18/1999

INHALT

Theologie in Luzern

Qumran am Toten Meer... in Sankt Gallen

von Max Küchler

 

Vom 7. Mai bis zum 8. August 1999 gastiert im Stiftsbezirk St. Gallen, im Ausstellungssaal des Regierungsgebäudes, eine Ausstellung mit dem Titel «Qumran. Die Schriftrollen vom Toten Meer». In Zusammenarbeit mit dem Israelischen Antikendepartement und unter dem Ehrenpatronat der Bundespräsidentin der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Ruth Dreyfuss, und des Präsidenten des Staates Israel, Ezer Weizman, wird hier der schweizerischen Bevölkerung ein Zugang zur seit über 50 Jahren entdeckten Siedlung am Westrand des Toten Meeres und vor allem zu den jüdischen Schriftrollen ermöglicht, die in den umliegenden Höhlen der Wüste Juda gefunden wurden. Vorträge zur Archäologie von Qumran (im Mai 1999), eine öffentliche Vorlesungsreihe an der Universität Sankt Gallen (am 3., 10., 17. und 24. Juni 1999) und ein wissenschaftliches Symposium (am 3. Juli 1999) im Musiksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen, dieses in Verbindung mit der Schweizerischen Gesellschaft für orientalische Altertumswissenschaft (SGOA), begleiten die Ausstellung und ermöglichen einem weiteren Interessentenkreis, nicht nur einige Objekte aus Qumran zu sehen, sondern auch bedeutenden Referenten/Referentinnen (wie Johannes Maier; s.u.) zu deren Bedeutung für das antike Judentum und das entstehende Christentum zu hören. Die cleveren Organisatoren haben nicht nur ein beneidenswert hochkarätiges Sponsorenteam mobilisiert, sondern auch ein eigenes Lehrmittel für Primarschulen und einen Ausstellungskatalog erstellt, bieten zwei Reisen zum Ursprung in der Wüste Juda an und haben ein eigenes Qumran-Telefon (071-2273450) und eine Homepage (www.qumran.ch) eingerichtet. Ein geschmackvoller Prospekt spricht ein Publikum im In- und Ausland an und wirbt für das UNESCO-Weltkulturerbe des Stiftsbezirks St. Gallen.
Dies ist Anspruch und Anlass genug, den Stand der Dinge in der Erforschung der Texte und der Steine von Qumran überblicksweise darzustellen, um Lust auf Qumran in Sankt Gallen oder besser noch in Jerusalem oder am besten in Qumran selbst zu machen.

Fünfzig Jahre Qumranforschung

Das Jubeljahr 1997 mit dem Prädikat «50 Jahre Qumrantexte» war ein Jahr der Kongresse und Symposien, der Rückblicke und Darstellungen des Standes der Wissenschaft nach einem halben Jahrhundert Erforschung sowohl der 1947 (bis 1956) entdeckten Schriftrollen aus den elf Grotten der Wüste Juda wie auch der archäologischen Sachverhalte der in den Jahren 1950 bis 1958 durchgeführten und seither immer wieder ergänzten Ausgrabungen der Ruinen von Qumran und dem nahen Quellort En Feschcha am Rand des Toten Meeres. Die vielfache und oft polemische Beschwörung des doppelten Skandals, der Qumran bedrohte, nämlich die noch nicht vollständige Publikation der Texte und die weitgehend ausgebliebene Veröffentlichung des wissenschaftlichen Ausgrabungsberichtes, hat dabei der vorwärts strebenden Dynamik Platz gemacht, welche die Texte und die Steine in ihrem Eigenwert und in ihrer Eigenart erkennt und auf stets vorsichtigere Weise miteinander in Verbindung zu bringen versucht.
Das intensive Qumranjahr 1997 brachte zwar noch einmal alle Spielarten der Deutung der Texte und der Steine von Qumran hervor, machte aber gerade dadurch deutlich, dass nur die Berücksichtigung möglichst aller Daten und Fakten ein adäquates Gesamtbild zu ergeben vermag, dass vieles noch rätselhaft ist und dass Unlösbares auch als solches stehen gelassen werden kann und muss. Je nachdem wie einzelne Forscher/Forscherinnen die Partikel des Befundes zu einem Gesamtbild zusammenfügten, wurden a) unterschiedliche Interessengruppen hinter den Texten und b) sehr verschiedene Gebäude hinter den Steinen gesehen und dann manchmal überdeutlich und einseitig herausgearbeitet:

a) In der literarischen Evidenz, also den ungefähr 800 verschiedenen Texten auf einigen gut erhaltenen Rollen und ca. 15000 Textfragmenten, erkannte man manchmal eine schon bekannte «Religionspartei» dieser Zeit wie die auch im Neuen Testament genannten «Pharisäer» oder «Sadduzäer» oder eine frühjüdische Gruppe eigener Prägung wie die von den jüdischen Schriftstellern Flavius Josephus und Philo von Alexandrien beschriebenen «Essener», «Zeloten» oder «Therapeuten». Manchmal sah man darin eine Vor- oder Parallelform der jesuanischen oder urchristlichen Bewegung, einige beliessen sie in ihrer Eigenheit als «Rollen-Gruppe», das heisst als nicht näher zu identifizierende Verfassergruppe der Texte auf den Rollen, oder «Jachad-Gemeinde», nach dem zentralen Ausdruck jachad ­ «Vereinigung» in den Regeltexten der Gruppe.

b) Aus den archäologischen Evidenzen, also den Ruinen von Qumran und En Feschcha und den Installationen auf den umliegenden Mergelterrassen und am Rand der Wüste Juda entstand anstelle der klosterähnlichen Gemeinschaftssiedlung, wie die erste Ausgräbergeneration die Steine interpretierten, manchmal nur eine Parfum-, Pharmazeutika-, Asphalt-, Leder- oder Glasmanufaktur, eine Karawanenraststätte (L. Cansdale), eine Quarantänestation (A. Crown), oder immerhin eine vornehme Wintervilla (P. Donceel-Voute), eine militärische Festung (N. Golb) oder das Zentrum eines Landwirtschaftsbetriebes (Y. Hirschfeld). Keine dieser speziellen Deutungen, die immerhin auf vorhandenen, aber nur ausgewählten Evidenzen aufbauen, hat sich allgemein durchgesetzt.

Einführungen zu Qumran

Leider haben Machwerke wie die «Verschlusssache Jesu» eines M. Baigent und eines R. Leigh und wie «Jesus in Qumran» einer Barbara Thiering oder die tendenziöse These eines Markustextes in Qumran von Michael Thiede, bei welchen das Gesamtbild fast ausschliesslich aus den Hypothesen der Autoren besteht und deshalb hauptsächlich deren eigenes phantasievolles oder polemisches Gespinst darstellt, am meisten Leser/Leserinnen gefunden.
Zur Situierung dieser polemischen Publikationen und zu einer vernünftigen Grundinformation stehen in deutscher Sprache gute und spannend geschriebene Bücher auch für ein weiteres Publikum zur Verfügung, besonders:

Diese Publikationen zum Teil von Autoren, die zum neuen internationalen Team der Herausgeber der Qumrantexte gehören, bezeugen die akademische Nüchternheit, die bei jenen vorherrscht, die die Probleme der definitiven Edition der Texte und der adäquaten Deutung der Steine trotz ihrer Komplexität in den Griff zu bekommen versuchen und dazu die Knochenarbeit leisten. Die Faszination an den Qumranfunden bekommt darin einen adäquateren Ausdruck als in den Eruptionen der gewinn- oder skandalorientierten Interpretationskünstler/-künstlerinnen.

