32-33/1999

INHALT

Theologie in Luzern

Theologische Fundamentalethik

von Hans J. Münk

 

Als das II. Vatikanische Konzil sich im Dekret «Optatam totius» zur Erneuerung der Theologischen Studien äusserte, hatte die hohe Versammlung offenbar den Eindruck, die Theologische Ethik (damals noch durchwegs als Moraltheologie bezeichnet) habe eine Revitalisierungskur ganz besonders nötig. Jedenfalls wird für dieses Fach eine «besondere Sorgfalt» («specialis cura», Art. 16) empfohlen und auch gleich noch ein kleines Pflichtenheft angefügt, in dem unter anderem eine bessere Berücksichtigung der Hl. Schrift, eine dem Wissenschaftsniveau unserer Zeit entsprechende Methodik und eine eingehende Reflexion der Weltverantwortung von Christen und Christinnen festgeschrieben sind. In diesem relativ schlicht klingenden Programm liegt ein sehr hoher Anspruch an die Theologische Ethik als einer wissenschaftlich ausgearbeiteten Theorie der unter dem Anspruch des christlichen Glaubens zu verantwortenden menschlichen Lebensführung. Der Theologische Ethiker hat auf dieser Grundlagenstufe die Fundamente und Strukturen einer methodisch-kritischen Reflexion über die Fragen des menschlichen Handelns, des ethischen Urteilens und Entscheidens herauszuarbeiten. Nun kann die Theologische Ethik von ihrem Selbstverständnis her nicht bloss eine Art «getaufter natürlicher Ethik» sein. Der Dreh- und Angelpunkt ihrer Identität ist die christlich verstandene Gottesbeziehung. Aus dem christlichen Weltauftrag ergibt sich aber eine Art Dauerzwiesprache der Theologischen Ethik mit der «Welt» in ihrer geradezu ungeheuren Vielschichtigkeit und Komplexität. Dies zwingt dazu ­ und damit berühren wir einen besonders delikaten Punkt der nachkonziliären Diskussion ­, das Verhältnis zur säkularen Vernunft in ihrer Vielstimmigkeit (vor allem in Form der interdizisplinären Zusammenarbeit mit nicht-theologischen Wissenschaften) zu klären. Dies ist eine ganz zentrale Aufgabe der Fundamentalethik. Die Grundtheorien solcher nachkonziliaren Klärungsansätze standen häufig unter Stichworten wie «Autonome Moral im christlichen Kontext» oder «Autonomie und Theonomie». Repräsentativ für diese Aufgabenstellung waren und sind folgende Werke:

Das Autonomiebewusstsein der Moderne ist zwar nach wie vor ein wichtiger Grundzug im Selbstverständnis heutiger Menschen, jedoch dürften neue Akzente inzwischen an Gewicht gewonnen haben: Die Verunsicherung angesichts rapider globaler Entwicklungen, der nicht gelösten ökologischen, technischen und sozialen Grossprobleme, aber auch das Brüchigwerden alter Traditionen und kultureller Bindungen haben in unserer Welt tiefe Spuren hinterlassen. Darauf versuchen neuere fundamentalethische Entwürfe zu reagieren, zum Beispiel das Werk des Erfurter Theologischen Ethikers Josef Römelt, Vom Sinn moralischer Verantwortung. Zu den Grundlagen christlicher Ethik in komplexer Gesellschaft, Regensburg 1996.
Auf dem Hintergrund dieses manchmal recht unübersichtlich gewordenen Terrains versuche ich das breite Spektrum der Themen meines Fachgebietes auf dem neuesten Wissensstand in Lehre und Forschung zu vermitteln. Ausser den schon genannten Aspekten sind dies insbesondere die Auseinandersetzung mit heutigen philosophisch-ethischen Strömungen (Utilitarismus, Diskursethik, Metaethik, Gerechtigkeitstheorien, Kommunitarismus u.a.), die Schwerpunkte der Gewissenslehre und der ethischen Selbstbildung (ein altes Thema der Tugendethik), die Diskussion über heutige Normbegründungsansätze (einschliesslich des Problems des Verbindlichkeitscharakters ethischer Normierung), die Frage nach formalen und inhaltlichen christlichen Moralprinzipien, das Verhältnis von Moral und Recht, die ekklesiale Einbettung der Theologischen Ethik (und in diesem Rahmen die Kompetenz des kirchlichen Lehramtes in Fragen der Moral) und andere mehr. Als ein gut lesbares Kompendium kann ich folgendes Buch nennen:

Im Gesamt der anderen Theologischen Disziplinen, von denen die christliche Ethik viele Impulse erhält (so ist es z.B. unerlässlich, zu den biblischen Texten die Ergebnisse der heutigen Bibelwissenschaften zur Kenntnis zu nehmen)1, hat die Theologische Ethik die Verantwortungsdimension herauszuarbeiten und zu vertreten. Die von meinem Fachgebiet überwiegend zu reflektierenden Fundamente sind heute einem bislang so nie gekannten Bewährungsdruck infolge der vielfachen interdisziplinären Zusammenarbeit in konkreten Themenbereichen ausgesetzt. Ein Theologischer Ethiker ist heute ein typischer Grenzgänger zwischen sehr unterschiedlichen Wissenschaftswelten, vor allem ein Grenzgänger zwischen Theologie und Philosophie. Als Beispiele solcher, in Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaftsgebieten zu bearbeitenden, angewandten Ethik (die selbst kaum stärker sein kann als die Fundamente, mit denen sie steht oder fällt), seien nur wenige Problemfelder angesprochen: Euthanasie, Schwangerschaftsabbruch, Pränataldiagnostik, Transplantationsmedizin, Gentherapie, gentechnisch veränderte Lebensmittel; viele andere liessen sich anfügen. Sie verdeutlichen, dass die Qualität unserer Arbeit auch eine sehr praktische und alltäglich spürbare Bedeutung hat ­ gegebenenfalls bis hinein in den Kochtopf! Für die Ortskirche leistet mein Fach theologische Grundlagen- und Klärungsarbeit zu den verschiedensten Fragen. Als Beispiel für einen Beitrag dieser Art darf ich auf einen kürzlich erschienen Artikel in der SKZ zum Disskussionsgrundlagentext der Ökumenischen Konsultation «Welche Zukunft wollen wir?» hinweisen. Darin ging es einerseits um sehr grundsätzliche Aspekte (z.B. die soziale, ökonomische, politische und ökologische Tragweite der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu), aber auch um recht praktische, konkrete Probleme der heutigen Lebenswirklichkeit (z.B. grundsätzliche Beurteilung des Wettbewerbs in der Wirtschaft). Die Vortragstätigkeit und die Mitarbeit in kirchlichen Gremien und Kommissionen ist ebenfalls nicht zu vergessen.
Immer wieder übernehmen Ethiker auch konkrete Aufträge der Schweizer Bischofskonferenz, und zwar nicht nur im üblichen Rahmen der Mitarbeit in Kommissionen. So übertrug mir die Bischofskonferenz im vergangen Jahr die Aufgabe, als ihr Vertreter in der Trägerschaft des von einem Patronatskomitee unter Leitung von Herrn Ständerat Gian-Reto Plattner initiierten Dialogprogramms «Gendiagnostik» mitzuwirken.
Der systematisch bedeutsamste Beitrag für die Ortskirche wird aber wohl in der Mitwirkung an der theologischen Ausbildung der Seelsorger und Seelsorgerinnen des Bistums liegen. Hinzu kommt die Betreuung des landeseigenen wissenschaftlichen Nachwuchses (z.B. durch Supervision von Dissertationen und Habilitationsschriften).
Manchmal bietet sich sogar die Gelegenheit, sich unmittelbar in der Lehre auf internationaler Ebene für die theologischen Aufgaben der Kirche zu engagieren. Dies war im vergangenen Jahr der Fall, als ich auf Einladung der Universität Gregoriana einen längeren Gastvorlesungszyklus für Studierende aus 11 Nationen in Rom halten konnte.
Die eigene Forschungsarbeit, die für alle diese Tätigkeiten unabdingbar ist, spielt sich auf mehreren Ebenen ab: Die Teilnahme und Mitarbeit an Tagungen, Kongressen und Symposien zählt ebenso dazu wie die Mitarbeit an wissenschaftlichen Zeitschriften und Reihen. Letzteres geschieht vor allem durch eigene Publikationen (wer sich dafür interessiert, kann den Jahresberichten der UHL jeweils die entsprechenden Auskünfte entnehmen). Sodann bedürfen auch die Lehrveranstaltungen einer stetigen, begleitenden Forschungsarbeit. Diese Aktivitäten sind heute vielfach ökumenisch orientiert. Die Zusammenarbeit über die Grenzen der eigenen Konfession hinweg hat heute glücklicherweise keinen Seltenheitswert mehr. Ich selbst wirkte bereits mehrfach an gemeinsamen Lehrveranstaltungen mit reformierten Fakultäten (Zürich, Basel) mit.
Noch bei weitem nicht so selbstverständlich ist hingegen das Studium des ethischen Denkens in anderen Religionen. Immerhin sind auch in dieser Beziehung inzwischen wichtige Arbeiten geleistet worden, von denen der interreligiöse ethische Dialog profitieren kann. Darüber hinaus ist uns auch eine Öffnung auf ein weltübergreifendes Menschheitsethos hin aufgetragen. Erste Vorarbeiten dazu sind geleistet, zum Beispiel im Rahmen der gemeinsamen Verantwortung für die Menschenrechte. Verweisen kann ich hier zum Beispiel auf das 8. Kapitel folgender Studie: Konrad Hilpert, Die Menschenrechte. Geschichte ­ Theologie ­ Aktualität, Düsseldorf 1991.

 

Hans J. Münk ist ordentlicher Professor für Theologische und Philosophische Ethik an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


Anmerkung

1 Vgl. dazu z.B. Rudolf Schnackenburg, Die sittliche Botschaft des Neuen Testaments, 2 Bde., Freiburg i.Br. u.a. 1986/88.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999