45/1999

INHALT

Theologie

Christkönig: Unser konstitutioneller Monarch

von Martin Grichting

 

Es gibt eine pastorale Maxime, die lautet: «Man muss die Menschen dort abholen, wo sie stehen». Diese Formel ist wegen ihrer Abgedroschenheit in Verruf geraten. Schaut man allerdings in die Heilige Schrift oder in die Verkündigung der Kirchenväter, so stellt man fest, dass die Menschen dort wirklich abgeholt werden, wo sie stehen. Jesus Christus verwendet Bilder aus dem Alltagsleben der Menschen. Mit Schiff, Acker, Blumen, Sonne, Wolken usw. konnten die Menschen durchaus etwas anfangen. Das Problem scheint also nicht das Abholen zu sein. Die Maxime «Die Menschen dort abholen, wo sie stehen», scheint eher dadurch in Verruf geraten zu sein, dass manche zeitgenössische Abholer vor lauter Abholen vergessen zu haben scheinen, wohin sie die Menschen eigentlich führen sollen. Und so sind sie beim Vordergründigen stehen geblieben.

Die Könige von heute

Will man die Menschen am Christkönigsfest «abholen», wo sie stehen, dann muss man sich fragen: Was kommt den Menschen denn heute in den Sinn, wenn sie an einen König denken? Wahrscheinlich denken viele heute zuerst an die Eskapaden, die sich gewisse Mitglieder von Königshäusern leisten und die dann in den zahllosen Hochglanzpostillen ausgeschlachtet werden. Das schadet dem Ansehen der Könige und Königinnen. Noch mehr schadet es aber dem Ansehen der Könige, dass sie heute allermeist gar keine richtigen Könige mehr sind: Sie sind nur noch konstitutionelle, also an die Verfassung gebundene Monarchen. Das heisst im Klartext: Sie haben kaum mehr etwas zu sagen. Das Volk gibt sich die Verfassung. Es regiert sich selbst. Es wählt ein Parlament oder sogar die Regierung. Das Volk braucht den König nur noch für das Staatszeremoniell, denn auf ein Bisschen Pomp will man gleichwohl nicht verzichten.

Christus: ein konstitutioneller Monarch?

Man kann sich fragen, ob dieses Bild des Königs als konstitutionellem Monarchen nicht auch das Bild prägt, das viele heute von Christus, dem König, haben. Ist es nicht auch in der Kirche so geworden, dass uns nicht mehr der König (Christus, nicht der Papst!) die Kirchenverfassung gibt, sondern dass wir die Kirche organisieren? Man spricht unbefangen über allerlei Strukturreformen, als wäre die Kirche ein Staat, der neu zu ordnen wäre. Vom katholischen Schweizervolk werden staatlichen Vorbildern entlehnte «Kirchenverfassungen» verabschiedet. Und in der «Verfassung der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern» heisst es gar: «Das katholische Luzernervolk gibt sich (...) folgende Kirchenverfassung.» So ganz geheuer ist einem dann dabei aber doch nicht, und so setzt man in der Präambel den Herrgott gewissermassen als konstitutionellen Monarchen ein: «Im Namen Gottes, des Allmächtigen!» «Feierliche Ergänzung» sei die Religion, hat Karl Marx einst gesagt...

Das Königtum des Alten Bundes

Die Könige unserer Tage eignen sich also nicht zum «Abholen». Sie führen zu einem falschen Christusbild, denn sie sind einfach keine Könige mehr. Sie sind unsere Kreaturen, und so stehen manche in der Gefahr, auch Christus ­ unsern Herrn und den Herrn der Kirche ­ zu unserem Geschöpf zu machen, ihm eine Rolle nach unserem Geschmack zuzuweisen als dem konstitutionellen Monarchen der Kirche, der als feierliche Ergänzung des Souveräns fungiert.
Es bleibt also nichts anderes übrig, als die Entwicklung des Königtums in der Heiligen Schrift zu verfolgen. Auch dieser Versuch ist nicht ohne Probleme. Denn im 1. Buch Samuel (Kap. 8) kann man nachlesen, dass Gott für sein Volk gar keinen König wollte. Gott hat es als Verrat des Volkes betrachtet, dass es einen Menschen als König haben wollte. Gott warnt das Volk davor, einen solchen König haben zu wollen: Er wird über sie herrschen; er wird ihnen die Söhne und die besten Äcker wegnehmen. Schliesslich aber lässt Gott dem störrischen Volk seinen Willen.

