48/1999

INHALT

Kirche in der Schweiz

Die Ökumenische Basler Kirchenstudie (1)

von Xaver Pfister

 

Wie können wir unsere Anliegen und unseren Auftrag besser an die Basler Bevölkerung kommunizieren? Diese Frage war der Ausgangspunkt für die Ökumenische Basler Kirchenstudie.

1. Der Ausgangspunkt

Der rasante Mitgliederschwund mit seinen einschneidenden finanziellen Konsequenzen<1> drängte diese Frage unausweichlich auf. Bei den ersten Überlegungen zu dieser Frage, beim Versuch, ein Kommunikationskonzept zu entwerfen, wurde uns bald klar, dass uns die nötigen Daten fehlten, um ein brauchbares Konzept zu entwickeln. Ohne Wissen um das, was die Menschen, mit denen wir kommunizieren wollen, beschäftigt, insbesondere ohne Wissen darüber, was diese Menschen von der Kirche halten, die mit ihnen kommunizieren will, kann ein brauchbares Kommunikationskonzept nicht entwickelt werden. So beschloss der Kirchenrat der RKK Basel-Stadt, eine Studie in Auftrag zu geben, die repräsentative und aussagekräftige Daten darüber vorlegt, wie die Kirche mit ihren Anliegen von der Bevölkerung des Kantons wahrgenommen wird. Für die gemeinsame Durchführung der Studie konnte die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt gewonnen werden. Mit der Durchführung wurde Prof. Dr. Manfred Bruhn, Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Marketing und Unternehmensführung, am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum der Universität Basel beauftragt. Für die Konzeption und Auswertung der Studie wurde ihm eine Projektgruppe, in der auch Theologen mitarbeiteten, zur Seite gestellt<2>.

2. Das Design der Studie

Ausgangspunkt für das Konzept der Kirchenstudie waren die Erfahrungen im Dienstleistungsmarketing. Befragungskonzepte aus diesem Arbeitsbereich wurden der Projektgruppe vorgelegt und von ihr für die konkrete Fragestellung überarbeitet. Dabei wurde eine dreifache Frage in den Mittelpunkt der Studie gestellt: Die Frage nach den Erwartungen der Bevölkerung an die Kirche, die Frage nach dem Urteil über die Qualität der Arbeit der Kirche und schliesslich die Frage nach der persönlichen Wichtigkeit der einzelnen Leistungen der Kirche. Im Mittelpunkt der Studie stand so die Untersuchung, wie die Bevölkerung die Qualität der von der Kirche verantworteten Dienstleistungen wahrnimmt und beurteilt. Dazu wurde nach den künftigen Verhaltensabsichten gefragt. Die Ausgetretenen wurden nach ihren Gründen für den Austritt befragt. Aus der Erkenntnis heraus, dass die Qualität von Dienstleistungen wesentlich von der Qualität der Dienstleister und von der Zufriedenheit der Mitarbeitenden abhängt<3>, wurden parallel zur Bevölkerung auch die Mitarbeitenden der beiden Kirchen, alle Festangestellten und ein grosser Teil der freiwillig Mitarbeitenden befragt. Es wurde einerseits nach ihrer Einschätzung der Meinung der Bevölkerung zur Kirche gefragt, zum andern wurde die Mitarbeitendenzufriedenheit erhoben. Dies geschah durch eine Befragung zu ihrer Arbeitssituation und zu ihren Arbeitsbedingungen. Die Offenlegung der Diskrepanzen zwischen dem Drittbild der Mitarbeitenden, das darüber Auskunft gibt, was im Urteil der Mitarbeitenden das Bild der Bevölkerung von der Kirche ist, und dem Fremdbild der Bevölkerung, das erhebt, welches Bild sie von den Kirchen zeichnet, gibt wichtige Hinweise für die Gestaltung der Kommunikation zwischen Kirchen und Bevölkerung. Ergänzt wurde die Studie schliesslich mit einigen Fragen zur Religiosität im Lebensgefühl der Basler Bevölkerung.