Einblick in die frühjüdische Literatur

Nimmt man einmal an, dass die Texte aus den Höhlen eine Bibliothek darstellen, in welcher ­ neben den Texten aus der nahen Siedlung von Qumran ­ im Laufe von Jahrzehnten die um die Zeitenwende vorhandene und gelesene jüdische Literatur eingelagert wurde, dann geben diese Texte ­ und dies scheint mir immer noch die vernünftigste und ungezwungenste Gesamtinterpretation der Funde zu sein ­ einen Einblick in jene frühjüdische Literatur, die aus verschiedenen frommen Kreisen pietistisch-apokalyptischer Färbung stammt und durch Mitglieder, neu Eintretende oder Besucher der Gemeinschaft von Qumran hierher gebracht wurde. Die Texte spiegeln dann zwar besonders die Theologie und Praxis der Qumranleute wider, sind aber ebenfalls wertvolle Bezeugungen der religiösen Welt und Literatur des frommen Judentums, eines Judentums nämlich, das «in Formation» war und weder was die heiligen noch was die erbaulichen Schriften angeht, schon endgültig feste Vorgaben hatte. Das heisst aber auch: eines Judentums, das sich nicht auf die doch enge und polemische Gruppe von Qumran reduzieren lässt, sondern eine Fülle von Vereinen umfasst, die alle parallel oder im Gegensatz zu den Grosstheorien der theologisch-institutionell massgebenden Gruppen in Jerusalem liefen und in ihrer apokalyptischen Grundstruktur und ihrer auf zukünftige Veränderung ausgehenden Subversivität eine Gemeinsamkeit hatten. Die Texte sind deshalb geradezu ein Fenster in die Welt jenes Judentums, das neben der doch konservativen Hochtheologie des Tempels oder der Schriftgelehrsamkeit auch vielfache aufrührerische Theologie betrieb, die vieles in Bewegung zu setzen versuchte. Dass Jesus, die Jesusbewegung und die im jüdischen Bereich sich entwickelnden urchristlichen Gruppen in diesem Kontext anzusiedeln sind und deshalb ein intensives Geflecht von Beziehungen zwischen Qumrantexten und Neuem Testament bestehen muss, ist selbstverständlich.
Bei einer solchen Sicht wird auch deutlicher, dass die sogenannten Pseudoepigraphen und Apokryphen des Alten Testaments, die nach den neuesten Darstellungen immerhin gegen 70 verschiedene Texte ausmachen und deren Wert für die literarische und theologische Kontinuität zwischen «Altem» und «Neuem Testament» in den letzten Jahren sehr deutlich herausgearbeitet wurde, nur ein kleiner Teil dessen ist, was das frühe Judentum an Literatur hervorgebracht hat. Die beiden neulich erschienenen Bände «Parabiblischer Text» in der offiziellen Veröffentlichung (Discoveries in the Judean Desert), die eine weitere Fülle von erzählenden, paränetischen, weisheitlichen, apokalyptischen, astronomisch-astrologischen usw. Texten aufweisen, haben dies unterdessen zur Evidenz heranreifen lassen.
Letztlich ist es dann nicht mehr von so grossem Belang, ob die Rollen schon länger in den Höhlen gelagert waren oder ob sie erst unter dem Ansturm der Römer im Jahre 68 n. Chr. dorthin ausgelagert wurden. Dass es hier um die gerettete Bibliothek des Tempels oder der jüdischen Elite von Jerusalem geht, wie Norman Golb (Qumran. Wer schrieb die Rollen vom Toten Meer, Hamburg 1994) am vehementesten behauptet, ist jedoch vom oppositonellen Inhalt vieler Texte her unwahrscheinlich, ausser man postuliert in Jerusalem eine theologische Offenheit für die verschiedensten, auch subversiven und polemisch-zelotischen Strömungen des damaligen Judentums, wie wir Heutige es den damaligen elitären Kreisen nicht zumuten. Dann käme es aber, was die Gesamteinschätzung dieser Texte betrifft, wieder auf dasselbe hinaus: eine alternative Bibliothek aus den verschiedenen Bereichen des Judentums, inklusive Qumran ­ nur zusammengestellt ursprünglich in Jerusalem und dann wegen der Not der Zeit in die Wüste Juda gebracht. Aber dies ist stets die unwahrscheinlichere Erklärungsvariante; sie verlangt mehr Hypothetik und Kriminalität als die oben vorgebrachte Deutung.
Im interpretativen Extremfall «Verschlusssache Jesu» (s.o.) wurde die Kriminalistik dann noch bis in die Neuzeit verlängert, wo heutige Gelehrte, die «Inquisition» der Dominikaner oder gar der Vatikan selbst die Wahrheit über die Entstehung des Christentums in Qumran versteckt haben sollen und die Journalisten endlich aufgedeckt haben! Da wird dann allerdings das eigene Buch zum akademischen crimen.

