41/1999

INHALT

Kirche in der Schweiz

Missionarischer Personalaustausch - heute noch?

von Paul Jeannerat

 

Unsere Ortskirche ist eine Frucht der missionarischen Anstrengungen der überseeischen Schwesterkirchen. Fast tausend Missionarinnen und Missionare sind in unserem Land gestorben. Und heute noch arbeiten viele Seite an Seite mit uns Bischöfen, mit den einheimischen Priestern, Ordensfrauen, Ordensmännern, Katechetinnen und Katecheten.» So schreiben die neun Bischöfe von Haiti in ihrer «Botschaft zum Sonntag der Weltmission 1999»<1>. So viel empfangen zu haben, erfüllt die Kirche von Haiti mit grosser Dankbarkeit.
Gleich im folgenden Satz fügen sie bei, dass ihre Diözesen und Ordensgemeinschaften nun auch Gebende geworden sind: «Heute ist die Kirche von Haiti ihrerseits missionarisch geworden. Haitianische Missionarinnen und Missionare wirken in der Dominikanischen Republik, in Kolumbien, auf Kuba und Madagaskar, auf den Antillen und in andern Ländern. Auch aus den USA erhalten wir dringende Anfragen.» Dass sie selber missionarisches Personal aussenden können, erfüllt die Bischöfe mit Genugtuung. In der Tat: Ein Missionsgebiet, das unter der Leitung einheimischer Amtsträger steht und selber Missionarinnen und Missionare in andere Länder aussendet, ist selbständig, erwachsen, reif, gleichberechtigt ­ ist «Ortskirche». Die Bistümer von Haiti ­ und das gilt für die meisten ehemaligen Missionsgebiete ­ dürfen nicht mehr «Missionen» und nicht mehr «junge Kirchen» genannt werden. Sie sind Schwesterkirchen geworden. Dieses fast stolze Selbstbewusstsein prägt die genannte Botschaft der haitianischen Bischöfe.
Hier stellen sich aber auch Fragen: Soll beispielsweise die Kirche in der Schweiz weiterhin Missionarinnen und Missionare nach Haiti senden, wenn die dortigen Ortskirchen so viel einheimisches Personal haben, dass sie ihrerseits «hinausgehen» (vgl. Mt 28,19) können? Und umgekehrt: Sollen Ortskirchen wie die schweizerischen Bistümer, die im Laufe der Jahre Hunderte von Missionarinnen und Missionaren ausgesandt haben, nun selber Priester und Ordensfrauen aus andern Ländern für pastorale und diakonische Aufgaben anwerben und aufnehmen?
Das Zweite Vatikanische Konzil spricht davon, dass die «Teilkirchen» «Gütergemeinschaft» untereinander haben: «Zwischen den verschiedenen Teilen der Kirche bestehen Bande einer innigen Gemeinschaft der geistlichen Güter, der apostolischen Arbeiter und der zeitlichen Hilfsmittel» (Lumen gentium, 13). Dieser «Austausch» von pastoralen Impulsen, Personal und Geld ist zum Schlüsselbegriff der Missionswissenschaft und -praxis geworden. Es gilt, konkreter zu fragen: Was kann der Personal-Austausch der Kirche bringen und wie soll er gestaltet sein?

