32-33/1999 | |
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Theologie in Luzern |
Als das II. Vatikanische Konzil sich im Dekret «Optatam totius» zur Erneuerung der Theologischen Studien äusserte, hatte die hohe Versammlung offenbar den Eindruck, die Theologische Ethik (damals noch durchwegs als Moraltheologie bezeichnet) habe eine Revitalisierungskur ganz besonders nötig. Jedenfalls wird für dieses Fach eine «besondere Sorgfalt» («specialis cura», Art. 16) empfohlen und auch gleich noch ein kleines Pflichtenheft angefügt, in dem unter anderem eine bessere Berücksichtigung der Hl. Schrift, eine dem Wissenschaftsniveau unserer Zeit entsprechende Methodik und eine eingehende Reflexion der Weltverantwortung von Christen und Christinnen festgeschrieben sind. In diesem relativ schlicht klingenden Programm liegt ein sehr hoher Anspruch an die Theologische Ethik als einer wissenschaftlich ausgearbeiteten Theorie der unter dem Anspruch des christlichen Glaubens zu verantwortenden menschlichen Lebensführung. Der Theologische Ethiker hat auf dieser Grundlagenstufe die Fundamente und Strukturen einer methodisch-kritischen Reflexion über die Fragen des menschlichen Handelns, des ethischen Urteilens und Entscheidens herauszuarbeiten. Nun kann die Theologische Ethik von ihrem Selbstverständnis her nicht bloss eine Art «getaufter natürlicher Ethik» sein. Der Dreh- und Angelpunkt ihrer Identität ist die christlich verstandene Gottesbeziehung. Aus dem christlichen Weltauftrag ergibt sich aber eine Art Dauerzwiesprache der Theologischen Ethik mit der «Welt» in ihrer geradezu ungeheuren Vielschichtigkeit und Komplexität. Dies zwingt dazu und damit berühren wir einen besonders delikaten Punkt der nachkonziliären Diskussion , das Verhältnis zur säkularen Vernunft in ihrer Vielstimmigkeit (vor allem in Form der interdizisplinären Zusammenarbeit mit nicht-theologischen Wissenschaften) zu klären. Dies ist eine ganz zentrale Aufgabe der Fundamentalethik. Die Grundtheorien solcher nachkonziliaren Klärungsansätze standen häufig unter Stichworten wie «Autonome Moral im christlichen Kontext» oder «Autonomie und Theonomie». Repräsentativ für diese Aufgabenstellung waren und sind folgende Werke:
Das Autonomiebewusstsein der Moderne ist zwar nach wie vor ein wichtiger
Grundzug im Selbstverständnis heutiger Menschen, jedoch dürften
neue Akzente inzwischen an Gewicht gewonnen haben: Die Verunsicherung angesichts
rapider globaler Entwicklungen, der nicht gelösten ökologischen,
technischen und sozialen Grossprobleme, aber auch das Brüchigwerden
alter Traditionen und kultureller Bindungen haben in unserer Welt tiefe
Spuren hinterlassen. Darauf versuchen neuere fundamentalethische Entwürfe
zu reagieren, zum Beispiel das Werk des Erfurter Theologischen Ethikers
Josef Römelt, Vom Sinn moralischer Verantwortung. Zu den Grundlagen
christlicher Ethik in komplexer Gesellschaft, Regensburg 1996.
Auf dem Hintergrund dieses manchmal recht unübersichtlich gewordenen
Terrains versuche ich das breite Spektrum der Themen meines Fachgebietes
auf dem neuesten Wissensstand in Lehre und Forschung zu vermitteln. Ausser
den schon genannten Aspekten sind dies insbesondere die Auseinandersetzung
mit heutigen philosophisch-ethischen Strömungen (Utilitarismus, Diskursethik,
Metaethik, Gerechtigkeitstheorien, Kommunitarismus u.a.), die Schwerpunkte
der Gewissenslehre und der ethischen Selbstbildung (ein altes Thema der
Tugendethik), die Diskussion über heutige Normbegründungsansätze
(einschliesslich des Problems des Verbindlichkeitscharakters ethischer Normierung),
die Frage nach formalen und inhaltlichen christlichen Moralprinzipien, das
Verhältnis von Moral und Recht, die ekklesiale Einbettung der Theologischen
Ethik (und in diesem Rahmen die Kompetenz des kirchlichen Lehramtes in Fragen
der Moral) und andere mehr. Als ein gut lesbares Kompendium kann ich folgendes
Buch nennen:
Im Gesamt der anderen Theologischen Disziplinen, von denen die christliche
Ethik viele Impulse erhält (so ist es z.B. unerlässlich, zu den
biblischen Texten die Ergebnisse der heutigen Bibelwissenschaften zur Kenntnis
zu nehmen)1, hat die Theologische Ethik die Verantwortungsdimension herauszuarbeiten
und zu vertreten. Die von meinem Fachgebiet überwiegend zu reflektierenden
Fundamente sind heute einem bislang so nie gekannten Bewährungsdruck
infolge der vielfachen interdisziplinären Zusammenarbeit in konkreten
Themenbereichen ausgesetzt. Ein Theologischer Ethiker ist heute ein typischer
Grenzgänger zwischen sehr unterschiedlichen Wissenschaftswelten, vor
allem ein Grenzgänger zwischen Theologie und Philosophie. Als Beispiele
solcher, in Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaftsgebieten zu bearbeitenden,
angewandten Ethik (die selbst kaum stärker sein kann als die Fundamente,
mit denen sie steht oder fällt), seien nur wenige Problemfelder angesprochen:
Euthanasie, Schwangerschaftsabbruch, Pränataldiagnostik, Transplantationsmedizin,
Gentherapie, gentechnisch veränderte Lebensmittel; viele andere liessen
sich anfügen. Sie verdeutlichen, dass die Qualität unserer Arbeit
auch eine sehr praktische und alltäglich spürbare Bedeutung hat
gegebenenfalls bis hinein in den Kochtopf! Für die Ortskirche
leistet mein Fach theologische Grundlagen- und Klärungsarbeit zu den
verschiedensten Fragen. Als Beispiel für einen Beitrag dieser Art darf
ich auf einen kürzlich erschienen Artikel in der SKZ zum Disskussionsgrundlagentext
der Ökumenischen Konsultation «Welche Zukunft wollen wir?»
