38/1999

INHALT

Theologie in Luzern

Liturgiewissenschaft

von Wolfgang W. Müller

 

Die Kirche lebt von Grundvollzügen, die sich in Diakonie, Liturgie und Zeugnis manifestieren. Aus diesen Grundvollzügen kirchlichen Lebens versteht sich das Eigene der Liturgiewissenschaft. Versteht man die Liturgiewissenschaft nicht mehr exklusiv als Rubrikenkommentierung, genetische Erklärung und theologische Reflexion der liturgischen Handlung, sondern sieht man als Objekt dieser Disziplin den Menschen, der durch symbolträchtige Akte («Kult») den Sinn seiner Existenz zu ergründen und darzustellen und somit zu gewinnen sucht, dies in Verbindung mit der jesuanischen Tradition der Reich-Gottes-Verkündigung tut, dann ist faktisch das Objekt der Disziplin «Liturgiewissenschaft» gegeben.

Subjekt der Liturgie

Subjekt der Liturgie ist einerseits der konkrete, geschichtliche Mensch, der seinen Glauben feiert. Die Liturgiewissenschaft reflektiert als theologische Disziplin der Kirche das liturgische Handeln der Gemeinschaft und Versammlung derer, die sich von Gott gerufen wissen und im Gottesdienst sich zum Gedächtnis der Heilstaten Christi neu versammeln. Der Gottesdienst kennt unterschiedliche Formen (z.B. Eucharistiefeier, sakramentale Feiern, Stundengebet, Andachten...). In den unterschiedlichen Formen der Liturgie hört die feiernde Gemeinde das Wort Gottes und empfängt sein Heil.
Gottes-Dienst entspringt andererseits der Initiative Gottes, der dem Menschen sein Heil schenkt; der Mensch antwortet auf diese Initiative und Einladung durch seinen Glauben. Diese Grundstruktur erklärt, weshalb jedes christlich-liturgische Tun im Wesentlichen dialogal zu bestimmen ist. Der Gottesdienst ist symbolisch-sakramentale Vermittlung des Christusereignisses. Der Gottes-Dienst in seiner dialogalen Perspektive der Gott-Mensch-Beziehung, die sich in Lob und Dank äussert (wobei andere Bekundungsarten nicht vergessen werden [Klage, Bitte...]), versteht sich deshalb nicht als isolierter Akt, sondern stellt eine Weise der Verdichtung des umfassenden christlichen Lebens und der kirchlichen Vollzüge dar.

Die anthropologische Dimension

Die Liturgiewissenschaft stellt sich aber auch dem Phänomen des Gottesdienstes unter dem Aspekt der soziologisch fassbaren Versammlung von Menschen. Das Eigene der Liturgiewissenschaft besteht in der Reflexion eben dieser skizzierten dialogalen Wechselbeziehung zwischen Gott und Mensch, das heisst Liturgiewissenschaft hat sowohl die theologische als auch die anthropologische Dimension liturgischen Handelns zu bedenken. Die Liturgiewissenschaft als theologische Disziplin bildet daher für die Kirche wie für die Theologie eine lebenswichtige Brücke zu den Humanwissenschaften. Die Beziehung zwischen theologischer und anthropologischer Perspektive erklärt auch die Methodenvielfalt der Liturgiewissenschaft. Die Liturgiewissenschaft arbeitet mit der historisch-kritischen Methode, womit sie nach dem Ursprung und der geschichtlichen Entwicklung der Liturgie fragt (z.B. die jüdischen und frühchristlichen Wurzeln der Liturgie, die Gestaltung der liturgischen Feiern während der verschiedenen Epochen usw.). Sie ist zugleich der systematischen Fragestellung verpflichtet, insofern sie nach den theologischen Grundlagen der Liturgie fragt. Die Liturgiewissenschaft ist aber auch eine eminent praktische Wissenschaft, die mit pastoralen Methoden arbeitet. Darüber hinaus arbeitet die Liturgiewissenschaft interdisziplinär mit anderen Wissenschaften zusammen (Archälogie, Hymnologie, Volkskunde, Mentalitätsgeschichte, Musik, Linguistik...).
Die methodische Arbeit der Liturgiewissenschaft zielt, wo dies möglich ist, auf Korrektur und Optimierung der Form und Gestalt des Gottesdienstes. Die Fragen, die sich die Liturgiewissenschaft heute stellt, sind vielfältig: Sie arbeitet ökumenisch, indem sie die Feierform der anderen christlichen Liturgien mitbedenkt (Orthodoxie, lutherisch-reformatorische Tradition) und selbst ökumenische Impulse gibt (ökumenische Liturgien).
In neuerer Zeit arbeitet sie verstärkt mit der Religionsgeschichte zusammen und stellt sich den kultischen Manifestationen anderer Religionen. Die Globalisierung rückt diese Dimension verstärkt ins Blickfeld dieser Wissenschaft. Sie beschäftigt sich mit neueren Formen liturgischer Praxis (Frauenliturgie, Tanz...). Ein Postulat heutigen liturgiewissenschaftlichen Schaffens stellt die Erarbeitung einer «integrativen Liturgiewissenschaft» dar, die, ausgehend von ihrer Vernetzung mit allen anderen theologischen Disziplinen, den doxologischen Ursprung und das doxologische Ziel aller Theologie neu ins Gespräch brächte.