3. Warum gerade Marketing als Hilfsinstrument?

Schon immer hat sich die Kirche bemüht, ihrem Auftrag möglichst wirksam nachzukommen. In wechselnden gesellschaftlichen Verhältnissen hat das zu ganz unterschiedlichen Organisationsformen und Arbeitsinstrumentarien geführt. Die aktuelle Entwicklung zwingt uns dazu, Organisation und Arbeitsinstrumentarien gündlich zu überprüfen, wenn uns daran liegt, die Aufgabe der Kirche auch in veränderter Situation treu zu erfüllen.
Im Freiburger Management-Modell für Non-Profit-Organisationen<4> liegt ein Arbeitsinstrument vor, das von den Kirchen mit grossem Gewinn auf ihre eigene Organisation angewendet werden kann. Grundgedanke dieses Modelles ist es, das Ideal, die Vision der betreffenden Organisation so umzusetzen, dass sie die angestrebte Wirkung in der sie umgebenden Gesellschaft optimal und auf effiziente Weise erzielt. Darin ist die erste Definition von Marketing, wonach sich Marketing mit der Frage nach einer «marktgerichteten und marktgestaltenden Führung einer Organisation» beschäftigt, weiterentwickelt worden. «Im Zuge der Ausweitung des Marketing geht es nicht mehr nur darum, vorhandene, vorwiegend hedonistische Bedürfnisstrukturen als gegeben hinzunehmen und sich an sie anzupassen, sondern eingefahrene Bedürfnisstrukturen zu ändern zu suchen. Neben das adaptive Marketing, das vorwiegend von den erwerbswirtschaftlichen Unternehmen betrieben wird, ist also das strukturverändernde Marketing im Non-Profit-Bereich getreten.»<5> Damit wird deutlich, dass es ein auf Unwissen beruhendes Missverständnis ist, wenn man dem Instrumentarium des Marketings vorwirft, dass es notwendig zum Verrat an der Botschaft der Kirche führen würde. Dazu noch einmal Hans Raffée: «Es ist ein eklatantes Missverständnis zu meinen, dass Kirchenmarketing die Vision von Kirche verändern will. Vielmehr hat es sich an der Vision von Kirche zu orientieren, wie sie durch das Alte und das Neue Testament vorgegeben ist. Insofern setzt ein Kirchenmarketing keine neuen Inhalte, sondern versucht, die Botschaft den Menschen wirksamer zu vermitteln. Es geht beim Kirchenmarketing in erster Linie um das Ðwieð, nicht um Veränderung oder Verkürzung des Ðwasð. Zum Ðwasð bzw. zum Kern der Vision bzw. des Propriums gehört unzweifelhaft auch das ÐSkandalon des Kreuzesð. Insofern darf Kirche niemals ÐKuschelkircheð sein, wie sie vielleicht Herrn Fliege vorschwebt. Kuschelkirche, in der das Skandalon des Kreuzes nicht mehr vorkommt und die vielleicht gerade noch ein Ðweiches Sinnbedürfnisð (Steffensky) erfüllt.»<6>
Kirchenmarketing hat also nicht das Ziel, die Botschaft, der die Kirche verpflichtet ist und die nicht in ihrer Verfügungsgewalt liegt, zu korrigieren und zu verändern. Es steht vielmehr im Dienste dieser Botschaft, ja es will eine Hilfe sein, dass diese Botschaft präziser und verstehbarer kommuniziert werden kann. Kirchenmarketing will die Erfahrungen und Erkenntnisse des Marketing für die spezifischen Anliegen der Kirche nutzbar machen. Selbstverständlich wird dabei das Kommunikationsverhalten der Kirche und ihrer Vertreterinnen und Vertreter einer kritischen Prüfung unterzogen; es wird gefragt, ob ihr Verhalten förderlich oder hinderlich ist für die Kommunikation der Botschaft, der die Kirche verpflichtet ist. Dabei kann es geschehen, dass dieses Verhalten einer deutlichen Kritik ausgesetzt wird. Dieser Kritik kann man aber nicht glaubwürdig entgehen mit einem Verweis auf das bleibende Skandalon crucis. Nicht jede von den Menschen als quer erlebte Kommunikation wird so erlebt, weil ihr Inhalt das Kreuz Jesu Christi ist. Es ist durchaus möglich, dass das kommunikative Verhalten Grund für diesen Eindruck ist. Das Skandalon crucis darf nicht mit den vermeidbaren «Skandalen» einer verqueren, eigensinnigen und nicht die Lebenswelt der Menschen ernst nehmenden Kommunikationsform belastet werden. Darin liegt der Grund, dass die Basler Kirchen sich bewusst einer kritischen Überprüfung mit den Mitteln des Marketings unterziehen wollten. In allen Phasen der Planung, Durchführung und Auswertung der Studie wurde am von Hans Raffée zitierten Grundsatz festgehalten.
