36/1999 | |
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Theologie in Luzern |
Die Dogmatik hat in der Öffentlichkeit kein gutes Image, wird sie doch zumeist mit Dogmatismus in Verbindung gebracht. Richtig verstanden und betrieben, hat sie freilich mit Dogmatismus nichts gemein. Dogmatismus ihn gibt es nicht nur im Bereich der Religion, sondern auch in Politik und Gesellschaft bezeichnet eine starre, unverrückbare, sich jeder Kritik entziehende Meinung, Position oder Überzeugung bzw. ein entsprechendes System. Religiöser Dogmatismus ist eine extreme und letztlich unhaltbare Glaubenseinstellung, aber auch religiöse Beliebigkeit ist dies. Dogmatismus und Beliebigkeit sind die grossen Versuchungen unseres pluralistischen Zeitalters.
Gegenstand der Dogmatik ist der christliche Glaube und seine geschichtliche
Identität. Die Dogmatik fragt nach dem Authentischen und Verbindlichen
des Glaubens. Das ist an erster Stelle das Offenbarungszeugnis der Schrift,
weshalb die Dogmatik auf eine vitale biblische Theologie angewiesen ist.
Zum Verbindlichen des Glaubens gehören nach katholischem Verständnis
auch die absichernden, grenzziehenden und verdeutlichenden Interpretationen
des Glaubens, hinter die eine hermeneutische Aneignung des Glaubens nicht
zurückgehen, über die sie aber sehr wohl hinausgehen kann. Diese
letztverbindlichen Glaubensentscheidungen der Kirche sind das Dogmatische
im engeren Sinne.
Die theologische Disziplin, die ich in Forschung und Lehre zu vertreten
habe (man beachte die für universitäre Theologie und ihre forschungsorientierte
Lehre bedeutsame Reihenfolge), trägt nun ihren Namen nicht wegen der
formellen kirchlichen Dogmen, sondern weil sie es mit dem zu tun hat, was
in der christlichen Glaubensgemeinschaft als wahr und authentisch geglaubt
und anerkannt wird. Dogma meint ursprünglich soviel wie wahre Lehre
und bezeichnete deshalb in der theologischen Begriffssprache schon früh
die christliche Glaubenslehre. Dogmatik ist also nicht zu verwechseln mit
lehramtspositivistischer Dogmenwissenschaft. Aufgabe der Dogmatik ist die
zusammenhängende Darstellung und argumentative Verantwortung der christlichen
Glaubenslehre.
Als theologische Disziplin entstand die Dogmatik in der Kontroverstheologie
des 17. Jahrhunderts, zunächst im Bereich der evangelischen Theologie
(wohl unter humanistischen Einflüssen), schon bald aber auch in der
katholischen Theologie. Das Thema der Dogmatik ist freilich so alt wie die
«systematische Theologie». Klassiker «systematischer Theologie»
sind Origenes, Augustinus, Johannes von Damaskus, Thomas von Aquin, Melanchthon
und Calvin. Für das 20. Jahrhundert sind vor allem Karl Rahner und
die beiden Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar und Karl Barth zu
nennen.
Den Studierenden der katholischen Theologie wird die Dogmatik in so genannten
Traktaten (Abhandlungen in Vorlesungsform), Seminaren und Kolloquien vermittelt.
Die Vorlesungen orientieren sich an der heilsgeschichtlichen Perspektive
des Glaubensbekenntnisses und sind nach den «Gegenständen»,
mit denen sie sich beschäftigen, benannt: Gotteslehre (Die Frage nach
Gott und der Gott Jesu Christi), Schöpfungslehre (Die Welt als Gottes
Schöpfung), Christologie (Jesus Christus), Theologische Anthropologie/Gnadenlehre
(Der Mensch und die Rechtfertigung des Sünders), Ekklesiologie (Die
Kirche Jesu Christi und die christlichen Kirchen), Sakramentenlehre<1> (Sakramente der Kirche), Eschatologie (Vollendung
von Welt, Mensch und Geschichte).
