24/1999

INHALT

Kirche in der Schweiz

Stellung der Frau in der Kirche

von Iva Boutellier, Monika Fraevel-Langendorf, Lucia Hauser, Thomas Mauchle, Andrea von Burg

 

Im letzten Mai wurde die Auswertung einer Umfrage bei Theologinnen und Katechetinnen, die in den letzten vierzehn Jahren in Luzern oder Freiburg ihr Studium absolvierten, abgeschlossen. Die Ergebnisse wurden dann Bischof Kurt Koch überreicht, da vor dieser Umfrage aus der Bistumsleitung ab und zu Stimmen laut wurden, die in einer Tagung der Theologiestudierenden des Bistums Basel im Januar 1996 vorgebrachten Anliegen der Frauen zum Frauendiakonat und zur Stellung der Frau in der Kirche würden nur die Meinung einer kleinen Gruppe von Frauen wiedergeben. Diese Stimmen wurden nun mit der Umfrage widerlegt, sprachen sich doch alle Antwortenden mit einer Ausnahme «grundsätzlich» für eine Zulassung von Frauen zu Weiheämtern aus. «Irgendwelche Gründe gegen eine Öffnung der geweihten Ämter für Frauen konnte keine der Befragten finden». Von den insgesamt 288 verschickten Fragebögen wurden innerhalb eines Monats 45% beantwortet. Die Initiativgruppe hat die Auswertung an Bischof Kurt Koch weitergeleitet, um die bereits bestehenden Gespräche mit der Bistumsleitung über frauenspezifische Anliegen weiterzuführen und die Bistumsleitung zu ermutigen, «sich für die Anliegen der Frauen einzusetzen».
Die Fragen in der Umfrage betrafen aber nicht nur das Frauendiakonat, es wurde auch nach der Zufriedenheit mit dem Beruf und nach den Motiven für ein Theologiestudium gefragt. Hier nun die zusammenfassende Auswertung der Umfrage «Zur Stellung der Frau in der Kirche und zum Frauendiakonat». Die Resultate fassen die ausgewerteten Bögen von Studierenden aus dem Bistum Basel zusammen, da «aus den anderen Bistümern rein zahlenmässig zu wenig Bögen zusammenkamen, «um aussagekräftig genug zu sein. Die Initiativgruppe stellte aber beim Durchlesen fest, dass sich die Äusserungen aus den einzelnen Bistümern von den ausgewerteten Fragebögen nicht wesentlich unterscheiden».

Regina Osterwalder

Das Hauptmotiv, um ein Theologiestudium

zu beginnen, ist bei den Frauen der Wunsch, in der Verkündigung bzw. im kirchlichen Dienst tätig zu sein. Die Hälfte der Frauen gaben diese Antwort. Persönliches Interesse am Fach und Kompetenz in Kirchen- und Glaubensfragen zum einen und die Arbeit und Erfahrungen in kirchlichen Jugendverbänden andererseits motivierten je ein weiteres Viertel zum Theologiestudium. Auch nach begonnenem oder abgeschlossenem Studium standen die meisten Frauen zu ihrer Wahl. 75% meinten, sie würden noch einmal Theologie studieren, nur 15% würden das sicher nicht mehr machen.

Gegenwärtige Stellung der Frau im Bistum und Kirche

Die Stellung der Frauen im Bistum Basel wird als eher besser ­ im Vergleich zu der Kirche im Allgemeinen ­ bezeichnet. Bei aller Offenheit des Bistums werden doch die Defizite deutlich gesehen, die Zurückstellung und die Abhängigkeit der Frauen von den hauptamtlichen ­ und vor allem von den geweihten ­ Männern und das Fehlen von Frauen auf der Leitungsebene des Bistums.
Angemahnt wurde bei dieser Frage die Notwendigkeit, die ­ bezahlte oder ehrenamtliche ­ Arbeit von Frauen besser wahrzunehmen und zu fördern und die Frauen mit ihrem eigenen Charisma ernst zu nehmen und sie nicht als Notlösungen im kirchlichen Alltag zu sehen und zu gebrauchen.
Frauen im Beruf stellen fest, dass die Akzeptanz von Frauen im kirchlichen Dienst in den Gemeinden gross ist, der Rückhalt im Bistum zumeist aber fehlt. Die Spannung zwischen dem, was Frauen tun, was Gläubige und Gemeinden verlangen und dem, was die Frauen tun dürfen, reibt viele Frauen auf. Sie kommen sich als Lückenbüsserinnen in ständiger Abhängigkeit vom Pfarrer vor. Hier wird ein dringender Verbesserungsbedarf gesehen. Die Stellung der Frauen in der Kirche allgemein wird durchgehend als unbefriedigend gesehen. Die gleiche Würde von Mann und Frau werde zwar wortreich behauptet, im Konkreten aber nicht ernst genommen.
Frauen, die sich für einen kirchlichen Dienst entscheiden, stehen allgemein in der Spannung, mit ihrer Mitarbeit die als unbefriedigend empfundenen Strukturen zu festigen. Veränderungen dieser Strukturen werden deshalb erhofft und erwartet.

