38/1999

INHALT

Kirche in der Schweiz

Zweiter Priesterrat mit Bischof Amédée Grab

von Martin Kopp

 

Am 15. September 1999 trat der Priesterrat der Diözese Chur in Einsiedeln zu seiner zweiten Sitzung mit Bischof Amédée Grab und den beiden Weihbischöfen zusammen. Zuhanden der Schweizer Delegation bei der Bischofssynode zum Bischofsamt im Jahr 2000 in Rom äusserte der Rat, das Vertrauen sei die Grundlage für jede Tätigkeit des Bischofs und sein Zusammenwirken mit den Seelsorgern. Als eine der wichtigsten Aufgaben des Bischofs sah der Priesterrat die Seelsorge an den Seelsorgern, auch an den so genannten Laien-Seelsorgern. Im Hinblick auf die Weltkirche wünschte der Rat eine stärkere Betonung der Eigenständigkeit der Bischöfe und der Bischofskonferenzen. Es müsse nicht alles in Rom verhandelt werden, was am Ort gelöst werden könne.
Erneut gab der Priesterrat grünes Licht für die zu errichtende Pastoralkonferenz des Bistums Chur. Nach langjähriger Pause wird damit der diözesane Seelsorgerat neu ins Leben gerufen, und zwar in der Form einer Konferenz der kantonalen Seelsorgeräte, die dadurch ein Forum des Austausches untereinander und mit den Bischöfen erhalten.
Der Priesterrat nahm zur Kenntnis, dass die von ihm gewünschte und gewählte Begleitkommission für die Ausbildungsfragen intensiv an der Arbeit ist und vorrangig die in mehrerer Hinsicht schwierige Situation der Theologischen Hochschule und des Seminars St. Luzi in Chur im Blick hat. Die Kommission will alle Möglichkeiten zur Neubelebung und Konsolidierung von St. Luzi genau prüfen.
Ausserdem wurde die Frage behandelt, in welcher Weise die in den letzten Jahren vermehrt eingesetzten Gemeindeleiterinnen und Gemeindeleiter mit den zuständigen Priestern zusammenwirken sollen. Der Priesterrat erkennt, dass die Einführung neuer Modelle der Gemeindeleitung manche noch ungelöste Frage aufwirft, und will diese Frage weiter verfolgen.

 

Dr. Martin Kopp ist Präsident des Priesterrates des Bistums Chur.


30 Jahre Katholische Bibelföderation

von Daniel Kosch

 

Mit einem Festakt in Rom feierte die Katholische Bibelföderation (KBF) am 9. Mai 1999 ihr 30-jähriges Bestehen. Der Festakt fand im Beisein von Bischöfen und Verantwortlichen für die Bibelpastoral aus allen Kontinenten statt. Erstmals wurde dabei die künftige Generalsekretärin ­ die Laiin Clara María Diaz aus Kolumbien ­ einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Unter ihrer Leitung wird zurzeit die nächste Vollversammlung der KBF im Jahr 2002 geplant.

Lebensbezogener Zugang zur Bibel

Die Katholische Bibelföderation ist der internationale Zusammenschluss aller Institutionen, die sich dafür einsetzen, dass möglichst viele Menschen einen einfachen und lebensbezogenen Zugang zur Bibel finden. Sie verwirklicht wichtige Postulate des 2. Vatikanischen Konzils: Die Bibel als «Seele der Theologie» und Grundorientierung für das Leben der Kirche, die Zusammenarbeit von Bischöfen, Priestern und Laien in der Pastoral, die aktive Beteiligung des gesamten Volkes Gottes sowie die Öffnung für die «Welt», das heisst die wirtschaftliche und soziale Lebenswelt der Menschen von heute und die Realität des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus.

30 Jahre lebendiges und vielfältiges Leben der KBF

Eindrücklich zeigte die Feier in der Benediktiner-Abtei S. Anselmo die Vielfalt und Lebendigkeit der internationalen Föderation: Sie verband eine schlichte liturgische Feier mit Berichten aus allen Kontinenten und mit einer Reflexion über den Weg «Von der Schrift zum Gebet» ­ vorgetragen von Enzo Bianchi, dem Prior der ökumenischen Kommunität von Boze (I). Die Bibel will nicht nur gelesen und wissenschaftlich oder in der Predigt ausgelegt, sondern auch gefeiert und gelebt werden. Sie ist kein Buch bloss für «Experten und Expertinnen», sondern ein Buch, zu dem alle «leichten Zugang finden sollen». Zu Worte kamen nicht nur Bischöfe und Theologen, sondern zum Beispiel auch eine indonesische Ordensfrau, die ein Bibelzentrum leitet, oder eine in der Bibelarbeit engagierte Laiin aus Lateinamerika. Der gregorianische Gesang einer Choralschola erinnerte daran, dass auch die grossen spirituellen Traditionen zutiefst biblisch inspiriert sind.

Ermutigung durch Papst Johannes Paul II.