Das Freiburger Modell beschreibt eine vierfache Marketingaufgabe. Auf die Kirche übertragen geht es darum, dass die Kirche einen Beitrag dazu leistet, dass ihr Ideal, das Evangelium, in der Gesellschaft wirksam wird.<7> Das wird möglich durch die Erfüllung verschiedenster Dienstleistungen (Leistungsabgabeumwelt), durch Beeinflussungsleistungen, durch die Ressourcenbeschaffung und durch die Motivation und Qualifizierung der Mitarbeitenden der Kirche. Die Marketingwissenschaften stellen nun ein Instrumentarium zur Verfügung, mit dem das Marketing in diesen vier Bereichen geplant und organisiert werden kann. Es ist sinnvoll, dass die Kirche sich dieses Instrumentars bedient, um die Wirksamkeit ihrer organisatorischen Bemühungen zu verbessern. Es ist nicht auszuschliessen, dass eine derartige Überprüfung der Kommunikation der Kirchen Schwächen sichtbar macht und Perspektiven für das konkrete Handeln der Kirchen eröffnet. So ist es neben der theologischen Besinnung, die nicht Gegenstand dieses Artikels sein kann, eine wichtige Aufgabe, danach zu fragen, wie der Auftrag der Kirche, ihre Botschaft, der Bevölkerung des Kantons Basel-Stadt kommuniziert werden kann.
Die schwierige Lage der Basler Kirchen zwingt dazu, ungewohnte Wege zu versuchen. Seit Jahren verlieren sie massiv Mitglieder. 1997 ist die Zahl der Kirchenmitglieder unter die 50%-Marke gefallen. Das ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung, deren Ursachen hier nicht weiter erforscht werden können. Wichtig aber ist in diesem Zusammenhang ein doppelter Hinweis. Erstens führen diese Entwicklungen zu einer markanten Veränderung der religiösen Landschaft des Kantons. Die christlichen Kirchen repräsentieren nicht mehr eine Mehrheit der Bevölkerung; andere Religionen, insbesondere der Islam, treten deutlicher ins Bewusstsein. Die grösste Gruppe der Bevölkerung<8> versteht sich als konfessionslos. Zweitens hat diese Entwicklung auch deutlich spürbare finanzielle Konsequenzen. Die Römisch-Katholische Kirche verliert wegen der Kirchenaustritte pro Jahr eine halbe Million an Steuereinnahmen. Das zwingt zu massiven Sparmassnahmen. Stellen müssen gestrichen werden, ja auf die Länge muss die ganze Organisationsstruktur der Kirche überdacht werden. Dies führt zu einer Verunsicherung der Mitglieder und insbesondere auch der Mitarbeitenden. Verunsicherte Menschen haben es aber schwerer, ihr Anliegen, die Botschaft des Evangeliums, glaubwürdig zu vermitteln. Entgegen mancher Vermutungen führt die Verringerung der finanziellen Ressourcen nicht einfach zu einer Klärung und Profilierung der kirchlichen Präsenz im Kanton. Interne und externe Kommunikationstörungen nehmen eher zu.
Dies alles ist ein gravierender Befund, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Kirche wesentlich Communio, das heisst Kommunikation ist. Sie entsteht aus der aus sich herausdrängenden Selbstmitteilung Gottes. Ihre Aufgabe besteht darin, diese Selbstmitteilung Gottes zeichenhaft und wirksam zu bezeugen. Medard Kehl definiert in seinem wegweisenden Buch «Die Kirche, eine katholische Ekklesiologie»<9> die Kirche als eine Gemeinschaft der Glaubenden und als Sakrament der Communio Gottes. Dieser Kirchenbegriff wird trinitätstheologisch begründet: «Der christliche Glaube bekennt Gott als Einheit personaler Liebe, genauer: als Einheit eines Beziehungsgeschehens von unendlich sich verschenkender Liebe (= Vater), von unendlich sich verdankender und antwortender Liebe (= Sohn), von unendlich verbindender, das Geben und Empfangen zum Einklang und zum Überfliessen in die Schöpfung hinein bringender Liebe (= Hl. Geist).» Dies ist nicht ein müssiges theologisches Glasperlenspiel. Dieser weitere Einheitsbegriff, der in einem ausgefalteten trinitarischen Gottesbild gründet, hat zu einer Neubesinnung auf das Kirchenverständnis im 2. Vatikanum geführt. Kirche wird darin als «das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk»<10> verstanden. Communio, Kommunikation wird zum Grundbegriff einer Kirchendefinition: «Durch die in Christus grundlegend geschehene und im Hl. Geist allen Menschen eröffnete Teilhabe am Leben der dreigestaltigen Liebe Gottes ist die Kirche dazu berufen und befähigt, als Bild und Gleichnis, ja als ÐSakramentð dieser göttlichen Communio nun selbst Communio unter den Menschen zu sein, sowohl in ihrer eigenen gesellschaftlichen Gestalt, wie auch im Dienst an der universalen Versöhnung der Menschheit und der ganzen Schöpfung.»<11>

