22/1999 | |
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Theologie in Luzern |
Die Schrift nicht kennen, heisst Christus nicht kennen. Dieses Wort des
Kirchenvaters Hieronymus<1> vermittelt
Aufschluss über das Grundanliegen neutestamentlicher Schriftauslegung,
über ihren Sinn und ihr Ziel. Nach der Überzeugung der christlichen
Glaubenstradition ist in den Schriften des Neuen Testaments die Botschaft
Jesu Christi enthalten, das heisst genauerhin: die Verkündigung Jesu
Christi und über ihn in jener Form, wie sie die frühe Kirche der
apostolischen Zeit begriffen und in der Kraft des Geistes Gottes niedergeschrieben
hat.
Aufgabe der Exegese ist es, diese Botschaft in ihrem ursprünglich beabsichtigten
Aussagespektrum verständlich zu machen und zusätzlich ihre Bedeutung
für die Menschen heute aufzuzeigen. In diesem Sinne wird die Disziplin
ihrer Bezeichnung gerecht: Exegese vom in der Antike gebräuchlichen
griechischen exégesis: Erklärung, Auslegung, Deutung, Hinführung
und Aufzeigung eines (Verständnis-)Weges<2>.
Biblisch aufschlussreich ist dafür die Formulierung von Joh 1,18, wo
es heisst, dass der einzig geborene Gott, der im Schoss des Vaters ruht,
diesen Gott, den niemand je gesehen hat, für uns «auslegte»
(exegésato). Aus dieser Zielsetzung des Wissenschaftsbereichs ergibt
sich Arbeitsweise und Aufgabenstellung der neutestamentlichen Exegese:
Aufgrund ihres Forschungsgegenstandes ist die Schriftauslegung des Neuen
Testaments eine historische Disziplin: Ihre erstrangige Aufgabe ist es,
schriftlich überlieferte Texte aus der Antike verständlich zu
machen. Dies erfordert eine Erforschung des ursprünglichen «Kontexts»
der einzelnen Schriften, ihres historischen und kulturell-religiösen
Umfelds. Es bedarf der Überprüfung von Textüberlieferung
und Textgestalt. Es braucht den Vergleich mit anderen antiken Texten, vorwiegend
mit Schriften religiösen Charakters sowohl aus der hellenistisch-paganen
als auch besonders aus der jüdischen Tradition. Vor allem ist für
diese Aufgabe das genaue Studium der biblischen Texte selbst von Bedeutung,
wobei dafür das gesamte Instrumentarium heutiger Textwissenschaft zur
Anwendung kommen muss. Das impliziert unter anderem und besonders die Beachtung
linguistischer, struktureller, kommunikationswissenschaftlicher [und anderer!]
Aspekte eines Textes für die Klärung seines Aussagegehaltes. In
diesem weiten Spektrum der angewendeten und anzuwendenden Methoden bedient
sich die Exegese der Erkenntnisse zahlreicher anderer Wissenschaften, vor
allem all jener, die ebenfalls die Interpretation von Texten zur Aufgabe
haben, und sie ist auf deren Forschungsergebnisse angewiesen. Stärker
als früher wird dabei heute auch für die biblischen Schriften
deren konkrete Inkulturation wahrgenommen und mit Hilfe zahlreicher Profanwissenschaften
(z.B. Geschichte, Soziologie, Archäologie, Philologie) erforscht. Diese
Arbeitsweise, auf die das Zweite Vatikanische Konzil die Exegetinnen und
Exegeten dem Grundsatz nach verpflichtet hat<3>,
ist heute weitestgehend unbestritten, und sie wird lediglich von fundamentalistischen
Kreisen infrage gestellt. Die Offenheit des Instrumentariums beinhaltet
dessen Weiterentwicklung, die sowohl durch auftretende Fragestellungen wie
durch neue Erkenntnisse zur Textentstehung, -vermittlung und -annahme begünstigt
werden kann. Es gehört zu den besonderen Herausforderungen für
die Exegese, solche Entwicklungen zu verfolgen, kritisch zu evaluieren und
weiterführende Aspekte in das eigene Methodeninventar zu integrieren<4>. Das leitende Kriterium dabei muss die
Tauglichkeit für das bessere Verständnis des ursprünglichen
biblischen Textes sein.