Eine aktuelle Einführung in die katholische Dogmatik existiert nicht.
Man muss deshalb auf die nicht mehr ganz aktuellen Werke von Alexandre Ganoczy
und Wolfgang Beinert zurückgreifen, kann sich hier aber über die
nachkonziliare Dogmatik bis zur Mitte der 80er Jahre informieren.<2> Einen Überblick über neuere Entwicklungen
vermittelt der mehrteilige Artikel «Dogmatik» im «Lexikon
für Theologie und Kirche» (3. Auflage).<3>
Eine neue Einführung in die evangelische Dogmatik hat Gerhard Sauter
geschrieben.<4> Als neuere Grundlagenwerke
(Lehrbücher) empfehle ich das von Theodor Schneider herausgegebene
Handbuch der Dogmatik (1992)<5> und das
von Wolfgang Beinert herausgegebene Lehrbuch der katholischen Dogmatik (1994).<6>
Ein unverzichtbares Arbeitsinstrument ist die von Peter Hünermann und
mir besorgte zweisprachige Neuausgabe des so genannten «Denzinger»,
einer Sammlung zentraler Glaubensbekenntnisse und wichtiger lehramtlicher
Dokumente, in 37. Auflage als Buchform und in 38. Auflage als CD-ROM erschienen.<7> Ein weiteres wichtiges Arbeitsinstrument
stellt die Sammlung der Dekrete der Ökumenischen Konzilien von Nikaia
(325) bis zum 2. Vatikanischen Konzil (19621965) dar; inzwischen ist
der erste Band der von Josef Wohlmuth für den deutschen Sprachraum
besorgten zweisprachigen Ausgabe dieser Sammlung erschienen.<8>
Hilfreiche Dienste leisten für das Studium der Dogmatik auch die Quellensammlung
«Texte zur Dogmatik»<9> und
das «Lexikon der katholischen Dogmatik»<10>.
Die Dogmatiker/Dogmatikerinnen in Deutschland, Österreich und der
deutschsprachigen Schweiz sind in der «Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen
Dogmatiker/Dogmatikerinnen und Fundamentaltheologen/-theologinnen»
zusammengeschlossen, die sich alle zwei Jahre zu einer wissenschaftlichen
Tagung trifft. Auf europäischer Ebene sind zahlreiche Dogmatiker/Dogmatikerinnen
mit Vertretern/Vertreterinnen anderer theologischer Disziplinen in der «Europäischen
Gesellschaft für katholische Theologie» vertreten.
Dogmatiker/Dogmatikerinnen sind ebenfalls an verschiedenenen systematisch-theologischen
wie historischen Forschungsprojekten beteiligt, zum Teil auch länderübergreifend.
So gehöre ich selbst zum Forscherkreis des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
finanzierten Projekts eines wirkungs- und rezeptionsgeschichtlich orientierten
Kommentars zu den Dokumenten des 2. Vatikanischen Konzils.
Für die Dogmatik wichtige Zeitschriften im deutschen Sprachraum mit
einem gewissen systematischen Schwerpunkt sind die «Zeitschrift für
katholische Theologie», «Theologie und Philosophie», «Tübinger
Theologische Quartalschrift», «Münchener Theologische Zeitschrift»,
Internationale Zeitschrift «Communio», «Freiburger Zeitschrift
für Philosophie und Theologie» und «Theologie und Glaube».
Aus dem evangelischen Bereich sind die «Zeitschrift für Theologie
und Kirche», die «Neue Zeitschrift für systematische Theologie
und Religionsphilosophie» sowie «Kerygma und Dogma» zu
nennen.
