43/1999

INHALT

Kirche in der Schweiz

In der Welt - für die Welt: 200 Jahre Katholische Kirche Bern

ein Gespräch zwischen Rolf Friedli, Helena Gauderon, Manfred Ruch, Elisabeth Troxler, Nicole Walther, Brigitte Zürcher, Pia Moser und Markus Friedli

 

Es sind 200 Jahre her, seit die Katholische Kirche im reformierten Bern zaghaft wieder Fuss fasste. Das nehmen fünf Frauen und Männer zum Anlass, über die aktuelle Seelsorgesituation im Dekanat Bern-Stadt nachzudenken. Geschichte und Jubiläumsanlässe lassen sie dabei weitgehend auf der Seite.<1> Die Gesprächsrunde spiegelt die Vielfarbigkeit der Berner Dekanatsversammlung.

 

Heute schon gelebt?

Pia: Das Jubiläum «In der Welt ­ für die Welt: 200 Jahre Katholische Kirche Bern» ist uns Anlass, über die aktuelle Situation in der Seelsorge im Dekanat Bern-Stadt nachzudenken. Sonnen- und Schattenseiten sollen hervortreten, Perspektiven aufgezeigt werden. Meine erste Frage: Was habt ihr heute Morgen an Seelsorge erlebt? Was habt ihr für andere getan oder für euch selbst erfahren?

Helena: Ich habe auf dem Balkon die Pflanzen gegossen und damit für meine eigene Seele gesorgt, für sie Sorge getragen. Das ist für mich unabdingbare Vorbereitung, um für andere da zu sein.

Nicole: Ich war als Kinderhexe kurz in einem Schulhaus und war dort mit einem auffälligen Kind konfrontiert. Es berichtete ganz aufgeregt, dass im Kindergarten ein Bub ein Mädchen gefesselt hat. Die Situation musste von den anwesenden Erwachsenen sofort geklärt werden.

Elisabeth: Ich war kurz im Büro und musste weggehen zu diesem Gespräch, als ein Asylbewerber dringend mit mir reden wollte. Ich musste ihn auf später vertrösten. An der Busstation trafen wir beide wieder zusammen und konnten das Wichtigste doch noch zusammen bereden.

Manfred (lachend): Im letzten «Saemann» sagt Elisabeth Schüssler Fiorenza «Wer nicht überzeugt ist von dem, was er tut, schiebt Untergebene vor.» Darum habe ich heute früh erst die Sekretärin mit Aufträgen versorgt. (ernst) Es war mit heute morgen eher flau in der Magengrube, und ich kann von keinen grossen seelsorgerlichen Aktivitäten berichten. Wie Helena habe ich auch schon zu den Pflanzen im Garten geschaut und dabei meine eigene Seele mitbegossen.

Brigitte: Bevor ich hierher gekommen bin, reichte es für einen Spaziergang mit dem Hund. Grossartiges gibt es darüber nicht zu berichten.

Rolf: Beim Erwachen blickte ich ins Gesicht unseres 14 Monate alten Sohnes, der bereits selbständig seinen Tee-Schoppen geholt hatte. Es ist wunderbar zu erleben, wie das Kind selbständig wird.

 

Sorge für die Seele ­ Sorge für den Leib?

Pia: Bei der Vorbereitung des Gespräches habe ich gemerkt, dass Seelsorge im reformierten Sprachgebrauch nicht dasselbe ist wie im katholischen Sprachgebrauch. Was heisst für euch Seelsorge?

Manfred: Als ich noch auf der Jugendseelsorge arbeitete, hörte ich oft von reformierten Gesprächspartnerinnen und -partnern, wie schwierig das wohl sei. Sie dachten dabei an lauter schwierige, vielleicht therapieähnliche, Einzelgespräche mit lauter mühsamen Jugendlichen. Ich verstehe unter Seelsorge die gesamte pastorale Arbeit ­ auch die Diakonie. Es gibt für mich keine Trennung in Leib- und Seelsorge. Obwohl diese Trennung offenbar unausrottbar ist. Ich höre in letzter Zeit immer wieder die Frage: «Und wo bleibt das Eigentliche?» Oder die Aussage: «Diakonie ist gut und recht, aber konzentrieren wir uns doch auf das Kerngeschäft.» Dahinter steckt wohl auch die Trennung in horizontal und vertikal. Kein biblischer Gedanke! Manchmal kommt bei mir dann der Verdacht auf: Diakonie ist PR, aber im Tiefsten geht es um die Sakramente, die Liturgie und die Predigt usw. Vielleicht liegt der Gedanke auch nicht fern, dass in Zeiten schwindender Steuereinnahmen unsere Behörden sich aufs Kerngeschäft konzentrieren wollen.

Elisabeth: Gibt es ein deutsches Wort für Pastoral? Umfasst Pastoral die Seel- und Leibsorge, weil die Seele den ganzen Menschen meint?

Brigitte: In der «Prairie» ist bestimmt das Ganze gemeint, ist gewiss der ganze Mensch gemeint.