Pastoralliturgie

Neben wissenschaftlichen Periodika (Archiv für Liturgiewissenschaft, Jahrbuch für Liturgie, Heiliger Dienst, Musica sacra...) kennt die deutschsprachige Liturgiewissenschaft viele pastoralliturgische Zeitschriften: Bibel und Liturgie, Gottesdienst, Liturgie konkret und andere mehr. Das Nachschlagewerk der Liturgiewissenschaft in deutscher Sprache: Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft, Regensburg.<1>
Die Liturgiewissenschafter/-wissenschafterinnen sind im deutschsprachigen Raum in einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen; die Sektion der Schweiz trifft sich zu jährlichen Versammlungen, um grundlegende wie aktuelle Fragen der Liturgie im deutschschweizerischen Raum zu besprechen. Die Liturgiewissenschaft lebt praxisnah in den Liturgiekreisen der Diözesen, im Fach Liturgiewissenschaft des TKL, in den kirchlichen Liturgiekreisen «vor Ort». Die Herausgabe des neuen Kirchengesangbuches erfolgte mit Hilfe namhafter Liturgiewissenschafter der Schweiz. Das Fach Liturgiewissenschaft bildet ein Kernfach der Theologie und wird ausser an den Theologischen Fakultäten auch am KIL und im DBW gelehrt.

 

Der Privatdozent Wolfgang W. Müller nimmt die Lehrstuhlvertretung Sakramententheologie und Liturgiewissenschaft wahr.


Amtswechsel an der Theologischen Fakultät

Turnusgemäss werden auf den 1. Oktober 1999 folgende Amtswechsel an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern vorgenommen:
Neuer Dekan wird Dr. Adrian Loretan-Saladin, ordentlicher Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht. Er übernimmt das Amt von Dr. Walter Kirchschläger, ordentlicher Professor für Exegese des Neuen Testaments. Walter Kirchschläger bleibt Rektor der Hochschule für eine weitere Amtszeit von zwei Jahren. Damit werden diese beiden bis anhin in Personalunion geführten Ämter entflochten.
Neuer Studienpräfekt wird Dr. Reinhold Bärenz, ordentlicher Professor für Pastoraltheologie. Er übernimmt das Amt von Dr. Markus Ries, ordentlicher Professor für Kirchengeschichte.


Anmerkung

1 Literaturhinweise: R. Sauer, Die Kunst, Gott zu feiern. Liturgie wiederentdecken und einüben, München 1996; A. Adam, Grundriss Liturgie, Freiburg 1998 (Reihe: akzente); B. Kranemann u.a. (Hrsg.), Die missionarische Dimension der Liturgie. Gott feiern in nachchristlicher Gesellschaft, Stuttgart 1998.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999