34/1999

INHALT

Theologie in Luzern

Theologische Ethik mit Schwerpunkt Sozialethik

von Hans Halter

 

Wohl keine theologische Disziplin erfreut sich gegenwärtig so grosser Nachfrage in unserer Gesellschaft wie der Fachbereich Ethik. Ob Migrations-, Asyl- oder Integrationspolitik, ob Globalisierung, Wirtschaftspolitik oder Arbeitslosigkeit, ob nachhaltige Entwicklung, Europa- oder Sicherheitspolitik, ob Umweltschutz, Tierschutz oder Energiefragen, ob Forschung am Menschen, Gendiagnostik, Gentherapie, In-vitro-Fertilisation, Schwangerschaftsabbruch, Transplantationsmedizin oder Euthanasie, ob Gesundheits- oder Sozialpolitik, die theologische Ethik ist nicht nur innerkirchlich, sondern auch gesellschaftllich herausgefordert. Das ist in unserer pluralistischen Gesellschaft einigermassen erstaunlich. Es hat wohl auch damit zu tun, dass die philosophische Ethik erst relativ spät aus ihrem elfenbeinernen Turm einer abstrakt formalistischen Ethik herauskam und sich in die Niederungen der sogenannten «angewandten Ethik» begab, die bislang der theologischen Ethik, insbesondere der katholischen Moraltheologie oder der katholischen Soziallehre überlassen blieb. Das erklärt aber nicht alles.
Das Christentum ist wieder einmal vornehmlich in der Gestalt der Ethik gesellschaftlich interessant. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass sich seit einiger Zeit auch theologische Systematiker vermehrt ethisch vernehmen lassen, allen voran der heute wohl bekannteste katholische Dogmatiker Hans Küng. Die theologische Ethik scheint in unserer pluralistischen Gesellschaft so etwas wie die ­ provisorische? ­ Platzhalterin der einstmals dominierenden, jetzt aber im postmodernen multireligiösen Brei abschmelzenden grossen christlichen Tradition zu sein. Mag sein, dass gerade die Begegnung oder auch Konfrontation von verschiedenen Kulturen, alten und neuen Religionen die Einsicht verstärkt, dass wichtige ethische und politische Werte unserer abendländischen Kultur auf einem vom Christentum stark mitgeprägten Boden gewachsen sind: Gleiche Würde aller Menschen, Individualität, Freiheit, Autonomie, Menschenrechte, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, Universalität und anderes mehr.

