40/1999

INHALT

Theologie in Luzern

Philosophie

von Jörg Disse

 

Die Philosophie spielt insofern eine besondere Rolle innerhalb des Fächerkanons einer Katholisch-Theologischen Fakultät, als sie als einziges nicht theologisches Fach integraler Bestandteil eines Studiums der katholischen Theologie ist. Die Bedeutung und Unverzichtbarkeit der Philosophie für die Theologie ist von kirchenamtlicher Seite immer wieder mit Nachdruck hervorgehoben worden.<1> So nimmt sie auch an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern einen wichtigen Platz im Rahmen des Grundstudiums ein.

1. Was ist Philosophie?

Um den Beitrag der Philosophie zum Ganzen der Theologie zu bestimmen, ist es sinnvoll, zunächst der Frage nachzugehen, was Philosophie in sich selbst, unabhängig von der Theologie ist. Auf diese Frage hat die Philosophie bis heute keine letztlich befriedigende Antwort gefunden. Es lassen sich jedoch Leitlinien angeben, Leitlinien, für die es zwar keinen feststehenden Konsens gibt, die aber über die Philosophiegeschichte hinweg als wiederkehrende Anhaltspunkte philosophischen Selbstverständnisses aufgewiesen und begründet werden können. Ich wähle drei solcher Leitlinien, um darzustellen, als was Philosophie sich verstehen kann und ­ entgegen einigen Entwicklungen in der Gegenwartsphilosophie ­ sich meines Erachtens auch weiterhin verstehen sollte.

a. Sokratik

Die erste ist der sokratische Aspekt der Philosophie. In den frühen Dialogen Platons verwickelt Sokrates Menschen, die behaupten, etwas zu wissen, etwa zu wissen, was Schönheit, Tugend oder Frömmigkeit ist, in ein Gespräch, und überführt sie dabei der Unwissenheit, indem er sie veranlasst, ihr vermeintliches Wissen begrifflich genau zu formulieren. Sokrates hinterfragt das scheinbar Selbstverständliche unserer Lebensformen und der mit ihnen verbundenen Wissensansprüche durch logisch-begriffliches Denken. Dabei wird die Philosophie wesentlich als eine Kunst des Suchens und nicht des Findens verstanden, im Sinne des griechischen Wortes «philosophia», das Liebe zur Weisheit oder Erkenntnis im Unterschied zum Besitz von Erkenntnis bedeutet. Für die Philosophie ist, wie Jaspers es formuliert hat, das Fragen wesentlicher als ihre Antworten, und jede Antwort wird zur neuen Frage.
Hierin unterscheidet die Philosophie sich insbesondere von den Wissenschaften, die notwendig darauf ausgerichtet sind, zu allgemeingültigen Ergebnissen zu gelangen und im Sinne eines Fortschrittsprozesses diese Ergebnisse zum Ausgangspunkt für weitere, allgemeingültige Ergebnisse zu machen. Auch die Philosophie ist um die Allgemeingültigkeit ihrer Überlegungen bemüht, sie ist aber nicht einfach selber eine Wissenschaft. Philosophie ist, so Heidegger, nicht Philosophiewissenschaft. Vielmehr kommt ihr die den Wissenschaften übergeordnete Aufgabe zu, sie genau wie jede andere Lebensform auf ihre bewussten oder unbewussten Voraussetzungen ständig zu hinterfragen.

b. Metaphysik

Der zweite Aspekt ist der metaphysische. Die Philosophie unterscheidet sich auch darin wesentlich von den Einzelwissenschaften, dass es ihr nicht um das Verstehen einzelner Gegenstandsbereiche geht, sondern dass sie immer auf das Verstehen der Wirklichkeit insgesamt, auf das Verstehen dessen, was überhaupt ist, zielt. Diejenige Disziplin aber, die sich mit dem Sein im Allgemeinen sowie mit der Frage nach dem letzten Grund allen Seins befasst, wurde in Anlehnung an Aristoteles' Schriften zu diesem Thema «Metaphysik» genannt. Es gibt keine Philosophie ohne implizite Metaphysik, denn selbst wenn die Beantwortbarkeit von Fragen, die sich auf das Verstehen von Welt insgesamt beziehen, philosophisch radikal verneint wird, ist es diese Verneinung selbst, die das spezifisch Philosophische einer solchen Position ausmacht. Eine Philosophie, die den Horizont des Ganzen völlig aus den Augen verloren hat, hat ipso facto aufgehört, Philosophie zu sein.
Auch Sokrates ging es letztlich um die Frage, was der Mensch als Ganzer ist, und wie er leben soll. Im Horizont der metaphysischen Blickrichtung steht unter anderem die Frage nach dem Sinn des Lebens. Da aber das menschliche Leben unlösbar an einen Gesamtzusammenhang von Welt geknüpft ist, weist diese Frage zugleich über sich hinaus auf die Frage nach dem Sinn von Welt, und damit auch auf die Frage nach Existenz oder Nichtexistenz eines die Welt begründenden (göttlichen) Grundes. Mit anderen Worten: Die Philosophie gipfelt in der Frage, die Leibniz im 17. Jahrhundert als Erster ausdrücklich formuliert hat: Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts? Da jedoch allem konkreten Handeln allgemeine Grundsätze zugrundeliegen, die ein bestimmtes Verständnis vom Sinn des Lebens und der Welt zumindest implizit voraussetzen, ist es nicht einfach müssig, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Die Philosophie ist vielmehr etwas, was dringend geboten ist.