Ausstiegsgedanken

Die Hälfte der antwortenden Frauen hat es sich während ihres Studiums einmal ernsthaft überlegt, die Ausbildung abzubrechen. Die Unterschiede nach einzelnen Ausbildungsgängen sind hier aber markant. Während fast 70% der Absolventinnen des ersten Bildungswegs schon einmal Ausstiegsgedanken hegten, waren es beim KIL und beim DBW erheblich weniger (ca. 50% bzw. 30%).
Für Frauen mit abgeschlossenem Studium stehen vor allem Gründe aus dem Umfeld «Frauen und Kirche» wie fehlende Perspektiven für Frauen oder die Stellung der Frau und die fehlende Zulassung zu Weiheämtern an erster Stelle. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich einen Ausstieg überlegt haben, haben ihn aus diesen Gründen überlegt. Bei den Frauen des DBW waren es sogar die einzigen Gründe, die angegeben wurden. Dagegen waren Schwierigkeiten mit oder im Studium weniger schwerwiegend. Nur für einen Viertel der Frauen wären sie ein Grund für einen Abbruch des Studiums gewesen. Jüngere Frauen haben sich häufiger überlegt, aus dem Studium auszusteigen als ältere. Bei Frauen, die noch studieren, sind Schwierigkeiten im Studium schwerwiegender. Bei gut 40% sind sie für Abbruchsgedanken verantwortlich. Aber auch hier stehen Gründe aus dem Umfeld «Frauen und Kirche» an erster Stelle (50%).

Perspektiven und Ziele

Nach einem Studienabschluss möchten gut 40% der Studentinnen in der Kirche arbeiten. Nimmt man Hilfswerke und Beratungsstellen dazu, bereiten sich fast 70% der Frauen auf einen Dienst in der Kirche im weitesten Sinn vor. Eine akademische Laufbahn strebt nur eine ganz kleine Minderheit an.

Zufriedenheit mit und im Beruf

66% der antwortenden Frauen standen zur Zeit der Umfrage im kirchlichen Dienst, weitere 21% waren anderswie theologisch tätig.
Obwohl drei Viertel wieder Theologie studieren würden, haben schon 70% der bereits im Beruf stehenden Frauen angegeben, sie hätten schon mit dem Gedanken an einen Ausstieg daraus gespielt. Nur etwa 20% haben dies noch nie getan.
Als Gründe werden hier mit 70% der Antworten am häufigsten die fehlenden Perspektiven in der Kirche genannt, je ca. 20% haben oder hatten Schwierigkeiten im Team oder mit Kunden/Kundinnen und Probleme, Beruf und Privatleben miteinander zu vereinbaren.
Doch sind es letztendlich die Arbeit selbst, die Begegnungen mit Menschen, die Selbständigkeit und die immer neuen Herausforderungen, die die Theologinnen «dranbleiben» lassen. Auch die Kirche als Raum für Visionen und Solidarität, der suchende und der feiernde Glaube, die Möglichkeit, eine frohe Botschaft weiterzugeben und die Hoffnung, dass etwas Neues wachsen kann, geben den Frauen immer wieder neu die Kraft, nicht aufzugeben.