Individual- und Sozialethik

Gefragt ist ethische Orientierung für die persönliche Verantwortung im Blick auf Selbstverwirklichung, die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Familie, den Beruf, das Geschäft, das soziale oder ökologische, das (nicht) militärische oder politische Engagement. Das sind Fragen der sogenannten Individualethik, welche bis vor nicht allzulanger Zeit der dominierende oder gar einzige ethische Ansatz war und es teilweise auch heute noch ist. Dass Moral traditionell primär Individualmoral war, ist einsichtig in Zeiten, wo man in umfassenden Ordnungen zu leben glaubte, die als mehr oder weniger gottgegeben galten, sei's als Natur- und damit Schöpfungsordnung oder sei's als kirchliche oder weltliche Herrschaftsordnung von Gottes Gnaden. Nachdem aber im Laufe der Neuzeit im Gefolge von Religionskriegen, politischer Umbrüche sowie wissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklungen mehr und mehr erkannt worden war, dass die bestehenden gesellschaftlichen und staatlichen Ordnungen Menschen- und nicht einfach Gottes Werk sind, dass also Menschen für deren Gestaltung zuständig und verantwortlich sind, war der Boden für die Sozialethik erst bereitet. Der direkte Vorbote war die neuzeitliche politische Philosophie, die besonders seit dem 16. Jahrhundert nach der Legitimation und Gestaltung staatlicher Macht zur Ermöglichung eines friedlichen, gewaltlosen Zusammenlebens fragte, und das meist ohne religiöse Letztbegründung. Erstarkt ist die Sozialethik aber erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, angestossen durch die sogenannte «soziale Frage», die nach wirtschaftlichen und sozialpolitischen Veränderungen angesichts des durch die Industrialisierung entstandenen sozialen Elends des Arbeiterproletariats schrie. Sozialethik als Teilbereich der Ethik fragt seither nach der Gerechtigkeit von Ordnungen, nach der Angemessenheit von Strukturen, von Organisationen und Institutionen gesellschaftlicher und vor allem staatlicher sowie überstaatlicher Art.
Das Soziale als strukturierte, gesetzmässige oder positiv geregelte Interaktion zwischen Individuen, zwischen Individuen und Gruppen, zwischen Gruppen verschiedenster Art, wird in der Sozialethik als eigenständige gesellschaftliche Gegebenheit betrachtet, als zu gestaltendes eigengesetzliches System, das nicht restlos auf indivuelles Entscheiden und Handeln zurückgeführt werden kann. Die Verantwortung und Entscheidungskompetenz ist in irgendeiner Weise kollektiver Art, was Delegationen an Individuen nicht aus-, sondern einschliesst, sofern sie eben Repräsentanten des Kollektiven und Systemischen sind. Umgekehrt kann und darf auch das Individuelle nicht im Sozialen (Gesellschaftlichen) aufgelöst werden. Individual- und Sozialethik bedingen einander.
Theologische Sozialethik als Grenzgängerin zwischen Philosophie und Theologie hat sich den gleichen Struktur-Fragen zu stellen. Sie tut es im Horizont des auf menschliche Ordnungen hin reflektierten jüdisch-christlichen Glaubens. Der Glaube an Gott, den Schöpfer, den solidarischen, gerechten und barmherzigen Begleiter der Menschheitsgeschichte, den Erlöser aus dem vergeblichen menschlichen Selbsterlösungsbemühen («Gesetz»), aus Schuld und Todverfallenheit, der Glaube an den Vollender der ganzen Schöpfung, erkennt menschliche Verantwortung als von Gott geschaffene und gewollte autonome menschliche Verantwortung. Dieser am göttlichen Heilshandeln orientierte Glaube stützt und stärkt verbindliche Zielsetzungen («Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung»; «Option für die Armen/Schwachen», Aufdecken und Bekämpfen des Leids), er betont Werthaltungen (Hoffnung, Solidarität, Gerechtigkeit, Versöhnlichkeit, Gewaltlosigkeit usw.). Der Glaube ist eine starke Handlungsmotivation, er fordert «grössere Gerechtigkeit» (Mt 5) auch im strukturellen Bereich und erinnert gleichzeitig an die Grenzen menschlicher Zielsetzungen und Politik (Gen 3; Eschatologischer Vorbehalt). Daraus allein lassen sich allerdings keine konkreten Programme zur Lösung der innerweltlichen Probleme ableiten. Hierzu bedarf es einer komplexen schöpferischen Synthese von Sein und Sollen, die manche Ermessensfragen impliziert. «Menschengerechtigkeit» und «Sachgerechtigkeit»<1>, (sozial)ethische Prinzipien und innerweltliches Wissen oder auch Unwissen über Fakten, Gesetzmässigkeiten und Folgen sind zu verbinden. Als Christen wissen wir da trotz aller erwähnten ethisch verbindlichen Voreinstellungen nicht mehr als andere. Die sozialethische Wahrheitsfindung bedarf darum auch als theologisch gestützte des interdisziplinären<2> und des gesellschaftlichen Diskurses<3>, sie kann nicht einfach (kirchen)obrigkeitlich verordnet werden.

