13-14/1999

INHALT

Theologie

"Manchmal stehen wir auf, stehen wir zur Auferstehung auf..."

von Doris Strahm

 

Die Gedichtzeilen von Marie Luise Kaschnitz, die als Überschrift über meinem Text stehen, weisen die Richtung, in die sich mein Nachdenken über «Auferstehung» bewegt: Auferstehung als eine Erfahrung, die nicht an ein Ereignis vor bald zweitausend Jahren gebunden bleibt, sondern die einbricht in unseren Alltag, die in unserem Leben geschieht, sich fortsetzt in unseren heutigen Auferstehungserfahrungen ­ kollektiv und individuell.
Es sind nicht theologische Texte gewesen, sondern Gedichte wie das von Marie Luise Kaschnitz, die mir vor vielen Jahren diese Bedeutung von Auferstehung als «Auferstehung mitten im Leben» erschlossen haben.

 

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Marie Luise Kaschnitz

 

Auferstehung als Erfahrung, mitten im Alltag aufzustehen ­ mit unserem lebendigen Haar, mit unserer atmenden Haut, nur das Gewohnte ist um uns ­, ja, diese Erfahrung kennen wir, werden Sie vielleicht denken; ja, dies haben auch wir schon erfahren in unserem Leben, dass da unerwartet so etwas wie Auferstehung zum Leben mitten in unserem Leben geschieht. Nur: was hat diese Erfahrung mit dem christlichen Reden von Auferstehung, mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu zu tun? Gibt es eine Brücke zwischen diesem Verständnis von «Auferstehung zum Leben im Leben» und dem Verständnis der Auferstehung Jesu vom Tod? Und: wie deuten feministische Theologinnen die christliche Rede von der Auferstehung ­ auf dem Hintergrund der Erfahrungen von Frauen damals und heute? Diesen Fragen möchte ich im Folgenden kurz nachgehen: «Gedanken zur Auferstehung aus feministisch-theologischer Sicht».

«Auferweckung»

