44/1999 | |
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Theologie in Luzern |
Im gegenwärtigen Sprachgebrauch dominiert der Begriff «Religionspädagogik»;
in ihm verbinden sich zwei Perspektiven: Pädagogik und (christliche)
Religion. Im Vordergrund stehen exemplarisch: Wie kann religiöse Erziehung
und Bildung durch alle Altersphasen hindurch gelingen? Wie ist im
Verlauf des Lebens religiöses Lernen und Lehren heute sinnvoll?
Wie können Kinder und Jugendliche in unserer gegenwärtigen Gesellschaft
in den Glauben hineinwachsen und zu eigener Glaubensentscheidung finden?
Katechetik als der ältere, aus dem Griechischen stammende Begriff,
stellt das «Unterweisen» als werbende Einführung in den
christlichen Glauben in den Vordergrund, wie die Geschichte der Religionspädagogik
deutlich macht.<1>
Lernen zielt auf Veränderung, auf eine Unterbrechung in unserem
Denken und Tun. So hat auch religiöses Lernen eine Erweiterung von
Wissen, von Vorstellungen und Erfahrungen im Umgang mit Religiösem
und mit Glaube zum Ziel. Dieses Lernen ist unterstützt und begleitet
von Theologinnen und Theologen sowie Katechetinnen und Katecheten, es geschieht
aber selbsttätig im Sinne von «sich bilden»; sein Gelingen
ist nicht planbar oder machbar. Bildung ist somit immer im Sinne von
«die Menschen stärken, die Sachen klären» der
menschlichen Entwicklung und der inhaltlichen Auseinandersetzung verpflichtet.
Die grundlegenden Fragen religiösen Lernens, religiöser Entwicklung
und religiöser Sozialisation an den verschiedenen Lernorten bilden
den Kern der Religionspädagogik.
Im schulischen Lernen begegnen Schülerinnen und Schüler der religiösen
Wirklichkeit in symbolisch vermittelter Form, in Bildern und Texten, in
Schulbüchern und in der zielgerichteten Interaktion mit dem Lehrer
bzw. der Lehrerin. Diese symbolisch vermittelte Wirklichkeit muss wieder
persönlich bedeutsam und lebendig werden. Andererseits geht der Religionsunterricht
von den verschiedenen Formen lebensweltlich erfahrbarer Religion aus, wie
Religion in der Welt der heutigen Kinder und Jugendlichen vorkommt, wo und
wie Religion für sie wichtig wird.<2>
Religionsunterricht an der öffentlichen Schule in der deutschsprachigen
Schweiz kennt gegenwärtig vielfältige Formen, staatlich verantwortet
im Sinne von Religionskunde, konfessionell-kooperierend ökumenisch
ausgerichtet, konfessionell kirchlich verantwortet.<3>
Religionspädagogik fragt nach den Möglichkeiten und Aufgaben religiöser
Bildung in der öffentlichen Schule im Spannungsfeld der jeweiligen
Interessen von Staat und Kirchen. Im Religionsunterricht kommen Religion
und Glaube zur Sprache, es wird ein Raum für Religiöses geschaffen.
Ausgehend von der Situation in zahlreichen Schulklassen sind Formen interreligiösen
Lernens und des Dialoglernens zwischen den verschiedenen Religionen für
das religiöse Lernen bedeutsam.<4>
Neben dem Religionsunterricht kommt dem Lernort Jugendarbeit zentrale
Bedeutung für «die Suche nach eigenem Glauben»<5> zu. Religionspädagogisch reflektiert
soll Jugendarbeit ermöglichen, in einem Freiraum mit Grenzen eigene
Positionen zu erproben, Alternativen zum eigenen Denken und Handeln einzuüben,
zu «experimentieren». Dafür braucht es Erwachsene, die
diesen Prozess begleiten und sich einlassen auf Gespräch und Auseinandersetzung,
auf Begegnung und Konflikt, ohne von den Jugendlichen bereits eine feste
Position oder eine Glaubensentscheidung zu verlangen.