Nicole: Ich sehe Seelsorge als Dienst am Lebendigen, am Leben. Für Kinderhexe und Zaubermann ist das eine sehr offene Angelegenheit in einem ganz offenen Rahmen. Was wir betreiben, ist eine aufsuchende Seelsorge. Wir gehen zu den Menschen in den Quartieren, auf der Gasse, auf den Spielplätzen, auf den Schulhöfen. Wir gehen vom Moment aus; wir müssen nichts vermitteln im Sinne traditioneller Pastoral.

Pia: Seelsorge ist Leben?

Nicole: Seelsorge ist sorgfältiger Umgang mit dem Leben, ja!

Helena: Mir ist auch schon gesagt worden, aber du solltest noch Seelsorge betreiben. Und mein Gefühl dabei war: ich mache das doch schon die ganze Zeit. Ich trenne in meiner Arbeit mit vorwiegend Jugendlichen nicht in verschiedene Bereiche. Für mich hat Seelsorge auch etwas mit Träumen zu tun. Was braucht die Seele der Jugendlichen, damit sie lebendig bleiben? Ich muss zuhören, zuschauen können. Ein feines Gehör muss ich haben für das, was sich aus den Träumen entwickeln möchte.

Rolf: Seelsorge heisst auch Räume schaffen für Geschichten, für Erzählungen, für Träume und Phantasien der Kinder. Neue Möglichkeiten für das Leben schaffen!

Nicole: Kinder haben ein enormes Defizit an verlässlichen Bezugspersonen, die mithelfen, die erwähnten Räume zu schaffen ­ die auch Zeit haben, viel Zeit.

Brigitte: In der Prairie ist das das Wesentlichste: Zeit schenken. Bei uns gehen viele Menschen mit schweren Schicksalen ein und aus. Gleichwohl sind sie oft ganz farbig geblieben; sie sind grosse Geschichtenerzählende; sie haben das Kind in sich bewahrt.

Pia: Je erwachsener ­ desto farbloser?

Brigitte: Stimmt oft!

Pia: Was ist Seelsorge in der Flüchtlingsarbeit, Elisabeth?

Elisabeth: Mir ist es wichtig, nicht immer von Defiziten auszugehen, sondern von den Ressourcen der Menschen. Oft sind viel mehr Ressourcen da, als man zunächst denkt. Entfaltung ist möglich und auch dringend nötig. Wenn ich Arbeit vermitteln kann, entstehen Kontakte zwischen Einheimischen und Asylsuchenden. Manchmal entstehen bleibende Kontakte. Mir ist es wichtig, die Menschen ernst zu nehmen und ­ wie gesagt ­ sie nicht dauernd über ihre Defizite zu definieren. Was mich manchmal traurig stimmt, ist die Beobachtung, dass Asylsuchende, zum Beispiel nach einem Gottesdienst, von den Gemeindegliedern kaum wahrgenommen werden.

 

Wie es sich lebt in der Zerstreuung

Pia: Gehen wir einen Schritt weiter im Gespräch. Seit 200 Jahren schlägt die Katholische Kirche wieder Wurzeln im reformierten Bern. Wie nehmt ihr euch wahr in diesem gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext? Wie erlebt ihr die Diaspora-Situation, die Minderheits-Situation?

Brigitte: Als Reformierte habe ich es leicht. Allerdings bin ich reformiert im katholischen Kanton Freiburg aufgewachsen. Insofern kann ich mich in die Diaspora-Situation einfühlen.

Nicole: Auf der Gasse ­ mit den Kindern ­, da gibt es noch ganz andere Minderheiten. Da gibt es viele schwache Gruppierungen, die an den Rand gedrückt werden. Auf diesem Hintergrund ist mir der Aspekt der konfessionellen Diaspora nicht wichtig.

Helena: Im Firmunterricht ­ beim Projekt «Firmung 17+» ­ spüre ich etwas von der Minderheits-Situation der Jugendlichen. Firmung bzw. Konfirmation schaffen bei vielen Jugendlichen ein Bewusstsein der Verschiedenheit. Sie fragen dann: «Was ist das Unterscheidende?» Sie fragen: «Woher kommst du? Was ist das Wesentliche am Glauben?» Mir ist wichtig, über Grenzen hinweg Vernetzung zu schaffen, das Ergänzende zu entdecken, ein Mosaik zu schaffen; es geht mir nicht darum, zusammenzuhalten oder Einheit herzustellen, schon gar nicht geht es mir um Besitzstandswahrung und Machterhaltung.

Pia: Bist du als kirchliche Jugendarbeiterin vermehrt herausgefordert, über deinen eigenen katholischen Glauben nachzudenken?

Helena: Ja, das ist so. Aber auch nachzudenken, was das Spezielle ist an der Jugendarbeit im katholischen Kontext.

Pia: Und was ist das Spezielle?

Helena: Ich habe auf diese Frage im Augenblick keine Antwort ­ (sucht) ­ nein!

