51-52/1999 | |
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Theologie in Luzern |
Historisch gesehen sind die ältesten Teile unserer Jesus-Überlieferung die Erzählungen von der Passion und die Erfahrungen seiner Auferstehung. Dann sammeln die Urchristen die kostbaren Erinnerungen an die Worte und Taten Jesu. Die theologischen Verdichtungen in den Vorgeschichten der beiden Gross-Evangelien nach Matthäus und Lukas und der Logos-Prolog im Johannes-Evangelium bilden die dritte Hauptphase des Traditionsprozesses. Das Vorspiel im Matthäus-Evangelium ist somit eigentlich ein theologisches Nachspiel!
Die «Genesis» Jesu in Mt 1,1 ist schon durch die Wortwahl
im Anfang der Schöpfung nach dem Buch Genesis 1,1 begründet. Aber
die Abstammung wird nicht wie in Lk 3,2338 bis zu Adam und letztlich
auf Gott selber zurückgeführt. Mt führt den Stammbaum Jesu
gerade umgekehrt von Abraham her, vom Stammvater der Gläubigen des
Volkes Israel par excellence. Und: Der Christus des Glaubens ist ein Sohn
Davids.
Nach Gen 1,12,4a schuf Gott die Welt in sieben Tagen. Je zweimal sieben
Geschlechter bilden in Mt 1,216 entsprechend der inkludierenden Zählweise
der alten Welt die drei Geschlechterreihen der Abstammung Jesu, von Abraham
bis zu König David, von David bis zur Umsiedlung nach Babylon und von
Babylon bis zur Genesis Jesu.
In der Korporativgestalt Abrahams wanderte der Glaube Israels einst von
Ur in Chaldäa über die kanaanäische Landbrücke nach
Ägypten und nimmt schliesslich im Zentrum, in der Mitte zwischen Ost
und West, das Land Israel in Besitz. Unter König David folgt ein eigentlicher
Höhepunkt mit Jerusalem als Hauptstadt, dann kommt der Zerfall mit
dem absoluten Tiefpunkt im babylonischen Exil. In der zentralen Mitte Israels
wird nun in wieder aufsteigender Hoffnung ein Davidide erwartet, der Messias
des neuen Israel.
Der Zahlenwert der drei hebräischen Buchstaben des Königsnamens
David ergibt 4+6+4=14. Das traditionelle alttestamentliche Siebner-Schema
im Buch der Schöpfung wird mit einer Verdoppelung überboten und
triadisch ausgeweitet. Denkt man an den trinitarischen Taufbefehl 28,19
am Schluss des Evangeliums, ergibt sich wiederum eine weitumgreifende «Inclusio»,
ein Echo auf den universalen Anfang und ein Fanfarenstoss in eine umfassende
Zukunft hinein.
Die genesis Iäsou Cristou 1,1.18 stellt über die Verse
1,216 mit dem Verb gennan eine Liste der Erben des Thrones Davids zusammen.
Sie enthält im Gegensatz zum rein patrilinearen Geschlechtsregister
bei Lk 3,2338 vier Frauengestalten. Tamar, Rahab, Rut und die Gattin
des Uria in 1,3.5f. werden kaum aus moralischen Gründen erwähnt,
vgl. unten zur Erzählperspektive; wichtiger ist ihre soziale Stellung
und ihre nichtisraelitische, ausländische und internationale, die Universalität
herausstreichende Herkunft, am wichtigsten aber ist:
Die Genealogie gipfelt nach den dreimal vierzehn geneai in der Geburt
des davidischen Messias aus der fünften dieser Frauen Maria. Und sie
stammt aus dem sogar im «heidnischen» Galiläa verachteten
Nazareth. «mater semper certa, mater Nazarena est.» Das Passivum
divinum egennäthä (1,16, vgl. in 1,1822, to gar
en autä gennäthen ek pneumatos estin agiou 1,20) verhüllt
das Schöpfungshandeln des heiligen göttlichen Geistes.
Der stilistisch anspruchsvolle Umgang mit dem Wortfeld genesis verrät
die theologische Reflexion: Reich Gottes bricht an, wenn Kleines, Schwaches,
Verachtetes, Bedeutungs-, Namen- und somit Geschichtsloses gross wird und
den Namen der heiligen Überlieferung Israels hervorbringt: den messianischen
Sohn Davids.