Gegenwärtig beschäftigt sich die katholische Dogmatik vor allem
mit Grundproblemen der christlichen Gotteslehre im Horizont der Gotteskrise,
mit dem durch moderne Physik, Biologie und Gentechnologie herausgeforderten
Verständnis des Universums und des Lebendigen, vor allem des Menschen
als Gottes Schöpfung und Person, mit Problemen einer Theologie nach
der Shoah, mit Jesus Christus im jüdisch-christlichen Dialog und im
Pluralismus der Kulturen und Religionen, mit der Frage nach dem Tod und
dem Leben danach (Auferweckungsvorstellung und ihr Verhältnis zur Reininkarnationslehre),
mit den Anfragen feministischer und kontextueller Theologie, vor allem im
Bereich der Gotteslehre und der Christologie, mit Fragen der Kirchenverfassung,
besonders dem kirchlichen Amt und seiner Zukunft sowie dem Verhältnis
von Universalkirche und Ortskirchen, mit der Zuordnung von theologischem
und bischöflichem Lehramt und schliesslich mit Fragen der christlichen
Ökumene.
Ein besonderer kontextueller Bezug der von mir vertretenen theologischen
Disziplin ergibt sich vom Thema «Kirchenverfassung», das natürlich
von weltweiter Bedeutung ist, in der deutschsprachigen Schweiz aber besonders
virulent zu sein scheint. Was ist konstitutiv für die Kirche Jesu Christi?
Welche Strukturen, welches Amt, und in welcher Gestalt? Dies entscheidet
nach katholischem Verständnis nicht allein die historisch-kritische
Exegese, so wichtig sie ist, um sich der Ursprünge der Kirche zu vergewissern.
Ebenso ist die verbindliche, authentische Glaubensüberlieferung zu
berücksichtigen, die freilich nicht mit veränderbaren kirchlichen
Traditionen verwechselt werden darf.
In der Schweiz, die stark von der Reformation geprägt ist, ergibt sich
ein weiterer kontextueller Bezug der Dogmatik durch die Existenz mehrerer
christlicher Kirchen und die ökumenische Frage nach ihrer Zukunft in
einer Gemeinschaft der Kirchen. Berücksichtigt man den kontroverstheologischen
Geburtsort der Dogmatik, so erweist sich die christliche Ökumene als
ihre genuine Aufgabe. Auch wenn zwischen den christlichen Kirchen noch kirchentrennende
Hindernisse bestehen, so hat doch die christliche Ökumene die Dogmatik
auf eine ökumenisch verantwortete theologische Disziplin hin geöffnet.
Im letzten Jahr ist mit kantonalen und kirchlichen Mitteln (Kanton Luzern,
Römisch-Katholische Landeskirche, Evangelisch-Reformierte Landeskirche,
Christkatholische Kirchgemeinde Luzern) die Stiftung Ökumenisches Institut
Luzern ins Leben gerufen worden. Zum 1. Juni diesen Jahres wurde das Ökumenische
Institut Luzern errichtet, das mit der Theologischen Fakultät der Universitären
Hochschule Luzern durch einen Kooperationsvertrag verbunden ist. Die Leitung
des Instituts liegt beim Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik, der zugleich
Mitglied der «Evangelisch-Römisch-Katholischen Gesprächskommission»
des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) und der Schweizer
Bischofskonferenz (SBK) ist.
Dogmatik ist die systematische Darstellung und Erörterung des Inhalts
des christlichen Glaubens in seiner diachronen (geschichtlichen) und synchronen
(gegenwärtigen) Identität. Da religiöse Gemeinschaften wie
die christlichen Kirchen auf Dauer ohne Verbindlichkeit und Authentizität
nicht überlebensfähig sind, kommt der Dogmatik für Theologie
und Kirche eine zentrale Funktion zu. Deshalb kennt auch die evangelische
Theologie bis heute diese Disziplin, wenn auch zum Teil unter anderem Namen.
Die Aufgabe der katholischen Dogmatik ist die hermeneutische Aneignung von
Schrift (als der primären Norm des Glaubens) und der verbindlichen,
authentischen Glaubensüberlieferung (im Unterschied zu veränderbaren
kirchlichen Traditionen). Dogmatik ist eine wahrheitsverpflichtete Hermeneutik
des Glaubens (Th. Pröpper), also ein Übersetzungsvorgang.
