49/1999

INHALT

Kirche in der Schweiz

Die Bischofskonferenz hat gewählt

von Rolf Weibel

 

Auf der im Anschluss an die Wintersitzung der Schweizer Bischofskonferenz durchgeführten Pressekonferenz kommentierten und ergänzten Bischof Kurt Koch und P. Roland-Bernhard Trauffer OP das im Amtlichen Teil dieser Ausgabe dokumentierte Pressecommuniqué. Bischof Kurt Koch vertrat dabei den Präsidenten der Bischofskonferenz, Bischof Amédée Grab, der am Luzius-Tag, dem Patroziniumsfest des Bistums Chur unabkömmlich war. Der Luzius-Tag stehe am Anfang jeder Adventszeit, fuhr Bischof Kurt Koch fort; dieses Jahr habe sie eine besondere Bedeutung, sei sie doch die Zeit der Erwartung des Heiligen Jahres. Christen und Christinnen würden sich nämlich auf die Feier der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ausrichten, so dass für sie die Frage nach dem genauen Beginn des neuen Millenniums weniger wichtig sei. Auf das Ende der Adventszeit hin findet in der deutschsprachigen Schweiz das Ranfttreffen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen statt; dieses Jahr hätten sich dafür bereits 3000 junge Menschen angemeldet.

Generalsekretär Agnell Rickenmann

Der folgenreichste Tagesordnungspunkt der 246. Ordentlichen Versammlung der Bischofskonferenz war zweifelsfrei die Wahl ihres Generalsekretärs, der am 1. Januar 2001 den amtierenden P. Roland-Bernhard Trauffer OP ablösen wird. Die Wahl der Bischöfe, die mehrere Kandidaten berücksichtigen konnten, fiel auf den 36-jährigen Pfarrer und Theologiedozenten Agnell Rickenmann, der auf der Frontseite dieser Ausgabe mit seinem Foto vorgestellt wird. Am 11. Juni 1963 in Niederuzwil geboren, besuchte Agnell Rickenmann die Primarschule in Solothurn und das Gymnasium in Einsiedeln, das er 1983 mit der Matura Typus A abschloss. Das Philosophie- und Theologiestudium führte ihn nach Rom und Strassburg und zum Abschluss wieder nach Rom: 1989 schloss er die philosophischen Studien mit dem Lizentiat ab, 1996 die theologischen mit dem Doktorat (mit der Dissertation «Sehnsucht nach Gott bei Origenes. Ein Weg zur verborgenen Weisheit des Hohenliedes») und dem Diplom in christlicher Archäologie. Am 10. Oktober 1989 zum Priester geweiht, war er 1990­1993 Vikar an der Dreifaltigkeitspfarrei in Bern; seit 1996 ist er Pfarrer in Risch (ZG). Seit 1997 nimmt er an Theologischen Fakultäten Lehraufträge wahr, in Luzern für Kirchengeschichte und in Lugano für Patrologie.
Nach den Kriterien befragt, die bei dieser Wahl eine Rolle gespielt haben, antwortete Bischof Kurt Koch, das Anforderungsprofil für einen Generalsekretär der Bischofskonferenz könne analog dem Anforderungsprofil für einen Pfarrer überzogen werden: «Übermensch und gleichzeitig vor allem Mensch.» Pfarrer Agnell Rickenmann habe eine hohe theologische und pastorale Kompetenz, und die Bischofskonferenz mit ihrem kleinen Sekretariat brauche einen starken und zugleich loyalen Generalsekretär. Für Medienfragen stehe ihm der Vizegeneralsekretär und Informationsbeauftragte Nicolas Betticher zur Seite. P. Roland-Bernhard Trauffer OP erklärte sich erfreut, dass für seine Nachfolge eine gute Lösung gefunden worden sei. Wichtig sei die klare Positionierung des Generalsekretärs, nämlich im Dienst der Bischofskonferenz zu stehen. Was ihn betreffe, werde er die Amtsübergabe sorgfältig vorbereiten und durchführen.