Zugleich ist die Schriftauslegung des Neuen Testaments eine theologische
Disziplin. Ihr Interesse gilt nicht ausschliesslich der ursprünglichen
Textaussage und -gestalt, und sie beschäftigt sich mit den biblischen
Schriften nicht nur aus einem historisch-wissenschaftlichen Interesse. Exegetinnen
und Exegeten sind sich bewusst, dass diese Schriften einem besonderen Entstehungs-
und Verstehensprozess unterliegen und ihnen daher eine andere, eben eine
pneumatische Dimension eigen ist. Das Wahrnehmen dieser geistgeprägten
Eigenart der neutestamentlichen Schriften und ihr Einbezug in die exegetische
Arbeit unterscheidet Exegese als eigene wissenschaftliche Disziplin von
jener der Text- oder Literaturwissenschaft. Dadurch ist zugleich auch die
Position umrissen, von der aus sich die Exegetin oder der Exeget den biblischen
Schriften nähert.
Für ein entsprechendes dialogisches Verständnis der Geistgeprägtheit
der Heiligen Schrift hat ebenfalls das Zweite Vatikanische Konzil die Grundlage
geschaffen<5>. Das Wirken des Geistes darf
nicht nur auf den Entstehungsprozess der Schrift bezogen werden, sondern
erstreckt sich durch die Zeit auch auf den jeweiligen Rezeptionsprozess
dieser Texte als von Gott gesprochenes Wort an die je neuen Adressatinnen
und Adressaten. Diese Perspektive begründet die für die Exegese
unerlässliche Frage nach der Bedeutung biblischer Texte für das
je neue Heute und den damit verbundenen Transfer der wissenschaftlichen
Forschungsergebnisse in die gegenwärtige kirchliche, gesellschaftliche
und persönliche Situation.
Exegese erweist sich so als eine engagierte Wissenschaft, welche die persönliche
Standortbestimmung der involvierten Personen voraussetzt und herausfordert.
Sie ist höchst zeitbezogen, kultur- und kontextorientiert.
Die Skizze der Exegese zeigt: Sie ist eine aktuelle und eine für
die gesamte Theologie grundlegende Wissenschaft.
Will die Exegese ihrem Auftrag entsprechen, muss sie sich mit aktuellen
Problembereichen auseinandersetzen: Sie geht erneut der zentralen Frage
nach Jesus Christus nach, sie formuliert in den letzten Jahrzehnten deutlicher
als früher die Option und Solidarität der Jesusbotschaft für
entrechtete, marginalisierte und notleidende Menschen, sie beschäftigt
sich heute vermehrt mit der biblischen Grundlegung der Sakramententheologie
und der Erlösungslehre und bemüht sich um das Verständnis
von Tod und Auferstehung Jesu, sie mischt sich vehement in die Diskussion
über Kirchenverständnis und Fragen der Kirchenstruktur ein, sie
engagiert sich in der Aufarbeitung der gemeinsamen Tradition mit dem Judentum
und der jüdischen Ursprünge des Christentums, sie versucht angesichts
der Bewusstwerdung von Zeiten-Wenden neu von der Schöpfung und von
der Zukunft zu sprechen.
Als Wissenschaft, die sich mit der Deutung der biblischen Botschaft von
Jesus Christus auseinandersetzt, ist die Exegese eine unverzichtbare Grundlage
für die gesamte Theologie, der sie mit ihren Ergebnissen zur Verfügung
stehen muss, ist doch «das Studium des heiligen Buches [d.h.: der
Bibel] gleichsam die Seele der heiligen Theologie»<6>.
Denn auch die theologische Tradition der Kirche lässt sich nicht ohne
Rückbezug auf die biblische Botschaft bis in die heutige Zeit weiterführen.
Die Konsequenz dieser Überlegungen ist eine heute weitgehend ausgeprägte
Interdisziplinarität und Gesprächsbereitschaft zwischen der Exegese
und den anderen theologischen Fachbereichen, welche sich auf ganz verschiedene
Weise konkretisiert: Lehrveranstaltungen, Tagungen, Publikationen, Forschungsprojekte.