Frauen und Weiheämter

Mit einer Ausnahme sprachen sich alle Antwortenden «grundsätzlich» für eine Zulassung von Frauen zu Weiheämtern aus, auch wenn oftmals differenziertere Antworten gewünscht und auch gegeben wurden. Es gehe nicht darum, etwas erzwingen zu wollen oder vor lauter theoretischen Diskussionen die praktische Arbeit zu vernachlässigen. Irgendwelche konkrete Gründe gegen eine Öffnung der geweihten Ämter für Frauen konnte keine Frau finden.
Für die Zulassung wurden viele, verschiedene und differenzierte Gründe angeführt. Unter anderem wurde moniert, dass sich Charismen nicht an die Weihe binden lassen, dass historische Argumente nicht allein Geltung haben dürfen und dass die jetzige Regelung eindeutig eine Diskriminierung der Frauen bedeute.
Die Frage, ob die Frauen sich gegebenenfalls zur Diakonin weihen lassen würden, wurde allerdings nicht mehr so eindeutig beantwortet. 45% der Antwortenden sähen diese Möglichkeit für sich (teilweise mit Vorbehalt), 40% aber wiederum nicht. Diejenigen, die sich weihen lassen würden, täten es auch, um grössere Kompetenz in der Seelsorge zu haben. Die übrigen Antworten unterscheiden sich wohl kaum von denen, die auch männliche Kandidaten für das Diakonat angeben würden (Berufung, Diakonie, Pastoral usw.).
Die sich nicht weihen lassen würden, sehen das Diakonat allein vor allem als ungenügend zur Lösung der in der Kirche und im Geschlechtsverhältnis anstehenden Probleme; auch die Spannung, mit der eigenen Mitarbeit als nicht mehr zeitgemäss empfundene Strukturen zu zementieren, lässt die Frauen eher zögern. Die persönlichen Verhältnisse und die fehlende ­ aber als notwendig erachtete! ­ Berufung führen zu negativen Antworten.

Was wäre, wenn...?

Wenn es wirklich abschliessende Aussagen der Kirchenleitung gäbe, die der Öffnung der Weiheämter für Frauen einen endgültigen Riegel schieben würden, würden die Theologinnen darauf unterschiedlich reagieren.
Die meisten der Studentinnen würden der Kirche dennoch treu bleiben und für Verbesserungen kämpfen, sich nicht entmutigen lassen.
Die bereits im Beruf stehenden Frauen sind aber gespalten. Für die Hälfte hätte ein solcher Beschluss von oben kaum Konsequenzen für ihren Beruf oder ihre Einstellung zur Kirche. Ihr Motto würde dann heissen: weiter kämpfen und nicht aufgeben. Aber es gibt auch einige Frauen, die sich dann einen Berufswechsel oder sogar einen Kirchenaustritt überlegen würden.
Zu dieser Frage gab es einige sehr differenzierte Antworten. Die Reaktion der Basis, die tatsächliche Umsetzung in den Ortskirchen würden den eigenen Entscheid beeinflussen; oft wurde aber auch engagiert für den Verbleib in Kirche und Beruf und für den weiteren Kampf um Verbesserungen votiert.
Die Auswertung der Antworten zu dieser Frage zeigt, dass die Frauen an der Kirche und an ihrem Beruf hängen und dazu stehen, denn ablehnende, «endgültige» Aussagen zur Frauenordination hat es ja schon gegeben. Mittelfristig sind auch keine Änderungen der momentanen Situation zu erwarten; dennoch sind die Frauen dabei, es wird gehofft, gearbeitet, gekämpft.

Fazit

Der Frust auf der einen, Hoffnung und Kampfwille auf der anderen Seite ­ dies entspricht wohl der seelischen Verfassung der meisten Frauen, die sich heute in der Kirche engagieren.

 

Iva Boutellier, Luzern; Monika Fraefel-Langendorf, Luzern; Lucia Hauser, Luzern; Thomas Mauchle, Luzern; Andrea von Burg, Luzern; Simone Dollinger, Freiburg; und Nadja Zereik, Freiburg, sind die Initianten/Initiantinnen dieser Umfrage und werteten sie auch aus, begleitet von einem Berater des SPI (Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut) in St. Gallen.
«Zur Frage der zukünftigen Gestalt von Diensten und Ämtern in der Kirche» bietet die Universitäre Hochschule Luzern im neuen Studienjahr im Herbst 1999 eine Vortragsreihe an. Zu gegebener Zeit wird auf die Veranstaltungen hingewiesen.


