25/1999 | |
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Theologie in Luzern |
Die christlichen Kirchen stehen derzeit unter harscher Kritik und hohem Legitimationsdruck. Für die einen sind sie zu politisch und zu aufrührerisch; für die andern haben sie sich zu sehr aus dem öffentlichen Leben in die Sakristeien zurückgezogen.
Die traditionellen Kirchen haben ihre einst gesellschaftsprägende
Rolle weitgehend verloren.<1> Zudem stellen
heute viele besorgte Christinnen und Christen fest, dass die Verkündigung
der frohen Botschaft vom Tod und von der Auferstehung Jesu Christi zunehmend
durch rein politische und gesellschaftliche Zukunftsentwürfe (Utopien)
ersetzt wird.
Damit eng verknüpft ist auch im Eucharistieverständnis ein schleichender
Wandel im Gange. So ist verschiedentlich zu beobachten, dass es zunehmend
Pfarrgemeinden gibt, in denen die Eucharistie kaum noch als sakramentaler
Vollzug des vollbrachten Opfertodes Jesu Christi am Kreuz, sondern bloss
als gemeinschaftsstiftendes «Erlebnis» verstanden wird. Nach
dieser Auffassung ist die Agape, das heisst Mahlgemeinschaft, ein Ort, wo
Solidarität gelebt und praktiziert wird; sie ist der Sammlungspunkt
für den «Aufbruch» in eine paradiesisch-egalitäre
Gesellschaft, wo Milch und Honig fliesst und das Leben in Fülle genossen
werden kann.<2> Hier scheint im Gottesdienst
kaum noch Gott und sein Heilsgeheimnis im Mittelpunkt zu stehen, sondern
vielmehr die Gemeinde und die «Selbstoffenbarung» ihrer einzelnen
Mitglieder.
Dadurch wird jedoch die Erlösungstat Jesu Christi zur blossen Illustration
oder Symbolik einer visionären Utopie verwandelt.<3>
Diese schleichende Entwertung der Eucharistie widerspiegelt die fundamental
veränderte postmoderne Haltung gegenüber der Kirche als universalem
Heilssakrament. Wenn der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus «ausgeblendet»
und der Gottesdienst als Forum für politische Propaganda missbraucht
wird, läuft die real existierende Kirche Gefahr, ihrem Kernauftrag
nicht gerecht zu werden und so sich selbst ins Abseits zu manövrieren.
Der Kernauftrag der christlichen Kirchen besteht darin, die frohe Botschaft
von der Menschwerdung Jesu Christi in aller Welt zu verkündigen. Im
Evangelium wird die souveräne Gnade Gottes in Jesus Christus geoffenbart,
der uns Menschen durch seinen Tod am Kreuz von unseren Sünden ein für
allemal erlöst hat (Röm 1,16f.; 6,10). Die Kirche ist das Sakrament,
das heisst Zeichen und Werkzeug, das alle Menschen in Christus mit Gott
vereinigt und miteinander versöhnt.<4>
In ihrer Verkündigung bekennt sich die Kirche zu der durch und in Jesus
Christus am Menschengeschlecht vollbrachten göttlichen Heilstat und
orientiert sich daher nicht an der politischen Tagesordnung, sondern an
der Würde des Menschen als dem Ebenbild Gottes (Gen 1,26). Das bedeutet
konkret für die Kirche und ihr Verhältnis zur Politik:
Erstens. Das geistliche Amt der Kirche hat keine besondere politische Kompetenz,
wohl aber eine Pflicht zur Mitverantwortung für unseren freiheitlich-demokratischen
Rechtsstaat.<5>
Zweitens. Kraft ihres universalen Verkündigungsauftrages ist die Kirche
gehalten, zu politischen Grundsatzfragen Stellung zu beziehen, die für
die Existenz der christlichen Gemeinde (Freiheit der Kirche) und für
das Wohl aller Menschen von vitaler Bedeutung sind (Menschenrechte, zum
Beispiel Recht auf Leben für jeden Menschen, auch für das ungeborene
Leben).<6>
Drittens. Die Kirche darf den Rahmen ihres Verkündigungsauftrages nicht
sprengen und eine Politisierung des Evangeliums unter keinem Titel zulassen.<7>
Das Reich Gottes beginnt nicht mit weltlichen Protestbewegungen, sondern
mit der österlichen Auferstehung als dem zentralen Punkt unseres christlichen
Glaubens.<8> Daraus folgt, dass keine politische
oder gesellschaftliche Utopie mit dem Reich Gottes vergleichbar ist. Dazu
sagt Weihbischof Peter Henrici: «Wenn schon die Kirche nicht einfach
mit dem Reich Gottes gleichgesetzt werden kann, dann gilt das erst recht
von jeder anderen irdischen Gemeinschaft oder Wirklichkeit. ... Es gibt
keinen Zukunftsentwurf, der sich als schlechthin christlich legitimieren
liesse.»<9>
Das Evangelium, die christliche Botschaft vom Reich Gottes, enthält
kein konkretes politisches Aktionsprogramm. Jesus selbst lehnt jede politische
Messiasherrschaft von seinen Jüngern bis zuletzt erhofft
entschieden ab und entzieht sich jüdischen Fraktionen, die ihn zu ihrem
König erheben wollen. Auch ruft er nicht zur revolutionären Umwälzung
des damaligen Herrschaftssystems («classe politique» aus Römern
einerseits sowie Pharisäern und Sadduzäern andererseits) auf,
sondern zeigt vielmehr eine gewisse Distanz und Gelassenheit gegenüber
der gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit.