Beginnen wir am Anfang: den biblischen Berichten über die Auferstehung Jesu. Das Wort, das im Neuen Testament für die Auferstehung bzw. Auferweckung Jesu gebraucht wird, egeirein, umfasst die Bedeutungen aufwecken, aufrichten, erregen. Auferstehung oder Auferweckung ist im neutestamentlichen Sprachgebrauch also gleichbedeutend mit Aufstehen und Aufwecken. Feministische Exegetinnen haben festgestellt, dass das Wort egeirein auch in vor-markinischen Heilungsgeschichten verwendet wird, auffälligerweise aber nur in Erzählungen über Frauen: so bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus ­ Jesus nahm sie bei der Hand und richtete sie auf (Mk 1,31) ­ und bei der Erweckung der Tochter des Synagogenvorstehers Jairus (Mk 5,41): diese wird von Jesus aufgeweckt, aufgerichtet zum Leben. Die deutsche Exegetin Monika Fander, welche die Stellung der Frau im Markusevangelium untersucht hat, folgert daraus, dass auf der Ebene der Markus-Tradition ein enger Zusammenhang zwischen einzelnen Heilungsgeschichten von Frauen und der Passion und Auferweckung Jesu hergestellt wird: sie werden mit den gleichen Begriffen bezeichnet. Vor allem die Auferweckung der Tochter des Jairus zeigt eine grosse Nähe und Parallelität zum Schicksal Jesu.<1> Diese Aufsteh-Geschichten von Frauen werden heute von vielen Frauen neu als Auferstehungsgeschichten gelesen ­ wie überhaupt die Heilungsgeschichten, die von der Überwindung des Todes erzählen, sei es des physischen oder sozialen Todes, vom Aufstehen aus dem beschädigten Leben ins heile Leben, vom Auferweckt- und Aufgerichtetwerden durch Gottes lebensspendende Macht. Auferstehung geschieht nicht erst nach Jesu Tod; Auferstehung vom Tod geschieht im Markusevangelium schon mitten im Leben.
Die Nähe, die im Neuen Testament zwischen Frauen und der Auferweckung Jesu hergestellt wird, zeigt sich auch in den Passions- und Auferstehungsberichten: das christliche Bekenntnis «er ist gestorben, begraben und auferweckt worden» ist in diesen Berichten an das Zeugnis von Frauen gebunden. Feministische Theologinnen heben das Faktum hervor, dass in allen Evangelien eine Frau, Maria von Magdala, als erste Zeugin der Auferstehung erwähnt wird. Die Osterbotschaft wird zuerst von Maria von Magdala verkündet und den Frauen, die zum Grab gingen. Die narrativen Darstellungen des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Jesu weisen ihr und anderen Frauen eine führende Rolle innerhalb dieser Geschehnisse zu. Von diesen Frauen wird gesagt, dass sie die Zeuginnen von Jesu Hinrichtung und Begräbnis sowie die ersten Verkünderinnen seiner Auferstehung waren. Im Gegensatz dazu wird in 1 Kor 15,3ff., wo von Erscheinungen des Auferstandenen berichtet wird, keine einzige Frau erwähnt; wir haben es hier mit einer reinen Männerliste zu tun, in der Petrus und die Zwölf als Zeugen der Auferstehung autorisiert werden. Es scheint zwei verschiedene Traditionen gegeben zu haben: eine «Erscheinungs-Tradition», die mit einer reinen Männerliste verbunden ist und, wie einige Theologinnen meinen, auf den Ausschluss der Frauen vom Apostelamt zielt, sowie eine «Tradition des leeren Grabes», die in den Evangelien den Frauen zugeschrieben wird. Die Frauen suchen Jesus im Grab, unter den Toten. Doch das Grab ist leer; Jesus ist nicht an dem Ort, an dem er begraben wurde. Und die Botschaft, die sie verkünden sollen, lautet: er ist auferweckt worden, er geht euch voraus nach Galiläa (vgl. Mk 16,6f.; Mt 28,5­7).
Die feministische Theologin und Bibelwissenschaftlerin Elisabeth Schüssler Fiorenza sieht in dieser den Frauen zugeschriebenen Tradition des «leeren Grabes» eine Form der Auferstehungsbotschaft, die eher nach Handlung als nach einem Bekenntnis verlangt, die den Auferstandenen auf der Erde lokalisiert und nach vorne weist, in die messianische Zukunft: Auferstehung bedeutet, dass der Gekreuzigte von Gott gerechtfertigt wurde, dass Jesus, der Lebendige, uns vorausgeht und unter den Lebenden gefunden werden kann. Die Texte der Tradition vom leeren Grab nehmen Leiden und Tod ernst, geben ihnen jedoch nicht das letzte Wort oder einen religiös-theologischen Wert an sich. «Das Grab ist die brutale endgültige Wirklichkeit, die Gott ausgrenzt und alle Möglichkeiten für die Zukunft zunichte macht», schreibt E. Schüssler Fiorenza.<2> Aber das Grab ist leer! Das leere Grab symbolisiert nicht nur Abwesenheit, sondern Anwesenheit: Der Lebendige geht nicht fort, er lässt uns im Kampf nicht allein. Das leere Grab verkündet die Gegenwart des Auferstandenen auf dem Weg nach vorne, nach Galiläa, als einem besonderen Ort des Kampfes, als einem Ort der kleinen Leute. «Der Auferstandene ist in den Ðkleinen Leutenð gegenwärtig, in den Überlebenskämpfen der Verarmten, der Hungrigen, der Gefangenen, der Gefolterten und Getöteten, in den Elenden der Welt.»<3> Das leere Grab verkündet, so E. Schüssler Fiorenza, die Gegenwart des Lebendigen in der Frauen-Ekklesia, die sich im Namen Jesu versammelt haben und den Kampf gegen entmenschlichende Mächte nicht aufgeben, in den Gesichtern unserer Mütter und Grossmütter, die um Überleben und Würde gekämpft haben. «Jesus geht voran ­ nicht fort: so wird den Frauen in den Evangelien, und uns mit ihnen, gesagt.»<4>

«Auferstehung Jesu»