Geistliche Archive in der Schweiz

von Christian Schweizer

 

Die Erinnerung ist eine Grundvoraussetzung für die Identität einer Gesellschaft, einer Institution, eines Menschen selbst, welche alle eine eigene Geschichte haben. Wer sich nicht mehr erinnern kann, wer seine Geschichte vergisst, verliert seine Identität. Aufbewahrte und gepflegte Geschichte hilft die wesentliche Frage einer Gemeinschaft zu beantworten, wer sie ist. Das Aufbewahren und Pflegen der Geschichte sind primäre Aufgaben der Archive. Archive sind Gedächtnisse, die Menschen aufgebaut haben. Archive hüten historische Dokumente und sonstige Zeugnisse der Vergangenheit, die für die Gegenwart von Bedeutung und für den Weg in die Zukunft behilflich sein können. Diese Quellen sind für die Erforschung der Geschichte, für die Erhellung des Vergangenen zum besseren Verständnis der Gegenwart von zentraler Bedeutung. «Archive dienen einerseits der Erinnerung, oder genauer gesagt dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit oder mit jener des Gemeinwesens, zu dem wir gehören, oder mit jener von religiösen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gruppen; andererseits: Versicherungsausweise, Quittungen und Ähnliches helfen, im Zweifelsfalle Rechte und Ansprüche geltend zu machen», so die Definition von Josef Zwicker bei der Begründung zur Führung eines Archivs.<1> Auf das kirchliche Archivwesen übertragen heisst dies gemäss RGG, dass alles erfasst wird, was «einerseits theoretisch, wissenschaftlich, geschichtlich und rechtlich, andererseits praktisch, also technisch wie verwaltungsmässig mit der Sammlung von Schriftstücken zur dauernden Aufbewahrung auf kirchlichem Gebiet zusammenhängt»<2>.
Die Christengemeinden des 1./2. Jahrhunderts haben bereits ihre Briefe und Sendschreiben aufbewahrt. Seit dem 3./4. Jahrhundert sind Sakristeien als Aufbewahrungsstätten kirchlicher Dokumente nachgewiesen. Der Sakristan war somit der Hüter der Schriften. Die ersten eigentlichen kirchlichen Archive sind in den Klöstern zu finden, so zum Beispiel das Kloster St. Gallen.
Zu den Landschaften der vielfältigen Archivtypen der Schweiz ist auch diejenige der geistlichen Archive zu nennen. Die geistlichen Archive der Schweiz sind Kultur- und Datenträger von unschätzbarem Wert. Sie haben je nach Struktur und Konstitutionen der Kirchen und deren Institutionen in der Schweiz unterschiedlichen Öffentlichkeitscharakter. Sie sind Gedächtnisse kirchlicher Kultur, vermitteln darüber hinaus grundlegende Informationen zum Kulturleben von Staat und Kirche in der Vergangenheit und sind zum Teil gleichzeitig Dienstleistungsbetriebe innerhalb einer spezifischen kirchlichen Institution.

Ein Fachverband

Der Vielfalt geistlicher Archive wird der Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA) gerecht. Er liess 1997, im Jahr seines 75-jährigen Jubiläums, eine «Arbeitsgruppe Geistliche Archive» (AG GA) bilden, die sich am 18. April 1997 im Kapuzinerkloster Olten konstituierte. Sie bezweckt auf interkonfessioneller Basis den Dialog und die Zusammenarbeit unter den geistlichen Archiven in der Schweiz. Sie setzt sich zusammen aus elf Vertretern und Vertreterinnen, die in der Schweiz verschiedene Kirchenarchivtypen repräsentieren: bei den Römisch-Katholiken Diözese, Pfarrei, Abtei, Bettelorden und Kongregationen/Schwesterninstitute (Dachverbände), bei den Reformierten eine Missionsgesellschaft. Die Kontakte zur Christ-katholischen Kirche und zu Orthodoxen Kirchen sind ansatzweise geknüpft und sollen demnächst konkretisiert werden hinsichtlich einer Bereitschaft zur sich anbietenden Mitarbeit in der AG GA.
Die AG GA ist keineswegs eine Vereinigung zu schöngeistigen Meetings. Sie arbeitet, zunächst intern, zur Abklärung der Situation des Berufsbildes und Berufsbildung der Kirchenarchivare. Mit den gesammelten Kenntnissen und Resultaten will sie anschliessend für alle, die berufeshalber geistliche Archive in der Kirche und/oder in staatlichen Institutionen betreuen, informativ und vermittelnd behilflich sein. Darüber hinaus beabsichtigt sie im In- und Ausland Kontakte zu geistlichen Archiven ausserhalb des VSA zu pflegen. Die AG GA steht momentan inmitten der Wegstrecke von der Konstituierung und Abklärung des Berufstandes bis zum vorgesehenen Brückenschlag an die Öffentlichkeit. Die hier in der SKZ nachfolgenden Informationen seitens der AG GA sind bereits als erste Pfeiler für den Brückenschlag zur Öffentlichkeit gedacht.