Erlebte Kollegialität

Die Bischofskonferenz liess sich über den Verlauf der zwei europäischen kirchlichen Treffen dieses Herbstes informieren, an denen sie mit Delegierten vertreten war: Die Zweite Sonderversammlung für Europa der Bischofssynode und die Vollversammlung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen CCEE. Weil die Sondersynode bei den schweizerischen Medien wenig Aufmerksamkeit gefunden hatte, erläuterte Bischof Kurt Koch die Möglichkeit des Instituts Bischofssynode, als allgemeine oder als besondere Versammlung einberufen zu werden. Bei einer allgemeinen Versammlung kommen Delegierte aller Bischofskonferenzen zu einem für die ganze Kirche erheblichen Thema zusammen, im Jahr 2000 beispielsweise zum Thema «Das Bischofsamt»; die besonderen Versammlungen der letzten Jahre waren dagegen Kontinentalsynoden.
Anschliessend erklärte Bischof Kurt Koch den Ablauf einer Synodenversammlung, der unseren Lesern und Leserinnen von unseren ausführlichen Berichterstattungen her bekannt ist, um darauf hinzuweisen, dass eine Synodenversammlung erst mit dem nachsynodalen apostolischen Schreiben abgeschlossen wird. Vorbereitet wird es von der von der Versammlung gewählten nachsynodalen Kommission, die dabei namentlich auch die Vorschläge der Gruppenarbeiten (propositiones der circuli minores) einzubeziehen hat.
Auf Rückfragen antwortend, präzisierte Bischof Kurt Koch, Kardinal Carlo Maria Martini habe kein neues Konzil vorgeschlagen, sondern eine neue Form effektiver Kollegialität ­ zwischen Konzil und Bischofssynode ­, die drängende Fragen wie die Geschiedenen und den Mangel an ordinierten Diensten angehen könnte. Der Mangel an ordinierten Diensten, der Priestermangel, sei ein gesamteuropäisches Problem, auch wenn einzelne Länder davon nicht betroffene seien. Hingegen sei der Umgang mit diesem Problem nur noch in Deutschland und Österreich ähnlich wie in der Schweiz. So gehe das schweizerische Problem auf die spezifische Lösung zurück: Nichtordinierte können hauptamtlich angestellt werden und machen ihre Arbeit gut. Andere Länder würden andere Wege gehen, Pfarreien zusammenlegen ­ im Bistum Verdun beispielsweise sei die Zahl der Pfarreien von 300 auf 60 reduziert worden ­ oder sich vermehrt auf die Ehrenamtlichkeit stützen.
An der Bischofssynode habe anfänglich ein Pessimismus vorgeherrscht, der sich dann aber zu Hoffnung gewandelt habe, nachdem viele Bischöfe deutlich gemacht hätten, dass man so nicht evangelisieren könne.
Als bedeutsam schätzt Bischof Kurt Koch die Zustimmung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen zur «Charta oecumenica», dieser Selbstverpflichtung der europäischen Kirchen für die ökumenische Bewegung, ein. Die Ökumenefähigkeit und die Europafähigkeit seien die zwei Seiten der selben Medaille. An der Vollversammlung sei immer wieder auf das von Papst Johannes Paul II. geprägte Bild von einem Europa mit zwei Lungenflügeln Bezug genommen worden; es sei wichtig, dass Europa sowohl mit dem römisch-lateinischen wie auch mit dem slawisch-byzantinische Lungenflügel atme.
Mit der neuen französischen Fassung der Trauungsliturgie hatten sich alle Bischofskonferenzen mit französischsprachigen Gebieten zu befassen. Dabei ging es in der Wintersitzung nur um die Approbation dieser liturgischen Vorlagen und nicht auch noch um die Problematik der Segnung homophiler Paare, wie Bischof Kut Koch auf eine diesbezügliche Frage erklärte; die Bischofskonferenz werde sich indes noch damit befassen müssen.

Schweizerische Themen

Erfreut zeigte sich Bischof Kurt Koch über die grosse Beteiligung an der Ökumenischen Konsultation. Die Kirchenleitungen würden sich bereits im Mai 2000 zu einer Klausur treffen, um die Möglichkeiten eines gemeinsamen Wortes zu besprechen.
Die Bischofskonferenz betrachte jeden Beitrag zur Erhellung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg als notwendig und willkommen. Angesichts der in der Schweiz feststellbaren diffusen Grundstimmung gegen Minderheiten warnt sie indes vorsorglich vor antijüdischen Reaktionen im Gefolge des «Bergier»-Berichtes. Antijüdische Äusserungen seien aus christlicher Sicht Sünde, denn «das Judentum ist und bleibt unsere Mutter» und es würde für gestörte Familienverhältnisse sprechen, wenn sich die Tochter in der Öffentlichkeit abfällig über ihre Mutter äussern würde.
Zur Stellungnahme der Bischofskonferenz zur Revision des Betäubungsmittelgesetzes gab Bischof Kurt Koch dem Generalsekretär der Bischofskonferenz das Wort. Die Bischofskonferenz habe sich grosse Mühe gegeben, beteuerte P. Roland-Bernhard Trauffer OP, und sie habe ihre Vernehmlassung von einer Gruppe von Experten verschiedener Disziplinen vorbereiten lassen. Konstant sei das grundsätzliche Ja der Bischofskonferenz zur Vier-Säulen-Strategie, weil sie in der Praxis erprobt ist und auch für die Zukunft am meisten Erfolg verspricht. Dabei müsse die darauf beruhende Politik aber immer wieder überprüft werden. Und wegleitend sei die Maxime: Nicht der Süchtige ist das Problem, sondern die Sucht; also muss die Sucht bekämpft werden, nicht der Süchtige. Dafür gebe es kein Patentrezept; eine Lösung, sofern es eine solche überhaupt geben könne, liege in einer Anlage von ganz verschiedenen Massnahmen, die fein aufeinander abgestimmt sein müssen, wobei die Repression auf der Angebotsseite eingesetzt werden müsste. So fordert die Bischofskonferenz seit Jahren eine umfassende Suchtmittelpolitik. Sie fordert eine stärkere Führungsrolle des Bundes in der Drogenpolitik, so dass im Blick auf eine grössere Effizienz auch die repressiven Massnahmen vereinheitlicht werden; eine einseitige Repressionspolitik kann hingegen nicht zum Ziel führen, weshalb die Bischofskonferenz für eine ausgewogene und revidierbare Betäubungsmittelpolitik plädiert.
Hinsichtlich jugendicher Straftäter erwartet die Bischofskonferenz eine konsequente Umsetzung des täterorientierten Strafrechts. Im Sinne einer umfassenden Drogenpolitik hält sie die Strafandrohung für die Abgabe von Alkohol und Tabak an Jugendliche unter 16 Jahren für gerechtfertigt.


Die Ökumenische Basler Kirchenstudie (2)

von Xaver Pfister

 

Der religionssoziologische Teil der Studie, die ich im ersten Teil meines Beitrags eingehend vorgestellt habe, erforscht die Religiosität der Kirchenmitglieder, der Ausgetretenen und der Mitarbeitenden. Fragen zur allgemeinen Religiosität, die Privatheit von Religion, die Autonomie in der Religionsausübung, Indikatoren zu einer allumfassenden und einer hilfeorientierten Religiosität, aber auch klassische Indikatoren wie Gottesdienstbesuch und Gebetshäufigkeit werden untersucht.

5.3. Religionssoziologische Ergebnisse

5.3.1. Allgemeine Beobachtungen

Die Ergebnisse haben überrascht. Mehr als zwei Drittel (71,2%) der Basler Bevölkerung bezeichnen sich als «im weitesten Sinne religiös». Fast die Hälfte (44,1%) stimmt der Aussage «Gott ist in meinem Leben wirksam» voll und ganz zu. Ebenso geben 45,4% der Bevölkerung an, im letzten Jahr mindestens einmal pro Woche gebetet zu haben. Rund ein Viertel der Bevölkerung (24,5%) gibt an, nie zu beten.