Übersetzungs- und Deutungsarbeit

Bei allen Sturmwinden, die den Blätterwald mit zum Teil absurden Thesen zum Rauschen (und die Kassen zum Klingen) bringen, und auch bei allen juristischen und forschungsgeschichtlichen Querelen, die die Veröffentlichungen begleiten, darf nicht übersehen werden, dass in den letzten Jahren eine immense seriöse Arbeit geleistet wurde, sowohl zur wissenschaftlich verantwortbaren Edition, Übersetzung und Interpretation der Texte, wie auch zur möglichst authentischen Wahrnehmung der archäologischen Sachverhalte, und dies auch im deutschsprachigen oder europäischen Raum:
Als Erstes ist die monumentale Übersetzungs- und Deutungsarbeit durch den Judaisten Johann Maier, der in St. Gallen auch vortragen wird, hervorzuheben, die jetzt alle Texte, die definitiv ediert sind oder in Vorpublikationen schon zugänglich gemacht wurden, in deutscher Sprache zugänglich gemacht hat: Die Qumran-Essener. Die Texte vom Toten Meer, 3 Bde. (Universitäts-TB 1862f. 1916), München, Basel 1995/96; I: Die Texte der Höhlen 1­3 und 5­11; II: Die Texte der Höhle 4; III: Einführung, Zeitrechnung, Register und Bibliographie (insgesamt über 1700 S.!) ­ Dazu jetzt noch: Die Tempelrolle vom Toten Meer und das «Neue Jerusalem» (UTB 829) 1997 (3. Aufl.), 128 S.
Dieses Werk erfüllt hohe wissenschaftliche Ansprüche, da hier von einem einzelnen Gelehrten, aus dem Gesamtüberblick der Texte und in direkter Auseinandersetzung mit den auf den Mikrofichen zugänglichen Originaltexten, eine Übersetzungsarbeit geleistet wurde, in welcher das antike Vokabular in seiner Fremdheit übernommen und konsequent in moderne Äquivalente umgesetzt ist. Die Lektüre führt einen deshalb auf sehr intensive Weise in die seltsame Sprach- und Denkwelt dieser Gruppe(n) hinein. Dabei wird bewusst in der Perspektive des antiken Judentums vor dem Christentum gedacht und die christliche Perspektive, die in der Vergangenheit oftmals die Übersetzungsarbeit beeinflusst hat, systematisch vermieden. Zudem ist es hier erstmals möglich, anhand der präzisen Fragmentangaben und verschiedenen Schrifttypen den genauen Textbestand überlappender, paralleler Texte zu erkennen und so den Zusammenbau eines Textes aus verschiedenen Fragmenten gleichsam zu verfolgen. Dies erschwert zwar für ein nicht-wissenschaftliches Publikum die Lektüre gewaltig, ist aber die einzig mögliche Darstellung des tatsächlichen, manchmal hoch komplexen Befundes. Eine «Volksausgabe» mit einem einfacheren wissenschaftlichen Apparat könnte da von grosser Hilfe sein, ja wäre notwendig, wenn das ganze aufklärerische Potential dieser ehrlichen Transposition in deutsche Sprache zum Zuge kommen sollte. Eine einzigartige Hilfe stellt schon jetzt das ausführliche Register dar, über welches Namen und Sachverhalte aller Art erschlossen sind. Thematische Untersuchungen sind so auch möglich, ohne dass man sich durch die unterschiedlichsten Teil- oder Einzelwerkkonkordanzen durcharbeitet (während man noch auf die grosse Konkordanz wartet).
Daneben kann die allzu marktschreierisch angekündigte Übersetzung von M. Wise, M. Abegg Jr. und E. Cook, Die Schriftrollen von Qumran, Augsburg 1997, höchstens als alternative Übersetzung (zudem einer englischen Übersetzung aus dem Jahre 1996) gelten. Die Art, wie da unter Umgehung des Werkes von J. Maier auf Leserschaft spekuliert wurde, ist abzulehnen und situiert dieses Werk leider in den Bereich der polemischen Literatur.