Vom Fach «Katholische Soziallehre» zur «Theologischen Sozialethik»

Das nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil verstärkte Sich-Einlassen auf den sowohl interdisziplinären wie gesellschaftlichen Diskurs hat das theologische Fach gegenüber seinen Ursprüngen Ende des 19. Jahrhunderts gründlich verändert<4>. Nach dem Erscheinen der Enzyklika «Rerum novarum» Leo's XIII. 1891 entstanden zuerst in Deutschland (Münster W.), dann auch andernorts neben dem herkömmlichen Lehrstuhl für Moraltheologie auch solche für Katholische oder Christliche Soziallehre, Gesellschaftslehre oder Sozialwissenschaft. Ihr Ansatz war neoscholastisch-naturrechtlich, gründend auf der göttlichen Schöpfungsordnung, die zwar der Vernunft grundsätzlich zugänglich sein sollte, aber wegen ihrer Schwächung durch die Sünde der lehramtlichen Nachhilfe bedurfte. Das theologische Fach «Katholische Soziallehre» war konzentriert auf die Auslegung und Systematisierung der päpstlichen Sozialenzykliken und deren Themen. Es ging im wesentlichen um eine allgemeine Gesellschaftslehre (Person, Gemeinschaft, Staat; Sozialprinzipien) mit besonderer Berücksichtigung der Wirtschaft, das Ganze in Auseinandersetzung mit Sozialismus und Liberalismus<5>. Mit Johannes XXIII. erfolgte eine Erweiterung der Themen (Entwicklungsproblematik, Menschenrechte), mit dem Konzil eine stärkere (heilsgeschichtlich) theologische Einbindung und die Öffnung auf regionale Konkretisierungen und auf einen gesellschaftlichen Dialog hin.
Aber das Fach litt im Korsett des neoscholastischen Naturrechtsansatzes doch zunehmend mehr an einem Theoriedefizit. Der Denkansatz bei universal und absolut gültigen, unveränderlichen Gesetzen machte es je länger je schwieriger, die rasanten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen rechtzeitig und realistisch wahrzunehmen und durch eine überzeugende Sozialethik beeinflussen zu können. So hat sich die «Christliche Gesellschaftslehre» besonders seit den 80er Jahren<6> bei immer mehr ihrer universitären Lehrer zur theologischen Sozialethik gemausert. In Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Philosophie und den Sozialwissenschaften setzt sie in ihren Grundlagen sowohl theologisch wie philosophisch flexibler an und beschäftigt sich unbefangener mit all den einleitend angedeuteten und zunehmend weiteren gesellschaftlichen Problemen, welche uns die moderne und postmoderne wissenschaftliche, technische, wirtschaftliche und politische Entwicklung regional und weltweit eben stellt<7>. Der Preis dieser Veränderung des Faches ist, dass aus dem einstigen (scheinbaren) Monolithen eine pluralistische Disziplin geworden ist: der Ansätze, Richtungen und Stile sind heute viele<8>. Das Erbe der Katholischen Soziallehre ist auch nach deren 100-Jahr-Jubiläum<9> in mehr oder weniger aktualisierter Form nach wie vor stark präsent<10>. Eine aufgeschlossene katholische Sozialethik braucht sich dieser Tradition wahrlich nicht zu entledigen, gehört doch die Katholische Soziallehre, die als päpstlich-lehramtliche, erst recht auf der Lehramtsebene der Bischöfe, immer wieder modernisiert worden ist, zu den stärksten Seiten der kirchlichen Moralverkündigung.

