42/1999

INHALT

Theologie in Luzern

Pastoraltheologie - Wissenschaft und Weisheit

von Reinhold Bärenz

 

Unser Fachkongress widmete sich 1997 dem Thema «Praktische Theologie ­ Wissenschaft im Kontext». Der Begriff «Kontext» ist jedoch nicht nur für die Pastoraltheologie relevant geworden. Er hat in der gesamten gegenwärtigen, innertheologischen Diskurslandschaft Konjunktur. Voraus also eine Präzisierung, was hier «Kontext» meint: Kontext ist ursprünglich ein Begriff der Sprachwissenschaft. Er bezeichnet den Text, der eine sprachliche Einheit umgibt. Kontextuell ist etwas, das den Kontext betrifft, zu ihm gehört oder darauf beruht. Kontextualität setzt die Existenz von wenigstens zwei Texten voraus. Je selbstbewusster die sich begegnenden Texte sind, desto erfolgreicher kann Kontextualisierung sein. In diesem umschriebenen Kontext meint Pastoraltheologie als Wissenschaft im Kontext, dass sie zuerst ihren eigenen Lebens- und Organisationstext als Disziplin in der Hochschule auszufüllen, eine am Fach orientierte Selbstbeziehung aufzubauen und zu gestalten hat. In diesem Rahmen und darüberhinaus kommt ihr heute nach meiner Überzeugung die folgende vierfache Aufgabe zu: erinnern, reflektieren, gestalten, begleiten.

1. Erinnern

Theologie, die sich nicht von der Realität des Menschen berühren lässt, wird der Menschwerdung Gottes als «Einkörperung» Gottes in die Welt nicht gerecht. Sowohl die Perichoreselehre der Inkarnationstheologie, nach der jeder kreatürliche «Text» zugleich und notwendig Kontext aller anderen «Texte» ist und in deren Kontext steht, als auch die diese Theologie konkretisierende Evangelisierungstheologie (den Pastoralbegriff des 2. Vatikanischen Konzils eingeschlossen) lassen es nicht zu, auch nicht einen Bereich menschlichen Lebens für evangeliumsuntauglich zu halten. Was für die Theologie insgesamt und für jede theologische Disziplin festzustellen ist, gilt auch für die Pastoraltheologie: Jede Disziplin innerhalb einer Fakultät besitzt aufgrund ihrer fachspezifischen Berufung eine kritische Verantwortung gegenüber den anderen Disziplinen. So hat zum Beispiel die Exegese das Gewicht der biblischen Offenbarung einzuklagen. Die Dogmatik hat für die inhaltliche Identität des Glaubens einzustehen. Und in eben dieser Linie (und nicht dass sie sich damit über die anderen Disziplinen stellte) hat die Pastoraltheologie die anderen Disziplinen daran zu erinnern, dass die Lebenswelten der Menschen in ihren konkreten Kontexten nicht durch Abstrahierung ausgeblendet werden dürfen.