Warum Haiti Missionarinnen und Missionare braucht

Im Reisebericht, den Missio-Direktor P. Damian Weber nach seinem Besuch der Kirche in Haiti (10.­20.1.1999) verfasste, wird die Präsenz ausländischen kirchlichen Personals auffällig häufig thematisiert.
Der Bischof von Gonaives, Emanuel Constant, der selber aus dem haitianischen Volk stammt, hat 62 Priester für sein Bistum mit 700000 Katholiken zur Verfügung (wovon deren 4 bei Exil-Haitianern in der USA wirken), prozentual also recht viel. Im nationalen Priesterseminar studieren zudem aus seinem Bistum 22 junge Männer. Dennoch ist er der festen Meinung, dass sein Bistum unbedingt noch Missionarinnen und Missionare nötig hat: «Auch wenn wir einmal genügend einheimische Priester hätten, bräuchten wir immer noch Gesandte anderer Ortskirchen, damit wir Abbild der weltweiten Kirche bleiben. Die Missionare bringen ein, was sie können, wir tun das unsrige, und zusammen sind wir Kirche.» Nach seiner Meinung soll also der kirchliche Personal-Austausch nicht nur einem Ungleichgewicht steuern, wie dies früher der Fall war, sondern die «Communio» über die Grenzen der Kulturen und Nationen zum Ausdruck bringen.
Der Präsident der haitianischen Bischofskonferenz, Hubert Constant OMI, Bischof von Fort-Liberté, bringt in ehrlicher Weise den finanziellen Aspekt ins Gespräch: «Unsere Diözese ist nur lebensfähig, weil die ausländischen Missionarinnen und Missionare Wohltäter haben. Hätten wir diese nicht, hätten wir auch keine Freunde.»
Der Präsident der Konferenz der Ordensgemeinschaften Haitis CRH, P. Firto Regis, unterscheidet beim missionarischen Personal zwei Kategorien: Die einen arbeiten in den traditionellen Sektoren der kirchlichen Tätigkeit, wie Pfarreien und Schulen, die andern arbeiten in sozialen Bereichen, in den verslumten Vororten der Städte und in den abgelegenen Berggegenden; sie «tun nicht etwas für das Volk, sondern suchen mit dem Volk einen Weg».
Auch wenn P. Firto der festen Meinung ist, dass es «die traditionelleren Missionare immer noch braucht», ist er der Ansicht, dass die missionarischen Ordensleute zur zweiten Gruppe gehören sollten: «Wir Haitianer sehen bald, wer ein Ðwirklicherð Missionar ist und wer nicht. Wirkliche Missionare sehen, was die Menschen brauchen.» Cheminer avec le peuple nennt er diese missionarische Lebensweise.
Innerhalb der Konferenz der Ordensgemeinschaften Haitis CHR besteht die Untergruppe CRIMPO (Commission des religieux insérés dans le milieu populaire). Vreni Blickisdorf, Mitglied der Laienmissionarinnen von Freiburg (Schweiz) und Mitarbeiterin der CRIMPO, findet, die kirchlichen Bildungswege Haitis seien noch «zu sehr an Systeme und Strukturen angepasst», und allzu oft werde in ihnen die haitianische Mentalität gefördert, die besagt: Wer studiert, braucht nicht mehr zu arbeiten. «Ich treffe immer noch zu viele Seminaristen, die sich zu gut sind, ihre Hände dreckig zu machen», klagt sie. Nach Auffassung von CRIMPO sind also Missionarinnen und Missionare bedeutsam für den «Standort», den die Kirche in Haiti innerhalb der Zivilgesellschaft einnimmt: verwurzelt im Volk oder vor allem verankert bei der kleinen, reichen Oberschicht. Wenn sie durch ihren Lebensstil ein «Zeugnis ohne Worte» ablegen (Evangelii nuntiandi, 21), können sie innerhalb einer Ortskirche Ferment für eine Kirche der Armen sein.
Die Bistümer von Haiti ­ und viele andere Ortskirchen aller Kontinente ­ brauchen also noch Missionarinnen und Missionare, solche, die bereit sind, «zu den verlorenen Schafen» zu gehen (vgl. «die Aussendung der Zwölf» in Mt 10) und sich die Hände schmutzig zu machen. Nach dem (viel zu früh verstorbenen) Missionswissenschaftler Anton Peter SMB muss einer solchen «Präsenzmission» eine «eigene missiologische und theologische Dignität zuerkannt« werden: «Christliche Präsenz» ist nicht mehr nur als «notwendige Vorstufe der eigentlichen Mission» zu bezeichnen, sondern ist eine «eigenständige Form missionarischen Handelns»<2>, die heute von grösster Aktualität ist.

Braucht die Schweiz ausländische Missionarinnen und Missionare?

Seit einigen Jahren übernimmt kirchliches Personal aus Entwicklungsländern bei uns zeitlich befristet oder auch unbefristet bestimmte Aufgaben in der Seelsorge und Diakonie: Studenten der Universität, die sich ihr Nachdiplomstudium als Priester-Aushilfe finanzieren, Ordensfrauen, die in einem Spital arbeiten oder einem Bischof den Haushalt besorgen, oder Priester, die unsere Sprache gelernt haben und einen befristeten «Missionseinsatz» bei uns leisten. Zum Beispiel hat die Pfarrei Zollikofen (BE), der ich angehöre, von September 1999 an zum dritten Mal einen Priester aus Nigeria angestellt, der mit drei Pastoralassistenten/-assistentinnen die Pfarrei betreut.
Wie ist diese Entwicklung zu beurteilen? Kann man sagen «die Botschaft kehrt zurück» in der Gestalt von Personen aus ehemaligen Missionsländern? Ist es grundsätzlich für jede Ortskirche von Vorteil, wenn sie unter ihren pastoralen Mitarbeitern Frauen und Männer verschiedener Herkunft hat, damit durch sie die Weltkirche repräsentiert wird (vgl. oben die Aussage von Bischof E. Constant)? Welche Voraussetzungen sind nötig, welche Vorbereitungen zu treffen?
Ideal wäre, wenn für diese Einsätze dieselben Kriterien angewandt würden wie für die Missionarinnen und Missionare in Haiti: Ordensleute und Priester aus den Kirchen anderer Kontinente, die hier «Präsenzmission» leisten, «Zeugnis ohne Worte» leben und pastorale Impulse aus ihrem Herkunftsland einbringen, können das Weltweite unserer Kirche repräsentieren und so segensreich wirken.
Die Realität sieht aber anders aus: Oft werden Priester als Lückenbüsser eingesetzt, verdienen vergleichsweise viel und unterstützen damit die Pfarrei ihrer Herkunft. Einzelne bauen zudem ein kleines «Hilfswerk» für ein Projekt in ihrer Heimat auf. Wenn sie heimkehren, bringen sie viel Geld mit und können (parallel zur oben erwähnten Aussage von Bischof Hubert Constant) damit zeigen, wie viele gute Freunde sie in der Schweiz haben. Ordensfrauen werden angestellt, weil für untergeordnete Aufgaben keine eigenen Leute mehr zur Verfügung stehen, manchmal sogar so, dass sie keine Möglichkeit haben, mit ihrer Umgebung in Kontakt zu kommen.