Die überlieferten Reden Jesu und die neutestamentlichen Briefe machen
eines durchwegs deutlich: Die Veränderung der real existierenden staatlichen
und gesellschaftlichen Ordnung «ergibt sich als Folge aus dem gelebten
Geist des Evangeliums, aus der Annahme der göttlichen Heilsbotschaft
durch die Menschen und dem dadurch bewirkten Wandel ihrer Gesinnung und
ihres Verhaltens»<10>.
Dazu braucht es indessen eine «geerdete» eschatologische Geduld,
mit der die Kirche das Kommen des Reiches Gottes zwar erwartet, das sie
aber nicht aus eigener Kraft herstellen kann. Diese hoffende Geduld bewahrt
nicht nur davor, das Heil der Welt allein von unseren irdischen Leistungen
abhängig zu machen, sondern verhindert vor allem die stromlinienförmige
Anpassung an die individuellen und gesellschaftlichen Erwartungen des jeweils
herrschenden Zeitgeistes.
Die neutestamentliche Verkündigung ist die Botschaft der Freiheit von
der Knechtschaft der menschlichen Willkür.<11>
Sie ist kein ideologisches System mit utopischer Zukunftsverheissung, sondern
setzt eschatologische Wegmarken für die Nachfolge auf den Spuren Jesu.
Nicht angestrengte Diesseitigkeit oder gar hektischer Aktivismus ist gefragt,
sondern allein die erneuernde Kraft des Glaubens an Jesus Christus vermag
die Herzen der Menschen zu verwandeln und so die Welt in Richtung von Solidiarität
und Gerechtigkeit zu verändern.<12>
Die Gemeinschaft mit Jesus Christus, das heisst die Eucharistie als «Quelle
und ... Höhepunkt des ... christlichen Lebens»<13>
ist das konstitutive Element (Wesen) der Kirche. Beim Herrenmahl gedenkt
die um den Altar versammelte Gemeinde des stellvertretenden, ein für
allemal vollbrachten Sühneopfers Jesu Christi.<14>
Die Heilsnotwendigkeit der Kirche ist in der Tatsache begründet, dass
Christus allein der Heilsmittler ist, der für die Gläubigen, die
im Leib Christi in der Kirche miteinander verbunden sind, in
der Eucharistie wirklich gegenwärtig (real präsent) ist.<15>
Das Geheimnis vom Kreuz und der Auferstehung Jesu Christi ist der Mittelpunkt
des kirchlichen Lebens. Die Eucharistie ist die Hauptquelle, aus der die
Gemeinschaft der Kirche ihre Kraft im Gang durch die irdische Geschichte
schöpft.<16> Der Auferstehungsglaube
darf jedoch nicht zu einem schalen Lippenbekenntnis verkommen, sondern muss
von der Gemeinde «durch Worte und Werke»<17>
bezeugt und verkündet werden.
Der kirchliche Auftrag ist jedoch mit bloss organisatorischen Mitteln nicht
zu erfüllen. Wenn die Kirche nicht im Glauben an Jesus Christus verankert
ist, tönt sie nur noch wie «eine lärmende Pauke» (1
Kor 13,1). Im Extremfall kann gar der Zustand des «ekklesialen Atheismus»
eintreten, in dem der äussere kirchliche Betrieb zwar weiter funktioniert,
aber die zentrale Frage nach Jesus Christus kaum mehr gestellt wird.