Damit komme ich zu einem nächsten Punkt: zur Frage, wie feministische Theologinnen die «Auferstehung Jesu» deuten. Zunächst einmal ist auffällig, dass «Auferstehung» in der feministischen Theologie kein breit ausgefaltetes Thema ist. Es wird zwar von Theologinnen sowohl bei uns in der Ersten Welt wie in der Dritten Welt aufgegriffen ­ meist im Zusammenhang mit der Kreuzestheologie bzw. der Kritik einer einseitig auf Leiden und Opfer fixierten Soteriologie. Feministische Theologinnen betonen, dass Kreuz und Auferstehung nicht mehr auseinandergerissen werden dürfen, wie es in der christlichen Tradition des Westens geschehen ist. Anstelle einer Leidens- und Opfertheologie müsse die Botschaft von der Auferstehung, von einem Gott des Lebens, wieder stärker ins Zentrum der christlichen Erlösungsbotschaft und der christlichen Praxis gerückt werden.<5>
Dennoch entwickeln feministische Theologinnen keine theologischen Traktate zum Thema «Auferstehung». Es findet statt dessen in feministischen Theologien und Christologien eine deutliche Akzentverschiebung statt: vom isolierten Geschehen «Kreuz und Auferstehung» zu dem, was diesem Geschehen vorangegangen ist, nämlich das Leben, die Lebenspraxis Jesu. Diese Lebenspraxis wird nicht als blosse Anlaufzeit für das Eigentliche, den Tod und die Auferstehung Jesu gesehen. Im Gegenteil: das Leben Jesu, seine gelebte Botschaft vom Reich Gottes wird als erlösend verstanden; sein Handeln hatte heilbringenden Charakter, war befreiend und liess Menschen heil werden, liess sie vom Tod ins Leben aufstehen. Die Auferstehung Jesu bedeutet dann Bestätigung dieses Lebens durch Gott ­ trotz seines Todes am Kreuz. Der Akzent feministischer Theologien liegt auf dem Leben vor dem Tod ­ für alle Menschen. «Auferstehung» ist für viele feministische Theologinnen Ausdruck der Hoffnung, dass die Erfahrung eines gerechten und lebenspendenden Gottes stärker ist als die Erfahrung des Scheiterns, des Unrechts und des Todes, die wir täglich vor Augen haben, dass die Geschichte Jesu und seiner Bewegung sich fortsetzt in unseren eigenen Auferstehungsgeschichten.<6>
«Es ist die Veränderung, die sich in unserem Leben vollzieht, auf die es bei der Auferstehung Jesu ankommt», meint die deutsche Theologin Luise Schottroff, so wie die Auferstehung Jesu damals bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu Auferstehungsprozesse in Gang gesetzt habe. Denn sie, die voller Angst geflüchtet waren und deren Hoffnung tot war, wurden zum Leben erweckt und mit der Aufgabe betraut, die Arbeit am Reich Gottes weiterzuführen. So wie die Auferstehung Jesu damals im Leben der Jüngerinnen und Jünger Auferstehunsprozesse in Gang gesetzt habe, so sollen auch wir heute Auferstehungsmomente in unserem Leben wahrnehmen und Auferstehungsprozesse in Gang setzen.<7>
Die US-amerikanische Theologin Carter Heyward versteht die Auferstehung Jesu ebenfalls als ein Ereignis im Leben seiner Freundinnen und Freunde. Der christliche Glaube gründet sich für sie nicht auf die Tatsache der physischen Auferstehung Jesu, die weder zu beweisen noch zu widerlegen sei. Was immer die Erfahrung der Auferstehung Jesu bedeutet haben mochte, sie führte die Freundinnen und Freunde Jesu auf jeden Fall dazu, das fortzusetzen, was zwischen Jesus und ihnen begonnen hatte, diese Art von Gottesbeziehung und Beziehung untereinander nicht aufzugeben.<8>
Auch für die brasilianische Theologin und Ordensfrau Ivone Gebara ist «Auferstehung» kein einmaliges Ereignis nach Jesu Tod, sondern kollektive Erfahrung bzw. Praxis der Jesusbewegung gewesen. Auferstehung ist für sie überhaupt die hermeneutische Schlüsselkategorie für das Verständnis der Jesusbewegung und der ersten christlichen Gemeinden. Deren Zentrum waren in ihren Augen «Auferstehungshandlungen», die Todessituationen transzendierten und neues Leben ermöglichten. Diese Auferstehungspraxis gilt es als Christinnen und Christen weiterzuführen, indem wir uns innerhalb unserer Geschichte und der konkreten Situation, in der wir leben, ebenso leidenschaftlich für das Leben engagieren, das Leben feiern und es schützen und die Mächte des Todes entlarven.<9>
Eines der stärksten Zeichen diesen neuen, «auferstandenen» Lebens ist für die deutsche Theologin Dorothee Sölle die Praxis der Solidarität: «Wo Solidarität geschieht, da ist Auferstehung. Wenn wir die Neutralität des Schweigens brechen und die Komplizenschaft mit dem Unrecht verlassen, dann beginnt das neue Leben. Menschen, die zuvor unsichtbar und vergessen waren, werden selbstbewusst und finden ihre Sprache. Sie stehen für ihre Rechte auf, und dieses Aufstehen, dieser Aufstand ist ein Zeichen der Auferstehung.»<10>