Fidei-Donum retour

In Basel wurden in den letzten Jahren interessante Experimente versucht: Im Katholischen Dekanat leistete der Peruaner Freddy Valdivia von 1997 bis 1999 Dienste als Priester und gleichzeitig als Mitglied der Arbeitsgruppe MIB (Missionarische Information und Bildung), und in der reformierten Kirche tauschte eine Musikerin mehrmals für eine bestimmte Zeit ihren Orgeltisch mit einer brasilianischen Kollegin. Diese beiden Versuche wurden durch die Basler Kirchen an einer Pressekonferenz (15. Januar 1997) als «Kulturaustausch in der Kirche» bezeichnet, und die KIPA titelte ihren Bericht mit «Die Kirche in Europa hat eine Lebensinjektion nötig». Seelsorgeratspräsident Hans Peter Roth sagte an dieser Pressekonferenz: «Ich habe grosse Hoffnung, dass man ihm (dem peruanischen Priester) abnimmt, was ein hiesiger Priester nicht sagen dürfte.» Und Freddy Valdivia seinerseits sagte, er «möchte die feiernde Gottesdienstgemeinde zur lebendigen Gemeinde werden lassen». Der Einsatz von Freddy Valdivia kam auf Initiative der Missionskonferenz DRL zustande, die seit Jahren versucht, mit der Idee «Fidei-donum retour» (Priester, Ordensfrauen und Katecheten/Katechetinnen aus Ländern des Südens im Pastoraleinsatz bei uns) den weltkirchlichen Austausch zu fördern. Die Kirche von Basel-Stadt hat damit so gute Erfahrungen gemacht, dass das Projekt weitergeführt wird: Ab August 1999 ist dort der zairisch-kongolesische Priester Joseph Kalamba als Nachfolger von F. Valdivia tätig.
Die Steyler-Missionare, die eine internationale Gemeinschaft sind, haben im Bistum St. Gallen ein ähnliches Projekt verwirklicht: In Thal/Rheineck wirkt der indonesische Steyler-Pater Yustinus Mat als Kaplan zusammen mit dem früheren Indonesien-Missionar Bernhard Raas SVD als Pfarrer.
Solche Initiativen sind zu begrüssen, weil die Einsätze sorgfältig abgeklärt und die aussereuropäischen Personen auch begleitet werden. Genau wie Missionarinnen und Missionare, die von der Schweiz in andere Länder ausgesandt werden, gründlich vorbereitet werden, müssen nämlich auch solche, die aus andern Ländern zu uns kommen, geprüft und geschult werden. Gemäss dem Konzept der Missionskonferenz DRL bedarf dieser Personalaustausch einer intensiven Vorbereitung sowohl auf der Seite der empfangenden Pfarrei als auch auf der Seite des Gastes. Die Einsätze sollen zeitlich befristet sein, «in Verantwortung einer Diözese stehen, mit klarem Konzept, unter Eingliederung des Gastes in einem Seelsorgeteam, nicht zur Abdeckung vakanter Seelsorge-Stellen»<3>. Nach meinen Beobachtungen werden diese Anforderungen aber nicht überall erfüllt.
Meines Erachtens sollten die missionarischen Gremien der Kirche in der Schweiz sich dieser Situation möglichst bald annehmen. Es sollte geprüft werden, ob Richtlinien zu erarbeiten sind für Werbung und Einsatz von Priestern, Ordensfrauen und Laien aus andern Kulturkreisen (und vielleicht auch für Priester aus Polen?) sowie für die Begleitung jener, die bei uns seelsorgerliche und diakonische Dienste leisten. Das «weltweit miteinander Kirche sein» braucht auch für den Personal-Austausch grosse Sorgfalt!
Gleichzeitig sind die schweizerischen Missionarinnen und Missionare nicht zu vernachlässigen: Es braucht sie weiterhin! Sie verdienen unsere Ermutigung und Unterstützung.

 

Paul Jeannerat ist theologischer Mitarbeiter von Missio und Sekretär des Schweizerischen Katholischen Missionsrates.


Anmerkungen

1 Diese Botschaft ist im Arbeitsheft 1999 von Missio Schweiz-Liechtenstein «Das Leben suchen» und auszugsweise in SKZ 26­27/1999 publiziert.

2 Anton Peter, Christliche Präsenz als missionarisches Konzept, in: Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft, Immensee, 54/1998/4.

3 Protokoll der Sitzung der Missionskonferenz DRL vom 8.11.1997


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999