Manfred: Oft ist es ganz simpel mit dem Unterschied. Ich bin von der Römisch-Katholischen Kirchgemeinde St. Marien angestellt, arbeite im Dekanat Bern-Stadt, in der Pfarrei St. Marien ­ und hier haben wir eben katholische Kinder in der Kartei. Oft überschreiten wir die Grenzen aus organisatorischen Gründen nicht, weil die Listen so und nicht anders geführt sind. Für die Menschen aus der Gründergeneration war es selbstverständich, dass man das Ghetto pflegte. «Katholisch Bern» war so etwas wie die China-Town in San Francisco; auf diese Weise wurde eine Kultur weitertransportiert. Jetzt picken wir immer noch die katholischen Kinder heraus, obwohl der konfessionelle Unterschied sonst kaum irgendwo eine Rolle spielt, kaum mehr identitätsstiftend ist. Allerdings geht mit dem Verlust des Ghettos auch der Reichtum einer Kultur verloren, und das mag man bedauern. Aber während wir vielleicht noch trauern, sind die Kinder von alledem völlig unbeleckt.

Pia: Vermisst ihr diese Kultur, die Symbole zum Beispiel, im Alltag?

Brigitte: Als Reformierte fehlt mir diesbezüglich nichts, obwohl ­ wie ich bereits gesagt habe ­ ich im Freiburgischen aufgewachsen bin.

Elisabeth: Manchmal bedaure ich den Verlust der Symbolwelt, der katholischen Kultur meinetwegen, schon. Ich bin in der Stadt Luzern aufgewachsen und bin geprägt «vo Lozärn». Es kommt hinzu, dass ich bei meiner Arbeit oft erlebe, wie Asylsuchende und Flüchtlinge und Fremde bei uns ihre Kultur zum Ausdruck bringen. Vielleicht ist der eigene Kulturverlust erschwerend für das Verständnis des Fremden.

Manfred: Bei Kindern und Jugendlichen wird durch den Religionsunterricht religiöses Leben eingeübt, das später kaum mehr wahrgenommen wird, das es im Erwachsenenleben kaum mehr gibt. So sollen Kinder beichten lernen, aber später geht niemand mehr hin. Anderseits sehe ich oft, wie Tamilinnen mit ihren Kindern längere Zeit in unserer Kirche sitzen, aber unsere Leute benutzen diesen Raum nicht. Kirchenräume sind Räume, die von Kindern und Jugendlichen nicht genutzt werden.

Helena: Die kirchlichen Räume ­ nicht nur die Gebäude ­ sind halt dogmatisch besetzt. Ich muss mir ja auch zu diesen Räumen neuen Zugang suchen. Zum Beispiel muss ich die Bibel neu lesen und dabei viel Beton wegräumen. Bei den Kindern wird der Beton zum Teil immer noch aufgetragen.

Manfred: Ich sehe das nochmals anders. Die Kinder haben gar keinen Beton wegzuräumen, weil er für sie nicht existiert. Unsere Probleme mit der Kirche sind nicht die ihren.

Helena: Aber sie bekommen diese Probleme auch noch, wenn sie später wissen wollen, wo sie stehen, was sie glauben usw., ja, dann kommen doch die Fragen. Und dann entsteht die Spaltung zwischen Glauben und Kirche; der Beton wird der Institution zugerechnet.

Manfred: Ungerecht ­ rufen wir dann ­ die Kirche ist gar nicht so, wie sie die Jungen sehen. Aber vielleicht spüren sie halt etwas, obwohl sie kaum informiert sind. Vielleicht stimmt halt etwas zutiefst nicht, und das merken die Jungen. Vielleicht täuschen wir uns über unsere eigene so genannte Offenheit.

Rolf: Ich will noch hinzufügen: Reglementierung oder Beton gibt es überall. Aber Regeln sind nicht immer lebensfeindlich, auch für Jugendliche nicht. Es braucht sie eben.

Manfred: Wir sind sehr gebrochen in der Wahl zwischen dem Festgeschriebenen, Ritualisierten, manchmal vielleicht Betonierten und dem Neuen, meinetwegen Kreativen. Für die Liturgie schreibe ich vieles neu; meinen Kollegen von der Missione Cattolica zum Beispiel käme das kaum in den Sinn. Selbstverständlich verwenden sie nur vorformulierte ­ offizielle ­ Texte. Sie haben ein anderes Verhältnis zur überkommenen religiösen Ausdrucksweise.

Helena: Wir müssen das Wertvolle behalten und zugleich neue Wege begehen.

Rolf: Es war jetzt viel die Rede von Dogmen, Glaubenssätzen ­ im negativen Sinn. Aber es gibt doch wohl einen Verkündigungsauftrag der Kirche, einen pädagogischen Auftrag ­ in meiner Sprache. Da gehören die Glaubenssätze hinzu. In Jugendhäusern gibt es beispielsweise auch einen pädagogischen Auftrag und natürlich gibt es auch so etwas wie Glaubenssätze.

Helena: Einverstanden, aber es geht darum, die lebensfreundlichen Traditionsstücke weiterzugeben und die lebensfeindlichen auszuschauben.

 

Attraktives Dekanat Bern-Stadt?

Pia: Ich gehe nochmals einen Schritt weiter: Warum arbeitet ihr im Seelsorgeraum Bern? In der Kirche überhaupt?