Fachtagungen

Fazit der ersten Tagung der AG GA vor zwei Jahren in Olten ist die Tatsache, dass aufgrund der Auswertung gesammelter «Visitenkarten» die Mitglieder der AG GA ­ Kleriker, Ordensleute und Laien ­ in ihren Institutionen mit wenigen Ausnahmen quasi «Einzelkämpfer» sind, fast kein weiteres Personal zur Seite haben und meistens ihre Aufgaben im Archiv entweder im Nebenamt oder gleichzeitig mit einer anderen, ebenso anspruchsvollen Verpflichtung erfüllen. Dies dürfte mehr oder weniger repräsentativ für die gesamte schweizerische Landschaft der geistlichen Archive sein. Ferner hat die AG GA eine Liste von 25 geistlichen Archiven, die Mitglied beim VSA sind oder in irgendeiner Form in Verbindung mit den VSA stehen, zusammengestellt und publizieren lassen.<3>
Die zweite Tagung am 28. November 1997 in der Benediktinerabtei Beinwil-Mariastein befasste sich mit dem Ausbildungs- und Fortbildungsstand der geistlichen Archivare und Archivarinnen. Das Ergebnis war ernüchternd: Da die Schweiz im Unterschied zu den Nachbarländern Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien weder allgemeine Archivschulen noch spezifische auf kirchliche Archive ausgerichtete Ausbildungs-/Fortbildungsmöglichkeiten kennt, ist das Niveau der Bildung jeweils von der Eigeninitiative sowie dem oft beruflich vielseitigen Engagement der Person und von der Bereitwilligkeit des Arbeitgebers abhängig. Eine bisher vom VSA angebotene Grundausbildung, die den kirchlichen Bereich bisher sehr begrenzt wahrnehmen kann, ist für die Verantwortlichen geistlicher Archive ungenügend. Zur speditiven berufsbegleitenden Hilfe für diejenigen aus der Deutschschweiz empfiehlt sich der in der Regel alle zwei Jahre stattfindende sogenannte «Volkersbergerkurs» in Bad Honnef bei Bonn. Organisiert von der «Bundeskonferenz der kirchlichen Archive» und unterstützt von der Deutschen Bischofskonferenz, bietet dieser auf das Jahr verteilte fünfwöchige Kurs (inklusive Prüfungen und Diplomierung) eine solide und praxisorientierte Ausbildung an, für die in der Schweiz zurzeit aus finanziellen und personellen Gründen selbst in der Kirche keine Fachdozenten engagiert, geschweige freigestellt werden können.<4> Die fachliche Professionalität zur Führung und Verwaltung eines geistlichen Archives, wie sie beim Stiftsarchiv St. Gallen als eines der wenigen Ausnahnmen in der Schweiz zu hundert Prozent gewährleistet ist, bleibt vorderhand beschränkt garantiert. Autodidaktik und der Blick von einem Garten in den anderen sind nötig und vorteilhaft.
Vor diesem Hintergrund traf sich die AG GA am 18. Mai 1998 in St. Gallen zu einem Erfahrungsaustausch über Verwaltung kirchlichen Archivguts am Beispiel des neu geordneten Diözesan-Archivs als eines Typs des «lebendigen Archivs», das heisst eines Archivs mit wachsendem Bestand seitens der existierenden Institution Diözese, und am Beispiel des Stiftsarchivs als eines Typs des «toten Archivs», dessen Institution Abtei aufgehoben ist und daher kein Bestandeszuwachs hat. Beide bestätigten die grosse Bedeutung der geistlichen Archive als Hüter von wichtigen Kulturdokumenten auch über das Kirchliche weit hinaus.
Die Kirchengeschichte in der Schweiz ist stark geprägt vom Verhältnis Staat/Kirche und Kirche/Staat. Dies schlägt sich im Wesen und Bestand der geistlichen Archive nieder. Unter diesem Aspekt will die AG GA die konstruktive Partnerschaft von geistlichen und staatlichen Archiven fördern und an Beispielen die Kirchen darauf aufmerksam machen, dass der Staat mit seinem fachlich ausgewiesenen Dienstleitungsbetrieb wie dem Archiv eine echte Hilfeleistung für geistliche Archive sein kann. Als eines der Vorzeigemodelle in der Schweiz darf zweifellos das Staatsarchiv des Kantons Luzern genannt werden, das sich seit 25 Jahren um die Betreuung und Auswertung der ihm infolge der historischen Ereignisse (Sonderbund, Kulturkampf usw.) übergebenen oder von kirchlichen Institutionen anvertrauten Beständen aus verschiedenen Typen kirchlichen Archivgutes vorwiegend der römisch-katholischen Kirche sehr verdient gemacht hat.
Dort konnte der AG GA am 24. November 1998 an seiner vierten Tagung mit dem Thema «Kirchliches Archivgut in Staatsarchiven» das Resultat eines von Kanton und Landeskirche getragenen kirchlichen Archivdienstes, den seit mehreren Jahren Marlis Betschart versieht, besichtigt werden. Bei dieser Tagung zeigte Silvan Freddi als Vertreter des Staatsarchivs Solothurn mit seinem Referat, wie ein Staatsarchiv wie dasjenige des Kantons Solothurn zur Verwaltung von kirchlichem Archivgut herangezogen wurde und wie und welche kirchlichen Archivbestände bei Wiederherstellung einer geistlichen Niederlassung (Abtei Beinwil-Mariastein) zurückgeführt wurden.<5>
Mittelfristig sieht die AG GA für die VSA-Mitglieder einen Bildungstag im Rahmen der regulären Fortbildungsanlässe des VSA. Dies wäre der nächste konsequente Schritt der AG GA an die Öffentlichkeit. Sie will dies tun nicht zuletzt zur Sensibilisierung der geforderten Kirchen in der Schweiz in der Pflege von Kulturgütern, zu denen die geistlichen Archive zu zählen sind.