Als nützliche Dauerbrenner mit einer Auswahl von wichtigsten Texten im mit Vokalzeichen versehenen Urtext und in deutscher Übersetzung erweist sich immer noch das Buch von E. Lohse, Die Texte aus Qumran. Hebräisch und Deutsch, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1971. ­ Nicht vergessen gehen sollten auch die beiden anderen europäischen Übersetzungswerke, das eine von Garcia Martinez Florentino, The Dead Sea Scrolls Translated. The Qumran Texts in English (aus: span. 1992) Leiden 1994, das andere im dritten Band zur Bibel in der prestigeträchtigen «Bibliothèque de la Pléiade» (Paris 1987) mit dem wissenschaftlich nicht mehr adäquaten, aber publikumswirksamen Titel «Écrits intertestamentaires», wo auf den ersten 460 Seiten «Écrits qoumraniens» geboten werden (leider vor allem die alten, kaum veränderten Übersetzungen von André Dupont-Sommer).
Die normative Publikation der Texte geschieht in der Reihe «Discoveries in the Judaean Desert», welche die Universität von Oxford veröffentlicht und in welcher die Editionen und englischen oder französischen Übersetzungen der anerkannten, internationalen und überkonfessionellen Herausgebergruppe ihre Erstveröffentlichung erfahren. Bis jetzt sind ca. 20 Bände erschienen.
Zur Lage der Publikation und Deutung des archäologischen Befundes der Siedlung von Qumran ist auf die Bemühungen der École Biblique et Archéologique Française in Jerusalem unter der Leitung des Archäologen Jean-Baptiste Humbert OP hinzuweisen, die in Absprache mit den israelischen Archäologen zur möglichst objektiven und transparenten Darstellung der Ausgrabungen 1950 bis 1957 durch Roland de Vaux OP führen soll. Beauftragt mit der Publikation ist das Biblische Institut in Freiburg Schweiz, das als ersten Band die Grabungstagebücher von R. de Vaux, also die ursprünglichste Darstellung des Befundes, mit einer reichen fotografischen Dokumentation veröffentlicht und auch in einer deutschen Übersetzung durch Bettina Hofmeir und mit einer erstmaligen Aufbereitung und Darstellung aller Fundobjekte durch Ferdinand Rohrhirsch zugänglich gemacht hat. Letzterer hat zudem in seiner Habilitationsschrift «Wissenschaftstheorie und Qumran» (Fribourg, Göttingen 1996) die forschungsgeschichtliche Situation zu Qumran und En Feschcha aufgearbeitet und die vielfachen Deutungen nach ihren Argrumentationsstrategien mit dem Ergebnis durchsucht, dass R. de Vaux Gesamtinterpretation als religiöse Gemeinschaftsanlage (in: L'Archéologie et les Manuscrits de la Mer Morte, London 1961; engl.; Archaeology and the Dead Sea Scrolls, London 1973) immer noch jene Hypothese ist, die den archäologischen Sachverhalten am besten Rechnung trägt.
Eine eigene Leistung auf high-tech Niveau stellen die Untersuchungen dar, welche das Mäzenat der «Électricité de France» an den Kupferrollen vorgenommen hat und die zu neuen Lesungen dieser vor allem topografisch interessanten Liste von Schätzen und zu einem präzisen Faksimile der äusserst zerbrechlichen Kupferfolie geführt haben. Die Sicherheitsmassnahmen, die die Operation «Kupferrolle» umgaben, und die politisch fast gefährliche Konkurrenz zwischen israelischen, amerikanischen und europäischen Interessenten an dem in jordanischem Besitz befindlichen Objekt zeigten noch einmal, welche Faszination Qumran immer noch auszuüben vermag. Die Resultate sollen noch in diesem Jahrtausend auf Französisch und Englisch im Biblischen Institut in Freiburg Schweiz veröffentlicht werden.
So drängen Texte und Steine von Qumran an die Öffentlichkeit und es ist nur zu hoffen, dass kein zweiter akademischer Skandal der Verzögerung geschieht und die beiden Unternehmen nicht erst allzu tief im 3. Jahrtausend zu ihrem Abschluss kommen. Dann erst ist die Grundlage für eine neue Gesamtinterpretation vorhanden. Aber schon mit dem Vorhandenen bleibt in Israel, Amerika und Europa, und da bei den Forschungsstellen in Paris und Louvain, in Heidelberg und Bonn und in Krakau, genug zu tun, um die Geschichte und Literatur des Judentums des ersten vor- und nachchristlichen Jahrhunderts ­ und damit auch des frühen Christentums ­ besser zu verstehen.