hinweisen. Darin ging es einerseits um sehr grundsätzliche Aspekte
(z.B. die soziale, ökonomische, politische und ökologische Tragweite
der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu), aber auch um recht praktische,
konkrete Probleme der heutigen Lebenswirklichkeit (z.B. grundsätzliche
Beurteilung des Wettbewerbs in der Wirtschaft). Die Vortragstätigkeit
und die Mitarbeit in kirchlichen Gremien und Kommissionen ist ebenfalls
nicht zu vergessen.
Immer wieder übernehmen Ethiker auch konkrete Aufträge der Schweizer
Bischofskonferenz, und zwar nicht nur im üblichen Rahmen der Mitarbeit
in Kommissionen. So übertrug mir die Bischofskonferenz im vergangen
Jahr die Aufgabe, als ihr Vertreter in der Trägerschaft des von einem
Patronatskomitee unter Leitung von Herrn Ständerat Gian-Reto Plattner
initiierten Dialogprogramms «Gendiagnostik» mitzuwirken.
Der systematisch bedeutsamste Beitrag für die Ortskirche wird aber
wohl in der Mitwirkung an der theologischen Ausbildung der Seelsorger und
Seelsorgerinnen des Bistums liegen. Hinzu kommt die Betreuung des landeseigenen
wissenschaftlichen Nachwuchses (z.B. durch Supervision von Dissertationen
und Habilitationsschriften).
Manchmal bietet sich sogar die Gelegenheit, sich unmittelbar in der Lehre
auf internationaler Ebene für die theologischen Aufgaben der Kirche
zu engagieren. Dies war im vergangenen Jahr der Fall, als ich auf Einladung
der Universität Gregoriana einen längeren Gastvorlesungszyklus
für Studierende aus 11 Nationen in Rom halten konnte.
Die eigene Forschungsarbeit, die für alle diese Tätigkeiten unabdingbar
ist, spielt sich auf mehreren Ebenen ab: Die Teilnahme und Mitarbeit an
Tagungen, Kongressen und Symposien zählt ebenso dazu wie die Mitarbeit
an wissenschaftlichen Zeitschriften und Reihen. Letzteres geschieht vor
allem durch eigene Publikationen (wer sich dafür interessiert, kann
den Jahresberichten der UHL jeweils die entsprechenden Auskünfte entnehmen).
Sodann bedürfen auch die Lehrveranstaltungen einer stetigen, begleitenden
Forschungsarbeit. Diese Aktivitäten sind heute vielfach ökumenisch
orientiert. Die Zusammenarbeit über die Grenzen der eigenen Konfession
hinweg hat heute glücklicherweise keinen Seltenheitswert mehr. Ich
selbst wirkte bereits mehrfach an gemeinsamen Lehrveranstaltungen mit reformierten
Fakultäten (Zürich, Basel) mit.
Noch bei weitem nicht so selbstverständlich ist hingegen das Studium
des ethischen Denkens in anderen Religionen. Immerhin sind auch in dieser
Beziehung inzwischen wichtige Arbeiten geleistet worden, von denen der interreligiöse
ethische Dialog profitieren kann. Darüber hinaus ist uns auch eine
Öffnung auf ein weltübergreifendes Menschheitsethos hin aufgetragen.
Erste Vorarbeiten dazu sind geleistet, zum Beispiel im Rahmen der gemeinsamen
Verantwortung für die Menschenrechte. Verweisen kann ich hier zum Beispiel
auf das 8. Kapitel folgender Studie: Konrad Hilpert, Die Menschenrechte.
Geschichte Theologie Aktualität, Düsseldorf 1991.
Hans J. Münk ist ordentlicher Professor für Theologische und Philosophische Ethik an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.
1 Vgl. dazu z.B. Rudolf Schnackenburg, Die sittliche Botschaft des Neuen Testaments, 2 Bde., Freiburg i.Br. u.a. 1986/88.