 

Dr. phil. Christian Schweizer, seit 1989 Provinzarchivar der Schweizer Kapuziner in Luzern, vertritt als Vorstandsmitglied des Vereins Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA) die Belange der geistlichen Archive und präsidiert die interkonfessionelle «Arbeitsgruppe Geistliche Archive» (AG GA).


Arbeitsgruppe Geistliche Archive (AG GA) des VSA (Stand 29. März 1999)

Präsident:
Dr. Christian Schweizer, Provinzarchiv Schweizer Kapuziner, Postfach 129, 6000 Luzern 10
Sekretariat:
Dr. Rolf De Kegel, Stiftsarchiv Benediktinerabtei, 6390 Engelberg
Mitglieder:
Josef Bernadic, Archiv Bistum Basel, Baselstrasse 58, 6003 Luzern (Mitglied bis 30. April 1999)
Marlis Betschart, Kirchlicher Archivdienst, Staatsarchiv Kanton Luzern, Schützenstrasse 9, 6000 Luzern 7
Dr. Uta Teresa Fromherz OSF, Archiv Schwestern vom Heiligen Kreuz Menzingen, Postfach 11, 6313 Menzingen
Lorenz Hollenstein, Stiftarchiv St. Gallen, Klosterhof 1, 9001 St. Gallen
Paul Jenkins MA, Archiv Basler Mission, Missionstrasse 21, 4003 Basel
Stefan Kemmer, Bischöfliches Archiv St. Gallen, Klosterhof 6b, 9001 St. Gallen
Canisia Mack OSF, Archiv Institut Barmherzige Schwestern vom Heiligen Kreuz Ingenbohl, 6440 Brunnen
Dr. Joachim Salzgeber OSB, Stiftsarchiv Benediktinerabtei, 8840 Einsiedeln
Dr. Lukas Schenker OSB, Stiftsarchiv Benediktinerabtei Beinwil-Mariastein, 4115 Mariastein


Anmerkungen

1 Josef Zwicker, Archive wozu?; in: Archive in der Schweiz I (Funktion, Benutzung, der Archivarsberuf, Zukunftsperspektiven), hrsg. vom Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archive (VSA), St. Gallen 1997, S. 1.