5.3.2. Mitgliedschaftstypen

Was alle Kirchenstudien belegen, zeigt auch die Basler Studie. Die Kirchenmitglieder sind keine homogene Gruppe. Die Grenze zwischen Kirchenmitgliedern und Ausgetretenen ist fliessend. Die Studie hat ergeben, dass die Ausgetretenen in manchen Bereichen religiöser und kirchlicher sind als Kirchenmitglieder<18>. Die Wahrnehmung der Unterschiede der vier Mitgliedschaftstypen, welche die Studie ermittelte, wird ein wichtiges Steuerungsinstrument für die Pastoralplanung.
Die beiden Aussagen «Ich bleibe Mitglied der Kirche, weil man nie sagen kann, ob man die Kirche nicht einmal nötig haben wird» und «Die Kirche ist eine Gemeinschaft, die ich nötig habe» bilden die Grundlage für die Unterscheidung der Mitgliedschaftsgruppen. Dabei ergeben sich folgende vier Mitgliedschaftstypen:

Dazu wurden Wichtigkeitstypen gebildet. Sie geben darüber Auskunft, welche der drei Dienstleistungsgruppen jeweils für wichtig erachtet wird. Dabei zeigen sich folgende Resultate:

Es fällt auf, dass es keine Gruppe gibt, die nur die liturgisch-katechetischen Aufgaben als wichtig betrachtet.

5.3.2.1. Gemeinschaftsorientierte

Bezüglich Alter und Geschlecht entsprechen sie der Zusammensetzung der Stichprobe, das heisst sie sind in allen Altersgruppen zu finden. Bei den Erwartungen, der Beurteilung und Wichtigkeit der Dienstleistungen ist bei ihnen Folgendes zu beobachten: Bei den sozialen Dienstleistungen haben sie die höchsten Werte aller Gruppen. Diese Werte liegen deutlich über denen für die liturgisch-katechetischen Dienstleistungen, auch wenn diese ebenfalls hoch sind. Auffallend ist es, dass die Werte bei Gottesdienst, Religionsunterricht und Anleitung zu religiösem Leben deutlich tiefer sind. Die Gruppe setzt sich vor allem aus allgemein Interessierten und liturgisch-sozial Interessierten (72%) zusammen.
Hohe Werte sind auch bei den Fragen zum religiösen Profil zu notieren, bei der Selbstbezeichnung als religiös, als Christ/Christin und beim Bedürfnis nach religiösen Feiern. Hoch ist ihre Zustimmung zur Aussage, Gott sei im Leben erfahrbar (5,1), niedriger bei der Aussage über Religion als Hilfe (3,9). Tief sind die Werte beim Privatheits- und Autonomieanspruch. 50% gehen regelmässig zum Gottesdienst. 66% beten mindestens wöchentlich. 43% glauben an Auferstehung<19>. 12% glauben an kein Weiterleben nach dem Tod.
Es fällt auf, dass ihre Mitgliedschaftsmotivation nicht ausschliesslich im Sinn der gottesdienstlichen, feiernden Gemeinde verstanden werden kann.<20> Sie suchen Gemeinschaft wohl in Formen der alltäglichen sozialen Integration. Auch sie müssen immer wieder neu für die Anliegen der Kirche gewonnen werden.

5.3.2.2. Dienstleistungsorientierte

Bezüglich Alter und Geschlecht entspricht diese Gruppe der Zusammensetzung der Stichprobe. Die Kirchenbauten liegen bei der Beurteilung der Erwartungen und der Wichtigkeit vor den sozialen und diese vor den liturgisch-katechetischen Dienstleistungen. Auffallend ist es, dass die Werte der persönlichen Wichtigkeit bei sozialen und liturgisch-katechetischen Angeboten markant unter den Werten der Erwartungen liegen. Für sie ist es also wichtig, dass es die Kirche gibt, aber für sie persönlich ist sie von geringer Wichtigkeit. Es finden sich in dieser Gruppe überproportional viele kulturell-sozial Interessierte (40%) und 30% allgemein Interessierte. Das religiöse Profil ist verschwommen. Die Gruppe bezeichnet sich nur zögernd als religiös, nur die Gruppe ohne Eigeninteresse hat noch tiefere Werte. Bei der Bezeichnung als Christ/Christin und beim Bedürfnis nach religiösen Feiern sind die Werte deutlich höher. Vergleichsweise hoch bis sehr hoch ist bei diesem Typ das Autonomiebedürfnis in religiösen Fragen und die Vorstellung der Religion als Privatsache. Die Zustimmung zur Religion als Hilfe erreicht fast den Wert für die Erfahrbarkeit Gottes. Nur die Gemeinschafts-/Dienstleistungsorientierten haben hier einen höheren Wert. Das religiöse Profil sieht so aus. 10% gehen regelmässig, 35% nur bei Familienanlässen zum Gottesdienst. 26% beten täglich, 15% mindestens wöchentlich. 43% glauben an die Reinkarnation. Möglicherweise hängt das hohe Bedürfnis nach Privatheit der Religion damit zusammen, dass in dieser Gruppe die nichtkonforme Nachtodesvorstellung der Reinkarnation sehr hohe Werte erreicht.

