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Theologie in Luzern |
Die Kirche lebt von Grundvollzügen, die sich in Diakonie, Liturgie und Zeugnis manifestieren. Aus diesen Grundvollzügen kirchlichen Lebens versteht sich das Eigene der Liturgiewissenschaft. Versteht man die Liturgiewissenschaft nicht mehr exklusiv als Rubrikenkommentierung, genetische Erklärung und theologische Reflexion der liturgischen Handlung, sondern sieht man als Objekt dieser Disziplin den Menschen, der durch symbolträchtige Akte («Kult») den Sinn seiner Existenz zu ergründen und darzustellen und somit zu gewinnen sucht, dies in Verbindung mit der jesuanischen Tradition der Reich-Gottes-Verkündigung tut, dann ist faktisch das Objekt der Disziplin «Liturgiewissenschaft» gegeben.
Subjekt der Liturgie ist einerseits der konkrete, geschichtliche Mensch,
der seinen Glauben feiert. Die Liturgiewissenschaft reflektiert als theologische
Disziplin der Kirche das liturgische Handeln der Gemeinschaft und Versammlung
derer, die sich von Gott gerufen wissen und im Gottesdienst sich zum Gedächtnis
der Heilstaten Christi neu versammeln. Der Gottesdienst kennt unterschiedliche
Formen (z.B. Eucharistiefeier, sakramentale Feiern, Stundengebet, Andachten...).
In den unterschiedlichen Formen der Liturgie hört die feiernde Gemeinde
das Wort Gottes und empfängt sein Heil.
Gottes-Dienst entspringt andererseits der Initiative Gottes, der dem Menschen
sein Heil schenkt; der Mensch antwortet auf diese Initiative und Einladung
durch seinen Glauben. Diese Grundstruktur erklärt, weshalb jedes christlich-liturgische
Tun im Wesentlichen dialogal zu bestimmen ist. Der Gottesdienst ist symbolisch-sakramentale
Vermittlung des Christusereignisses. Der Gottes-Dienst in seiner dialogalen
Perspektive der Gott-Mensch-Beziehung, die sich in Lob und Dank äussert
(wobei andere Bekundungsarten nicht vergessen werden [Klage, Bitte...]),
versteht sich deshalb nicht als isolierter Akt, sondern stellt eine Weise
der Verdichtung des umfassenden christlichen Lebens und der kirchlichen
Vollzüge dar.
Die Liturgiewissenschaft stellt sich aber auch dem Phänomen des
Gottesdienstes unter dem Aspekt der soziologisch fassbaren Versammlung von
Menschen. Das Eigene der Liturgiewissenschaft besteht in der Reflexion eben
dieser skizzierten dialogalen Wechselbeziehung zwischen Gott und Mensch,
das heisst Liturgiewissenschaft hat sowohl die theologische als auch die
anthropologische Dimension liturgischen Handelns zu bedenken. Die Liturgiewissenschaft
als theologische Disziplin bildet daher für die Kirche wie für
die Theologie eine lebenswichtige Brücke zu den Humanwissenschaften.
Die Beziehung zwischen theologischer und anthropologischer Perspektive erklärt
auch die Methodenvielfalt der Liturgiewissenschaft. Die Liturgiewissenschaft
arbeitet mit der historisch-kritischen Methode, womit sie nach dem Ursprung
und der geschichtlichen Entwicklung der Liturgie fragt (z.B. die jüdischen
und frühchristlichen Wurzeln der Liturgie, die Gestaltung der liturgischen
Feiern während der verschiedenen Epochen usw.). Sie ist zugleich der
systematischen Fragestellung verpflichtet, insofern sie nach den theologischen
Grundlagen der Liturgie fragt. Die Liturgiewissenschaft ist aber auch eine
eminent praktische Wissenschaft, die mit pastoralen Methoden arbeitet. Darüber
hinaus arbeitet die Liturgiewissenschaft interdisziplinär mit anderen
Wissenschaften zusammen (Archälogie, Hymnologie, Volkskunde, Mentalitätsgeschichte,
Musik, Linguistik...).