Typisch jüdisches Räsonnieren des «gerechten Mannes Josef»
verraten die komplizierten Satzstrukturen in 1,1819, vgl. dazu 25!
In 1,2023 setzt mit den Passivformen das göttliche Heilshandeln
ein, aber dann wird Josef aktiv und gehorcht den Anweisungen, die ein Engel
des Herrn ihm im Traume gab, 1,2425: und er rief seinen Namen «Jesus»,
das heisst «Gott schafft Heil». Der hebräische Name «Josef»
bedeutet auf gleicher Ebene: «Gott fügt (einen Sohn) hinzu».
Der «gerechte» Mann Marias, der Davidssohn Josef, träumt
wie sein Namensvetter, der ägyptische Josef. Das Wort onar bzw.
der präpositionale Ausdruck kat onar findet sich im gesamten
neutestamentlichen Schriftenkorpus sechsmal und nur bei Mt, in 1,20; 2,12f.19.22
viermal von Josef, in 2,12 einmal von den Magiern. In einem weiteren Sondergut
des Mt 27,19 träumt die Frau des Pontius Pilatus während des Prozesses
Jesu; Gen 40,123 träumen die Beamten des Pharao, Gen 41,136
dieser selbst, bis der ägyptische Josef gerettet wird; dikaios
ist in Mt 1,19 das «Epitheton ornans» des Josef, nach dem Albtraum
der Frau des Pilatus in 27,19 ein Hoheitstitel für Jesus.
Wortwahl und Stilhöhe in Mt 12 unterscheiden sich auch sonst stark
vom Hauptteil des Evangeliums, die sprachlichen Anklänge an den Evangeliumsschluss
sind ebenfalls beachtlich. Hier ist intensiv der Theologe Mt am Werk!
Mit Josef dem himmlischen Träumer bietet das AT eine willkommene
Typologie an. Auch dessen Vater hiess Jakob; dieser elohistische Jakob träumt
von der Himmelsleiter und Engel steigen auf ihr zur Erde herunter, Gen,
28,12; in Lk 3,23 heisst der Vater des neutestamentlichen Josef: Eli. Beide
Josefs sind vor den Nachstellungen der «Brüder» nach Ägypten
geflohen und konnten dort das Heil für das ganze Volk Israel bewirken.
Die Parallelen zum Josefs-Roman in Gen 3750 sind zu auffällig,
sie sind Absicht. Der erste Josef wird im Ausdruck Mt 1,2 kai tous adelfous
autou subsumiert. Er ist kein direkter, irdischer Stammvater Jesu, ebenso
schliesst man zu Recht wie der zweite Josef.
Vier Schriftbeweise in Mt 12 sind allesamt prophetischer Herkunft:
Jes 7,14; 8,8; Mich 5,2; Hos 11,1; Jer 31,15. Thora und Propheten, die gesamte
heilige Überlieferung der pharisäischen Frömmigkeit erweist
die göttliche Herkunft des davidischen Messias aus Nazareth in Galiläa.
Die Geburt aus einer Nazarenerin im judäischen Bethlehem ist eine apologetische
«interpretatio Iudaica». Mit umständlichen Satzstrukturen
wird der zeitgenössische König Herodes der Grosse eingeführt.
Aber es ist eine volkstümliche Erzählperspektive der Unterschicht,
vergleichbar den Erzählungen semitischer Nomaden am abendlichen Herdfeuer,
vgl. Gen 12,1020: So hat schon Abraham, der clevere erste Stammvater
des Glaubens, höchst persönlich den mächtigen Pharao übertölpelt,
und die Zuhörer freuen sich diebisch darüber, noch völlig
unbehelligt von späteren kirchlichen Moralvorstellungen. Auch König
Herodes der Grosse wird hereingelegt und rächt sich in ohnmächtiger
Wut fürchterlich, aber letztlich erfolglos.
Nun sind Magier bei Hofe erschienen, und schon ist der König völlig
erschüttert und ganz Jerusalem mit ihm und alle Hohenpriester und Schriftkundigen
des Volkes müssen ihn beraten 2,3f. und eifrigst in den heiligen Schriften
nachforschen. Josef wie zuvor Maria und die Magier nur Josef,
der sich dem göttlichen Heilshandeln öffnet, braucht sich nicht
zu fürchten, 1,20. Angst und Freude sind im Präludium immer total:
sfodra, lian, mega, sie geschehen im Angesicht der epiphanen Göttlichkeit
Gottes.