Im kirchlichen Leben gebührt dem österlichen Christus der absolute
Vorrang. Die Kirche hat die göttliche Erlösungstat zu bezeugen
und sich an ihrem originären, geoffenbarten Auftrag zu orientieren.<18> Wenn sie sich jedoch in zunehmendem Masse
als politische Partei oder Gewerkschaft profiliert, wird sie zur profanen
«pressure group», deren Worte und Aktionen jede geistliche Glaubwürdigkeit
verlieren.
Das bringt der deutsche evangelische Pastor Martin Niemöller, Hitlers
persönlicher Gefangener in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern
Sachsenhausen und Dachau, trefflich auf den Punkt: «Gott bewahre uns
vor einer ÐKircheð, die selber Politik machen will!»<19>
Im Rahmen ihres Auftrages hat die Kirche die Pflicht, die «Zeichen
der Zeit» (Mt 16,3) zu erkennen und sie im Licht des Evangeliums zu
interpretieren. Kurz: Es geht um die Rettung aller Menschen und um den richtigen
Aufbau der menschlichen Gesellschaft.<20>
Diakonie ist allerdings ein schillernder und interpretationsbedürftiger
Begriff. Je nach theologischem und politischem Standort wird er verschieden
entfaltet. Welches ist aber die adäquate Definition, die dem Kernauftrag
der Kirche gerecht wird?
Diakonie (lat. ministerium) ist das neutestamentliche Wort für Dienst.
Der Schweizer evangelische Theologe Karl Barth schreibt zum besonderen Dienst
der christlichen Gemeinde: «In der Diakonie bekennt sie sich ... nach
dem Tenor des Weltgerichtsgleichnisses ... in diesen seinen Brüdern
zu Jesus Christus dem hungrigen, durstigen, heimatlosen, nackten,
kranken, gefangenen und gerade so königlichen Menschen Jesus Christus
... In der Diakonie macht sie ihr Zeugnis von ihm deutlich als den von ihm
befohlenen, in der Gemeinschaft mit ihm zu vollziehenden Samariterdienst
an dem in die Hände der Räuber Gefallenen: mit ihm, der eben dieses
verlorenen Menschen Nächster war. In der Diakonie geht sie hin und
tut desgleichen...»<21>
Die besondere Aufgabe der Diakonie besteht darin, den notleidenden Menschen
Lebenshilfe zu leisten. Das heisst, sich um die Opfer von Konflikten zu
kümmern, um jene, welche die menschlichen Kosten des Konflikts zu tragen
haben: Scheidungskinder als Opfer von Ehekonflikten; Witwen und Waisen als
Opfer von kriegerischen Konflikten; Flüchtlinge als Opfer von Bürgerkriegen;
Hungernde als Opfer des Nord-Süd-Konflikts; Überforderte als Opfer
des wirtschaftlichen Leistungskampfes; psychisch Kranke als Opfer des Konflikts
mit sich selbst. Mit anderen Worten: Massstab der Diakonie sind die, deren
Leben im gesellschaftlichen Kampf schutzlos ausgesetzt und gefährdet
ist. Gerade darin wird die Kirche zum Licht der Welt und zur Stadt auf dem
Berg.
Mit der christlichen Diakonie sind drei Implikationen verbunden:
Erstens. Die Lebenshilfe für den notleidenden Menschen ruft notwendigerweise
nach einer kompetenten christlichen Gesellschaftskritik.<22>
Zweitens. Zwischen christlicher Diakonie und modernem Wohlfahrtstaat braucht
es eine klare Aufgabenteilung.<23>
Drittens. Die Diakonie ist wie die Mission Sache der Gemeinde.
«Gemeinde ohne diakonische Verantwortlichkeit wäre nicht christliche
Gemeinde»<24>.
Gefragt ist eine christliche Diakonie mit prophetischer Dimension. Diesen
zentralen Punkt hat Karl Barth besonders hervorgehoben und gleichzeitig
vor einem verengten Diakoniebegriff, das heisst ihn auf schiere (Klassen-)
«Solidarität» und «Parteilichkeit»<25> zu reduzieren, nachhaltig gewarnt: Die christliche
Diakonie, so schreibt er, «wäre da todkrank, wo sie sich selbst
mit einer Klasse, wo sie ihr Anliegen mit deren Interessen, ihren Glauben
mit deren Ideologie, ihr Ethos mit deren Moral identifizieren würde»<26>.