c. Kritik

Hinzu kommt schliesslich der kritische Aspekt. Hiermit ist nicht das bereits in der Sokratik enthaltene Hinterfragen als solches gemeint, sondern eine Abstandnahme, in der der Mensch sich reflexiv auf sich selbst richtet, sich selbst in seiner Einstellung zur Welt, in seinem Erkennen bzw. in seinem Hinterfragen in den Blick nimmt. Ist die Welt, wie ich sie unmittelbar erkenne, so wie sie an sich wirklich ist? Habe ich überhaupt in meinem Erkennen zu ihr Zugang? Wie ist dieser Zugang zu bestimmen und zu begründen, nach welchen Regeln wird er vollzogen? Dieses kritische Anfragen wird erst mit der neuzeitlichen Philosophie zum festen Bestandteil philosophischer Einstellung, ist aber seitdem von ihr nicht mehr wegzudenken. Descartes hatte die Gewissheit unserer unmittelbaren Welterkenntnis in Frage gestellt, um durch einen methodischen Zweifel zur absoluten Gewissheit des «Ich denke, also bin ich» zu gelangen, eine Gewissheit, die er anschliessend zum Massstab dafür gemacht hat, was auch in Bezug auf die Welt als gewiss erkannt werden kann. Kritik bedeutet: Wir können nicht nicht einfach naiv an die Wirklichkeit herantreten, sondern müssen auch über die Art dieses Herantretens Rechenschaft ablegen.
Die Kritik hat sich insbesondere auf die Metaphysik ausgewirkt, indem Kant deutlich gemacht hat, dass Aussagen, die die Welt als ganze, einen die Welt begründenden Gott oder eine der menschlichen Wirklichkeit als Absolutum zugrundeliegenden Seele betreffen, wenn nicht ­ wie Kant meinte ­ keinerlei Erkenntniswert besitzen, so doch problematisch sind, das heisst ihren Erkenntnisanspruch genau ausweisen und rechtfertigen müssen. Nicht Metaphysik als solche, aber eine Gewissheit beanspruchende rationale Metaphysik, wie sie vor Kant üblich war, ist seitdem ohne weiteres nicht mehr möglich. Die kritische Einstellung ist im 20. Jahrhundert zudem zu der Einsicht gereift, dass alles Erkennen ­ mit Heidegger gesagt ­ vom In-der-Welt-Sein des Menschen vorbestimmt ist. Der Mensch ist von der Welt beeinflusst, noch bevor er sich fragend auf sie richten kann. Das heisst alles Erkennen geschieht aus einem geschichtlichen Kontext heraus, was die Überzeitlichkeit unserer Erkenntnisse zwar nicht grundsätzlich ausschliesst, aber doch zunächst einmal prinzipiell in Frage stellt.

d. Philosophische Disziplinen ­ Ansätze der Gegenwart

Von diesem Philosophieverständnis her sind auch die einzelnen philosophischen Disziplinen zu verstehen, das heisst sie sind nicht mit der Aufteilung der Einzelwissenschaften zu vergleichen, da es in jedem Teilbereich zugleich um die Frage des Ganzen geht. Man teilt die Philosophie gewöhnlich auf in theoretische und praktische Philosophie. Der theoretischen Philosophie sind die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik zuzurechnen. Die praktische Philosophie strukturiert sich wesentlich in Ethik und politische Philosophie. Gesprengt wird dieses klassische Aufteilungsschema durch die fast unüberschaubare Vielzahl von sich an den Einzelwissenschaften orientierenden Disziplinen, wie die philosophische Anthropologie, die Ästhetik, die Religionsphilosophie, Rechtsphilosophie, Geschichtsphilosophie, Wirtschaftsphilosophie usw.
Wichtige methodische Ansätze der Philosophie seit Anfang des 20. Jahrhunderts sind vor allem die Phänomenologie und die sprachanalytische Philosophie. Beispiele philosophischer Richtungen, die in der unmittelbaren Gegenwart im deutschsprachigen Raum von sich reden machen, sind neben den ebengenannten Ansätzen die Hermeneutik (Gadamer), die Systemtheorie (Luhmann) und die kritische Theorie (Habermas). Bereiche, auf die sich die Aufmerksamkeit der Philosophie gegenwärtig besonders richtet, sind die zwischen Philosophie des Geistes (philosophy of mind), Linguistik, Psychologie und Neurobiologie angesiedelte und vor allem in den angelsächsischen Ländern thematisch präsente Kognitionswissenschaft, die wieder im Aufkommen begriffene Naturphilosophie in der konkreten Auseinandersetzung mit der modernen Physik und Biologie, die feministische Philosophie mit der Frage der Geschlechterdifferenz als ihr wesentliches Anliegen, die politische Philosophie (Liberalismus versus Kommunitarismus) oder die Bioethik angesichts der vielen, dringlichen Fragen, die sich von seiten der Genetik stellen. Auch die ökologische Ethik ist zu erwähnen.