Nicole (lacht): Weil hier der einzige Ort ist, an dem es eine Kinderhexe/einen Zaubermann gibt. Oft sagen die Leute zu uns: Ihr seid sicher von der Stadt, und sie sind dann sehr erstaunt, wenn sie hören, dass die Römisch-Katholische Kirche dahinter steht. Sie sagen dann manchmal: Ja, so lohnt es sich, weiterhin Kirchensteuern zu bezahlen. Ich selber habe von meiner Herkunft her keinen Bezug zur Katholischen Kirche und finde es sehr spannend, an dieser Stelle zu arbeiten.

Rolf: Ich war auch ganz überrascht, als ich von dieser Stelle hörte und dass ich als Reformierter auch angestellt wurde.

Nicole: Wir erfahren bei Kinderhexe und Zaubermann viel Offenheit und Freiheit in der Arbeitsgestaltung. Es gibt ein Leitbild, aber darin bewegen wir uns frei und flexibel. Das schätzen wir enorm.

Brigitte: In der Prairie gibt es keinen Arbeitgeber. Zwar sind wir finanziell von der Kirche abhängig, aber wir gestalten unsere Arbeit frei. Sowohl Team als auch Gäste sind konfessionell und weltanschaulich gemischt. Bei den Gästen gibt es schon welche, die katholische Spielregeln erwarten und dann erstaunt sind, dass es auch ohne geht. Andere sind enttäuscht, weil ihnen die katholisch klare Linie fehlt. Beide Haltungen haben viel mit vorgefassten Meinungen und auch mit früheren Lebenserfahrungen zu tun.

Elisabeth: Im Rahmen der Pfarreiarbeit geniessen wir Sozialarbeiterinnen grosse Freiheit für Seel- und Leibsorge. Kolleginnen und Kollegen bei andern Institutionen beneiden uns manchmal darum. Wenn bald einmal im Dekanat Bern-Stadt ein neues Diakoniekonzept in Kraft tritt, ein Diakoniezentrum eingerichtet wird, dann beschneidet das natürlich unsere lokale Freiheit, aber es entstehen auch neue Möglichkeiten, und bestehende Ressourcen können besser ausgeschöpft werden.

Pia: Nehmen dich die Hilfe suchenden Menschen als katholische Sozialarbeiterin wahr? Und sind damit allenfalls bestimmte Erwartungen verknüpft?

Elisabeth: Das Bekenntnis ist kein Thema, schon eher die fixe Vorstellung: Die Kirche muss mir sowieso helfen, die kann gar nicht anders. Da kommt es dann halt zur Ernüchterung. Darüber hinaus gibt es sicher Menschen, die aus Schwellenangst nicht in ein kirchliches Zentrum kommen. Unsererseits gibt es keine ideologischen Bedingungen.

 

Was wandelt sich?

Pia: Der schon lange strapazierte Jahrtausendwechsel steht uns bevor. Die Kirche wandelt sich, im Dekanat gibt es Wandlungen ­ wie schätzt ihr diesen Kirchenwandel ein?

Manfred: Ich knüpfe an meine Aussage von vorhin an. Kirchenarbeitende haben oft das Gefühl von Offenheit und Wandelbarkeit. Wir haben dafür dann viele Beispiele. Aber manchmal befürchte ich einen Etikettenschwindel. Es sind doch die alten Bilder, die auf dem Grund durchschimmern. Andersherum gesagt: Wir Angestellten sind auf Dinge stolz, welche an der Basis gar nicht wahrgenommen werden. Also wandelt sich im besten Fall das Personal? Und ist es so, dass wir die kirchlichen, theologischen Veränderungen gar nicht kommunizieren? oder zu wenig? oder zu unverständlich? nicht attraktiv und was weiss ich noch... Darum nochmals: ändert sich wirklich etwas in der Kirche? oder ändern sich einfach ein paar Bräuche? Früher ging man am Sonntag in die Kirche ­ heute geht man nicht...

Nicole: Bleibt also am Schluss das so genannte Kerngeschäft hängen, weil das Neue nicht abgestützt ist? Ist zum Beispiel Kinderhexe/Zaubermann eine PR-Geschichte oder steht dahinter die feste Überzeugung, dass die Kirche auf die Gasse muss, zu den Menschen hingehen muss? Ist die aufsuchende Seelsorge, die Kirche als Zelt Gottes unter den Menschen wirklich fest abgestützt im Dekanat, im Kleinen und Grossen Kirchenrat, in den Pfarreien?

Elisabeth: Ich finde zum Beispiel das neue Leitbild von Dekanatsvorstand und Kleinem Kirchenrat sehr hoffnungsvoll, nicht zuletzt, weil die Diakonie klar ins Zentrum gerückt wird.

Brigitte: Das Offene Haus La Prairie ist aus der Opposition heraus entstanden, aus der Basisbewegung der siebziger und frühen achtziger Jahre. Kirche leben statt bauen oder wach auf, du kalte Kirche ­ das waren die Schlagwörter. Es ist doch sehr hoffnungsvoll, dass die im weitesten Sinn ökumenische Arbeit in der Prairie bis heute gut läuft; die Prairie ist zu einer Heimat für viele geworden. Letztes Jahr wurde das Team von der Stadt Bern sogar mit einem Sozialpreis ausgezeichnet.