5.3.2.3. Gemeinschafts-/Dienstleistungsorientierte

Die über 50-Jährigen sind in dieser Gruppe überproportional vertreten, die Frauen gering überproportional. Schwach vertreten sind die unter 40-Jährigen.
Dieser Typ weist bei den Erwartungen, der Wichtigkeit und der Beurteilung kirchlicher Angebote jeweils die höchsten Werte aller Gruppen auf. Nur bei den sozialen Angeboten liegen die Werte, obwohl hoch, niedriger. 62% der Gruppe sind allgemein Interessierte. In ihr finden sich kaum sozial und wenig Interessierte.
Das religiöse Profil dieser Gruppe lässt sich so umschreiben: Spitzenwerte finden wir bei der Selbstbezeichnung als religiös, als Christ/Christin und beim Bedürfnis nach religiösen Festen. Religion wird in keiner Gruppe so stark als Privatangelegenheit angesehen wie hier. Das Autonomiebedürfnis ist weniger stark ausgeprägt. Zur allumfassenden Religiosität ist die Zustimmung dieser Gruppe am grössten, ebenso ­ etwas weniger ausgeprägt ­ zu Religion als Hilfe. 50% gehen regelmässig zur Kirche, 50% beten regelmässig. Fast die Hälfte der Gruppe bejahen sowohl die Auferstehung wie die Reinkarnationsvorstellung.

5.3.2.4. Mitglieder ohne Eigeninteresse

In dieser Gruppe sind die unter 40-Jährigen stark vertreten, ebenso ­ wenn auch etwas geringer ­ die Männer. Schwach vertreten sind die über 60-Jährigen. Bei den Erwartungen, der Beurteilung und der Wichtigkeit der Dienstleistungen finden sich hier nicht immer, aber häufig die tiefsten Werte. Liturgisch-katechetische Leistungen sind von sehr geringer Wichtigkeit. Der soziale Faktor steht an erster Stelle bei Erwartung und Wichtigkeit. Fast 25% sind wenig Interessierte, fast 50% sozial bzw. kulturell-sozial Interessierte. Die Austrittsneigung ist bei dieser Gruppe stärker als bei anderen Gruppen, die globale Zufriedenheit geringer.
Deutlich ist auch das religiöse Profil dieser Gruppe. Deutlich am tiefsten sind die Werte bei der Selbstbezeichnung als religiös, als Christ/Christin und beim Bedürfnis nach religiösen Feiern. Keine Zustimmung ist zu finden zur Aussage, Gott sei im Leben erfahrbar, und zur Aussage über Religion als Hilfe. Der Privatheitsanspruch ist nicht sehr ausgeprägt. Deutlich wird der Aussage zugestimmt, Religion könne ohne Hilfe anderer gelebt werden. In Bezug auf den Gottesdienstbesuch sind folgende Werte auszumachen: 25% gehen nie, 33% gehen gelegentlich,10% gehen regelmässig. Die Aussagen zum Gebet ergeben folgendes Bild: 33% beten nie, 13% täglich. 38% glauben nicht an ein Weiterleben nach dem Tod.<21> 37% glauben an die Reinkarnation. Es fällt auf, dass diese Gruppe, und nicht die Ausgetretenen, in Bezug auf kirchliche Angebote und Religiosität ein Profil aufweist, das mit den Stichworten distanziert, uninteressiert, wenig religiös charakterisiert werden könnte. Sie hat kein Interesse am Gemeinschaftsleben der Kirche, noch an spirituellen Erfahrungen oder kirchlichen Dienstleistungen. Vermutlich ist ihr Motiv die Unterstützung der diakonisch-sozialen Leistungen, welche die Kirche erbringt.<22>

5.3.2.5. Ausgetretene

Auch diese Gruppe entspricht bezüglich Alter und Geschlecht der Zusammensetzung der Stichprobe. In Bezug auf die Erwartungen, die Leistungserfüllung und die persönliche Wichtigkeit der Dienstleistungen liegen die Werte ähnlich wie die tiefen Werte bei den Mitgliedschaftstypen. Am tiefsten von allen liegen hier die Werte bei der Wichtigkeit der sozialen Angebote. Die Erhaltung der Kirchenbauten steht vor den sozialen Dienstleistungen, diese vor den katechetisch-liturgischen Aufgaben. Überproportional viele (40%) gehören zur Wichtigkeitsgruppe der kulturell-sozial Interessierten, 30% zu den allgemein Interessierten.
Das religiöse Profil bringt die grösste Überraschung. Die Ausgetretenen bezeichnen sich in einem nicht geringen Mass als religiös und als Christ/Christin. Sie haben ein Bedürfnis nach religiösen Feiern an den Eckpunkten des Lebens. Zurückhaltend ist ihre Zustimmung zur Aussage, Gott sei im Leben erfahrbar (4,31) und zur Aussage über Religion als Hilfe (4,01). Der Privatheitsanspruch ist hoch. Der Autonomieanspruch ist der höchste von allen Gruppen. 9% der Ausgetretenen gehen regelmässig, 40% nur bei Familienanlässen, 30% nie zum Gottesdienst. 27,66% beten täglich,12,77% mindestens wöchentlich, 25,53% nie. Bei den Nachtodvorstellungen erreicht die Auferstehung höhere Werte als bei den Mitgliedern ohne Eigeninteresse und den Dienstleistungsorientierten.<23> Den höchsten Wert von allen Gruppen erreichen sie bei der Vorstellung des Todes als einem endgültigen Ende.<24> Der Wert für die Wiedergeburtsvorstellung liegt bei 3,23.<25>
Auffallend ist der tiefe Wert bei der Wichtigkeit diakonisch-sozialer Leistungen. Autonomie ist dieser Gruppe sehr wichtig. Offenbar hat diese Gruppe nicht so eindeutig mit Religion und Kirche gebrochen, wie das Etikett «Ausgetretene» es eigentlich vermuten liesse.