In summarischer Redeweise werden die Magier im Jerusalemer Zentrum empfangen.
Eine ganz besondere Himmelserscheinung, ein astär im Singular
nur viermal in den Evangelien und zwar hier bei Mt und nicht ein gewöhnliches
astron hat im Osten den göttlichen Messias angekündigt.
Noch in der Abwehr beweist die Reaktion des Herodes deutlich: Vor diesem
göttlichen Kind bleibt auch für den grossen König letztlich,
wie für die Magier, nur die proskunäsis, die totale Anerkennung
seiner Herrschaft und die entsprechende Tributleistung. Die fremdländischen
Magier freuen sich dabei unter dem Stern wieder übermässig. Der
Bericht präludiert ganz hymnisch: Der Himmel, der gesamte Orient, die
Schätze der Umwelt Israels finden hier zur Erde: Wie Maria wird auch
das kleine unbedeutende Bethlehem-Ephrata bedeutend und gross werden.
Die Text-Elaboration seit der Spätantike ist wie oft
aufschlussreicher als perikopenfixierte, moderne Exegese. Schon frühchristliche
Legende wird sachentsprechend weiterweben: Die drei Geschenke Gold, Weihrauch
und Myrrhe lassen die Magier zu drei Königen werden, je mit einem persischen,
hebräischen und akkadischen Namen, sie werden die drei Lebensalter
des Mannes und die drei damals bekannten Erdteile darstellen; die Metonymien
smurna und libanos lassen im Osten an die heutige Westtürkei
und an das Israel benachbarte Libanon-Gebirge denken, das dritte Geschenk
an das Goldland Nubien im Südwesten, und prompt wird einer der drei
Könige schwarz. Aber immer bleibt die dreigliedrige Aussage umfassend,
in der damaligen Welt total und universal.
Ausschliesslich und immer steht Israel im Zentrum dieser theologischen Eingangs-Meditation,
ein Erzählskopos, der in der Rezeptionsgeschichte viel zu wenig beachtet
wurde. Wenn es um Theologie geht, sind historisierende Nachfragen banal,
weil inadäquat: War Marias Mann Josef wirklich je in Ägypten?
Weilte der ägyptische Josef nur literarisch am Hofe des Pharao? Deshalb
nochmals: Hier geht es um die Theologie!
Beide Josefs fliehen nach Ägypten. Schrecklich und masslos ist die
Wut des jeweiligen Machthabers, des Pharao, des Herodes, furchtbar ist das
Schicksal ihrer Opfer, ihrer eigenen Untertanen! Aber so furchtbar und schrecklich
es klingt: Bei der Flucht unter Mose geht es nicht um die ertrunkenen Ägypter
und es geht nicht um die hingeschlachteten, unschuldigen Kindlein. Im Osten
geht es wie einst bei der Sintflut nicht um die auf schreckliche Weise Ertrunkenen,
es geht um die Errettung Noahs in der Arche, die Bewahrung Israels in Babylon,
im Westen geht es um die Errettung Israels aus dem Schilfmeer, es geht um
die Errettung des zweiten Josefs, es geht um die Errettung und Bewahrung
des Einen: zum Heil und zur Errettung des neuen Israel Gottes in der Mitte.
Nach der Verfolgung wohnt Josef mit seiner Familie zuerst in Israel, vgl.
2,20f. Im Traum unterwiesen führt dann eine zweite Fluchtbewegung weg
von einem Sohn Herodes des Grossen, weg vom Kernland unter König Archelaos,
weg zu einer weiteren Rettung nach Galiläa. Mit den zwei Herodes erhalten
die beiden Josefs als Rettergestalten auf der Erzählebene ein dunkles
Gegenpaar.
Dass Nazareth Josefs Wohnsitz wird, will ein abschliessender fünfter,
dürftiger Schriftbeweis der Propheten in 2,23 legitimieren, vgl. Jes
11,1; 53,2, hier dia ton; profäton, zuvor viermal formelhaft
dia tou profätou.
Der Plural kann den Argumentationsnotstand des theologischen Interpreten
verdecken, denn Nazareth kommt im ganzen AT nie vor; im Text wird dadurch
unterstrichen, dass die gesamte prophetische Überlieferung auf den
Nazarener Jesus zuläuft. Damit wird aber auch das intendierte Kompositionsschema
im mt Präludium bestätigt.