Helena: Ich fühle mich manchmal hin und hergerissen zwischen dem, was immer wieder als Kerngeschäft zitiert wird, und dem, was manche als Luxus-Stellen ­ Jugendarbeit, Regionalstellen usw. ­ bezeichnen. Kommt es da zu einer Spaltung oder «verhebt das»? Hinter dieser Spaltungstendenz steht Angst. Gelingt es uns, die Angst zu überwinden? Andernfalls fürchte ich, dass man das Vertraute und Gewohnte, die territoriale Pfarrei behalten und die Luxus-Stellen aus den finanziell ertragreichen Zeiten abstossen will. Und dazu noch: wandelt sich die angstvolle Kirche so weit, dass auch die Frauen ­ gleichgestellt ­ ihren Platz darin finden? Ein grosses Potential droht verloren zu gehen. Die Abwanderung ist bereits im Gang.

Manfred: Auch die Römisch-Katholische Kirche ist längst keine einheitliche Grösse mehr. Die Grenzen verlaufen nicht mehr zwischen den Konfessionen, sondern quer durch die Konfessionen. Die zukunftsorientierte, wandelfreudigen und -mutigen Menschen tun sich querbeet zusammen. Meine minimale Hoffnung ist, dass die verschiedensten Gruppen sich gegenseitig akzeptieren und am Leben lassen. Dass der Dialog zwischen allen wirklich fruchtbar geführt werden kann, das ist doch eine Illusion.

 

Hundert Jahre später...

Pia: Wenn ihr hundert Jahre weiter denkt ­ 2099, was ist dann anders?

Elisabeth: Ich hoffe, dass bis dann mehr Energien ins Leben fliessen und nicht in die Struktur- und Ämterfrage.

Nicole: Dann werden auch Amtsträgerinnen und Amtsträger eine aufsuchende Seelsorge betreiben, die Menschen auf der Strasse aufsuchen und mit dem Zelt oder dem Zirkuswagen unterwegs sein ­ so wie jetzt Kinderhexe und Zaubermann. Es braucht viel Mut, aufzubrechen und auszubrechen, aufzusuchen und hinzugehen.

Brigitte: 2099 braucht es La Prairie immer noch.

Rolf: 2099 gibt es eine Rentner-/Rentnerinnenhexe. Die Kirche wird dann noch mehr versuchen, Menschen zu befähigen, zu ermächtigen, Ressourcen auszuschöpfen.

Helena: 2099 wird die Frauenkraft in der Kirche noch viel mehr zu spüren sein. Das Weibliche wird Einzug halten. Ohne das gibt es keine Bewahrung der Schöpfung und der Menschlichkeit. Die Männerkirche, die männliche Macht muss sich öffnen und muss bereit sein, partnerschaftlich zu teilen. Lust und Sinne bekommen ihren Platz und überhaupt: Platz dem Weiblichen!

 

In einem Satz...

Pia: Zum Schluss werfe ich jeder und jedem einen halben Satz hin, und ihr vervollständigt ihn. Die Jugend im nächsten Jahrhundert...

Helena: ...wird weiterexistieren. (Heiterkeit)

Die Arbeit in der Prairie...

Brigitte: ...wird nicht ausgehen.

Das Modell der Pfarrei innerhalb des Dekanates...

Manfred: ...wird vermutlich bleiben, aber mit durchlässigeren Grenzen.

Als Kinderhexe kann ich...

Nicole: ...auf dem Besen fliegen. (alle lachen)

Eine gerechtere Welt...

Elisabeth: ...muss auf verschiedenen Ebenen immer wieder ausprobiert werden, individuell und gesellschaftlich.

Ich bin Zaubermann geworden...

Rolf: ...weil ich gerne Narrenfreiheit habe.

Pia: Herzlichen Dank euch allen!


Am Tisch sitzen


Anmerkung

1 Vgl. dazu Alois Steiner, 200 Jahre Katholisch-Bern ­ 100 Jahre Dreifaltigkeitskirche, in: SKZ 167 (1999) Nr. 12, S. 189.


Sitten feiert und arbeitet

von Heidi Widrig

 

Im Rahmen der Vorbereitung auf das Heilige Jahr 2000 sowie der Ausstellung «Artes Fidei» in Erinnerung an das Millennium der Schenkung der Grafschaft Wallis durch König Rudolf III. von Burgund an den Bischof von Sitten fanden im Bistum Sitten verschiedene Veranstaltungen statt. In Sitten wurden zwei Abendveranstaltungen organisiert: ein Vortrag von Kardinal Carlo M. Martini, Erzbischof von Mailand, zum Thema «Biblische Symbole, Bilder und Schönheit Gottes»; und ein Vortrag des Genfer Theologen P. Georges Cottier OP, Theologe des Päpstlichen Hauses, zum Thema «Biblische Werte und Demokratie». Mitte September fand die Überschreibung des Schlosses Tourbillon an eine neue Stiftung statt, deren Mitstifter der Kanton Wallis, die Munizipal- und die Burgergemeinde Sitten sind. Im Oktober feierte das Bistum den Weihetag der Kathedrale, zu dem Bischof Norbert Brunner den Apostolischen Nuntius in der Schweiz, die Schweizer Bischofskonferenz und alle Priesterjubilare des Bistums eingeladen hatte, unter ihnen den Nuntius in Burundi, Priester aus dem Bistum.