In seiner Grussbotschaft an die Föderation ermutigt Papst Johannes Paul II. die Föderation, die begonnene Arbeit weiterzuführen und stellt die grundlegende Bedeutung der Bibel für sämtliche Lebensvollzüge der Kirche heraus: Im Hören auf die Schrift gründen das Gebet, die Verkündigung und auch die Theologie. Die Arbeit der «Föderation steht deshalb nicht an den Rändern des pastoralen Lebens der Kirche, sondern in seinem eigentlichen Herzen». Mit der Anerkennung der wichtigen Aufgabe verbunden ist die «Ermutigung, den ökumenischen Dialog voranzutreiben, der entsteht, wenn die Schrift von Leuten mit unterschiedlichen religiösen Zugehörigkeiten studiert und geteilt wird».

Zusammenarbeit über Kontinente

Aus Anlass des 30. Geburtstages trafen sich auch die Verantwortlichen der Föderation, das Exekutivkomitee und die Koordinatoren, zu einer einwöchigen Studientagung in der Nähe von Rom. Geleitet wird das Exekutivkomitee seit 1996 erstmals von einem Laien, dem Schweizer Theologen Daniel Kosch, Mitglieder sind der Präsident der Föderation, Bischof Wilhelm Egger von Bozen/Brixen (I), ein Vertreter des Vatikans, Bischöfe aus Afrika, Asien und Lateinamerika, eine Ordensfrau aus Costa Rica und eine Laiin aus den Philippinen. Sie repräsentieren die insgesamt über 300 Mitglieder aus fast 90 Ländern.
Stand am Anfang vor allem die Frage der Übersetzung und Verbreitung der Bibel sowie die Vermittlung von Basiskenntnissen im Mittelpunkt der Arbeit der Föderation, so wurde im Verlauf der letzten Jahre der Austausch von vielfältigen Formen der Bibelarbeit immer wichtiger: Während in Europa und in Nordamerika die historisch-kritische Lektüre das Bibelverständnis stark prägt, entwickelte Lateinamerika Zugänge, deren Stärke im Einbezug des heutigen sozio-politischen und ökonomischen Kontextes besteht. Das kulturelle Erbe, das Afrika einbringen kann, besteht in der Pflege der mündlich-erzählenden Weitergabe und der feiernden Aktualisierung. Aus Asien schliesslich kommen wichtige Impulse für einen meditativ-schweigenden Umgang mit der Bibel sowie für das Gespräch mit anderen Religionen. Freilich sind diese «Akzente» nicht als ausschliessliche Merkmale zu verstehen ­ auch in Lateinamerika wird gefeiert, auch in Europa gibt es mystische Traditionen, auch aus Afrika kommen Impulse zur Vermittlung zwischen Christentum und anderen Religionen, auch in Asien gibt es sozial-politisch engagierte Bibelarbeit usw. Der in der Bibelföderation gepflegte Dialog dient deshalb zugleich dazu, von anderen zu lernen, in der Vielfalt Gemeinsames und im Fremden auch das Eigene zu entdecken und weiterzuentwickeln. Gerade dieses Bemühen rechtfertigt die Bezeichnung der Föderation als «katholisch» ­ nicht nur im konfessionellen, sondern im ursprünglichen Sinn des Bezogenseins auf das Ganze.
Für die Länder Westeuropas, wo die Übersetzung und Verbreitung der Bibel längst nicht mehr zu den ersten Prioritäten gehört und vielerorts ein gut ausgebautes Angebot im Bereich der Bibelarbeit besteht, ist die Föderation (anders als z.B. in Lateinamerika und in Ostasien) nicht primär als Trägerin eigener Aktivitäten wichtig. Zentral muss einerseits der Gedanke der Solidarität mit jenen sein, die ihre Arbeit unter viel schwierigeren Bedingungen leisten. Anderseits kann die Bibelföderation für den immer noch stark vom Christentum als einzig wahrer und zahlenmässig absolut dominierender Religion geprägten Kontinent zum Lernort für ein pluralismusfähiges Leben im Geist Jesu Christi werden.
In diesem Sinn ist die nächste Vollversammlung der Bibelföderation im Jahr 2002 von besonderem Interesse. Sie soll auf «biblischem Boden» im Libanon stattfinden, wo Christentum, Judentum und Islam einander begegnen, und thematisch der Frage nachgehen, wie Bibelarbeit und wie die Ausbildung der für die Bibelpastoral Verantwortlichen aussehen müssen, damit sie den Ansprüchen der Dialogfähigkeit in einer pluralistischen Welt entsprechen können. Als Arbeitstitel wurde gewählt: «Ein Segen für alle Völker. Gemeinsam unterwegs mit Gottes Wort in einer pluralen Welt.» Im Zentrum stehen sollen Texte aus der Apostelgeschichte, die erzählt, wie die ersten christlichen Gemeinschaften den Glauben an Jesus Christus in einer multikulturellen und multireligiösen Welt bezeugten.

 

Dr. Daniel Kosch ist Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle SKB und für die Jahre 1996­2002 Moderator des Exekutivkomitees der Katholischen Bibelföderation.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999