefangen von der griechischen Antike, über die Kirchenväter bis hin zu den modernsten Bucherscheinungen. Für uns wurde der gegenwartsbezogene Kurs zu einer attraktiven Abwechslung beim sonst wissenschaftlichen und weltentrückten Studienbetrieb. Geistgewirkte Weisheit und mutmachende Menschlichkeit waren oberstes Ziel bei seinem vielseitigen Schaffen in der Schule, in den Exerzitien und in der Mitarbeit in mannigfachen kirchlichen Institutionen. Grundgelegt sind diese Qualitäten in Französisch und Deutsch als Umgangssprachen, in einer lebensfrohen Mutter und einem poetischen, eher melancholischen Vater, aber auch in ihrem mehrfachen Domizilwechsel von Châtel-St-Denis, wo er am 23. Februar 1925 geboren wurde, nach Zürich, Sarnen, Lausanne und schliesslich nach Genf.
Missionarischer Weitblick war das Ziel im christlich profilierten Gymnasium (1936­1943) und in der spirituellen sowie wissenschaftlichen Ausbildung im Seminar (1943­1950) gewesen. Persönlich zur Entfaltung brachte Jean den missionarischen Horizont an der Universität Freiburg mit der Doktorarbeit: «Die Heidenbekehrung bei Ambrosius von Mailand». Er war bei aller Liebe zu tiefsinnigem Denken und guter Literatur ein Praktiker. So kam ihm das Angebot sehr gelegen, als Mitpionier zuerst das welsche Laienhilfswerk «Frères sans Frontières» in Freiburg und dann das deutschschweizerische «Interteam» in Luzern mitaufzubauen, eine grosse Zahl Interessierter auf die Mission vorzubereiten und in ihren Einsätzen zu begleiten. Die zeitweilige Redaktion der französischen Zeitschrift «Béthléem» wurde ihm zu einer neuen Herausforderung, sich mit Kirche und Mission weltweit zu befassen. Voll und ganz im Element als gesprächsfreudiger, geistreicher Berater und Erzähler war Jean durch seine Mitarbeit in verschiedensten Gremien wie im Generalrat und im Zivilverein der Bethlehem Mission, in der europäischen Organisation für «Personelle Entwicklungshilfe» und im Institut für Internationale Zusammenarbeit (IIZ). Sein Weitblick und seine Kompetenz kamen dem Verstorbenen voll zugut als Präsident des Vereins zur Förderung der Missionswissenschaft (NZM), des Missionsrates, von Missio Schweiz und des ökumenischen Hilfswerkes «Solidarität Dritte Welt». Diese vielseitigen Aktivitäten riefen nach einer weiteren missionarischen Tätigkeit, die Jean als sein Spezialcharisma entfaltete: das Reisen mit Bahn und Flugzeug; die Sitzungsziele waren auf die ganze Schweiz verteilt: von Chur über Zürich, Olten, Bern bis Genf; europaweit lagen sie in Paris, Brüssel, Würzburg und Wien. Dazu kamen persönlich bedingt auch ausgesuchte Kunst- und Erholungsreisen, auf die er sich immer sehr gründlich vorbereitete. Von einem echten Missionar nicht zu trennen ist seine zweite Auszeichnung: die Nähe zu den Menschen.
Was Jean Mesot den Freunden und Mitarbeitenden menschlich so sympathisch machte, war seine Fähigkeit zu staunen. Dies hat tiefschürfend in seinem Philosophiestudium im «Staunen über das Sein» begonnen. Seine Verwunderung fand immer neue Nahrung in der Literatur, beim Betrachten von Kunstwerken aller Gattungen und beim Erleben von barocker sowie klassischer Musik. (Er selber könnte als ein klassisch-barocker Mensch bezeichnet werden.) Ein glückhaftes, oft auch zu Herzen gehendes Staunen kam über ihn beim näheren Kontakt mit Einzelmenschen und Gruppen. Vor allem waren es die insgesamt etwa 60 Exerzitienkurse, bei denen er die Gabe hatte, an den tiefen Geheimnissen der Seele zu rühren. Seine unmittelbare und verständige Nähe konnten die welschen Schüler in der «Ecole Apostolique de Torry» in Freiburg und später im «kulturell fremden» Immensee erfahren. Ein gern aufgesuchter Freund war Jean in den letzten zehn Jahren als Betreuer der Missionsurlauber, aber auch in der neu gegründeten Gruppe der Assoziierten, die als Laien in der Bethlehem Mission mitarbeiten und deren Zukunft mittragen.
Drei Tage vor seinem Tod hatte Jean begeistert von einer Kreta-Reise erzählt und fügte unversehens bei: «Ja, ich hätte noch so viel zu tun und zu lesen; ich komme mir so hilflos vor, denn meine Kräfte schwinden.» Physisch haben sie ihn am 1. März 1999 verlassen. Sein menschlich-missionarisches Wirken jedoch dauert weiter.

Ernst Boos


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999