5.3.2.6. Mitarbeitende

Interessant ist schliesslich der Vergleich der Werte der Mitarbeitenden mit denen der verschiedenen Mitgliedschaftsgruppen. Die Kurve der Werte der Gemeinschaftsorientierten verläuft parallel zu jener der Mitarbeitenden. Allerdings ist das Bedürfnis nach Privatheit und Autonomie bei den Mitarbeitenden markant tiefer als bei den Gemeinschaftsorientierten.<26> Die Werte bei der Bezeichnung als religiös und als Christ/Christin sind am höchsten im Vergleich zu allen anderen Gruppen. In den Nachtodvorstellungen unterscheidet sich diese Gruppe ebenfalls von allen anderen. Mit 5,1 erreicht sie den höchsten Wert in Bezug auf den Auferstehungsglauben und den allerniedrigsten in Bezug auf die Vorstellung, dass der Tod das endgültige Ende des Leben sei (1,43). Der Wert der Reinkarnationsvorstellung liegt bei 2,29.
Diese Zahlen weisen darauf hin, dass das Profil der Mitarbeitenden dem Profil der verschiedenen Mitgliedschaftstypen nur teilweise entspricht. Zu bedenken ist vor allem der niedere Anspruch auf Privatheit und Autonomie dieser Gruppe im Vergleich zu allen anderen. Das heisst, es besteht eine signifikante Differenz zwischen dem religiösen Lebensgefühl der Mitarbeitenden und den anderen Mitgliedern der Kirche. Das Wissen um diese Differenz ist eine wichtige Vorgabe bei der Planung pastoraler Aktivitäten.

5.3.3. Konsequenzen aus der Wahrnehmung unterschiedlicher Mitgliedschaftstypen

Die Aufforderung zur Analyse der Situation und der darin implizierten Anfragen an die Kirche ist ein wichtiges Postulat des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dieses Konzil redet von einer doppelten Hermeneutik. Die Kirche erkennt ihren Auftrag im Gang durch die Geschichte indem sie, ihren Blick auf die Urkunde des Christentums, die Bibel richtet, und indem sie nach den Zeichen der Zeit forscht. In der Pastoralkonstitution «Die Kirche in der Welt von heute» wird daran festgehalten, dass die Kirche nicht durch «irdischen Machtwillen» bestimmt werden darf. Nur eines darf sie bestimmen: «Unter der Führung des Geistes, des Trösters, das Werk Christi selbst weiterzuführen, der in die Welt kam, um der Wahrheit Zeugnis zu geben; zu retten, nicht zu richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen.»<27> Diese eindeutige Aussage hindert die Konzilsväter aber nicht daran, die Bedeutung der Zeichen der Zeit zu unterstreichen: «Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach den Verhältnissen beider zueinander Antwort geben. Es gilt also, die Welt, in der wir leben, in ihren Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen.»<28>
Gerade also um ihres Auftrages willen, den sich die Kirche nicht selber geben kann, ist diese sorgfältige Analyse notwendig. Weil die Botschaft der Kirche der jeweiligen Generation verständlich gemacht werden soll, muss sich die Kirche mit den Ängsten und Hoffnungen jeder Generation auseinander setzen und so je neu ihre Botschaft ausrichten, ja in der Kommunikation mit der jeweiligen Gesellschaft ihre eigene Botschaft neu zu entdecken. Die Geschichte des Apostels Petrus mit dem römischen Hauptmann Cornelius, die im 10. Kapitel der Apostelgeschichte erzählt wird, zeigt auf eindrückliche Weise, wie die junge Gemeinde um diese grundlegende Bedeutung der Kommunikation weiss.
Damit wird von der Kirche verlangt, nach Methoden zu suchen, die es ihr ermöglichen, der Ängste und Hoffnungen der Menschen ansichtig zu werden, in deren Mitte sie ihre Aufgabe zu erfüllen hat. Der Methoden sind viele, und jede Zeit wird neue Methoden entwickeln. Kriterium bei der Auswahl der Methoden wird es sein, wie präzis sie die Befindlichkeit und Bedürftigkeit des Menschen zu beschreiben vermögen. Die Methode des Marketings fragt nach den Bedürfnissen der Menschen. «Im Kopf des Kunden denken, im Herzen des Kunden fühlen», mit dieser griffigen Formel umschreibt Hans Raffée das Grundanliegen des Marketing.<29> Der Begriff des Kunden wird dabei nicht bloss für die externen Kunden verwendet. Man redet auch von internen Kunden und meint damit die Mitarbeitenden eines Unternehmens. Nur wer sich verstanden fühlt, kann in einem Unternehmen qualifiziert mitarbeiten.
Das Verhältnis des Kunden zur Dienstleistung, die ihm das Unternehmen anbieten will, wird also mit dem Begriff der Beziehung beschrieben. Damit wird der Kunde ernst genommen. Man kann ihm, nimmt man die Theorie beim Nennwert, die Dienstleistungen nicht einfach andrehen, man muss ihn kognitiv und emotional davon überzeugen, dass sich der Bezug der Dienstleistung lohnt. Gutes Marketing ist eben ein kundenorientierter Kommunikationsvorgang. Dabei geht es nicht bloss darum, die Kundenbedürfnisse zu ermitteln und die daraus sich ergebenden Dienstleistungen zu verkaufen. Marketing hat schon immer auch die Aufgabe, Bedürfnisse zu formen. Die Wechselbeziehung von Dienstleistung und Kunde wird ernst genommen und bewusst bearbeitet. Das Marketing stellt ein Instrumentar zur Verfügung, mit dem dieses Wechselspiel bearbeitet werden kann. Dabei kann nach Hans Raffée die Devise nicht lauten: «Gebt dem Kunden, was der Kunde will.» Das Kirchenmarketing muss vielmehr «kritisch sein, zum Beispiel egoistische Konsumstile und Anspruchsdenken problematisieren und zur Umkehr der Menschen aufrufen. Eben in dem Ziel einer Umformung Ðfalscherð Bedürfnisse und einer Weckung Ðwahrerð ­ und das heisst hier Ðevangeliumsgemässerð ­ Bedürfnisse liegt die besondere Herausforderung und Faszination der Partner- und Bedürfnisorientierung eines Kirchenmarketing.»<30>
Kundenorientierung dient so der Transparenz. Wer das Prinzip der Kundenorientierung ernst nimmt, der kann Marketing nicht als die Kunst der Verführung und Manipulation gebrauchen. Ein gutes Kirchenmarketing kann aber auch wichtige Informationen dafür liefern, wo im Augenblick die Kirche gefragt ist, wo und wie sich die grundlegenden Menschheitsfragen in der aktuellen Situation stellen. «Freilich vermag ein Kirchenmarketing, das auf umfassende Informationen über die heutige Ðcondition humaineð gestützt ist, sehr wohl Anregungen zu geben, welche Schwerpunkte aus dem umfassenden theologischen und diakonischen Universum wir bei unserer Verkündigung und in der Diakonie heute setzen sollten. Denn es kommt ja nicht nur darauf an, richtige Antworten auf irgendwelche Fragen zu geben, sondern Antworten auf Fragen und Nöte, die den Menschen heute unter den Nägeln brennen.»<31> Von daher betrachtet ist die Theologie der Befreiung ein gutes Beispiel für eine Theologie, welche die Marketinggesinnung konkret umsetzt.
Selbstverständlich muss aus theologischen Gründen diese Kundenorientierung kritisch befragt werden. Kirchenmarketing darf nicht dazu führen, dass die Kirche von den Füssen auf den Kopf gestellt wird. Weder Kundinnen noch Verkäufer stellen Kirche her. Kirche entsteht, wo der Geist Gottes wirkt. Dennoch ist die Kundenorientierung, die Hans Raffée im Zusammenhang des Kirchenmarketing als Partnerorientierung verstanden wissen will, auch aus theologischen Gründen eine Grunddimension kirchlicher Existenz. Die Kundin steht also dem expliziten Bemühen der Kirche voraus schon in einem Bezug zu dem, was die Kirche ihr in ihrer Kommunikation mit ihr vermitteln will. In einem Gespräch mit K. Rahner hat Paul M. Zulehner das so formuliert: «Wir können auf jeden Fall sagen, dass die Kirche den Menschen in jenes Geheimnis einführt..., welches sein Leben im Grunde schon ist; dass die Kirche also keinen Import Gottes betreibt, sondern den Menschen vor jenen Gott bringt, der im Grunde in seinem Leben immer schon anwesend ist.»<32>