In jüngster Zeit ist die Bedeutung der Familie für das Hineinwachsen
in Religion und Glaube neu deutlich geworden. Im Gespräch und im Alltag,
in Riten und Feiern wird in der Vielfalt gegenwärtig gelebter Familienformen
Glaube grundgelegt und entwickelt. Wie aber können Eltern, wie kann
Familie mit all ihren Belastungen unterstützt und gefördert werden,
im Alltag Religiöses zu entdecken und zu gestalten? Religionspädagogik
stellt hierzu neben der grundlegenden Reflexion vor allem konkrete
Modelle zur Verfügung.<6> Gemeinde,
Erwachsenenbildung und die spezifische Arbeit nach der Lebensmitte bilden
weitere Arbeitsfelder, mit vielfältigen Themen und unterschiedlichen
didaktisch-methodischen Konzepten.
Grundanliegen der Religionspädagogik in all diesen Praxisfeldern oder
Lernorten bleibt ein wechselseitiges Lernen zwischen allen beteiligten Personen.
Es geht nicht um Weitergabe des Glaubens von Begriff zu Begriff, auch nicht
einfach um das Erlernen von Fachwissen in vorgegebener Sprache, sondern
es geht um ein dialogisches Lernen. Dabei verändern sich alle beteiligten
Personen, Eltern lernen von ihren Kindern und umgekehrt, Lehrpersonen lernen
mit ihren Schülerinnen und Schülern. Eine solche Art religiösen
Lernens ist begegnungs- und beziehungsorientiert, sie ist ganzheitlich und
offen für Neues, sie ist erfahrungsermöglichend und handlungsorientiert.
Dies zeigt sich in den Vermittlungsformen und Methoden, die die Selbsttätigkeit
der Schülerinnen und Schüler fördern: in Projekten kann konkret
umgesetzt werden, was gelernt wurde, Meditation wird eingeübt, Symbole
werden im Tanz erschlossen und im Gespräch unter Einbeziehung des notwendigen
Fachwissens reflektiert, biblische Erzählungen werden im szenischen
Spiel gegenwärtig gesetzt und bilden so Hilfe zur Identifikation.<7>
Religionspädagogik geht von der Praxis aus, von den Fragen, die sich
in Schule, Jugendarbeit und Gemeindekatechese stellen. Präzise Wahrnehmung
der jeweiligen Situation und ihren Bedingungen bildet den Ausgangspunkt
religionspädagogischen Nachdenkens. Reflexion und Theoriearbeit haben
die Aufgabe, die Fragestellungen im Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft
zu präzisieren, Erweiterungen in Fachwissen, in didaktischen Möglichkeiten
und in methodischen Ideen zu schaffen, um zu einer verbesserten Praxis zu
gelangen. Der hermeneutische Zirkel ist ein Praxis-Theorie-Praxis-Zirkel,
mit dem Ziel, religionspädagogisches Handeln immer wieder neu zu reflektieren
und so differenzierte Konzepte und Handlungsmöglichkeiten für
die Praxis zu entwickeln. Religionspädagogisches Arbeiten beinhaltet
neben den wissenschaftlichen Fragestellungen vor allem auch den Bereich
religiöser Erfahrungen; diese müssen eingebracht bzw. häufig
erst gemeinsam gemacht werden, um eine Basis für das Nach-Denken über
Religion zu haben, um eine Verbindung zwischen Sachwissen und Erfahrung
mit Religiösem zu schaffen.
Religionspädagogik/Katechetik ist Teil des Theologie-Studiums an
der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.