Das Königtum des Neuen Bundes

Nun aber geschieht etwas Erstaunliches: Gott zieht sich nicht in den Schmollwinkel zurück. Er wendet sich nicht von seinem störrischen Volk ab. Im Gegenteil: Gott verbindet sich mit dem Königtum Davids. Das Königtum wird eine neue Form der Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Gott zieht also mit seinem Volk nicht einfach seine ewigen Pläne durch, sondern er geht den Wegen der Menschen nach und vermag aus den Abwegen Wege zu Gott zu machen. Gott geht darin so weit, dass er schliesslich in Jesus Christus selbst in das menschliche Königtum eintritt: als Sohn Davids, Christkönig eben. Damit wird aber das Königtum von innen heraus anders, es wird umgestaltet, ja in sein Gegenteil verkehrt: Es ist nicht Beherrschen, sondern Liebe, Gemeinschaft und Begegnung, die den Menschen auf neue, noch unbekannte Wege führen will. So kommt es am Ende ganz anders heraus, als die (Königs-)Macher es sich vorgestellt hatten.

Gott kann auf krummen Zeilen gerade schreiben

Das Königtum des Alten Bundes, das einen Keil hätte treiben können zwischen Gott und sein Volk, ist durch die Menschwerdung Christi, des Königs, ein Weg Gottes zum Menschen geworden. Wir dürfen deshalb Christkönig feiern im Vertrauen auf Gott, der Allzumenschliches umzuwerten vermag. Es ist das Vertrauen, in den Händen dessen zu sein, der auf krummen Zeilen gerade schreiben kann, und der Problematisches nicht einfach verdammen muss, sondern es von innen her anders zu machen vermag.

Nicht Christus beherrschen, sondern mit Christus herrschen

Wie aber kann das geschehen? Nun, Gott ist fähig, die «Herrschlust» von heute wie das Königtum von damals zu «unterwandern», sie von innen her anders zu machen. Eigentlich hat er es schon getan: Denn wir Christen sind tatsächlich zum «Herrschen» berufen: aber nicht zum Herrschen über Christus und die Kirche, sondern zum Herrschen mit Christus. Im 4. Kapitel von «Lumen Gentium», das immer noch darauf wartet, von den Theologen aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst zu werden, heisst es dazu: «Der Herr will ja sein Reich auch durch die gläubigen Laien ausbreiten, das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. (...) So soll die Welt vom Geist Christi erfüllt werden (...) In der Erfüllung dieser allgemeinen Pflicht haben die Laien einen besonderen Platz. Sie sollen also durch ihre Zuständigkeit in den profanen Bereichen und durch ihre innerlich von der Gnade Christi erhöhte Tätigkeit einen gültigen Beitrag leisten, dass die geschaffenen Güter gemäss der Ordnung des Schöpfers und im Lichte seines Wortes durch menschliche Arbeit, Technik und Kultur zum Nutzen wirklich aller Menschen entwickelt und besser unter ihnen verteilt werden und in menschlicher und christlicher Freiheit auf ihre Weise dem allgemeinen Fortschritt dienen. So wird Christus durch die Glieder der Kirche die ganze menschliche Gesellschaft mehr und mehr mit seinem heilsamen Licht erleuchten» (Nr. 36).
Hier ist das allzu menschliche Herrschenwollen gewandelt in ein Herrschen mit Christus, das letztlich ein Dienen an allen Menschen ist: die Ausbreitung des Reiches Gottes in alle Verästelungen des «gewöhnlichen» Lebens hinein. Dieses gewandelte Herrschen besteht deshalb nicht so sehr darin, andere Dinge zu tun (unbedingt an der Sendung der Hierarchie zu partizipieren), sondern darin, die Dinge, die man sowieso schon im Alltag tun muss, anders, im Geiste Christi, zu tun. So soll nach dem Willen des Konzils die Herrschaft Christi durch die Laien primär ausgeübt werden. Wer die Entwicklungen in unserer Gesellschaft beobachtet, wird erkennen, dass sie auf diesen Dienst wartet.

 

Der promovierte Kirchenrechtler Martin Grichting ist Lauretanumsleiter und Webmaster des Bistums Chur.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999