2. Reflektieren

Pastoraltheologie ­ Wissenschaft im Kontext? Als «kontextuell» begreift sich die Pastoraltheologie schon seit ihrer Entstehung als wissenschaftliche Disziplin vor gut 200 Jahren. Die Entstehung der Pastoraltheologie als Universitätsdisziplin verdankt sich einer Studienreformdiskussion, die in einem Lehrplan mündete, der auf Vorschlägen des damaligen Rektors der Theologischen Fakultät in Prag, Franz Stephan Rautenstrauch, basierte. Seit 1777 wird der neue «Pastoralkurs» im letzten Ausbildungsjahr gelesen. Der Stoff, der bisher in Dogmatik, Kirchenrecht und Moraltheologie unter der Rubrik «Praktische Fragen, Anwendungen für die Praxis» behandelt wurde, wurde nun in einem eigenen Lehrfach und in einem eigenen Lehrstuhl zusammengefasst. Positiv ist zum Werk Rautenstrauchs zu sagen, dass es den ersten Entwurf einer Gesamtpastoral darstellt. Alle sich mit dem seelsorglichen Amt stellenden Tätigkeiten kamen zur Sprache.
Norbert Mette charakterisierte in seiner Untersuchung «Theorie der Praxis. Wissenschaftliche und methodologische Untersuchungen zur Theorie-Praxis-Problematik» (Düsseldorf 1978) die sich 1774 etablierende Universitätsdisziplin als «Krisenwissenschaft». Er wollte damit sagen, dass die Einführung des neuen Faches ihre Wurzel im seinerzeitigen Kontextverlust der Theologie und in einer theorielosen kirchlichen Praxis hat. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts hatte sich die scholastische Theologie so sehr um ihre eigenen Probleme gedreht, dass ihr der Kontakt zum kirchlichen Leben und zum Leben überhaupt verloren ging. Sie war nicht fähig, die wissenschaftlichen, technischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die in der Aufklärung zu Tage traten, in ihre theoretischen Reflexionen aufzunehmen. In Reaktion darauf überliess jedoch der erste pastoraltheologische Lehrplan die theologische Reflexion den anderen Fächern. Sein untheologisch-pragmatischer Ansatz hielt eine theologische und ekklesiologische Zusammenschau des kirchlichen Handelns nicht für nötig. Im Blick war nur der «Pastor», der als einziger als Subjekt pastoralen Handelns angesehen wurde.
Pastoraltheologie ist seit ihrer Entstehung im 18. Jahrhundert bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts trotz einzelner markanter, geschlossener Entwürfe im Wesentlichen pragmatisch ausgerichtete Berufskunde für angehende Pfarrer geblieben. Solches rein pragmatisches Vorgehen genügte nur scheinbar den Erfordernissen der Praxis. Konzeptionen, die glauben, ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Kriterien Anleitungen für eine vermeintlich als eindeutig vorgegebene Praxis formulieren zu können, laufen Gefahr, sich in Aporien zu verstricken, die letztlich ­ auch in der Praxis ­ ihr Scheitern verursachen. Jedenfalls ist es der Pastoraltheologie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil aus theologischen Gründen nicht mehr gestattet, sich als eine Anwendungswissenschaft der Dogmatik zu begreifen. Der grosse Fortschritt des Konzils liegt gerade darin, dass es versucht hat, Pastoral und Dogmatik zusammenzubuchstabieren, indem es in den dogmatischen Konstitutionen selbst die Frage nach der Praxis stellt. Seitdem gehört die Praxis gleichsam offiziell konstitutiv in die Lehre der Kirche hinein. Die Frage nach der Praxis der Kirche ist daher nicht eine Anwendung des Dogmas, sondern dessen integraler Bestandteil.

3. Gestalten

Ich möchte deshalb anstatt von «anwenden» bei dieser Aufgabe von Pastoraltheologie von «gestalten» sprechen. Und konsequent hiesse jetzt ihr Lernziel nicht mehr «Anwendbarkeit», sondern «Gestaltungsfähigkeit». Gestalten setzt Reflexion voraus und schliesst Reflexion ein. An dieser Stelle sei auf die grundlegende Publikation «Theologie und Handeln. Beiträge zur Fundierung der praktischen Theologie als Handlungstheorie» (hrsg. von O. Fuchs, Düsseldorf 1984) mit vielen interessanten Beiträgen verwiesen. Obgleich dieses Buch schon älteren Datums ist, scheint es mir seiner elementaren Darlegungen wegen auch heute noch aktuell und lesenswert.
In unserem Luzerner Lehrangebot findet sich die Pastoraltheologie im Gegensatz zum Lehrplan Rautenstrauchs im 18. Jahrhundert und zu zahlreichen anderen theologischen Fakultäten heute nicht im letzten Ausbildungsjahr quasi als Appendix des Theologiestudiums, sondern verteilt auf den gesamten Ausbildungsweg.
Es befasst die Studierenden in den drei folgenden Fachbereichen:

3.1. Theologie und Handeln der Gesamtkirche
(1. und 2. Ausbildungsjahr)

Hier geht es um eine Einführung in die Gestalt der Kirche. Als Zielangaben für eine Erneuerung werden heute von vielen Freiheit, Solidarität und Geschwisterlichkeit genannt. Sie haben ursprünglich eine in der Kirche verkündete, von ihr getragene biblisch-jüdisch-christliche Wurzel. Dies gilt, auch wenn dies weithin verblasst oder vergessen scheint. Trotzdem: Die Gegenwart steht durchaus im Horizont, im Licht (oder im Schatten) dieser christlichen Wirkungsgeschichte. Der heutige tiefgreifende Veränderungsprozess der Kirche kann auch die Möglichkeit eines Neuen enthalten, indem ihr eigentliches Mehr zum Vorschein kommen kann. Treue bedeutet nicht einfach Repetierung des Vergangenen, sondern die Fähigkeit zum Wandel, ohne die Identität aufzugeben. Das Ziel dieser «Zukunftswerkstatt» ist es, Handlungsprinzipien aufzuzeigen, wie dieser Spagat gelingen kann.
Theologisch lässt sich die Methodik dieser Lehrveranstaltung mit den Adressatengruppen der Bergpredigt bzw. Feldrede bei Mt bzw. Lk in Verbindung bringen:

3.1.1. Mit «Selig ihr Armen, Trauernden und Hungernden» (Lk 6,20 I Mt 5,3­6) sind optionale Kontexte angesprochen. Es geht um eine Hermeneutik der Erwartung.

3.1.2. Durch «Weh euch ihr Reichen, Satten und Lachenden» (Lk 6,24­25) wird auf strategische Kontexte hingewiesen. Hier geht es um die Hermeneutik des Verdachtes und der Befürchtung.

3.1.3. «Selig die Gewaltlosen, Barmherzigen, Friedensstifter und Gerechten» (Mt 5,7­10) lässt an unterstützende Kontexte denken. Damit ist die Hermeneutik der Anerkennung ausgesprochen.

Als Beispiel dazu sei die von mir 1998 für meinen Vorgänger Josef Bommer zum 75. Geburtstag herausgegebene Festschrift mit dem Titel «Theologie, die hört und sieht» (Würzburg) erwähnt. Sechzehn Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie im deutschsprachigen Raum haben sich darin mit einschlägigen Beiträgen versammelt.

3.2. Theologie und Handeln der Gemeinde
(3. und 4. Ausbildungsjahr)

Kirche ereignet sich «prinzipiell» in und als Gemeinde. Wie sich dieses «Prinzip Gemeinde» (Klostermann) und damit die konkrete Seelsorge unter den jeweiligen geschichtlichen (kairologischen) Bedingungen verändert, ist ein wichtiges Thema der Pastoraltheologie. Die Frage des Leitungsdienstes in den Gemeinden gehört heute zu den meist diskutierten pastoralen Themen. Die Frage nach dem Leitungsdienst und nach der Gemeinde bzw. Pfarrei verlangt über pragmatische Überlegungen hinaus vor allem theologische Grundlagenarbeit und eine neue zukunftsweisende Vision von Kirche. Das Woher der Pfarrei kennen wir. Das Wohin der Gemeinde kennen wir nicht. Dass im Neuen Testament unterschiedliche Verwirklichungen der einen Erinnerung in verschiedenen Gemeinden selbst als normative Inhalte aufgenommen werden, erlaubt den Schluss, dass auch in der Zukunft nicht nur die Erinnerung, sondern auch die kontextuellen Verwirklichungen eine normative Energie für die Gegenwart und die Zukunft besitzen.
Besonders rund um die Fragen des Wohin der christlichen Gemeinde erfahre ich die Bedeutung der Vernetzung des Textes meines Lehrstuhls mit dem Text der Diözese und dem Text der regionalen, kantonalen Landeskirche Luzern. Ich bin dankbar für die hier in den vergangenen fünf Jahren gewachsene Kontextualität: als Mitglied des Rates der Priester, Diakone, Laientheologinnen und Laientheologen des Bistums Basel; als Mitglied des Vorstandes der Luzerner kantonalen Pastoralkonferenz und als Mitglied der Begleitkommission für Pfarreibildung in der Kantonalkirche Luzern. Das Engagement der Teilnehmenden hat mich stets beeindruckt und als Pastoraltheologen bereichert.