Am Katechetischen Institut Luzern kann in einem siebensemestrigen Vollzeitstudium
die religionspädagogische Ausbildung zur Katechetin bzw. zum Katecheten
absolviert werden.<8> Zu lernen sind
mit unterschiedlichen Schwerpunkten Theorie und Praxis des religiösen
Lernens und Lehrens. Dazu ist es notwendig, die Lebensbedingungen und die
Fragen unserer Zeit genau zu kennen, psychologische Kenntnisse zu haben
über die Entwicklung des Menschen und mögliche Krisen sowie über
die Entwicklung eines lebenslang reifenden Glaubens.<9>
Als praktisch-theologische Disziplin ist die gesamte Theologie fachwissenschaftlicher
Hintergrund der Religionspädagogik. Dabei ist Theologie korrelativ
zu verstehen, das heisst in der wechselseitigen Erschliessung und Durchdringung
von Leben und Glaube; als solche wird sie Gegenstand von religiösen
Lernprozessen. Aus religionspädagogischer Sicht ist Theologie nicht
als distanziertes Fachwissen, sondern als gelernte und reflektierte Theologie
zu verarbeiten; die Rede von Gott und das Nachdenken über Gott müssen
«verdaut» und persönlich bedeutsam werden. Denn für
Lernprozesse jeder Art gilt: «Lehren heisst zeigen, dass man etwas
liebt; zumindest heisst es zeigen, dass man etwas schön und menschenwürdig
findet. Lehrer sein heisst also, sich vor jungen Menschen kenntlich machen.
Es setzt Stolz auf die eigene Sache voraus.»<10>
Aufgrund der Breite der Lebensalter und der Lernorte sind die konkreten
religionspädagogisch relevanten Themen am Lehrstuhl und am KIL umfangreich:
Lebenswelten von Jugendlichen und Jugendkultur, Interreligiöses Lernen
und dialogisches Lernen mit nicht-christlichen Religionen, Förderung
von Identität und persönlich verankerter Spiritualität, Ethisches
Lernen und Gewissensbildung, Zugänge zur Bibel, Gottesbilder und Symbole,
Übungen zur Stille und Gebetserziehung, Hinführung zu den Sakramenten
usw. Geschlechtsspezifische Fragestellungen sind in den letzten Jahren besonders
bewusst geworden, zum Beispiel: Was unterscheidet die Glaubensentwicklung
bei Mädchen und Buben? Welche Vorbilder werden vorgestellt? Fachwissen
vielfältiger Art ist nötig; neben der Theologie braucht es Kenntnisse
über andere Religionen, vor allem über die nicht-christlichen
Religionen, die jeweils lebensweltlich erfahrbar sind. Es werden pädagogische
und didaktische Fähigkeiten entwickelt für die Arbeit mit den
verschiedenen Altersstufen. In religionspädagogischen Praktika in Schule
und Gemeinde und in deren Begleitung durch Lehrveranstaltungen an der Fakultät
und am KIL wird eine Vielfalt von Methoden erworben und eingeübt. Und
es bleibt die ständige Arbeit an den eigenen personalen und sozialen
Kompetenzen, die Achtsamkeit auf sich selbst, auf Rollen, Anforderungen
und Grenzen, auf die eigene Spiritualität.
Theologinnen und Theologen in den Gemeinden, Religionslehrpersonen, Katechetinnen
und Katecheten, ausgebildet an der Theologischen Fakultät und am KIL,
sind in all den genannten Bereichen religionspädagogisch tätig,
in der Begleitung von Eltern und in der Erwachsenenbildung, in der Sakramentenvorbereitung
und in der Jugendarbeit, im Religionsunterricht... Auf Zukunft hin werden
diese Aufgaben noch umfangreicher und wichtiger werden: In den Gemeinden
werden die Aufgaben in der Begleitung von Jugendlichen, von Familien und
von älteren Menschen intensiver, über die Gemeinden hinaus gewinnt
der interreligiöse Dialog an Bedeutung, in der Schule werden fächerübergreifendes
Arbeiten und schulpastorale Angebote besonders wichtig. Kooperation ist
dabei ein Kernwort der Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät
und am KIL, die Vernetzung mit den verschiedenen Institutionen im Schulbereich,
in der Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung ist ausgeprägt. Mitarbeit
in Gremien und Arbeitsgruppen innerhalb der Schweiz (wie die Interdiözesane
Katechetische Kommission, Fachgruppen zur Sakramentenkatechese, zur Mädchenarbeit
oder zur Jugendarbeit) und im internationalen Austausch sind selbstverständlich,
zahlreiche Projekte zu verschiedenen Themen sind bereits daraus erwachsen.