«Auferstehung der Frauen»

Ich komme zu einem dritten und letzten Punkt, den ich in Anlehnung und Ergänzung des Titels der Festschrift für Hermann-Josef Venetz «Auferstehung hat einen Namen»<11> überschreiben möchte mit: «Auferstehung hat ein Geschlecht». Auferstehung findet nicht nur an konkreten Orten in der Geschichte statt; Auferstehungserfahrungen und Auferstehungshandlungen werden auch von konkreten Menschen gemacht, deren Lebenssituation neben ökonomischen, politischen, kulturellen und religiösen Faktoren auch von ihrer Geschlechtszugehörigkeit geprägt ist. Für Frauen sieht die Erfahrung von Unrecht und Unterdrückung mehrheitlich nochmals anders aus als für Männer. Es gilt deshalb nicht nur die Leidenswirklichkeit von Frauen, sondern ebenso die Auferstehungserfahrungen und Auferstehungshandlungen von Frauen wahrzunehmen und theologisch als solche zu benennen. So ist für Ivone Gebara, feministische Theologin aus Brasilien, der geschichtliche Aufbruch der Frauen, der heute weltweit und auch in ihrem eigenen Kontinent, in Lateinamerika, geschieht, theologisch als Auferstehungsprozess zu interpretieren, als Auferstehung des Körpers der Frau in Bereiche hinein, die ihm bislang verschlossen waren wie zum Beispiel die Politik, die Arbeitswelt, die Theologie:
«Unter theologischem Gesichtspunkt kann man die Ortsveränderung des Körpers der Frau hin zu Orten, an denen er handeln und sich ausdrücken kann, als Auferstehung sehen. Dort, wo bisher kein Platz für ihn war, wo er nicht vorkam, ja wo zu erscheinen ihm verboten war, beginnt er aufzuerstehen ... Dorthin, wo Geschichte nicht geschah, wo Erinnerung nicht erinnert und Gedächtnis nicht gedacht wurde, dorthin kehrt der Geist mit seinem starken Wehen heim und weckt Frauen zu Grösserem auf, als es die begrenzte Welt von Heim, Kindern und Unterwerfung unter den Mann ist. (...) Auferstehung des Leibes... Körper von Frauen stehen auf und fangen an, von Dingen zu reden, deren sie unfähig waren, das Wort zu ergreifen, das ihnen verboten war, Wege zu gehen, die ihnen versperrt waren, zu schreien, wo der Befehl Schweigen lautet, sich zu erheben, während sie sitzen bleiben sollen, sich zu organisieren, wo Unterwerfung das Gebot ist, und Neues zu erwarten, wo man sie gelehrt hat, das Alte zu wiederholen.»<12>
Eine solche Auferstehungspraxis ist nach Ivone Gebara vor allem unter den armen Frauen zu beobachten, die die Mehrheit der Armen auf dem lateinamerikanischen Kontinent ausmachen und deren Befreiungskampf mit dem Kampf ums Überleben verbunden ist. Doch nicht nur in Lateinamerika, in der ganzen Dritten Welt sind es vor allem die Frauen, die aufstehen für das Leben, die täglich für das Leben und Überleben ihrer Kinder kämpfen müssen und mit ihrem Körper, ihrem Fleisch und Blut, für das Leben sorgen, es nähren und schützen. Überall auf der Welt sind es in der Mehrzahl Frauen, denen die Erhaltung und Bewahrung des Lebens aufgebürdet wird, die, wie die Frauen am Grab, Zeugnis ablegen von der Auferstehung, vom neuen Leben inmitten von Verzweiflung und Erfahrungen des Todes. An ihren Körpern wird sichtbar, was es heisst, sich auf der Seite des Lebens oder auf der Seite des Todes zu finden, was es heisst, als Frau in einer Welt von Armut, Hunger, Krieg und Männergewalt zu leben.
Wenn wir von der Auferstehung der Frauen reden, dann müssen wir deshalb auch von der Auferstehung ihrer gebrochenen Körper reden, die dürsten nach einem Leben in Frieden und Gerechtigkeit. Theologisch von der Auferstehung des Körpers der Frauen zu reden heisst für mich aber auch, endlich die Sakramentalität und Heiligkeit des weiblichen Körpers zu bestätigen, der sich ­ seit Jahrhunderten abgewertet, ausgebeutet, vergewaltigt und nach Männerwünschen zurechtgebogen ­ nach Heilung, nach Selbstbestimmung und Befreiung sehnt, ihn nicht länger als Ort der Sünde zu verstehen, wie dies die christliche Tradition jahrhundertelang getan hat, sondern ihn ebenso wie den männlichen Körper als Ort des Heils zu sehen und für seine Auferstehung zu kämpfen.
Auferstehung der Frauen ­ dies heisst für mich: Frauen stehen aus entfremdetem Leben zu einem eigenen Leben auf; sie sind nicht länger Objekte, sondern Subjekte, ihre körperliche Integrität wird geachtet, ihre Stimmen werden gehört, ihre Sichtweisen fliessen ein in die Gestaltung der Welt. Auferstehung des Körpers der Frauen heisst: Frauen erfahren die Schönheit und das Gutsein ihrer Körper als von Gott geschaffen, als «Tempel des Heiligen Geistes», dessen Verletzung eine Verletzung Gottes ist; ihre Körper, niedergedrückt von der Last der Arbeit oder zuvieler Ansprüche, gefangen im Korsett von Männerprojektionen und Schönheitszwängen, beginnen ihr eigenes Leben.
Auferstehung des Fleisches: Unser weibliches Fleisch ist geheiligt als Teil unserer Gottebenbildlichkeit, unser leidender, aber auch unser begehrender und lustempfindender Körper ist Bild des Göttlichen. Letzteres zu glauben, fiel der christlichen Tradition bis heute schwer. Anders als der leidende Körper hat der sexuelle, der lustempfindende und lustvolle Körper, insbesondere der Frauenkörper, keine positive Bewertung gefunden in der christlichen Theologie. Von der Auferstehung des Fleisches zu reden, heisst für mich deshalb auch, von der Lust unserer Körper und der erotischen Leidenschaft zu reden, sie als Teil der Heiligkeit des menschlichen Lebens zu bejahen und zu lernen, «Gesänge auf die wunderbare Lust des Fleisches zu singen», wie die nicaraguanische Dichterin Gioconda Belli in einem ihrer Gedichte schreibt.
Auferstehung der Frauen zu einem «Leben in Fülle» mit Körper und Geist ­ noch ist dies eine Vision. Und doch, manchmal wird es wahr: «Manchmal stehen wir auf, stehen wir zur Auferstehung auf, mitten am Tage, mit unserem lebendigen Haar, mit unserer atmenden Haut.»