3.3. Theologie und Handeln in der Verkündigung des Gotteswortes/Homiletik
(5. Ausbildungsjahr)

Ein Ernstfall der Kontextualisierung der Pastoraltheologie ist die Predigtgestaltung. In der Verkündigung wollen sich die Hörerinnen und Hörer mit ihrer «Welt» wiederfinden können. Mehr noch: Der Inhalt der Verkündigung ist nicht die Heilige Schrift, sondern der Mensch in eben dieser bzw. eben seiner Welt angesichts des Wortes Gottes. Die Welt ist nach diesem theologischen Verständnis nicht nur Zielort, sondern bereits Fundort des Evangeliums. Sie gehört konstitutiv in das Ereignis des Evangeliums selbst hinein. Weil dies so ist, wird in diesem Fachbereich theoretisch wie praktisch im wahrsten Sinn des Wortes interkontextuell gearbeitet. Theologie, Psychologie und Spiritualität sind hier zusammenzuführen, bis hinein in die konkrete Predigtvorbereitung. Was ich aus dem Ärmel schüttle, wird bald ärmlich. Die beiden Bände von Rolf Zerfass, Grundkurs Predigt I und II (Düsseldorf 1987 und 1992), sind immer noch das Standardwerk zum praktischen Kompetenzerwerb in diesem Fachbereich. Zum grundlegenden Zusammenhang von Wort und Tat, Glauben und Leben sei auf den von Edmund Arens herausgegebenen Sammelband «Gottesrede ­ Glaubenpraxis. Perspektiven theologischer Handlungstheorie» (Darmstadt 1994) hingewiesen.

4. Begleiten

Es wurde schon erwähnt, Theologie dürfe die Realität des Menschen nicht aus ihrem Denken ausblenden. Es gibt jedoch nicht die Realität des Menschen, sondern nur die Realität verschiedener Menschen in verschiedenen biographischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Was für die Exegese die Wahrnehmung der biblischen Texte ist, was für die systematische Theologie die hinhörende und hinsehende Wahrnehmung der lehramtlichen Zeugnisse ist, das ist für die Pastoraltheologie die Wahrnehmung und «Exegese» dieser Wirklichkeit in den lebenden Menschen. Pastoral lässt sich so gesehen beschreiben als Lebensbegleitung in den drei menschlichen Grundgesten: Martyria, Diakonia und Leiturgia.
Das Leben ist ein locus theologicus, ein theologiegenerativer Ort. Dies gilt auch im Blick auf die Person des Pastoraltheologen selbst, auf den Kontext seiner Biographie und seiner damit unlösbar verknüpften Theologie bzw. Pastoraltheologie. Was in Bezug auf die Abhängigkeit der Pastoraltheologie von der «history» gesagt wurde, gilt in gleicher Weise für die «story» des einzelnen Pastoraltheologen. In der aktuellen wissenschaftstheoretischen Diskussion scheint man sich jedenfalls darin einig zu sein, dass die biographische Kontextualität die wissenschaftliche Qualität nicht schmälern muss. Im Gegenteil: Sie kann diese steigern. Die heute unausweichlich notwendig gewordenen Selbstbegrenzungen liessen auch die Subjekthaftigkeit des Wissenschaftsbetriebs und der wissenschaftlichen Methodik zu Tage treten.
Diese Entwicklung machte mir Mut, auch auf andere Art, theologisch zu arbeiten. So ist mit meiner Publikation «Frisches Brot. Seelsorge, die schmeckt» (Freiburg i.Br. 1998) ein Buch entstanden, dessen Inhalt sich in den zwei Begriffen «sapiential» und «diakonal» zusammenfassen lässt. Ich versuche darin zu sagen: Wo sich in der Theologie Wissen (scientia) mit Erfahrung verbindet, wo sie an den eigenen Lernwegen teilhaben lässt, kann sie zur Weisheit (sapientia) werden. In der frühen Zeit war man sich jedenfalls darüber einig, dass bei Bewerbungen um ein kirchliches Amt die intellektuelle Voraussetzung (disputatio philosophorum) und die emotionale Kompetenz, die «veritas piscatorum» eine Einheit bilden sollten. Von dieser «Wahrheit der Fischer» erzählt auch die folgende kleine Geschichte in unserer Zeit: Alfredo, ein Seelsorger in einer brasilianischen Basisgemeinde wird anlässlich eines Bibelgesprächs von einem Fischer gefragt, warum sich Jesus ausgerechnet einen Fischer ausgesucht habe, um ihm die Leitung der Kirche anzuvertrauen. Da fiel ein anderer Fischer ins Gespräch ein und erklärte, wer sich zu Land bewege, baue Strassen und asphaltiere sie. Und dann wird er immer wieder diesen Weg benutzen. Ein Fischer jedoch muss die Fische dort suchen, wo sie sind. Deshalb suche er jeden Tag einen neuen Weg. Ihm komme es darauf an, die Fische ausfindig zu machen. Es kann ja sein, dass der Weg von gestern nicht zu den Fischen von heute führt.
Diese kleine Geschichte fasst «in nuce» das Geschäft meiner Disziplin zusammen.

 

Reinhold Bärenz ist ordentlicher Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999