16/1999

INHALT

Theologie in Luzern

Bibelwissenschaft und Judaistik

von Clemens Thoma

 

Die Luzerner Theologische Fakultät ist die einzige deutschsprachige theologische Lehranstalt, in der Vorlesungen über das Judentum, seinen Glauben, seine Literatur und seine Geschichte (seit 1973) zum Pflichtprogramm gehören. Dieses wird ergänzt durch das Forschungsprogramm an dem 1981 gegründeten Institut für jüdisch-christliche Forschung (IJCF), dessen Leiter der Ordinarius für Bibelwissenschaft und Judaistik ist.

1. Judentum und Theologie

Das besondere Gewicht des Judentums in der Ausbildung von Theologen und Theologinnen hat seinen Grund in einer Neubesinnung der christlichen Kirchen auf die jüdischen Ursprünge des christlichen Glaubens einerseits und einer jahrhundertelangen antijüdischen Geschichte des Christentums aller Konfessionen andererseits. Die Neubesinnung hat leider erst im Gefolge der Schoah, der Vernichtung des europäischen Judentums im Zweiten Weltkrieg, eingesetzt und ist im Konzilsdokument des Zweiten Vatikanischen Konzils «Nostra Aetate» über das Verhältnis des Christentums zu den nicht christlichen Religionen wegweisend formuliert worden. Während die Theologie früher meistens davon ausgegangen war, das Christentum habe das Judentum ersetzt, und dieses sei deshalb für die Kirche belanglos geworden oder stelle sogar eine Bedrohung dar, haben sich das Konzil und in dessen Gefolge zahlreiche kirchliche Verlautbarungen auf das Judentum als der Wurzel des Christentums besonnen: Jesus hat sich nie von seinen jüdischen Ursprüngen zu lösen versucht. In Röm 9­11 wird daran festgehalten, dass das Judentum nicht verworfen ist, sondern mit der Christusgemeinschaft zusammen in der Erwählung Gottes bleibt. Aufgrund dieser Wende im Verständnis des Judentums muss das christliche Verhältnis zum Judentum neu bedacht und verkündet werden. Dies stellt verschiedene Überlieferungsinhalte des christlichen Glaubens und des christlich-traditionellen Verhaltens zum jüdischen Volk in Frage. Dies ist ein erster, ein systematischer Aufgabenbereich einer theologischen Judaistik.
Eine zweite Aufgabe ist exegetischer und historischer Art. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Judentum im Zeitalter des Neuen Testaments und der frühen Kirche kann zu einem besseren Verständnis der neutestamentlichen Schriften und der Entwicklung der jungen Kirche führen. Eine solche Auseinandersetzung ist notwendig, damit den immer wieder auftauchenden antijüdischen Deutungen neutestamentlicher Stellen der Boden entzogen wird. Es handelt sich um unverzichtbare Elemente für die Ausbildung angehender Theologen und Theologinnen. Lässt man den konstruierten Dualismus «Kirche gegen Synagoge» hinter sich, dann wird es möglich, das jüdische Volk als Ursprung und Begleiter des Christentums neu wahrzunehmen. Die neutestamentlichen Schriften sind auf dem Hintergrund nicht nur der israelitisch-jüdischen Bibel verfasst worden; sie atmen auch den Geist des zeitgenössischen Judentums, seiner Strömungen und seiner Literatur.
Eine dritte Aufgabe der Judaistik innerhalb der Theologie wird dadurch begründet, dass sich beide Religionen auf die gleichen heiligen Schriften des ersten Bundes berufen und damit eine parallele Auslegungsgeschichte dieser heiligen Texte haben. Talmud, Midrasch und Targum spiegeln eine reiche Theologie- und Geistesgeschichte wider, in der sich auch Spuren der Auseinandersetzung mit dem rivalisierenden Christentum finden. Das christliche Bibelverständnis, vor allem in der ausgehenden Antike und im Mittelalter hat immer wieder von der jüdischen Schriftgelehrsamkeit wichtige Impulse erhalten. Beispiele dafür sind zum Beispiel die Kirchenväter Clemens von Alexandrien, Origenes, Hieronymus und Eusebius von Cäsarea. Auch die jüdischen Schriftgelehrten Raschi (1040­1105) und Ibn Esra (1089­1164) haben einen grossen Einfluss auf die christliche Exegese ausgeübt. Das jüdische Mittelalter hat ferner bedeutende Philosophen wie Moses Maimonides (1135­1204) hervorgebracht, von der auch Thomas von Aquin beeinflusst worden ist. Jüdische Übersetzer waren es auch, die die arabischen Wissenschaften in Europa verbreiteten und damit am Aufbau des modernen Europa mitbeteiligt waren.
Eine vierte Aufgabe, die die Judaistik innerhalb der Theologie und der Gesellschaft zu leisten hat, ist der Dialog mit dem Judentum. Sie hat den Dialog der Kirche mit dem Judentum zu reflektieren und zu unterstützen. Seitens des Luzerner IJCF wird dies unter anderem durch die Komposition und Redaktion der in Süddeutschland erscheinenden Zeitschrift «Freiburger Rundbrief» geleistet. Diese Zeitschrift dient der historischen und aktuellen Aufarbeitung der jüdisch-christlichen Gemeinsamkeiten und Gefährdungen. Ferner arbeitet die seit 1976 auf 17 Bände angewachsene wissenschaftliche Reihe «Judaica et Christiana» (Herausgegeben von Clemens Thoma und Simon Lauer) das Verhältnis Judentum­Christentum auf wissenschaftlicher Basis auf. Einen besonderen Platz nimmt ferner die Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und mit der Schweizerischen Bischofskonferenz ein. Mehrere Veröffentlichungen dieser beiden Institutionen wurden vom IJCF aus mitgeplant. Es besteht eine Jüdisch-Römisch-katholische Gesprächskommission (JRKG), deren Ko-Präsident ich zusammen mit Prof. E. L. Ehrlich bin, und die den katholischen und den jüdischen Repräsentanten bisweilen geistig unter die Arme greift. Mehrere Entwürfe für Dokumente gegen den Antisemitismus und für ein jüdisch-christliches Zusammenstehen wurden in Luzern entworfen.