4. Warum in der Kirche von Dienstleistungen sprechen?

Viele Organisationen haben nicht Waren zu verkaufen, sie wollen Werte vermitteln und Einstellungen verändern. Ziel ihrer Kommunikation ist nicht ein Kaufvertrag, sondern eine Einstellungsveränderung, ein bestimmter Lebenstil, ein konkretes gesellschaftliches Anliegen. Ziel ihrer Kommunikation ist es aber auch, die Mittel zu beschaffen, die sie brauchen, um ihr Anliegen wirkungsvoll vertreten zu können. Man redet deshalb bei Non-Profit-Organisationen von einer mehrfachen Zielsetzung der Kommunikation. Auf der einen Seite sollen Menschen bewegt werden, sie sollen ihre kognitive Einstellung ändern oder zu einer Verhaltensänderung motiviert werden, sie sollen wertorientiert leben oder sensibel werden für soziale und ökologische Probleme. Zum andern müssen die Mittel beschafft werden, die nötig sind, dass die Non-Profit-Organisation ihre Aufgabe tatsächlich auch erfüllen kann. Die beiden Aufgaben hängen ineinander. Fehlen die Mittel, so kann die Beeinflussungsaufgabe nicht erfüllt werden. Wird die Beeinflussungsaufgabe wenig überzeugend wahrgenommen, so schwinden die Mittel. Gerade dies aber ist die Problemlage, der sich die Basler Kirchen in besonderer Weise konfrontiert sehen. Der markante Rückgang der Steuereinnahmen, der sich aus dem massiven Mitgliederrückgang ergibt, stellt die Frage nach der Mittelbeschaffung auf eine ganz neue Weise. Die Beschaffung der nötigen Mittel, der bisher kaum Beachtung geschenkt werden musste, weil die Kirchensteuern doch reichlich flossen, gewinnt eine neue Bedeutung. Dabei ist zu beachten, dass bald einmal nicht mehr genügend Mittel, um den Auftrag der Kirche wahrzunehmen, zur Verfügung stehen. Es fehlen nicht einfach die Mittel für Aufgaben, die nicht zu den zentralen Aufgaben der Kirche gehören. Gerade aus dem Anliegen heraus, als Kirche glaubwürdig und mit der nötigen Qualität in der komplexen städtischen Gesellschaft präsent zu sein, wird die Mittelbeschaffung zu einer wichtigen Aufgabe.
Die Beziehung zwischen dem Unternehmen und der Kundin ist im Dienstleistungsbereich eine andere als dort, wo ein Unternehmen Waren produziert und diese verkaufen will. Selbstverständlich kann die Botschaft, welche die Kirche zu vermitteln hat, nicht einfach mit einer Ware, einem Produkt, das verkauft wird, verglichen werden, zumal das, was die Kirche zu verkünden hat, gerade nicht gekauft werden kann, sondern Geschenk, Gnade ist. Dennoch gibt es strukturelle Analogien zwischen dem Auftrag der Kirche und dem Bemühen eines Unternehmens, seine Dienstleistungen zu verkaufen. In beiden Situationen geschieht das Entscheidende in einem Kommunikationsprozess, in dem der eine Partner den anderen für ein Drittes gewinnen will. In beiden Situationen ist Überzeugungsarbeit zu leisten, und obwohl das Dritte, das vermittelt werden soll, nicht mit dem Bemühen der Überzeugungsarbeit identisch ist, hängt einiges von deren Qualität ab, die im Marketing nicht nur die Werbung sondern auch die Qualität meint, mit der die Dienstleistung erbracht wird, und die Glaubwürdigkeit des gesamten Unternehmens.