2 Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG), 3. völlig neu bearb. Aufl., Tübingen 1986, Bd. 1, S. 587.

3 Archive in der Schweiz II (Die besten Adressen 1997/98), hrsg. vom Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA), St. Gallen 1997, S. 30­37 (Geistliche Archive). Vgl. dazu auch Artikel von Christian Schweizer, Geistliche Archive; Archive in der Schweiz I (Funktion, Benutzung, der Archivarsberufe, Zukunftsperspektiven), hrsg. vom Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA), St. Gallen 1997, S. 42­43.

4 Zum Stand der Bildung der Kirchenarchivare in der Schweiz und zum «Volkersberger Kurs» siehe Artikel von Christian Schweizer: Arbeitsgruppe «Geistliche Archive» (AG GA). Gemeinsame Situationen und Perspektiven der «Einzelkämpfer» in Geistlichen Archiven der Schweiz; in ARBIDO (Offizielle monatliche Revue des Vereins Schweizerischer Archivarinnen und Archivare, des Verbands der Bibliotheken der Schweiz und der Schweizerischen Vereinigung für Dokumentation) 6/1998, S. 15­16.

5 Für die Publikation der umfangreichen Vorträge von Marlis Betschart und Silvan Freddi in einem entsprechenden wissenschaftlichen Medium wird die AG GA besorgt sein und zu gegebener Zeit die Leserschaft der SKZ darauf hinweisen.


Die faszinierende Bilderwelt des Klosters Engelberg

 

Im Jahre 1120 gründete Konrad von Sellenbüren im Hochtal von Engelberg ein Benediktinerkloster. In diesem Kloster richtete der 1147 gewählte Abt Frowin eine Maler- und Schreibschule ein, die unter den nachfolgenden Äbten Bertold und Heinrich weitergeführt wurde. Das Tal-Museum Engelberg zeigt bis am 27. Juni 1999 einzigartige Handschriften, die in dieser Maler- und Schreibschule entstanden sind.
Zu Beginn wurde eine dreibändige Bibel, nach dem Auftraggeber «Frowin-Bibel» genannt, geschaffen. Nach und nach entstand im kleinen Bergkloster eine grundlegende Bibliothek von höchstem europäischen Rang. Auf eigenständige Art veranschaulichen die ausgestellten Handschriften die Renaissance-Bewegung des 12. Jahrhunderts. «Die Werke haben eine Frische und Unmittelbarkeit des Ausdrucks bewahrt, dem sich die Betrachtenden an der Schwelle zum dritten Jahrtausend nicht entziehen können.»
Bald kamen weitere illustrierte Kommentarbände zu Quellentexten der Kirchenväter hinzu. Fast alle Kodizes sind reich mit Initialen und oft auch mit ganzseitigen Bildern geschmückt, zum Teil in Gold- und Deckfarbe gestaltet. Einflüsse und Anlehnungen an die beginnende Gotik in Frankreich werden spürbar. Dies zeugt von der Weltnähe des Klosters im Bergtal. Die Engelberger Miniaturen und Illustrationen sind Kunstwerke auf der Höhe der Zeit. Das Engelberger Skriptorium erreichte seine hohe Qualität durch den vielfachen Austausch im benediktinischen Netzwerk.
Die Ausstellung im Tal-Museum lässt die Besuchenden die grossartige Bilderwelt aus dem Kloster Engelberg erleben und zeigt die Kunstfertigkeit der frühen Schreiber- und Malermönche in ihrer fantasievollen Art. Bereichert wird die Ausstellung durch Kunstwerke, die sich in den Sammlungen des Klosters seit ältester Zeit, trotz aller Wirrnisse und dreier Brände, in den Archiven erhalten haben. Die Gesamtschau wird mit Ausblicken in die Kunst- und Kulturgeschichte um 1200 verankert. Die Ausstellung beeindruckt all jene, die gerne eintauchen in eine faszinierende Bilderwelt des Hochmittelalters.
Jeweils am Mittwoch und am Samstag, um 16.00 Uhr, findet eine Führung durch die Ausstellungsräume statt.

Die Redaktion


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999