Biblische Symbole, Bilder und Schönheit Gottes

In der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula des Kollegiums «Les Creusets» in Sitten sprach am 16. September 1999 Kardinal Carlo M. Martini, Erzbischof von Mailand, zum Thema «Biblische Symbole, Bilder und Schönheit Gottes».
Mit Dostojewski ist Kardinal Martini überzeugt, dass die «Schönheit» die Welt retten wird. Und gleichzeitig fragte er: Aber welche Schönheit? In der Bibel oder in der theologischen Sprache findet man das Wort «Schönheit» nur selten, jedoch «Gnade» oder die «Güte», das «Gute» betonte der Referent. Er liess sich dennoch von der Bibel für diesen Vortrag inspirieren, und zwar über die Symbole und Bilder, die sowohl in der Bibel gebraucht werden, um eine tiefe Wahrheit auszudrücken, als auch in der Kunst.
Der Referent stellte eine Betrachtung an über die Verklärung auf dem Berg Tabor. Der Berg ist Symbol des Ortes für das Gebet und für die Kunst; der Berg ist aber auch Ort der Versuchung in der Bibel, und er ist der Ort des Leidens bei der Kreuzigung Jesu. Kardinal Martini fragte sich, was die Jünger wohl über Jesus gedacht haben: «Wie kann dieser so gütige, demütige und einfache Mensch der Messias sein und Israel retten wollen?» Er stellte auch die Frage der heutigen Zeit: «Wie kann unsere Welt, die auf Macht und Geld gründet, sein Zeugnis annehmen, das weder auf die menschliche Macht baut noch auf den Reichtum dieser Welt?» Diese Frage ist wohl eine der zentralen Fragen, auf die Christen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend Antworten suchen und neue Visionen entwickeln müssen, um die Herausforderung der Frohen Botschaft Jesu Christi ins dritte Jahrtausend zu tragen.
Zum Schluss seines Vortrages rief Kardinal Martini die Anwesenden auf, sich stets daran zu erinnern, dass nicht alle dazu berufen sind, Künstler zu werden im eigentlichen Sinne des Wortes, aber jeder sei dazu berufen, aus seinem eigenen Leben ein Kunstwerk zu machen. Jeder Mensch könne aus seinem Leben etwas «Schönes» machen. Jeder von uns ist der Künstler seines eigenen Lebens.

Evangelische Werte und Demokratie

Am 11. Oktober 1999 sprach P. Georges Cottier OP in der Aula des Kollegiums «Les Creuset» zum philosophischen Thema «Evangelische Werte und Demokratie», das zurzeit von überaus grosser Aktualität ist.
Gleich zu Beginn präzisierte P. Cottier: Demokratie bedeutet in erster Linie die Konzeption einer Gesellschaft. Erst in zweiter Linie kann der Begriff auf ein Regierungs- und Wirtschaftssystem der Gesellschaft hinweisen. Diese zwei Bedeutungen stehen nicht im Widerspruch zueinander. Die zweite ist eher eine Verwirklichung der ersten. Die Demokratie als Konzeption einer Gesellschaft beruht auf der Anerkennung der Person. Der Ausdruck «Person» war dann auch das Schlüsselwort des Vortrages von P. Cottier. Die Person ist normativ. Sie gibt der Gesellschaft die Norm. Der Staat ist im Dienste der Gesellschaft. Die Person ist das Herz für die Gesellschaft. Damit Demokratie wird, braucht es die aktive Beteiligung sowie die Initiative der Person an der Demokratie. Bezüglich der Rechte und Pflichten der Person in der Gesellschaft wies P. Cottier auf die Pastoralkonstitution «Gaudium et Spes» hin, wo es bezüglich der gegenseitigen Abhängigkeit der menschlichen Person und der menschlichen Gesellschaft heisst: «Aus der gesellschaftlichen Natur des Menschen geht hervor, dass der Fortschritt der menschlichen Person und das Wachsen der Gesellschaft als solcher sich gegenseitig bedingen. Wurzelgrund nämlich, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen ist und muss auch sein die menschliche Person, die ja von ihrem Wesen selbst her des gesellschaftlichen Lebens durchaus bedarf.»
Im zweiten Teil seines Vortrages sprach P. Cottier über die evangelischen, ethischen Werte der menschlichen Person vor allem in Bezug auf die menschliche Freiheit. Diese Überlegungen des Referenten über die menschliche Freiheit, Freiheit und Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit gaben in der nachfolgenden Diskussionsrunde reichlich Stoff für Fragen.