2. Philosophie für Theologen

Eine unverzichtbare Grundlage für die Theologie, zumindest für die systematische Theologie (Dogmatik, Fundamentaltheologie, Moraltheologie) ist die Philosophie vor allem in dem Sinne, dass erstere für ihre Reflexion über kein eigenes begriffliches System verfügt. Der christliche Glaube wurde nicht als ein systematisches Ganzes offenbart. Die systematische Theologie muss daher notgedrungen auf eine Begrifflichkeit zurückgreifen, die sie anderen Wissenschaften entlehnt. Da aber auch die Offenbarung eine Gesamtdeutung von Mensch und Welt zu sein beansprucht, wird es bei aller Berücksichtigung der Einzelwissenschaften immer die Philosophie sein, auf die die systematische Theologie sich primär beruft, um die Offenbarung verstehend zu durchdringen. Die Begrifflichkeit der Philosophie ermöglicht es dem Theologen, sich in der Welt von heute verstehen zu lernen, die Anliegen der eigenen Zeit systematisch einzuordnen und für sich zu verwerten. Hierzu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte, insbesondere mit den grossen Synthesen von Philosophie und Christentum.
Der sokratische Aspekt in seinem Anliegen, scheinbar selbstverständliche Lebensformen zu hinterfragen und zu relativieren, kann im Sinne einer in der Philosophie als solcher angelegten praeparatio evangelica auch der Öffnung für Sinnstrukturen dienen, die den Menschen über sich hinaus verweisen. Die Theologie als solche wird durch das sokratische Fragen gezwungen, ihre eigene Begrifflichkeit je neu zu überdenken, sie nicht in überkommenen Denkformen erstarren zu lassen. Schliesslich zwingt der kritische Aspekt die Theologie dazu, sich der Auseinandersetzung mit ihren eigenen Voraussetzungen je neu zu stellen, sie auch von ihrem geschichtlichen Kontext, ihrer geschichtlichen Eingebundenheit her zu verstehen, und von dieser Reflexion aus die eigenen Grundlagen immer wieder neu zu erschliessen.
Dabei unterstehen Lehre und Studium der Philosophie an einer Theologischen Fakultät denselben methodischen Anforderungen wie auch an einer Philosophischen Fakultät. Es geht allerdings darum, die Philosophie auf ihre theologische Relevanz hin durchsichtig zu machen. Erfordert ist somit eine besondere Gewichtung und die Ausrichtung auf gewisse Themen und Fragestellungen. Um dies zu leisten, ist es unerlässlich, dass der für die Ausbildung von Theologen zuständige Philosoph wichtige Themen der systematischen Theologie nicht nur zur Kenntnis genommen hat, sondern auch mit ihnen vertraut ist.

3. Praktische Hinweise

Neben den Lehrstühlen und Instituten für Philosophie an Philosophischen und Theologischen Fakultäten von Universitäten und Hochschulen wird die Philosophie in der Schweiz vor allem durch die Schweizerische Philosophische Gesellschaft mit ihren regionalen Sektionen vertreten. Sie gibt ein Jahrbuch, die «studia philosophica», heraus. Wichtiges Organ für wissenschaftliche Aufsätze, was den deutschsprachigen Teil der Schweiz betrifft, ist zudem die «Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie». Die Lehrstühle für Philosophie an Theologischen Fakultäten sind im deutschsprachigen Raum interuniversitär durch eine «Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger Philosophiedozenten im Studium der katholischen Theologie» vertreten.<2>

 

Jörg Disse nimmt die Lehrstuhlvertretung Philosophie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern wahr.


Anmerkungen

1 Sowohl in Konzilstexten des II. Vatikanischen Konzils als auch in verschiedenen Verlautbarungen danach bis hin zur kürzlich erschienenen Enzyklika «Fides et ratio». Vgl. II. Vat. Konzil, Dekret über die Ausbildung der Priester «Optatam totius» von 7. Dezember 1965; Das Philosophiestudium in den Seminaren, Rundschreiben der Kongregation für das katholische Unterrichtswesen vom 20. Januar 1972; Apostolische Konstitution «Sapientia Christiana» vom 15. April 1979; Enzyklika «Fides et ratio» vom 14. September 1998.

2 Einführende Lektüre für Nichtphilosophen: K. Jaspers, Einführung in die Philosophie, München 1971; H.J. Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Frankfurt a.M. 1985; Philosophie des 20. Jahrhunderts, 2 Bde, Hrsg. A. Hügli u. P. Lübcke, Hamburg 1992; Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. u. 20. Jahrhunderts, 3 Bde, Hrsg. E. Coreth u.a., Graz 1987­1990; I. Breuer u.a., Welten im Kopf: Profile der Gegenwartsphilosophie, Hamburg 1996.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999