5.4. Mitarbeitendenbefragung

Aus dem Wissen um die Bedeutung der Mitarbeitenden wurden in der Basler Studie auch die Mitarbeitenden befragt. Die Befragung wollte zwei Tatbestände erheben. Einmal die Wahrnehmungslücken zwischen dem Fremdbild der Bevölkerung und dem Drittbild der Mitarbeitenden, das heisst dem Bild, das sich die Mitarbeitenden über das Bild machen, das die Bevölkerung von der Kirche hat. Das Wissen um die Differenz zwischen diesen beiden Bilder ist bedeutsam. Die Analyse der Differenzen (GAPs) zwischen Fremdbild und Drittbild zeigt die Ursachen für die Qualitätslücken in der Arbeit der Kirche. Sie zeigen, wo die Erwartungen falsch eingeschätzt werden. Dieses Wissen ist auch dann wichtig, wenn man zutreffenderweise daran festhält, dass die Kirche nicht einfach die Erwartungen der Bevölkerung zu erfüllen hat. Zum andern wollte die Studie die Zufriedenheit der Mitarbeitenden erheben. Denn nur zufriedene Mitarbeitende können gute Leistungen erbringen. Unzufriedene Mitarbeitende richten grosse Teile ihrer Energie auf die eigene Situation. Sie drehen um sich und ihre Unzufriedenheit. Ihre Unzufriedenheit wirkt sich auf das Image der Organisation aus, in der sie arbeiten. Umgekehrt wirkt sich auch sie Zufriedenheit der Mitarbeitenden auf das Image aus.

5.4.1. Das Drittbild der Mitarbeitenden

Die Studie zeigt, dass bedeutende Diskrepanzen zwischen dem Drittbild der Mitarbeitenden zum Bild der Bevölkerung von der Kirche und dem Fremdbild der Bevölkerung bestehen. Die Mitarbeitenden schätzen die Meinung der Bevölkerung nur teilweise richtig ein. Die Erwartungen werden im grossen Masse unterschätzt. Vor allem die kulturellen und diakonisch-sozialen Erwartungen werden unterschätzt. Auffallend ist aber ebenso, dass die Leistungen von der Bevölkerung positiver beurteilt werden, als das im Fremdbild der Mitarbeitenden erscheint. Die Mitarbeitenden beurteilen offenbar ihre Leistungen negativer, als das die Bevölkerung tut.<33> Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Mitarbeitenden sowohl von den Mitgliedern als auch von den Ausgetretenen bedeutend positiver beurteilt werden, als sie es selber wahrnehmen. Allerdings wird das Image der Kirche weniger von den Mitarbeitenden als vielmehr von der Institution geprägt. «Bei der Frage, ob die Bevölkerung bei der RKK eher an die Kirche als Institution oder an bestimmte Mitarbeitende denkt, gaben 79% der Befragten an, an die Institution der RKK zudenken.»<34> Dabei denken die Ausgetretenen eher an die Institution als die Mitglieder. Die Verhaltensabsichten der Bevölkerung gegenüber der Kirche werden von den Mitarbeitenden ebenfalls nur teilweise richtig wahrgenommen. «Vor allem schätzen die Mitarbeitenden die negative Kommunikation in der Bevölkerung über die Kantonalkirchen bedeutend höher ein als die Bevölkerung selbst. Ausserdem sehen sie die Distanz der Bevölkerung zu den Kantonalkirchen nur bedingt.»<35> In diesen Zusammenhang gehört auch, dass die Bedeutung der Kirchensteuer für die Austrittsmotivation zu hoch eingeschätzt wird. Zu hoch wird auch die Bedeutung der Fortschrittlichkeit, des Übertritts zu einer anderen Religion und des fehlenden Glaubens eingeschätzt. Zutreffend werden hingegen die Enttäuschung der Bevölkerung und die Rückständigkeit der Kirche im Bild der Bevölkerung wahrgenommen. Falsch werden auch die Austrittsgründe «gefährdeter Kirchenmitglieder» eingeschätzt. Vor allem einer Veränderung in der religiösen Orientierung, dem fehlenden Glauben an Gott und der Kirchensteuer werden ein zu grosses Gewicht gegeben.