Vom angezielten Höhepunkt her rückwärts gelesen: Die Geburt
des davidischen Messias unter dem einen Stern im Zentrum Israels, die drei
Geschenke der Magier, die konzentrischen beiden Kreise der fünf himmlischen
Traumanweisungen mit ihren Anglophanien und der fünf Prophetenzitate
mit ihrer Gottesrede sind ebenso beabsichtigt, wie die offensichtliche Gematrie
mit dem königlichen Namen Davids, mit dem dreifach die verdoppelte
heilige Siebenzahl in der Genealogie entfaltet wird. Die numerische Kulmination
im «Astron» ist wirklich frappant:
3u (7+7) = 3u14/5+5+3+1 = 14.
Der himmlischen Erwählungen entspricht in der durchgängigen Formelhaftigkeit
des «Parallelismus membrorum» der menschliche Glaubensgehorsam.
Die Verdoppelung der heiligen Siebenzahl erklärt sich aus der Entsprechung
in der irdischen Erwählungslinie mit ihren Archegeten vom Ausgangspunkt
(Abraham) über den königlich-irdischen Höhepunkt (David)
und den absoluten Tiefpunkt (Babylon) hin zum königlich-himmlischen
Zielpunkt (der neue David und Messias). Denn fünf Männer der neuen
heiligen Überlieferung Israels Abraham-Jakobssohn Josef-David-Jakobssohn
Josef-Jesus entsprechen fünf Frauengestalten. Seit Ägypten (1,2)
und Babylon (1,11) sind «die Brüder» Israels dreifach unterwegs
zur endgültigen proskunäsis in Galiläa, 28,16f.
wieder ein Sondergut des Mt vgl. die doppelte Prophezeiungen in 28,7.10.
Der Auferstandene ist das eine Kind unter dem himmlischen Stern. Eine reiche,
wohl durchdachte Zahlenmystik verhüllt das rettende Heilshandeln Gottes.
Die vielen polaren Ausdrücke, Verdoppelungen und summarischen Aussagen
in den beiden Eingangskapiteln des Matthäus-Evangeliums besagen das
Ganze des Heiles für das neue Israel Gottes in Jesus Christus. Insgesamt
geht es Matthäus in seinem geschichtstheologischen Präludium um
zwei zentrale Theologumena:
Zwischen den beiden Machtblöcken im Osten und im Westen, in Mesopotamien
und am Nil, wurde das kleine Israel schon in seiner Geschichte immer wieder
gerettet. Die Josefstypologie zeigt die beiden Jakobssöhne als prototypische
Rettergestalten. Gottes Heil ist umfassend: Ost und West, Himmel und Erde,
Ober- und Unterschicht, geheiligte Vergangenheit und heilschaffende Zukunft,
Sohn Davids und Messias!
Und ganz auf der prophetischen, genuin theologischen Linie Jesu wird klar:
Gott selber ist jetzt im neuen Israel am Werk, Gott macht Kleines gross,
Gott schafft sein Heil in Jesus, dem davidischen Christus. Gott hat den
Galiläer Jesus von Nazareth gezeugt, geschaffen und gesalbt. Er ist
der von Thora und Propheten bezeugte Davidssohn und Messias. Mit ihm erwirkt
Gott seit Anbeginn und in alle Zukunft hinein das Heil für das ganze
Universum.
Das hymnische Präludium zum Matthäus-Evangelium ist ein geschichtstheologisch durchreflektiertes «vaticinium ex eventu». Wie vor jedem antiken Werk enthält auch das Proömium in Mt 12 den Schlüssel für die gesamte Bearbeitung der Jesus-Tradition durch den pharisäisch gebildeten Theologen Matthäus.
Hanspeter Betschart, lic. theol., lic. phil., ist Mitglied der Schweizer Kapuzinerprovinz. Er unterrichtete bis 1998 als Mittelschullehrer am Kollegium St. Fidelis in Stans Religion, Alte Sprachen sowie Kunstgeschichte der Antike und ist seither Stadtpfarrer in St. Martin, Olten. Daneben versieht er einen Lehrauftrag für Latein und Bibelgriechisch an der Universitären Hochschule Luzern.