Die hermeneutische Aneignung von Schrift und Tradition erfordert um
es mit Hegel zu sagen die Anstrengung des Begriffs. Da es die Weisheit
des christlichen Glaubens mit dem Ganzen der Wirklichkeit zu tun hat, ist
die Philosophie die primäre Bezugswissenschaft der Dogmatik. Die Erörterung
ihres Themas verlangt aber ebenso die Berücksichtigung der Geschichtswissenschaften
sowie theologisch relevanter natur-, human- und gesellschaftswissenschaftlicher
Forschung. Innerhalb des theologischen Fächerkanons hat die Dogmatik
wegen ihres hermeneutischen Interesses einen besonderen Bezug zur Exegese,
historischen Theologie, Fundamentaltheologie und Liturgiewissenschaft. Die
Dogmatik muss sich aber ebenso der theologischen Ethik wie der praktischen
Theologie öffnen, weil sie die Wahrheit des christlichen Glaubens als
eine je gegenwärtige, für das Leben bedeutsame zu verantworten
hat.
Dogmatik verhilft zur Deutlichkeit des gemeinsamen Glaubens, indem sie seine
diachrone wie synchrone Identität in systematischer Darstellung erörtert.
Dadurch leistet sie einen unverzichtbaren Beitrag zur christlichen Erinnerungs-
und Traditionskultur. Denn kulturelles Gedächtnis stiftet Identität
(J. Assmann). Als wahrheitsverpflichtete Hermeneutik des Glaubens vermittelt
die Dogmatik zugleich Regeln der theologischen Urteilsbildung und dient
damit der Anleitung zu theologischer Urteilskraft, wozu auch das Vermögen
zu sachlich begründeter Kritik an Fehlentwicklungen und Verstellungen
in Kirche und Theologie gehört.
Wer sich der Mühe der hermeneutischen Aneignung des Glaubens unterzieht,
darf hoffen, über ein ausreichendes theologisches Urteilsvermögen
zu verfügen. Sich ein solches anzueignen ist für Theologen/Theologinnen
unabdingbar, wollen sie in Sachen des Glaubens, der Theologie und der Kirche
richtig orientiert sein und im Zeitalter des Pluralismus weder der Gefahr
des Dogmatismus noch der Beliebigkeit erliegen.
Helmut Hoping ist ordentlicher Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.
1 Sie wird zum Teil im deutschsprachigen Raum, so auch in Luzern, von der Liturgiewissenschaft vertreten, da es sich bei den Sakramenten um die zentralen liturgischen Feiern der Kirche handelt.
2 Vgl. A. Ganoczy, Einführung in die Dogmatik, Darmstadt 1983; W. Beinert, Dogmatik studieren. Einführung in dogmatisches Denken und Arbeiten, Regensburg 1985.
3 P. Walter, A. Kallis, H. Fischer, Dogmatik, in: LThK 3 (31995) 288295.
4 Vgl. G. Sauter, Zugänge zur Dogmatik. Elemente theologischer Urteilsbildung, Göttingen 1998.
5 Th. Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, 2 Bde., Düsseldorf 1992.
6 W. Beinert (Hrsg.), Glaubenszugänge. Lehrbuch der katholischen Dogmatik, 3 Bde., Paderborn-München-Wien-Zürich 1995.
7 Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, verbessert, erweitert, ins Deutsche übertragen und unter Mitarbeit von H. Hoping hrsg. von P. Hünermann, Freiburg-Basel-Wien 371992 (CD-ROM: Freiburg-Basel-Wien 381997).
8 Vgl. Conciliorum oecumenicorum decreta, hrsg. vom Istituto per le scienze religiose, Bologna, besorgt von G. Alberigo... in Zusammenarbeit mit H. Jedin, Bologna 1972; Dekrete der ökumenischen Konzilien, hrsg. von J. Wohlmuth, Bd. 1: Konzilien des ersten Jahrtausends, Paderborn-München-Wien-Zürich 1998.
9 Texte zur Theologie. Abteilung Dogmatik, hrsg. von W. Beinert, Graz-Wien-Köln 1989ff.
10 W. Beinert (Hrsg.), Lexikon der Dogmatik, Freiburg-Basel-Wien 21988 (Neuausgabe 1997).