Die christliche Kirche ist Repräsentantin und Verkünderin Jesu
Christi hier auf Erden; sie darf sich keinesfalls von irgendwelchen Klasseninteressen
vereinnahmen lassen. Wenn der Kyrios jedoch «ausgeblendet» wird
und politische Ideologien zum Zuge kommen, läuft die real existierende
Kirche Gefahr, dem gerade herrschenden Zeitgeist zu erliegen und ihr Heilsgeheimnis
zu verleugnen.<27> Deshalb darf sie sich
weder von parteipolitischen noch von wirtschafts- und sozialpolitischen
Interessengruppen umfunktionieren lassen, sondern hat sich vielmehr als
klassen- und völkerverbindender, einheitsstiftender Faktor zu erweisen.<28>
Der Völkerapostel Paulus mahnt die Kirche in seinem Brief an die
Römer, das Evangelium ohne Rücksicht auf den jeweiligen Zeitgeist
zu verkündigen und sich dieser Welt nicht anzupassen (Röm 12,2).
Das ist gut so. Sein Aufruf verdient auch in unserer Zeit unbedingt befolgt
zu werden; denn auch heute führt der Weg zum Seelenheil nur über
den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.
Die Freiheit der Kirche ist gebunden an ihren Kernauftrag.<29>
Sie kann also nicht blosser Reflex gesellschaftlicher Freiheit sein, sondern
sie ist eine Freiheit sui generis; da sie allein in der Person Jesu Christi
begründet ist, ist sie eine Freiheit von Staat und Gesellschaft. Das
heisst konkret: Unbahängig von der real existierenden Staats- und Gesellschaftsordnung
hat die Kirche den Auftrag, das Evangelium vor ideologischem Missbrauch
zu schützen und die Freiheit der kirchlichen Verkündigung zu sichern,
um vor jeglichem potentiellen oder aktuellen Anpassungsdruck aus Staat und
Gesellschaft gewappnet zu sein.
Die Kirche ist eine freie Glaubensgemeinschaft; sie hat sich durch das Miteinander-Leben
(Communio), das Miteinander-Reden (Dialog) und das Miteinander-Handeln (Kooperation)
zu bewähren. Das heisst: Die Communio-Theologie des II. Vatikanums
muss über das Konzil hinaus bis in die Strukturen und kirchenrechtlichen
Konsequenzen neu durchdacht werden. Dabei ist die Bekehrung der Menschen
jedoch wesentliche Voraussetung für eine durchgreifende Strukturreform.<30>
Die deutsche konstitutionelle Monarchie und der schweizerische liberale
Verfassungsstaat haben im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts die katholische
Kirche in ihrer Freiheit eingeschränkt und unter unmittelbare staatskirchliche
Hoheit gestellt.<31> Heute dagegen, am
Ende des 20. Jahrhunderts, ist die Freiheit der Kirche, das heisst die Freiheit
des Evangeliums vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, kaum
noch von aussen, sondern vielmehr von innen her in ihrer Substanz bedroht.
Die jahrzehntelange, kräfteverzehrende kircheninterne Auseinandersetzung
um die beiden Vorstellungen der Kirche als «Volk Gottes» und
als «hierarchische Gesellschaft», wie sie in den offiziellen
Dokumenten des II. Vatikanums verankert sind,<32>
hat dazu beigetragen, dass theologisch eigenständige und versöhnende
Positionen nur noch schematisch wahrgenommen werden. Das hat zur Folge,
dass lediglich kontradiktorische, meist extreme Optionen zur Wahl stehen
und die zentrale genuin christologische Dimension aus dem innerkirchlichen
Diskurs herauszufallen droht.
Gerade aus diesem Grunde haben die kirchlichen Leitungsämter die unbedingte
Pflicht, auf die entsprechenden konziliaren Kernaussagen und ihre grundlegende
Bedeutung für das kirchliche Leben deutlich hinzuweisen und in Zusammenarbeit
mit Priestern und Laien im Geiste der geschwisterlichen Liebe Mittel und
Wege zu finden, um die Spannungen in der Kirche abzubauen und die Basis
für die Versöhnung zu legen.<33>
Reform und Reinigung an Haupt und Gliedern ist eine permanente Aufgabe
der Kirche. Seit den Anfängen der kirchlichen Geschichte galt es, Fehlentwicklungen
in der Kirche entgegenzusteuern, Missstände zu beseitigen und Auswüchse
zu korrigieren. Der französische Konzilstheologe Yves Congar OP hat
in einem seiner bedeutendsten Werke vier Kriterien für eine wahre Kirchenreform,
das heisst eine Reform ohne Schisma, aufgestellt:<34>
1. Primat der Liebe und der Seelsorge, 2. Ständiges Verbleiben in der
kirchlichen Gemeinschaft, 3. Geduld und Verständnis für Verzögerungen,
4. Wahre Erneuerung durch Rückkehr zum Prinzip der Tradition. Auf den
Punkt gebracht, heisst das: Innovation durch Tradition!