2. Geisteswissenschaftliche Aspekte der Judaistik

Anders als die meisten theologischen Disziplinen, die eindeutig einer theologischen Fakultät zuzuordnen sind, ist die Judaistik schwerpunktsmässig in der Geisteswissenschaft beheimatet und wird je nach Ausrichtung als historische, philologische, philosophische oder soziologische Wissenschaft betrieben. Der interdisziplinäre Charakter der Judaistik wird in Luzern dadurch deutlich, dass die Judaistik auch als geisteswissenschaftliches Fach belegt werden kann. Historisch geht dies darauf zurück, dass sich schon seit dem Beginn der Lehr- und Forschungstätigkeit mehrere jüdische und evangelische Studierende für dieses Fach interessierten. Besonders die jüdischen Bewerber waren darauf angewiesen, Judaistik als rein geisteswissenschaftliches Fach lernen zu können. Seit 1991 belegen mehrere jüdische, evangelische und katholische Studierende das Curriculum an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät.
Ähnlich wie die Bibelwissenschaften steht auch die Judaistik in Luzern in einem regen Austausch mit verwandten Fächern an anderen Fakultäten der Schweiz, insbesondere mit den neutestamentlichen Instituten in Zürich, Bern und Basel, mit denen in Doktoranden- und Doktorandinnenseminaren eine Zusammenarbeit besteht. Eine Kooperation existiert auch mit dem historischen Seminar der Universität Basel und mit dem dort kürzlich entstandenen «Institut für jüdische Studien». Eine letztes Jahr erfolgte Vereinbarung der beiden Universitäten ermöglicht eine freie Mobilität der Studierenden, denen nun ein stark vergrössertes Lehrangebot zur Verfügung steht.