Kathedralweihe-Tag

Am 10. Oktober 1999, einem strahlenden Herbsttag, feierte Bischof Norbert Brunner in der Kathedrale den Festgottesdienst zum Gedenken an die Kathedralweihe. Mit ihm konzelebrierten der Apostolische Nuntius, Mgr. Pier Giacomo de Nicolò, zwei Walliser Erzbischöfe, drei Weihbischöfe aus den Diözesen Chur und Lausanne-Genf-Freiburg, der neue Abt von St-Maurice, alle Priesterjubilare dieses Jahres sowie eine grosse Zahl Diözesanpriester.
Der Bischof begrüsste alle anwesenden Gläubigen mit dem Wunsch, «auf dem Weg zum Vater» ­ so das Motto des diesjährigen Vorbereitungsjahres im Bistum Sitten auf das Jubiläum 2000 ­ einen besinnlichen Halt einzulegen, um Kraft zu schöpfen für den weiteren Weg.
Zu Beginn des Gottesdienstes wurde der Gedanke der Vergebung ­ ein Schwerpunkt des Gott-Vater-Jahres ­ besonders hervorgehoben. In grossen Steinkrügen wurde Wasser zum Altar getragen, währenddessen besinnliche Texte gelesen wurden: «Das Wasser erinnert uns an die wahre Quelle, die in der Tiefe des Menschen ist. Dort, in unserem eigenen Herzen und im Herzen unserer Brüder und Schwestern, müssen wir die Gegenwart des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes neu entdecken...» Symbolisch wusch der Bischof nicht nur sich die Hände in diesem Wasser, dem Symbol der Reinigung, sondern auch einer Reihe von Laien, Ordensleuten und Priestern.
Bischof Norbert Brunner dankte in seiner Predigt vor allem den Priesterjubilaren für ihre Treue und wünschte ihnen, dass sie auch in Zukunft treue Zeugen der göttlichen Liebe bleiben. Unter den Jubilaren befand sich auch der Oberwalliser, Mgr. Emil Paul Tscherrig, Nuntius in Burundi, der für diese Feier in seine Heimat gekommen war.
Der Bischof lud alle Gläubigen ein, den Weg des Guten zu gehen, vor allem in der «überschaubaren» Welt des Alltages ­ in der eigenen Familie. Die unermessliche Liebe des Vaters immer wieder neu in der Familie entdecken heisst auch, immer wieder bereit sein zur Versöhnung. «Gut sein zu den Eltern und den Kindern; sie in ihrer Verschiedenheit annehmen; zulassen, das sie ihre eigenen Wege gehen; sie auf diesen Wegen mit Güte und Gebet begleiten.»
Am Schluss der Festmesse ergriff der Vertreter des Papstes in der Schweiz, der Apostolische Nuntius Pier Giacomo de Nicolò das Wort. Er brachte seine Freude zum Ausdruck, an dieser Feier teilnehmen zu können. Er erinnerte an die Berufung, die jeder Gläubige von Gott erhalten hat. Zum Schluss fasste er seine Wünsche in ein Gebet, dass er mit viel Innigkeit singend vortrug. Dieser Gesang brachte ihm den Applaus der Gläubigen ein, denn ­ wo ist man es sich heute gewohnt, dass ein Vertreter des Papstes seine Grüsse singend überbringt?

Stiftung «Schloss Tourbillon»

Am 15. September 1999 hat Bischof Norbert Brunner das Schloss Tourbillon in Sitten einer Stiftung überschrieben. Die Stiftung hat den Zweck, die Überreste des ehemaligen Bischofsschlosses auf Tourbillon zu erhalten, so dass die Besucher wie bisher auch in Zukunft dieses historisch bedeutende Bauwerk besichtigen können.
Schon seit vielen Jahren hat die öffentliche Hand ­ der Staat Wallis, die Stadtgemeinde und die Burgergemeinde Sitten ­ unter Zuzug der Bundessubventionen, den Unterhalt des «Schlosses Tourbillon» sichergestellt; zur konkreten Wahrnehmung dieser Arbeiten wurde ein Komitee beauftragt.
Die Stifter der nun errichteten Stiftung sind der Staat Wallis, die Munizipalgemeinde Sitten, die Burgergemeinde Sitten und die bischöfliche «Mensa». Die Übertragung ist eine Notwendigkeit, um den Erhalt dieses Wahrzeichens der Bischofsstadt Sitten für die Zukunft zu sichern.

Ausstellung «Kirchliche Berufe»

Ohne Werbung läuft in Wirtschaft und Industrie nichts. Warum also nicht auch einmal Werbung für kirchliche Berufe machen? Das haben sich sieben Pfarreien aus dem Oberwallis gefragt und praktisch umgesetzt.
Kirchliche Berufe fallen nicht vom Himmel. Sie wachsen auf dem Boden der Pfarreien. Diese müssen den Boden bereiten für Berufungen und Berufe der Kirche. Sieben Pfarrei-Regionen aus dem Oberwallis und das Kollegium Brig haben eine Wanderausstellung «Kirchliche Berufe», die die IKB Schweiz zusammengestellt hat, auf die Oberwalliser Gegebenheiten hin überarbeitet und Ausstellungsorte organisiert. Die Ausstellung ist seit dem 17. September und noch bis zum 19. November 1999 unterwegs.
Bischof Norbert Brunner war bei der Eröffnung dabei und wird auch am Abschluss in Fiesch teilnehmen.