Die Dienstleistung wird in enger Zusammenarbeit mit der Kundin erbracht. Sie wird gleichsam zu einer Mitarbeiterin. Anbieter und Kunde treten in ein Kooperationsverhältnis. Eine Feststellung, die gerade für kirchliche Dienstleistungen von besonderer Bedeutung ist. Daraus ergibt sich notwendig, dass die unterschiedliche Motivation der verschiedenen Mitgliedergruppen, welche die Basler Studie herausgearbeitet hat, wichtige Angaben sowohl für das Dienstleistungs- und Beeinflussungsmarketing als auch für eine wirksame Mittelbeschaffung liefern.
Die Unverfügbarkeit dessen, was Kirche zu verkünden hat, darf nicht davor bewahren, genau hinzuschauen, wie die Kirche diese Aufgabe wahrnimmt. Die Frage, ob sie denn die Inhalte ihrer Verkündigung so darstellen kann, dass sie verstanden werden können, und die Frage, ob ihre Dienstleistungen, etwa der Religionsunterricht, so wahrgenommen werden, dass sie durch ihre Qualität überzeugen, ist keine unschickliche Frage. Ich meine sogar, dass die unverfügbare Grösse des Inhalts, den die Kirche zu vertreten hat, zu einer ständigen sorgfältigen und selbstkritischen Überprüfung des eigenen Tuns und Lassens verpflichtet. Andere Zeiten haben aus der Überzeugung gelebt, dass keine künstlerische Anstrengung zu gross ist, um auf das Geheimnis des Göttlichen zu verweisen. Heute muss vielleicht gefordert werden, dass die Kirche jede erdenkliche Marketinganstrengung unternehmen muss, damit die strukturellen Voraussetzungen entstehen, welche ihre Aufgabe wirkungsvoll unterstützen.
Kirchenmarketing zwingt, diese Reflexion im Wissen um die möglichen Empfänger der Botschaft und Abnehmer der Dienstleistungen und ihre Einschätzung der Botschaft und Dienstleistungen wahrzunehmen. Die Hinweise auf die Bewertung der Bedeutung, der Leistungserfüllung und der persönlichen Wichtigkeit in Bezug auf die einzelnen Dienstleistungen, welche die Studie erhoben hat, sind deshalb wichtig, ebenso wichtig wie die Hinweise auf unterschiedliche Mitgliedergruppen, die sich in ihrer Einschätzung der kirchlichen Dienstleistungen und ihrer Motivation deutlich voneinander unterscheiden. Die Frage nach dem Proprium wird damit in eine konkrete, beschreibbare Landschaft gestellt. Um den Auftrag, ihre Botschaft dem heutigen Menschen zu verkünden, verantwortungsbewusst wahrnehmen zu können, sind diese Daten wichtig. Nur ein verantwortungsloser Wanderer unternimmt seine Wanderung ohne Karte. Auch wenn ihm die Karte das Ziel nicht vorgibt, so bleibt sie ein unverzichtbares Instrument, um den Weg oder die Wege zu finden, die zum Ziel führen. Wer sich in unbekanntem Gelände ohne Karte bewegt, ist in der Gefahr, sich zu verirren und das Ziel gar nie zu erreichen. Die Kirchenstudie hat uns für diese Arbeit eine interessante Karte in die Hand gegeben. Die Kirchenstudie nimmt der Kirche die Aufgabe nicht ab, sich auf ihr Proprium zu besinnen. Ja, sie fordert sie gerade heraus, danach zu fragen und im Hinblick auf die unterschiedlichen Gruppen in der Bevölkerung ihr unverwechselbares Profil und die Besonderheit ihrer Dienstleistungen darzustellen.