 

Dr. Doris Strahm ist feministische Theologin und als Publizistin tätig.


Anmerkungen

1 Vgl. Monika Fander, Die Stellung der Frau im Markusevangelium, Altenberge 1990, 179.

2 Elisabeth Schüssler Fiorenza, Jesus ­ Miriams Kind, Sophias Prophet. Kritische Anfragen feministischer Christologie, Gütersloh 1997, 193.

3 Ebd. 194.

4 Ebd.

5 Vgl. Doris Strahm, Vom Rand in die Mitte. Christologie aus der Sicht von Frauen in Asien, Afrika und Lateinamerika, Luzern 1997.

6 Vgl. Ina Praetorius; Doris Strahm; Luzia Sutter Rehmann, «Manchmal stehen wir auf...» Gespräch über Auferstehung, in: Evangelische Theologie 57 (1997), 225­241.

7 Vgl. Luise Schottroff; Bärbel von Wartenberg-Potter; Dorothee Sölle, Das Kreuz: Baum des Lebens, Stuttgart 1987, 53f.

8 Vgl. Carter Heyward, Und sie rührte sein Kleid an. Eine feministische Theologie der Beziehung, Stuttgart 1986, 108.

9 Vgl. Ivone Gebara, The Face of Transcendence as a Challenge to the Reading of the Bible in Latin America, in: E. Schüssler Fiorenza (Hrsg.), Searching the Scriptures, Bd. 1: A Feminist Introduction, New York 1993, 181­184.

10 Dorothee Sölle, Wählt das Leben, Stuttgart 1980, 124.

11 Die Festschrift wird in diesen Spalten noch als «Theologisches Buch» besprochen. Der vorliegende Text von Doris Strahm geht auf den Vortrag anlässlich der Geburtstagsfeier mit Übergabe der Festschrift vom 25. April 1998 in Luzern zurück (Anm. der Red.).

12 Ivone Gebara, «Steh auf und geh!» Vom Weg lateinamerikanischer Frauen, in: Christel Voss-Goldstein; Horst Goldstein (Hrsg.), Schwestern über Kontinente. Aufbruch der Frauen: Theologie der Befreiung in Lateinamerika und feministische Theologie hierzulande, Düsseldorf 1991, 62/64.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999