Qumran ­ ein Gewinn für die christliche Theologie

Auch wenn noch viele Fragen offen stehen und viele Antworten, die wir gerne hätten, nie gegeben werden können, so haben die Texte und die Steine von Qumran bis heute schon mehr an neuen und unbestrittenen Einsichten in das frühe Judentum ergeben als jede andere wissenschaftliche Entdeckung dieses Jahrhunderts. In der Presse wird stets die Hypothetik einzelner Positionen hervorgehoben und werden mit Vorliebe unterschiedliche Forscherpositionen gegeneinander gestellt, wie wenn Qumran nur aus ungelösten Fragen bestände. Wir wissen schon jetzt ganz anders als vor 50 Jahren, was im Judentum zur Zeit Jesu alles an theologischen Einsichten und Verrücktheiten möglich war, wie unglaublich vielfältig sich das palästinische Judentum vor der Zerstörung des Tempels im Jahre nach Christus darstellte und können erraten, dass das, was wir zum Beispiel im Markusevangelium an Auseinandersetzungen zwischen Jesus und seiner Bewegung mit den Repräsentanten des gelehrten und priesterlichen Judentums lesen können, nur einen kleinen Ausschnitt aus den Richtungskämpfen der damaligen Zeit bietet. Auch können wir schon jetzt ­ selbst wenn noch nicht alles definitiv ediert ist, mit Sicherheit theologische Positionen im Judentum erkennen und recht genau beschreiben, die in diametralem Gegensatz zur Jerusalemer Theologie standen und die ihre Ansichten mit grosser Radikalität historisch verwirklicht haben, auch wenn es sie ­ wie die Leute von Qumran ­ in ihren physischen Untergang getrieben hat.
Dass in diesem Kontext auch der historische Jesus präziser mit den jüdischen Aufbruchsbewegungen der damaligen Zeit verglichen werden kann, sowohl die Einbettung in die Soziologie und Theologie von damals wie auch die individuelle Abgrenzung Jesu von verwandten religiösen Gründerfiguren besser gelingt, ist ein auch für die christliche Theologie schon jetzt gemachter Gewinn. Qumran ist als religiöses Grossphänomen des Judentums wichtiger als die ganze Diskussion darüber. Dass am Ende einer fast zweitausendjährigen Geschichte der Feindschaft zwischen Juden und Christen eine Tendenz sichtbar wird, nach den gemeinsamen Wurzeln im Frühjudentum, dieser für die Christen formativen Zeit, zu suchen, wird meines Erachtens in nicht unbedeutendem Mass auch durch die Evidenz von Qumran gefördert. Wenn der gemeinsame Ursprung wirklich so vielfältig war, sollte doch auch eine Vielfalt in der Gegenwart als neue Form des Zusammenlebens möglich sein.

 

Max Küchler ist Professor für Neues Testament der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999