In diesem Zusammenhang zeigt Congar auf, dass eine richtig verstandene kirchliche
Tradition offen und dynamisch, zukunftsgerichtet und ursprungstreu sowie
gegen jede politische Ideologisierung resistent sein muss.<35>
Damit lehnt er eine mechanistisch-abstrakte Anpassung der Kirche an die
säkulare Gesellschaft strikte ab und vertraut vielmehr auf die Kraft
des Heiligen Geistes, mit dessen Hilfe die Kirche ihr gemeinschaftliches
Leben im Lichte des Evangeliums stets wieder zu erneuern vermag.<36>
Wahre Orthodoxie lässt sich somit nicht in ein geschlossenes «Wertsystem»
pressen, sondern orientiert sich an unserem gemeinsamen Ursprung, an Jesus
Christus, unserem gekreuzigten und auferstandenen Herrn.
Mit dem Wort Tradition ist gleichzeitig folgender Imperativ gesetzt: Weitergabe
der christlichen Frohbotschaft, des Evangeliums, an die kommenden Generationen.<37> Dabei ist besonders darauf zu achten,
das Rad nicht immer wieder neu zu erfinden, sondern wie es der Apostel
Paulus richtig sagt das treu zu überliefern, was auch wir empfangen
haben (1 Kor 15,1.3).
In der Verkündigung der Kirche kommt der Theologie, insbesondere der
Dogmatik, eine zentrale Dienstfunktion zu. Diese darf nicht durch sachfremde
Interpretationen in einen gefährlichen anthropologischen Skeptizismus
verfallen, sondern hat hörend und glaubend zugleich ausschliesslich
die Sache Jesu Christi zu vertreten und der Kirche beim Vollzug ihres Öffentlichkeitsauftrages
nachhaltige Unterstützung zu leisten.<38>
Ferner ist es heute vordringlich, dass die Amtsträger das «Volk
Gottes» für eine sachgerechte Mitarbeit in der Kirche besser
sensibilisieren, befähigen und bestärken. Diese zentrale Aufgabe
hat die Hierarchie bislang eher vernachlässigt. Predigt und Katechese
sind wesentliche Instrumente für die Evangelisierung, in deren Mittelpunkt
der Glaube an Jesus Christus gehört.<39>
Die Kirche würde sonst bloss noch als ethisch-moralische «Anstalt»
wahrgenommen und dadurch ihre spezifische Legitimation vollends verlieren.
Die Menschen brauchen in unserer pluralistischen Welt mehr denn je frohe
evangelische «Leuchttürme», an denen sie sich in ihrem
irdischen Leben orientieren können.
Nur mit unserem einfältigen Glauben an den österlichen Christus
und unserem beherzten Zeugnis von ihm erneuert und reinigt sich die Kirche
und erfüllt die Welt mit Glanz!
Die grosse Versuchung für unsere Kirche besteht heute darin, dass
sie sich fast ausschliesslich auf die gesellschaftlich akzeptierten Aufgaben
konzentriert und dabei ihren vorrangigen Auftrag vernachlässigt.
Die Kirche hat sich auf ihren Kernauftrag, der in der Verkündigung
der Frohbotschaft Jesu Christi besteht, zu konzentrieren. Sie hat den vorrangigen
Auftrag, «der Menschheit Christus als Erlöser der Welt zu verkünden».<40> Im Unterschied zu den kirchlichen Dokumenten
über das Verhältnis von Kirche und Staat des 19. Jahrhunderts,
die in starkem Mass auf das rechtliche Gegenüber der beiden Institutionen
Staat und Kirche und die Abgrenzung ihrer gegenseitigen Kompetenzen fixiert
waren, rückt das II. Vatikanum die heilsvermittelnde Funktion der Kirche
wieder in den Mittelpunkt.
Damit sind die folgenden drei pastoraltheologischen Implikationen verbunden:
Erstens. Jesus Christus allein ist das Kriterium für die Verkündigung
der Kirche. Es geht um den erhöhten österlichen Christus, wie
ihn vor allem Paulus verkündigt. Die missionarische Kraft der Kirche
hängt von der Lebendigkeit ihrer Christuserwartung ab.