5. Ergebnisse der Befragung

Der Studie liegen die Ergebnisse einer computergestützten Telefonbefragung bei 1009 Personen, die im Kanton Basel-Stadt wohnen, zugrunde. Die durchschnittliche Befragungszeit betrug 20,11 Minuten. Im Einzelnen umfasst die Stichprobe folgende Personengruppen: 317 Mitglieder der Evangelisch-Reformierten Kirche (ERK), 239 Mitglieder der Römisch-Katholischen Kirche (RKK), 103 Ausgetretene der ERK, 83 Ausgetretene der RKK, 267 Personen mit einer anderen oder keiner Religionszugehörigkeit. Nach den demografischen Kriterien entspricht die Stichprobe der Gesamtbevölkerung. So kann davon ausgegangen werden, dass die Ergebnisse der Befragung tatsächlich repräsentativ sind.

5.1. Erwartungen, Qualitätsbeurteilung, persönliche Wichtigkeit

Die Aufgaben der Kirche wurden für die Studie in 14 Dienstleistungen dargestellt und in drei Leistungspakete zusammengefasst. In einer Skala von 1 (sehr schlecht) bis 6 (sehr gut) konnten die Befragten ihr Urteil abgeben. Das Ergebnis zeigt, dass die Bevölkerung hohe Erwartungen an die Kirche hat. Die Erwartungen sind vor allem im diakonisch-sozialen und im kulturellen Bereich hoch, weniger ausgeprägt sind sie im liturgisch-katechetischen Bereich. In der Regel haben ältere Menschen und Frauen höhere Erwartungen als jüngere und Männer. Die Qualitätsbeurteilung fällt kritischer aus. Die Erwartungen werden lediglich bei den kulturellen Leistungen erfüllt. In den beiden anderen Bereichen wird sie als unbefriedigend bezeichnet. Wenn man die Erwartung auf 100% normiert, so werden die liturgisch-katechetischen Erwartungen lediglich zu 91%, die diakonisch-sozialen sogar nur zu 86% erfüllt. Trotz der hohen Erwartungen wird die persönliche Wichtigkeit nur durchschnittlich bewertet. Vergleicht man nun die Werte, welche die Bevölkerungsbefragung ergab, mit den von den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vermuteten Werten, so fällt auf, dass die Mitarbeitenden sowohl die Erwartungen an ihre Arbeit als auch die Beurteilung der Qualität ihrer Arbeit deutlich unterschätzen. So ergibt sich folgendes Gesamtbild. Die Erwartungen an die Kirche sind hoch und werden von den kirchlichen Mitarbeitenden unterschätzt. Die persönliche Wichtigkeit der kirchlichen Dienstleistungen wird aber nur als durchschnittlich beurteilt. Mit der Qualität der Dienstleistungen ist man nicht zufrieden, obwohl sie besser ist, als die kirchlichen Mitarbeitenden meinen. Dabei wird nicht überraschen, dass das Bild der Kirche bei 79% der Befragten von der Institution und nicht von den Mitarbeitenden geprägt wird, die Zufriedenheit mit den Mitarbeitenden aber signifikant höher ist als die Zufriedenheit mit der Institution<12>. So ergibt sich eine paradoxe Ausgangslage: Die kirchlichen Mitarbeitenden schätzen sich selber schlechter ein als die Bevölkerung das tut. Die Studie kann so ihr Selbstwertgefühl stärken. Gleichzeitig aber werden die Leistungen nicht befriedigend beurteilt und persönlich nur als durchschnittlich wichtig betrachtet. Das heisst, die Verbesserung der Qualität der Dienstleistungen ist eine wichtige Aufgabe. Sie wird aber keine grundlegenden Veränderungen herbeiführen, weil die persönliche Wichtigkeit der Dienstleistungen von der Bevölkerung nur als durchschnittlich betrachtet wird.