5.4.2. Mitarbeitendenzufriedenheit

Die Befragung zur Arbeitssituation und zur Zufriedenheit mit ihrer Tätigkeit wurde durchgeführt, weil der Stellenwert der Mitarbeitenden für den Erfolg einer Institution in den letzten Jahren immer mehr in den Mittelpunkt gerückt wurde. «Da die Mitarbeitenden die Leistung erbringen und somit verantwortlich für deren Qualität sind, erkennen immer mehr Institutionen, dass es letztlich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind, die über den Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Nur Mitarbeitende, die selbst zufrieden mit ihrer Arbeit sind, sind in der Lage, sehr gute Leistungen zu erbringen und damit zufriedene Nachfrager zu schaffen. Folglich kann man vereinfachend die Erfolgskette Mitarbeitendenzufriedenheit ­ Bevölkerungszufriedenheit ­ Erfolg unterstellen.»<36>
Die Befragung ergab, dass die Angestellten der RKK mit ihrer Arbeitssituation im Ganzen (Globalzufriedenheit) nicht sehr zufrieden sind (4,38 bei einer Sechserskala). Besser ist der Wert bei den freiwillig Mitarbeitenden (4,55). Hier ist aber ein deutlicher Handlungsbedarf angezeigt. Dabei wird vor allem die Zusammenarbeit und das zwischenmenschliche Klima kritisch beurteilt. «Dieses ist sowohl bei der ERK als auch der RKK stark verbesserungswürdig, wobei jüngere Mitarbeitende das zwischenmenschliche Klima schlechter beurteilen als ältere Mitarbeitende. Bemerkenswert ist, dass die Zusammenarbeit und das zwischenmenschliche Klima von den Mitarbeitenden der ERK besser beurteilt werden als von jenen der RKK.»<37> Diese Feststellung zeigt, dass die Mitarbeiterunzufriedenheit ein spezifisch katholisches Problem ist.
Nach den Gründen gefragt, fallen vor allem drei Stichworte auf: Zusammenarbeit, zwischenmenschliches Klima und ausbleibende Anerkennung. Dazu kommt eine durchschnittliche Bewertung der eigenen Entscheidungs- und Gestaltungskompetenzen und der Hinweis auf bestehende Arbeitshindernisse. Hier sind folgende Feststellungen bedeutsam: Über die in ihrem Arbeitsbereich erwarteten Anforderungen finden sich lediglich knapp ein Drittel der Angestellten<38> und kaum ein Fünftel der Freiwilligen<39> gut informiert. Vier Fünftel der Angestellten<40> und weit über die Hälfte der freiwillig Mitarbeitenden<41> sind tendenziell der Meinung, dass ihre Arbeit zukünftig anspruchsvoller sein wird. Zudem werden in der täglichen Arbeit bürokratische Hindernisse wahrgenommen: Etwa ein Drittel<42> stimmen der Aussage voll und ganz zu, dass die Entscheidungswege lang und unklar seien. Für einige sind auch unnötige Arbeit zu erledigen. 29,9% der Angestellten der RKK stimmen dieser Aussage voll und ganz zu.<43> Hier besteht Handlungsbedarf. Dies umso mehr als die Mitarbeitenden durchwegs hoch motiviert sind. «Sowohl die religiöse als auch die soziale Motivation sind bei Angestellten und freiwilligen Mitarbeitenden stark ausgeprägt. Dabei sind ältere Mitarbeitende motivierter als jüngere Mitarbeitende.»<44>

5.4.3. Konsequenzen

Das Problem der Anerkennung und die Frage, wie das zwischenmenschliche Klima verbessert werden kann, wird die Kirchenleitung beschäftigen müssen. Hier wird aber zuerst genauer zu fragen sein, was denn mit diesen beiden Stichworten genau gemeint ist. Die Unklarheit über das Anforderungsprofil und die Frage nach der eigenen Entscheidungs- und Gestaltungskompetenz zeigt ein Defizit in der Führung und Begleitung von Mitarbeitenden an. So fehlen etwa noch weitgehend praktikable Pflichtenhefte für die einzelnen Mitarbeitenden. Mitarbeitergespräche als Führungsinstrument werden in der RKK eben erst eingeführt. Erwartungen werden oft sehr pauschal und nicht in konkrete erfüllbare Zielsetzung umgesetzt vorgetragen. Arbeitsaufträge werden häufig ins Ungefähre formuliert, die Kultur der Zusammenarbeit müsste sorgfältiger gepflegt werden. Aus verschiedensten Organisationstypen liegen Erfahrungen und Instrumente dafür vor. Der Widerstand dagegen, auf sie zurückzugreifen und sie angepasst und modifiziert im kirchlichen Alltag einzuführen, ist allerdings ebenso spürbar wie die Klage über die Situation. Soll eine gute Kultur der Führung und Mitarbeitendenbegleitung in der Kirche eingeführt werden, so sind die Ängste ernst zu nehmen, die hier wach werden. Gleichzeitig aber ist klar zu machen, dass eine Veränderung der beklagten Situation nur möglich ist, wenn die Mitarbeitenden bereit sind, neue Instrumente der Führung und Begleitung zu akzeptieren. «Innovationen erzeugen Widerstände bei den Betroffenen ... Innovationsprozesse benötigen intensive Promotion, um nicht zu versanden ... Da die sozio-emotionale Dimension von hoher Bedeutung ist, sind wo immer möglich die Betroffenen zu Beteiligten zu machen...»<45> heisst es im letzten Abschnitt des Buches, in dem das Freiburger Management-Modell für Nonprofit-Organisationen vorgestellt wird. Die Kirchenleitung ist gefordert<46>.