Zweitens. Die Kirche ist die Gemeinschaft («communio») von Christen,
die regelmässig zusammenkommen, um das Wort der Schrift auszulegen
und zu hören, das Herrenmahl (Eucharistie) zu feiern und zu beten.
Drittens. Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die zum Zeugnis
von Jesus Christus in dieser Welt gerufen ist.
Die Kirche hat nur dann Zukunft, wenn sie in unserer pluralistischen Gesellschaft,
die ihre Orientierung zu verlieren droht, für das Evangelium vom gekreuzigten
und auferstandenen Jesus Christus eintritt.<41>
Das erfordert heute ein hohes Mass an Zivilcourage. Nur wenn die christlichen
Kirchen diesen Mut aufbringen, können sie wieder zu einem relevanten
Faktor in der Öffentlichkeit werden. Dabei ist die Mitverantwortung
der Kirche für die Welt konsequent an den Kriterien zu messen, die
sich aus ihrer Christusbindung ergeben.
Die Kirche kann politische Verantwortung nicht eigenmächtig und selbstherrlich
bestimmen. Sie kann sie nicht aus tagespolitischen Erfordernissen ableiten,
auch wenn diese noch so plausibel erscheinen. Sie würde die Souveränität
der Gnade Gottes und mit ihr die Freiheit des ihr übertragenen Zeugnisses
verraten, wenn sie die Probleme der Welt zum Gesetz ihres Handelns machte,
statt die Nöte der Menschen vom Evangelium her anzugehen.
Nur die sachgerechte, auf die Person Jesu Christi konzentrierte kirchliche
Verkündigung des Wortes Gottes ist imstande, die wahre Menschlichkeit
Gottes den heutigen modernen Menschen glaubwürdig zu bezeugen.<42> Die von einem verderblichen Moralismus durchdrungenen
Humanitätsparolen der spätestens 1989 von der Geschichte gestraften
Ideologien haben sich letztlich als fataler und menschenverachtender Irrtum
erwiesen.<43>
Die Kirche hat es nicht nötig, mit politischen Programmen zur Weltverbesserung
hausieren zu gehen. Denn die radikalste Weltverbesserung ist Jesus Christus
selbst. Und von ihm Zeugnis zu geben ist und bleibt der vorrangige Auftrag
der Kirche.<44>
Dr. Quirin Weber, Jurist und Theologe, war Sekretär des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes.
1 Vgl. F.-X. Kaufmann, Religion und Modernität, Tübingen 1989, 165167; R. Köcher (Institut für Demoskopie Allensbach), Nachhut oder Vorhut? Dem Christentum mangelt es an Selbstbewusstsein und Strahlkraft, in: FAZ Nr. 81 vom 5.4.1995, 5.
2 Paradigmatisch hiefür der Schweizer Theologe U. Eigenmann, Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Erde. Die andere Vision vom Leben, Luzern 1998, mit Rekurs auf den Befreiungstheologen J. Sobrino, Die zentrale Stellung des Reiches Gottes in der Theologie der Befreiung, in: I. Ellacuria/J. Sobrino (Hrsg.), Mysterium Liberationis. Grundbegriffe der Theologie der Befreiung, Bd. 1, Luzern 1995, 461504.
3 Auf diesen zentralen Punkt weist hin J. Ratzinger, Politik und Erlösung. Zum Verhältnis von Glaube, Rationalität und Irrationalem in der sogenannten Theologie der Befreiung, Opladen 1986, 27.
4 Vgl. Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen Gentium
(LG) Nr. 1: «Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament,
das heisst Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott
wie für die Einheit der ganzen Menschheit.»
Die jeweilige deutsche Übersetzung aus dem kirchenamtlichen lateinischen
Originaltext stammt aus K. Rahner/H. Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium.
Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums, 12. Auflage, Freiburg i.Br.
1978.
5 Vgl. M. Honecker, Der Auftrag der Kirche und die Aufgabe des Staates, in: Essener Gespräche zum Thema Staat und Kirche 25 (1991), 4980, hier: 56.
6 Vgl. W. Gut, Politische Parolen der Kirche?, in: ders., Politische Kultur in der Kirche, Freiburg/Schweiz 1990, 134143, hier: 139.
7 Vgl. J. Ratzinger, Wendezeit für Europa? Diagnosen und Prognosen zur Lage von Kirche und Welt, Freiburg i.Br. 1991, 42: «Die Vertreter der Kirche haben keine Legitimation zu direkten politischen Aktionen; sie haben dazu keinen Auftrag erhalten, von ihren Gläubigen nicht und erst Recht von ihrem Herrn her nicht.»