5.2. Verhaltensabsichten

Eine der häufig gewählten Verhaltensabsichten ist der Kirchenaustritt. Die Antworten auf die Frage nach der Verhaltensabsicht zeigt zunächst aber, dass die Bevölkerung ihr Verhalten gegenüber den Kirchen nicht ändern möchte. Das entspricht den niederen Werten bei der Frage nach der persönlichen Wichtigkeit der einzelnen Dienstleistungen. Es ist also keine Motivation festzustellen, sich mit der Kirche intensiver auseinanderzusetzen. Das bedeutet, dass die Bemühungen, die Kirche zum Thema zu machen, nicht auf ein latent vorhandenes Interesse stossen. Kirche und Anliegen der Kirche zum Thema zu machen ist also nicht bloss eine Frage der besseren Präsentation.
Überraschend bei der Frage nach den Austrittsgründen ist, dass die Kirchensteuer nicht der alleinige Grund für den Kirchenaustritt ist. Bei der katholischen Kirche steht er sogar nicht einmal an der ersten Stelle. Dabei erhielten die sechs vorgegebenen Austrittsgründe folgende Werte: Austritt aus Enttäuschung 4,24/3,96 (Erste Zahl RKK/Zweite Zahl ERK), Kirche zu rückständig 3,68/3,12, wegen Kirchensteuer 3,25/3,85, wegen fehlenden Glaubens 2,05/1,88, wegen anderer Religion 2,03/2,24, da Kirche zu fortschrittlich 1,60/1,28. Eine Clusteranalyse ermöglicht, zwei Gruppen zu bilden, eine, die vorwiegend wegen der Kirchensteuer, und eine, die vorwiegend aus Enttäuschung ausgetreten ist. Dabei ist für die RKK die zweite Gruppe doppelt so gross wie die erste. Dass die Enttäuschung kein dem Finanzargument vorgeschobene Begründung ist, zeigt eine Feinanalyse. Die Gruppe der aus Enttäuschung Ausgetretenen beurteilt die Qualität verschiedener Dienstleistungen signifikant schlechter<13>.
Relevant sind auch die Daten zu einem möglichen Kirchenaustritt. 62,3% (ERK 59,2%) gaben an, überhaupt nicht an einen Austritt zu denken. Ein Drittel (RKK 30,5%/ERK 31,4%) haben bereits häufiger an einen Austritt gedacht. Erwartungsgemäss denken die Jüngeren (die 30- bis 39-Jährigen und die 40- bis 49-Jährigen) signifikant häufiger an einen Austritt als die Älteren (über 60-Jährigen). Im Hinblick auf ihre Verhaltensabsichten gegenüber der Kirche sind sie signifikant negativer eingestellt. Dabei ist es nun wichtig, die Gründe für einen möglichen Kirchenaustritt wahrzunehmen. Für 10,4% wäre eine andere Religion Grund für einen möglichen Austritt, für 6% der fehlende Glaube. Das wichtigste Motiv für einen möglichen Austritt ist die Rückständigkeit der Kirche. Zwei Drittel der Befragten (66,6%) stimmen der Aussage zu, dass sie wegen der Rückständigkeit austreten würden. Nur 7,6% geben an, dass die Rückständigkeit gar kein Grund zum Austritt wäre. Daraus darf wohl gefolgert werden, dass es nicht primär religiöse Fragen sind, die zur Kirchendistanz führen. Es sind Fragen, die mit dem Image der Institution Kirche zusammenhängen. Die Zahlen ermutigen dazu, sich mit dem Erscheinungsbild der Kirche und ihrem internen und externen Kommunikationsverhalten gründlich und sehr kritisch auseinanderzusetzen. Ich stimme der Aussage voll und ganz zu, dass die Kirchenkrise eine Gotteskrise sei. Diese These darf aber nicht zum Alibi werden, auf eine kritische Analyse der Institution Kirche mit dem Instrumentar von Managementlehre, Marketing und Kommunikation zu verzichten. Einen deutlichen Einfluss haben auch die Kirchensteuer und die Enttäuschung.<14> Dabei ist interessant, dass die Austrittsneigung weder vom Einkommen noch von der Nationalität der Befragten abhängt. Diese Beobachtung verstärkt noch einmal die Einsicht, dass es nicht primär finanzielle Überlegungen sind, die zum Kirchenaustritt führen. 41,8% der Befragten geben an, dass die Kirchensteuer kein Grund für einen Austritt darstellen würde. Je älter die Befragten sind, desto eher würden sie wegen der Kirchensteuer austreten. Allerdings stehen die Personen, die häufig an einen Kirchenaustritt denken, der aktuellen Finanzierungsform der Kirche kritisch gegenüber.