 

Heidi Widrig ist Mitarbeiterin namentlich des Informationsdienstes im Bischöflichen Ordinariat Sitten.


Damit die Botschaft ankommt

von Marie-Thérèse Weber-Gobet

 

Die Vorherrschaft der Kirche in Sachen Information ist längst vorbei. Die Pfarreien müssen sich beim Vermitteln der christlichen Botschaft an die heute geltenden Regeln der Kommunikation halten. So lautet die Quintessenz der jüngsten Versammlung der Priester, Laienseelsorgerinnen und -seelsorger des Dekanates hl. Petrus Kanisius im Bildungszentrum Burgbühl, St. Antoni. «Öffentlichkeitsarbeit in der Seelsorge von heute» war das Hauptthema des Anlasses.
Wir leben in einer multimedialen Gesellschaft. Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften, Plakate, Internet und weitere Informationskanäle kämpfen um die Gunst des Publikums. Das hat Konsequenzen: bis hin zur Verkündigung des Wortes Gottes, bis hin zum Verständnis und zur Gestaltung von Pfarrei als kirchliche Gemeinschaft. Was heisst das nun für die in der Seelsorge Tätigen? Diese Frage stand im Zentrum dieser Dekanatsversammlung der Seelsorgerinnen und Seelsorger Deutschfreiburgs. Als Experte in Sachen Kommunikation vermochte Iwan Rickenbacher, Schwyz, Antworten und Impulse zu geben.
«War es in der mittelalterlichen Gesellschaft die Kirche, die mit ihrer Botschaft regelmässig praktisch alle Menschen erreichte, so sind es jetzt die Medien insgesamt», erläuterte der Referent. Ganz konkret befindet sich die Kirche heute im Wettbewerb um Zeit und Aufmerksamkeitsanteile der Menschen. Die Kirche ist längst nicht mehr die einzige normierende Instanz, die Stimme, auf welche auf alle Fälle gehört wird. Wie also kommunizieren, damit die Botschaft ankommt?

Am Image der Kirche arbeiten

Botschaften haben es dann schwer, gehört und verarbeitet zu werden, wenn das «Image», das Bild, das einzelne Menschen vom Absender haben, schlecht oder angeschlagen ist. Die Kirche gehört heute zu den Absendern, die in der breiten Öffentlichkeit mit dem Image zu kämpfen haben. Laut Rickenbacher hat das verschiedene Gründe. Unter anderem beruhe das aktuelle Bild der Kirche auf vermittelten Eindrücken, da die direkten Kontakte der meisten Menschen zur Kirche selten seien. Darum gelte es, das Augenmerk darauf zu richten, wie die Kirche, die Pfarrei in den verschiedenen Kommunikationskanälen aufscheine. Wirken die kirchlichen Informationen glaubwürdig? Liegen die vermittelten Botschaften im Erfahrungshorizont des Informationsbezügers?

Aufrüttelnde Themen vorausschauend publik machen

«Da nicht alle Menschen ihre Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse gleich befriedigen, muss die Kirche, will sie viele Menschen mit ihrer Botschaft erreichen, vielfach in verschiedenen Medien repräsentiert sein», so lautet eine weitere vom Referenten formulierte praktische Konsequenz. Daneben gelte es, Themen vorausschauend zu bearbeiten und publik zu machen, die eine breite Öffentlichkeit interessieren, betreffen und aufrütteln. Wichtig sei zudem, dass die Kommunikation in einem allgemein verständlichen Stil daher komme: «Was nicht verstanden wird, wird nicht kommuniziert.»
Ein Trumpf der Kirche sei ihre ethisch-moralische Fundierung. Sie bilde ein Gegengewicht zum rein wisrtschaftlichen Denken, in dem nur die Leistung zählt. Als Vorteil nützen lasse sich die gegenwärtige Tendenz vieler Menschen, allem Staatlichen mit Misstrauen zu begegnen: «Die Chance der Kirche liegt darin, jenseits von staatlichen Regelungen Möglichkeiten der Begegnung, der Auseinandersetzung und der Lösungsfindung anzubieten.» Diese sollten dann auch in der Öffentlichkeit publik gemacht werden.

Kommunikationskonzept erstellen

Iwan Rickenbacher ermunterte die Seelsorgerinnen und Seelsorger, in ihrer Pfarrei ­ falls noch nicht vorhanden ­ ein Kommunikationskonzept auszuarbeiten. Darin gelte es unter anderem Kommunikationsziele auszuformulieren, Zielgruppen zu definieren und Klarheit über die Schlüsselbotschaften zu erhalten. Ein wichtiges Mittel der Informationsvermittlung auf Pfarreiebene sei das Pfarr- bzw. Pfarreiblatt. Es lohne sich, ein besonderes Augenmerk auf die Gestaltung des Pfarreiblattes zu legen. In diesem Infokanal müssten «Auferstehungsbotschaften» und weniger Bilder von Leiden und Tod vermittelt werden.

 

Marie-Thérèse Weber-Gobet ist Leiterin der deutschsprachigen Informations- und Medienstelle des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999