 

Der promovierte Theologe Xaver Pfister leitet die Arbeitsstelle «Katholische Erwachsenenbildung Basel» und die «Informationsstelle Römisch-Katholische Kirche» Basel.


Anmerkungen

18 Erste Zahl: Ausgetretene/ Zweite Zahl: Mitglieder ohne Eigeninteresse. Erwartung liturgisch-katechetischer Leistungen: 4,03/3,84, Wichtigkeit liturgisch-katechetischer Leistungen 3,04/2,68, Selbstbezeichnung als religiös: 4,53/3,82, Bedeutung religiöser Feste: 4,22/3,82, Selbstbezeichnung als Christ/Christin: 4,6/4,05, Glaube an Auferstehung: 3,35/2,6.

19 Bei keiner anderen Gruppe ist dieser Wert so hoch.

20 Bei einigen Fragen sind ihre Werte signifikant niedriger als bei den Dienstleistungs-/Gemeinschafstorientierten. Erste Zahl Gemeinschaftsorientierte, zweite Zahl Dienstleistungs-/Gemeinschaftsorientierte: Selbstbezeichnung als religiös: 4,97/5,21, religiöse Feste wichtig: 5,27/5,66, allumfassende Religiosität: 5,1/5,3, hilfeorientierte Religiosität: 3,92/4,91, globale Zufriedenheit: 4,2/4,6, Wichtigkeit liturgisch-katechetischer Leistungen: 4,2/4,63, Bewertung liturgisch-katechetischer Leistungen: 3,95/4,66.

21 Bei keiner anderen Gruppe ist dieser Wert so hoch.

22 Werte bei der Erwartung: diakonisch-sozial: 4,78, kulturell: 4,37, liturgisch-katechetisch: 3,84.

23 3,35, ohne Eigeninteresse: 2,6, Dienstleistungsorientierte: 3,28.

24 2,95, ohne Eigeninteresse: 2,89, Gemeinschafts-/Dienstleistungsorientierte: 2,64, Dienstleistungsorientierte: 2,35, Gemeinschaftsorientierte: 2,02.

25 Ohne Eigeninteresse: 2,94, Dienstleistungsorientierte: 3,32, Gemeinschaftsorientierte: 2,95, Gemeinschafts-/Dienstleistungsorientierte: 3,48.

26 Erste Zahl Gemeinschaftsorientierte, zweite Zahl Mitarbeitende. Privatheit: 4,22/2,23, Autonomie: 3,86/2,21.

27 Gaudium et spes, Nr. 3.

28 Gaudium et spes, Nr. 4.

29 AaO., S. 20.

30 AaO., S. 22.

31 Hans Raffée, aaO., S. 30.

32 Paul M. Zulehner, «Denn du kommst unserem Tun mit deiner Gnade zuvor...» Zur Theologie der Seelsorge heute. P. Zulehner im Gespräch mit Karl Rahner, Düsseldorf 1984, S. 52.
Vgl. auch dieses Rahnerzitat: «Die transzendentale Verwiesenheit des ganzen geistigen Daseins des Menschen in Erkennen und Liebe, in der Erfahrung der Angst und Furcht vor dem Tod usw., gehört zu den wesentlichsten Grundzügen des menschlichen Daseins: Wir fangen nicht erst an, mit Gott etwas zu tun zu haben, wenn wir ihn explizit nennen, wenn wir die Erkenntnis Gottes begrifflich thematisch machen» (K. Rahner, Gotteserfahrung in Praxis des Glaubens. Geistliches Lesebuch, hrsg. K. Lehman, A. Raffelt, Freiburg 1982, S. 101f.).

33 Setzt man die Leistungsbeurteilung der Bevölkerung auf 100%, so ergeben sich für die Einschätzung durch die Mitarbeitenden folgende Werte. Tauf-, Hochzeits- und Abdankungsfeiern: 101,24%, soziale Leistungen: 97,6%, Begegnungs-/Bildungsangebote: 92,23%, Vermittlung ethischer Grundwerte: 92,03%, Seelsorge/Beratung: 90,55%, Gottesdienste: 90,54%, Religionsunterricht: 89,98%, Hausbesuche: 88,39%, Anleitung zu einem religiösen Leben: 86,81%, Engagement zur sozialen Integration: 84,09%, Jugendarbeit: 83,07%, Erhaltung kirchlicher Bauten: 82,66%, Möglichkeit zur freiwilligen Mitarbeit: 81,08%, Kirchenmusik: 81,02%. Studie, S. 222.

34 Studie, S. 97.

35 Studie, S. 283.

36 Studie, S. 284.

37 Studie, S. 284.

38 ERK 31,5%/RKK 30,4%.

39 ERK 18,8%/RKK 14,3%.

40 81% (ERK) bzw. 79,6% (RKK).

41 63,3% (ERK) bzw. 56,1% (RKK).

42 34,6% (ERK) bzw. 27% (RKK) der Angestellten und 37,6% (ERK) bzw. 23,7% (RKK) der Freiwilligen.

43 Angaben zur ERK: Studie, S. 137f., Angaben zur RKK: Studie, S. 157f.

44 Studie, S. 284.

45 Freiburger Management-Modell, S. 157, 159.

46 Im Frühjahr 2000 wird im Universitätsverlag in der Reihe «Praktische Theologie im Dialog» ein Interpretationsband zur Studie unter dem Titel «Kirche und Marktorientierung. Impulse aus der Ökumenischen Basler Kirchenstudie» erscheinen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999