So wird deutlich, dass die Frage der Kirchensteuer bei genauerem Hinsehen doch ein wichtiger Grund für die Kirchenaustritte bleibt und das aktuelle Finanzierungssystem der Kirche nicht mehr selbstverständlich für richtig empfunden wird. Diese Einsicht muss Massnahmen in einer doppelten Richtung auslösen. Es muss erstens nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten für die Kirche gesucht werden.<17> Die Kirchensteuerzahlenden müssen zweitens als Kirchensteuerzahlende im Sinne eines Beschaffungsmarketings in den Blick genommen werden. Wer «bloss Kirchensteuer zahlt», darf nicht als kirchliche Karteileiche abqualifiziert werden. Er leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Kirche ihren Auftrag erfüllen kann.

 

Der promovierte Theologe Xaver Pfister leitet die Arbeitsstelle «Katholische Erwachsenenbildung Basel» und die «Informationsstelle Römisch-Katholische Kirche» Basel.


Anmerkungen

1 Vgl. SKZ Nr. 42, 1998, S. 598­604, und Nr. 43, 1998, S. 614­620.

2 Zur Projektgruppe gehörten: Manfred Bruhn; Gerhard Gerster, Informationsbeauftragter der ERK; Prof. Dr. Albrecht Grözinger, Ordinarius für Praktische Theologie am Theologischen Seminar der Universität Basel; Andreas Lischka, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Bruhn; Dr. Xaver Pfister, Informationsbeauftragter der RKK; Adrian Portmann, Doktorand an der theologischen Fakultät der Universität Basel; Dominik Schenker, Assistent am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität Freiburg/Schweiz; Florian Siems, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Bruhn.

3 Vgl. M. Bruhn, Internes Marketing als Forschungsgebiet der Marketingwissenschaft ­ eine Einführung in die theoretischen und praktischen Probleme, S. 13­62; W. R. George/C. Gröroos, Internes Marketing: Kundenorientierte Mitarbeiter auf allen Unternehmensebenen, S. 63­86 (beide in: M. Bruhn (Hrsg.), Internes Marketing. Integration der Kunden und Mitarbeiterorientierung, Wiesbaden 1995).

4 Peter Schwarz/Robert Purtschert/Charles Giroud, Das Freiburger Managment-Modell für Nonprofit-Organisationen (NPO), Bern 1995.

5 Hans Raffée, in: «Marketing ­ Irrweg oder Gebot der Vernunft? Vom Nutzen des Marketing für die Kirche», Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland, Karlsruhe 1998, S. 17.

6 AaO., S. 14.

7 Dabei ist der Hinweis darauf wichtig, dass das Evangelium als die Botschaft von der Zuwendung Gottes zu dieser Welt sich nicht bloss durch das Wirken der Kirche ereignet.

8 1990 bereits 34,8%.

9 Medard Kehl, Die Kirche, eine katholische Ekklesiologie, Würzburg 1992.

10 Lumen gentium, Nr. 4.

11 Kehl, aaO., S. 66.

12 Erste Zahl: Zufriedenheit mit der Institution. Zweite Zahl: Zufriedenheit mit den Mitarbeitenden. Vollkommen unzufrieden: 6,71%/2,61%, unzufrieden: 9,06%/3,92%, eher unzufrieden: 23,83%/10,46%, eher zufrieden: 25,84%/16,34%, zufrieden: 22,48%/38,56%, sehr zufrieden: 12,08%/28,10%.

13 Werte bei der Qualitätsbeurteilung: erste Zahl wegen Kirchensteuer Ausgetretene, zweite Zahl wegen Enttäuschung Ausgetretene. Gottesdienste: 4,88/3,61, Taufe, Hochzeit, Abdankungen: 5,06/4,15, Religionsunterricht: 4,62/3,21, Vermittlung ethischer Werte: 3,94/2,79, Anleitung zu einem religiösen Leben: 3,93/2,52.

14 19,4% stimmen dieser Aussage voll und ganz zu, für 16,4% ist Enttäuschung gar kein Grund.

15 In Basel-Stadt beträgt der Ansatz der Kirchensteuer 8% der Einkommenssteuer.

16 Manfred Bruhn (Hrsg.), Ökumenische Basler Kirchenstudie. Ergebnisse der Bevölkerungs- und Mitarbeitendenbefragung, Basel 1999, S. 106 (im Folgenden als «Studie» zitiert; erhältlich ist sie bei der Informationsstelle Römisch-Katholische Kirche, Leonhardsstrasse 45, 4051 Basel).

17 Die Basler Kirchen haben in diesem Jahr ökumenische Stiftungen eingerichtet, die der Finanzbeschaffung dienen sollen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999