3. Jüdisches und christliches Forschen, Lehren und Wirken

Durch einen Fonds des jüdischen Bankiers Joachim Silbermann wurde es in Luzern ab 1974 möglich, jedes Wintersemester einen jüdischen Gastprofessor ­ meistens aus Israel oder den USA ­ zu einer Vorlesung über sein judaistisches Spezialgebiet einzuladen. So wurde ein lebendiger Austausch zwischen jüdischen und christlichen Gelehrten in Gang gesetzt. Daraus haben mehrere Forschungsprojekte der Luzerner Judaistik Nutzen gezogen. Zu nennen ist unter anderem das «Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung», das gemeinsam mit dem jüdischen Theologen Jakob Petuchowsky, Gastprofessor im WS 1984/85, verfasst wurde. 1981 förderte die Donation Silbermann die Gründung des IJCF und die Anstellung von jüdischen Forschungsbeauftragten am IJCF (derzeit Dr. Alfred Bodenheimer). In der gemeinsamen Arbeit des jüdischen und des christlichen Fachmannes verwirklichte sich das Forschungsprojekt «Rabbinische Gleichnisse». Gleichnisse sind für Christen und Juden von hoher Bedeutung. Rabbinische (und neutestamentliche) Gleichnisse sind erfundene Geschichten zur Verdeutlichung der ersten biblischen Botschaft. Sie sind in der sehr umfangreichen rabbinischen Literatur oft schwer zu finden und zu deuten. Bisher konnten wir in drei Bänden über 350 Gleichnisse übersetzen und kommentieren.
Derzeit zeichnet sich auch eine vertiefte Zusammenarbeit mit israelischen Forschungsinstituten ab: So soll im Oktober 1999 ein Forschungsprogramm über die Exil-Problematik die wissenschaftliche Kooperation Luzerns mit dem renommierten Rosenzweig-Zentrum der Hebräischen Universität Jerusalem vertiefen. Für das Jahr 2001 ist ein gemeinsames wissenschaftliches Projekt mit dem Josef-Carlebach-Institut an der israelischen Bar Ilan-Universität geplant. Der Rektor der Bar Ilan-Universität betonte im Januar 1999, dass seine Universität grossen Wert auf eine möglichst andauernde Zusammenarbeit mit Luzern lege. Einen praktischen Beitrag für die Aufbesserung der gespannten Verhältnisse zwischen Judentum, Islam und Christentum bildet der im IJCF beheimatete «Mount Zion Award». Alle zwei Jahre, jeweils am 28. Oktober, dem Promulgationstag von «Nostra Aetate», wird in der Benediktinerabtei auf dem Berg Zion in Jerusalem dieser Preis an eine jüdische und eine islamische (oder christliche) Persönlichkeit verliehen, die sich für die jüdisch-christlich-islamische Verständigung eingesetzt haben. Das Stiftungsgeld wurde 1986 von dem 1996 verstorbenen Pfarrer Wilhelm Salberg (Essen) testamentarisch zur Verfügung gestellt. Die Zinsen ermöglichen alle zwei Jahre die Abzweigung von Fr. 20000.­ für zwei Persönlichkeiten des Friedens. So können wir mithelfen, dass anlässlich der jeweils von Abt Benedikt Lindemann vorgenommenen Preisverleihung eine Demonstration des Versöhnungswillens in diesem von Krisen geschüttelten Land stattfindet.

 

 

Clemens Thoma ist emeritierter Professor für Bibelwissenschaft und Judaistik an der Theologischen Fakultät Luzern und vertritt zurzeit diesen Lehrstuhl.


Literatur

Eine gute Einführung in die jüdische Religion bietet Johann Maier, Geschichte der jüdischen Religion (Freiburg i.Br. 1992). Ein Standardwerk für den jüdisch-christlichen Dialog ist die neu überarbeitete Auflage von J. J. Petuchowski/C.Thoma, Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung. Hintergründe ­ Klärungen ­ Perspektiven (Freiburg i.Br. 21997). Zum Stand der christlichen Theologie des Judentums kann auf Clemens Thoma, Das Messiasprojekt. Theologie Jüdisch-christlicher Begegnung (Augsburg 1994) verwiesen werden. Charakteristisch für christlich-jüdische Verständigungsbemühungen in der Schweiz ist das vom Schweizerischen israelitischen Gemeindebund und von der Schweizerischen Bischofskonferenz im Jahre 1992 herausgegebene Rundschreiben: «Antisemitismus: Sünde gegen Gott und die Menschlichkeit» (zu beziehen beim IJCF, Postfach 7424, 6000 Luzern 7). Unter den 17 Bänden der seit 1976 vom IJCF herausgegebenen Reihe «Judaica et Christiana» (Peter Lang Verlag, Bern) finden sich 5 Bände über rabbinische Gleichnisse und drei Bände mit Übersetzungen rabbinischer Texte.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999