8 Vgl. K. Barth, Der Christ in der Gesellschaft. Eine Tambacher Rede, Würzburg 1920, 26.
9 P. Henrici, Endverheissung und menschliche Zukunft, in: ders., GlaubenDenkenLeben. Gesammelte Aufsätze, Köln 1993, 195.199.
10 E. W. Böckenförde, Politisches Mandat der Kirche? Überlegungen angesichts der neuen «politischen Theologie», in: ders., Kirchlicher Auftrag und politische Entscheidung, Freiburg i.Br. 1973, 206230, hier: 212 (Hervorhebung im Originaltext).
11 Vgl. R. Guardini, Vom Sinn der Kirche. Fünf Vorträge (1922), 5. Auflage, Mainz 1990, 79.
12 Vgl. Ch. Kardinal Schönborn, Die Menschen, die Kirche, das Land. Christentum als gesellschaftliche Herausforderung, Wien 1998, 86f.
13 LG Nr. 11.
14 Vgl. J. Ratzinger, Gemeinde aus der Eucharistie (1980), in: ders., Vom Wiederauffinden der Mitte. Grundorientierungen (Texte aus vier Jahrzehnten), Freiburg i.Br. 1997, 3537, hier: 35f.
15 LG Nr. 14.
16 Vgl. R. Guardini, Vom Geist der Liturgie (1922), 15. und 16. unveränderte Auflage, Freiburg i.Br. 1939.
17 Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung «Dei Verbum» (DV) Nr. 4.
18 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes (GS) Nr. 42: «Die ihr eigene Sendung, die Christus der Kirche übertragen hat, bezieht sich ... nicht auf den politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Bereich: das Ziel, das Christus ihr gesetzt hat, gehört ... der religiösen Ordnung an.»
19 M. Niemöller, Die politische Dimension der Kirche, in: Die Zeichen der Zeit. Evangelische Monatsschrift für Mitarbeiter der Kirche 38 (1984), 294297, hier: 297.
20 Vgl. GS Nr. 3 und 4.
21 K. Barth, KD IV/3, 1022.
22 Vgl. J. B. Metz, Zur Theologie der Welt, Mainz und München 1968, 143146, und K. Koch, Öffentlichkeitsauftrag oder Globalprivatisierung der Kirchen?, in: SKZ 163 (1995), 494501, hier: 496498.
23 Vgl. U. Scheuner, Die karitative Tätigkeit der Kirchen im heutigen Sozialstaat. Verfassungsrechtliche und staatskirchenrechtliche Fragen, in: Essener Gespräche zum Thema Staat und Kirche 8 (1974), 4371.
24 K. Barth, aaO., 1024.
25 Typisch hiefür der deutsche katholische Pastoraltheologe H. Steinkamp, Solidarität und Parteilichkeit. Für eine neue Praxis in Kirche und Gemeinde, Mainz 1994.
26 K. Barth, aaO., 1032.
27 Vgl. K. Barth, Freiheit des Evangeliums (TEH 2), München 1933.
28 Vgl. K. Barth, KD IV/3, 1033: Die Kirche «hat ... Gemeinschaft zwischen den Menschen der verschiedenen Klassen zu begründen. Sie hat ... das (so) zu tun, dass sie in der Erkenntnis des Evangeliums vom Reiche Gottes zusammenführt, in welchem es sich um die Wirklichkeit handelt, durch welche die die Menschheit trennende, noch ungelöste soziale Problematik auf alle Fälle transzendiert und relativiert, umgriffen, in Frage gestellt, ihre Aufhebung, sei es auch nur von ferne, sichtbar gemacht wird, in welcher sie auf alle Fälle gemeinsam zum Suchen nach einem neuen dritten Weg aufgerufen werden. Sie hat also den bürgerlichen Menschen weder positiv noch negativ auf seine kapitalistischen und sie hat den proletarischen Menschen weder positiv noch negativ auf seine sozialistischen Ideen und Kampfstellungen sie hat beide energisch darauf anzureden, dass sie als Menschen Kinder Gottes heissen und sein dürfen und als solche alles Gute allein von ihm zu erwarten haben, als solche allein ihm verantwortlich, aber eben als solche auch unter sich verbunden sind und zusammen gehören.»