Die methodische Arbeit der Liturgiewissenschaft zielt, wo dies möglich
ist, auf Korrektur und Optimierung der Form und Gestalt des Gottesdienstes.
Die Fragen, die sich die Liturgiewissenschaft heute stellt, sind vielfältig:
Sie arbeitet ökumenisch, indem sie die Feierform der anderen christlichen
Liturgien mitbedenkt (Orthodoxie, lutherisch-reformatorische Tradition)
und selbst ökumenische Impulse gibt (ökumenische Liturgien).
In neuerer Zeit arbeitet sie verstärkt mit der Religionsgeschichte
zusammen und stellt sich den kultischen Manifestationen anderer Religionen.
Die Globalisierung rückt diese Dimension verstärkt ins Blickfeld
dieser Wissenschaft. Sie beschäftigt sich mit neueren Formen liturgischer
Praxis (Frauenliturgie, Tanz...). Ein Postulat heutigen liturgiewissenschaftlichen
Schaffens stellt die Erarbeitung einer «integrativen Liturgiewissenschaft»
dar, die, ausgehend von ihrer Vernetzung mit allen anderen theologischen
Disziplinen, den doxologischen Ursprung und das doxologische Ziel aller
Theologie neu ins Gespräch brächte.
Neben wissenschaftlichen Periodika (Archiv für Liturgiewissenschaft,
Jahrbuch für Liturgie, Heiliger Dienst, Musica sacra...) kennt die
deutschsprachige Liturgiewissenschaft viele pastoralliturgische Zeitschriften:
Bibel und Liturgie, Gottesdienst, Liturgie konkret und andere mehr. Das
Nachschlagewerk der Liturgiewissenschaft in deutscher Sprache: Gottesdienst
der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft, Regensburg.<1>
Die Liturgiewissenschafter/-wissenschafterinnen sind im deutschsprachigen
Raum in einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen; die Sektion der Schweiz
trifft sich zu jährlichen Versammlungen, um grundlegende wie aktuelle
Fragen der Liturgie im deutschschweizerischen Raum zu besprechen. Die Liturgiewissenschaft
lebt praxisnah in den Liturgiekreisen der Diözesen, im Fach Liturgiewissenschaft
des TKL, in den kirchlichen Liturgiekreisen «vor Ort». Die Herausgabe
des neuen Kirchengesangbuches erfolgte mit Hilfe namhafter Liturgiewissenschafter
der Schweiz. Das Fach Liturgiewissenschaft bildet ein Kernfach der Theologie
und wird ausser an den Theologischen Fakultäten auch am KIL und im
DBW gelehrt.
Der Privatdozent Wolfgang W. Müller nimmt die Lehrstuhlvertretung Sakramententheologie und Liturgiewissenschaft wahr.
Turnusgemäss werden auf den 1. Oktober 1999 folgende Amtswechsel
an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern
vorgenommen:
Neuer Dekan wird Dr. Adrian Loretan-Saladin, ordentlicher Professor für
Kirchenrecht und Staatskirchenrecht. Er übernimmt das Amt von Dr. Walter
Kirchschläger, ordentlicher Professor für Exegese des Neuen Testaments.
Walter Kirchschläger bleibt Rektor der Hochschule für eine weitere
Amtszeit von zwei Jahren. Damit werden diese beiden bis anhin in Personalunion
geführten Ämter entflochten.
Neuer Studienpräfekt wird Dr. Reinhold Bärenz, ordentlicher Professor
für Pastoraltheologie. Er übernimmt das Amt von Dr. Markus Ries,
ordentlicher Professor für Kirchengeschichte.
1 Literaturhinweise: R. Sauer, Die Kunst, Gott zu feiern. Liturgie wiederentdecken und einüben, München 1996; A. Adam, Grundriss Liturgie, Freiburg 1998 (Reihe: akzente); B. Kranemann u.a. (Hrsg.), Die missionarische Dimension der Liturgie. Gott feiern in nachchristlicher Gesellschaft, Stuttgart 1998.