Die Religionspädagogik ist für die gesamte Theologie eine ständige
Erinnerung daran, dass Glaube nicht «vermittelt» werden kann,
sondern dass Religiosität und Glaube sich im Menschen entwickeln und
einen lebenslangen Reifungsprozess erfordern, der begleitet und unterstützt
werden muss. So muss die Theologie immer wieder aufs Neue formulieren, was
an der Rede von Gott zentral ist und wie dies glaubwürdig der nächsten
Generation weitergegeben werden kann. Im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen
stellt die Religionspädagogik eine Art Bindeglied zur nächsten
Generation dar, sie ist mit ihren Fragen und mit ihren Problemen auch ein
Stachel für die Theologie, sich nicht in Binnenfragen zurückzuziehen,
sondern immer wieder neu im Blick auf unsere Zeit und ihre Herausforderungen
die Rede und das Nachdenken über den Gott Jesu Christi wach zu
halten und zum entsprechenden Handeln einzuladen.
Helga Kohler-Spiegel war bis 31. August 1999 Inhaberin des Lehrstuhls
für Katechetik und Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät
Luzern und Leiterin des Katechetischen Instituts Luzern; seither ist sie
Professorin an der Pädagogischen Akademie in Feldkirch (Österreich).
Seit 1. Oktober 1999 ist Dr. Monika Jakobs Lehrstuhlvertreterin.
1 Vgl. als einführende Literatur: Gottfried Bitter, Gabriele Miller (Hrsg.), Handbuch religionspädagogischer Grundbegriffe, 2 Bände, München 1986; Hans-Georg Ziebertz, Werner Simon (Hrsg.), Bilanz der Religionspädagogik, Düsseldorf 1995; Wolfgang Bartholomäus, Einführung in die Religionspädagogik, München 1983; Norbert Mette, Religionspädagogik, Düsseldorf 1994.
2 Rupert Leitner u.a., Religionspädagogik, 3 Bände, Wien 1989ff.
3 Vgl. Andrea Belliger, Thomas Glur-Schüpfer, Beat Spitzer, Staatlicher und kirchlicher Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen der deutschschweizer Kantone, ZBS, Ebikon 1999; demnächst: Helga Kohler-Spiegel, Adrian Loretan (Hrsg.), Religionsunterricht in der öffentlichen Schule, Zürich 2000.
4 Vgl. exemplarisch: Helga Kohler-Spiegel, «Wenn ich könnte, gäbe ich jedem Kind einen Leuchtglobus...». Religiöse Erziehung in multikultureller Gesellschaft, (Luzerner Hochschulreden), Luzern 1999.
5 Friedrich Schweitzer, Die Suche nach eigenem Glauben. Einführung in die Religionspädagogik des Jugendalters, München 1996.
6 Vgl. mit unterschiedlichen Schwerpunkten z.B. Angebote der Elternschule, Krabbelgottesdienste in Gemeinden oder das Familienkatechetische Modell.
7 Vgl. exemplarisch: Franz W. Niehl, Arthur Thömmes, 212 Methoden für den Religionsunterricht, München 1998; Ludwig Rendle u.a., Ganzheitliche Methoden im Religionsunterricht. Ein Praxisbuch, München 1996.
8 Nächstmöglicher Ausbildungsbeginn ist Ende März 2000, Unterlagen für Interessierte und Anmeldungen an das Katechetische Institut Luzern, Pfistergasse 20, Postfach 7979, 6000 Luzern 7, Telefon 041-2285520.
9 Vgl. exemplarisch: Wolfgang Esser, Gott reift in uns. Lebensphasen und religiöse Entwicklung, München 1991; Friedrich Schweitzer, Lebensgeschichte und Religion, München 1987.
10 Fulbert Steffensky, Die Gewissheit im Eigenen und die Wahrnehmung des Fremden, in: Religionsunterricht 27 (1997) Heft 1, 35, 4.