29 Vgl. Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae (DH), 13.
30 Vgl. J. Ratzinger, Theologische Prinzipienlehre. Bausteine zur Fundamentaltheologie, München 1982, 5769.
31 Für Deutschland: Vgl. M. Heckel, Kulturkampfaspekte. Der Kulturkampf als Lehrstück modernen Staatskirchenrechts, in: Staat, Kirche, Wissenschaft in einer pluralistischen Gesellschaft. Festschrift zum 65. Geburtstag von Paul Mikat, hrsg. von D. Schwab u.a., Berlin 1989, 545563, mit Verweis auf E. R. Huber/W. Huber, Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert, Dokumente zur Geschichte des deutschen Staatskirchenrechts, Bd. II: Staat und Kirche im Zeitalter des Hochkonstitutionalismus und des Kulturkampfes 18481890, Berlin 1976, 395427. Für die Schweiz: P. Stadler, Der Kulturkampf in der Schweiz. Eidgenossenschaft und Katholische Kirche im europäischen Umkreis 18481888, Frauenfeld 1984, mit Verweis auf U. Lampert, Kirche und Staat in der Schweiz, 3 Bde., Basel-Freiburg bzw. Freiburg-Leipzig 19291939, und E. His, Geschichte des neuern Schweizerischen Staatsrechts, 3 Bde., Basel 19201938.
32 Vgl. W. Kasper, Kirche als communio. Überlegungen zur ekklesiologischen Leitidee des II. Vatikanischen Konzils, in: ders., Theologie und Kirche, Mainz 1987, 272289, hier: 282, mit Verweis auf A. Acerbi, Due ecclesiologie. Ecclesiologia giuridica ed ecclesiologia di communione nella «Lumen gentium», Bologna 1975.
33 Vgl. H.U. von Balthasar, Klarstellungen. Zur Prüfung der Geister, 4. Auflage, Einsiedeln 1978, 91.
34 Y. Congar, Vraie et fausse réforme dans l'Eglise, Paris 1950 (UnSa 20), 248352. Vgl. dazu C. Th. M. Van Vliet, Communio sacramentalis. Das Kirchenverständnis von Yves Congar, Mainz 1995, 102f.
35 Vgl. J. Bunnenberg, Lebendige Treue zum Ursprung. Das Traditionsverständnis Yves Congars, Mainz 1989, 372.
36 Y. Congar, Vraie et fausse réforme dans l'Eglise, 333352.
37 Vgl. H. U. von Balthasar, Schleifung der Bastionen. Von der Kirche in dieser Zeit, 4. Auflage, Einsiedeln 1954, 9.
38 Vgl. K. Barth, KD I/2, 866f.
39 Vgl. Papst Johannes Paul II., Enzyklika «Fides et ratio» Nr. 99, in: L'Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache, 28 (1998) vom 16.10.1998, 23.
40 GS Nr. 76,4.
41 Vgl. H. U. von Balthasar, Mysterium Paschale, in: Mysterium salutis, Bd. III/2, Das Christusereignis, Einsiedeln 1969, 133326; L. Scheffczyk, Auferstehung. Prinzip des christlichen Glaubens, Einsiedeln 1976; K. Koch, Österliche Feuerprobe christlichen Glaubens, in: SKZ 163 (1995), 230234.
42 Vgl. K. Barth, Die Menschlichkeit Gottes (ThSt 48), Zollikon-Zürich 1956.
43 Vgl. J. Kardinal Ratzinger, Wahrheit, Werte, Macht. Prüfsteine der pluralistischen Gesellschaft, Freiburg i.Br. 1993, 59: «Wir würden Christentum in Moralismus auflösen, wenn nicht eine Botschaft sichtbar würde, die über unser eigenes Tun hinausgeht.» Aus philosophischer Sicht P. Koslowski, Nachruf auf den Marxismus-Leninismus. Über die Logik des Übergangs vom entwickelten Sozialismus zum ethischen und demokratischen Kapitalismus, Tübingen 1991, 7782 (5. Kapitel: Hegelianismus und Marxismus als Häresien der Moderne).
44 Vgl. Papst Johannes Paul II., Antrittsenzyklika «Redemptor hominis», in: Die Würde des Menschen in Christus. Mit einem Kommentar von B. Häring, 3. Auflage, Freiburg i.Br. 1979, 45f.: «Diesem Ziel allein möchte die Kirche dienen: jeder Mensch soll Christus finden können, damit Christus jeden einzelnen auf seinem Lebensweg begleiten kann mit jener kraftvollen Wahrheit über den Menschen und die Welt, wie sie im Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung enthalten ist, mit der Macht jener Liebe, die hiervon ausstrahlt. ... Jesus Christus ist der Hauptweg der Kirche.»