Institut für Sozialethik

Die beiden Luzerner Ethik-Lehrstühle, jener für «Theologische und Philosophische Ethik» und der hier besprochene, welcher Lehrveranstaltungen sowohl für den Ersten wie den Dritten Bildungsweg anbietet, sind dem vom Regierungsrat auf den 1. Januar 1981 errichteten Institut für Sozialethik der Theologischen Fakultät zugeordnet, das mit seiner bescheidenen Infrastruktur ausserhalb der Universitären Hochschule am Kasernenplatz 3 untergebracht ist. Mitglieder des Instituts sind zurzeit neben den zwei Ethik-Professoren Hans-Jürgen Münk und Hans Halter deren Assistenten Markus Wehrli und Karel Hanke, die halbamtliche Seketärin Frau Berta Oehen, der halbamtlich angestellte, vorwiegend vom Bund im Zeichen der Nachwuchsförderung finanzierte Forschungs- und Lehrbeauftrage Dr. Wilfrid Lochbühler sowie die zwei freien Mitarbeiter Ph. D. Hans-Ulrich Kneubühler (Sozialwissenschaftler) und Dr. theol. Stephan Wirz (Polit-Wissenschaftler, Wirtschaftsethiker). Das Institut führt regelmässige öffentliche Vorlesungen oder andere Veranstaltungen zu aktuellen sozialethischen Problemen durch, alle zwei Jahre veranstaltet es in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialethik der Universität Zürich das sogenannte Betriebspraktikum für deutschsprachige Theologiestudierende der ganzen Schweiz.
Wer sich mit heutiger katholischer Sozialethik etwas näher beschäftigen möchte, sei auf den ausgezeichneten Band von Arno Anzenbacher: Christliche Sozialethik. Einführung und Prinzipien, Schöningh, Paderborn 1997 (247 S.)<11> verwiesen oder auf den von Marianne Heimbach-Steins u.a. posthum herausgegebenen Band des früh verstorbenen einstigen Luzerner Sozialethikers Franz Furger, Christliche Sozialethik in pluraler Gesellschaft, LIT, Münster 1997 (387 S.).

 

Hans Halter ist ordentlicher Professor für Theologische Ethik mit Schwerpunkt Sozialethik an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


Anmerkungen

1 So der grosse reformierte Zürcher Sozialethiker A. Rich, Wirtschaftsethik, Bd. I: Grundlagen in theologischer Perspektive, G. Mohn, Gütersloh 1984, bes. 71ff.

2 H.-J. Höhn (Hrsg.), Christliche Sozialethik interdisziplinär, Schöningh, Paderborn 1997.

3 Vgl. W. Lesch/A. Bondolfi (Hrsg.), Theologische Ethik im Diskurs, UTB Francke, Tübingen/Basel 1995; G. Wilhelms, Die Ordnung moderner Gesellschaft. Christliche Sozialethik im Dialog, Kohlhammer, Stuttgart 1996.

4 Vgl. dazu jetzt das monumentale Werk von A. Langner, Katholische und evangelische Sozialethik im 19. und 20. Jahrhundert, Schöningh, Paderborn 1998 (776 S.).

5 Exemplarisch auch nachkonziliär noch J. Kard. Höffner, Christliche Gesellschaftslehre, Butzon&Bercker, Kevelaer 1978.

6 Vgl. den Pionier W. Dreier, Sozialethik, Patmos, Düsseldorf 1983

7 Vgl. etwa Th. Hausmanninger (Hrsg.), Christliche Sozialethik zwischen Moderne und Postmoderne, Schöningh, Paderborn 1993.

8 Vgl. W. Lesch, Neuere Ansätze und Entwicklungen im Bereich der theologischen Sozialethik, in: Jahrbuch für christliche Sozialwissenschaften (JCSW) 32/32 (1991) 303­327; Fr. Hengsbach u.a. (Hrsg.), Jenseits katholischer Soziallehre. Neue Entwürfe christlicher Gesellschaftsethik, Patmos, Düsseldorf 1993.

9 Zum Jubiläum 1991 hat die Katholische Soziallehre in vielen Publikationen Würdigungen und Kritiken erfahren, vgl. W. Palaver (Hrsg.), Centesimo anno. 100 Jahre Katholische Soziallehre. Bilanz und Ausblick, Kulturverlag, Wien 1991; Concilium 27/5 (1991): «Rerum novarum»: 100 Jahre später. Eine Tradition, die gefeiert, kritisch hinterfragt und weiterentwickelt werden muss (S. 345­441).

10 Siehe neben den zur Lektüre empfohlenen Werken von F. Furger und A. Anzenbacher auch B. Sutor, Politische Ethik. Gesamtdarstellung auf der Basis der Christlichen Gesellschaftslehre, Schöningh, Paderborn 1991.

11 Siehe dazu die Rezension von W. Lochbühler, Ein Handbuch der Sozialethik, in: SKZ 167/11 (1999) 164­166.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999