Die neutestamentliche Exegese hat sich in den vergangenen Jahrzehnten interuniversitär, national und international, vor allem auch ökumenisch stark vernetzt. In der Schweiz besteht eine Arbeitsgemeinschaft der katholischen Exegetinnen und Exegeten, im gesamten deutschen Sprachraum eine entsprechende Gruppierung für alle Lehrstuhlinhaberinnen und -inhaber im Bereich Exegese des Neuen Testaments. Neben den entsprechenden Kontakten zu anderen Disziplinen besteht unter Zusammenarbeit der Theologischen Fakultäten von Basel, Bern, Zürich und Luzern seit Jahrzehnten ein neutestamentliches Doktorandinnen- und Doktorandenkolloquium, das sich zugleich zu einer Plattform des wissenschaftlichen Austausches entwickelt hat. Unter den internationalen Gesellschaften ist die Societas Novi Testamenti Studiorum wohl die bedeutendste, die seit 45 Jahren als Mitgliederzeitschrift die New Testament Studies ediert. Auch nur die wichtigsten Zeitschriften zu nennen, würde diesen Rahmen allerdings sprengen. Zu erwähnen ist hingegen, dass die Tätigkeit der Katholischen Bibelwerke in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und darüber hinaus wesentlich zur Vernetzung der Bibelwissenschaft beigetragen haben vielleicht auch deswegen, weil umgekehrt die meisten in der Exegese tätigen Personen sich zugleich in der biblischen Erwachsenenbildung engagieren: Auslegung der biblischen Texte ins Heute ist ohne Begegnung mit den Fragen von heute nicht möglich.
Die Katholische Kirche Schweiz wird auch in unserer Zeit durch zahlreiche kirchliche und gesellschaftliche Problemfelder herausgefordert: Christusverkündigung, Fremdenpolitik, Kirchen- und Gemeindeverständnis, Gestaltung von kirchlichen Diensten, soziale Probleme, Ehefragen und andere. Die Exegese wäre überheblich, wollte sie hier Antworten formulieren. Aber sie kann die biblischen Bezugspunkte, den neutestamentlichen Rahmen für Antwortoptionen aufzeigen, und dies muss sie auch tun. Seit ungefähr 10 Jahren wird in Luzern versucht, insbesondere zum Verständnis von Kirche und Kirchenstruktur einen biblischen Beitrag zu leisten.
In den nunmehr 17 Jahren meiner Tätigkeit in neutestamentlicher Exegese in Luzern wurden über 30 Diplomarbeiten betreut, fünf Promotionen und eine Habilitation fertiggestellt. In der Begegnung mit den Studierenden zeigt sich: die Fragestellungen werden neu, der Zugang zur Schrift wird anders, kurz: Die neutestamentliche Exegese bleibt immer aktuell, stets herausfordernd, stets faszinierend.<7>
Walter Kirchschläger, ordentlicher Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern, ist zudem Dekan der Fakultät und Rektor der Hochschule.
1 Comm. in Is., Prol.: PL 24,17.
2 W. Bauer, griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. Hrsg. v. K. und B. Aland, Berlin 61988, 558; H.G. Liddell/R. Scott, A Greek-English Lexikon, Oxford 1996, 593, an beiden Orten Belege für den antiken Gebrauch.
3 Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Göttliche Offenbarung «Dei Verbum» Art. 12; vorbereitend dazu vgl. die Instruktion «Sancta Mater Ecclesia» der Päpstlichen Bibelkommission vom 21. April 1964, bes. n. 2.
4 Ein allgemein als bemerkenswert anerkanntes Beispiel bietet dafür das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission «Die Interpretation der Bibel in der Kirche» vom 23. April 1993.
5 Vgl. Die Verbum (Anm. 3), Art. 11.
6 Ebd. Art. 24.
7 Einführende Literatur: H.D. Preuss/K. Berger, Bibelkunde des Alten und Neuen Testaments I und II. (Universitäts-Taschenbücher 887 und 972), Heidelberg 51997; E. Charpentier, Führer durch das Neue Testament, Düsseldorf 1983; W. Kirchschläger, Einführung in das Neue Testament, Stuttgart 21995 (Sonderausgabe 1998); Ders., Kleiner Grundkurs Bibel. Im Blick: Das Neue Testament. (Stuttgarter Taschenbücher 2), Stuttgart 21991; jeweils mit Hinweisen zur weiteren Fachliteratur.