24/1999 | |
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Kirche in der Schweiz |
Im letzten Mai wurde die Auswertung einer Umfrage bei Theologinnen und
Katechetinnen, die in den letzten vierzehn Jahren in Luzern oder Freiburg
ihr Studium absolvierten, abgeschlossen. Die Ergebnisse wurden dann Bischof
Kurt Koch überreicht, da vor dieser Umfrage aus der Bistumsleitung
ab und zu Stimmen laut wurden, die in einer Tagung der Theologiestudierenden
des Bistums Basel im Januar 1996 vorgebrachten Anliegen der Frauen zum Frauendiakonat
und zur Stellung der Frau in der Kirche würden nur die Meinung einer
kleinen Gruppe von Frauen wiedergeben. Diese Stimmen wurden nun mit der
Umfrage widerlegt, sprachen sich doch alle Antwortenden mit einer Ausnahme
«grundsätzlich» für eine Zulassung von Frauen zu Weiheämtern
aus. «Irgendwelche Gründe gegen eine Öffnung der geweihten
Ämter für Frauen konnte keine der Befragten finden». Von
den insgesamt 288 verschickten Fragebögen wurden innerhalb eines Monats
45% beantwortet. Die Initiativgruppe hat die Auswertung an Bischof Kurt
Koch weitergeleitet, um die bereits bestehenden Gespräche mit der Bistumsleitung
über frauenspezifische Anliegen weiterzuführen und die Bistumsleitung
zu ermutigen, «sich für die Anliegen der Frauen einzusetzen».
Die Fragen in der Umfrage betrafen aber nicht nur das Frauendiakonat, es
wurde auch nach der Zufriedenheit mit dem Beruf und nach den Motiven für
ein Theologiestudium gefragt. Hier nun die zusammenfassende Auswertung der
Umfrage «Zur Stellung der Frau in der Kirche und zum Frauendiakonat».
Die Resultate fassen die ausgewerteten Bögen von Studierenden aus dem
Bistum Basel zusammen, da «aus den anderen Bistümern rein zahlenmässig
zu wenig Bögen zusammenkamen, «um aussagekräftig genug zu
sein. Die Initiativgruppe stellte aber beim Durchlesen fest, dass sich die
Äusserungen aus den einzelnen Bistümern von den ausgewerteten
Fragebögen nicht wesentlich unterscheiden».
zu beginnen, ist bei den Frauen der Wunsch, in der Verkündigung bzw. im kirchlichen Dienst tätig zu sein. Die Hälfte der Frauen gaben diese Antwort. Persönliches Interesse am Fach und Kompetenz in Kirchen- und Glaubensfragen zum einen und die Arbeit und Erfahrungen in kirchlichen Jugendverbänden andererseits motivierten je ein weiteres Viertel zum Theologiestudium. Auch nach begonnenem oder abgeschlossenem Studium standen die meisten Frauen zu ihrer Wahl. 75% meinten, sie würden noch einmal Theologie studieren, nur 15% würden das sicher nicht mehr machen.
Die Stellung der Frauen im Bistum Basel wird als eher besser im
Vergleich zu der Kirche im Allgemeinen bezeichnet. Bei aller Offenheit
des Bistums werden doch die Defizite deutlich gesehen, die Zurückstellung
und die Abhängigkeit der Frauen von den hauptamtlichen und vor
allem von den geweihten Männern und das Fehlen von Frauen auf
der Leitungsebene des Bistums.
Angemahnt wurde bei dieser Frage die Notwendigkeit, die bezahlte oder
ehrenamtliche Arbeit von Frauen besser wahrzunehmen und zu fördern
und die Frauen mit ihrem eigenen Charisma ernst zu nehmen und sie nicht
als Notlösungen im kirchlichen Alltag zu sehen und zu gebrauchen.
Frauen im Beruf stellen fest, dass die Akzeptanz von Frauen im kirchlichen
Dienst in den Gemeinden gross ist, der Rückhalt im Bistum zumeist aber
fehlt. Die Spannung zwischen dem, was Frauen tun, was Gläubige und
Gemeinden verlangen und dem, was die Frauen tun dürfen, reibt viele
Frauen auf. Sie kommen sich als Lückenbüsserinnen in ständiger
Abhängigkeit vom Pfarrer vor. Hier wird ein dringender Verbesserungsbedarf
gesehen. Die Stellung der Frauen in der Kirche allgemein wird durchgehend
als unbefriedigend gesehen. Die gleiche Würde von Mann und Frau werde
zwar wortreich behauptet, im Konkreten aber nicht ernst genommen.
Frauen, die sich für einen kirchlichen Dienst entscheiden, stehen allgemein
in der Spannung, mit ihrer Mitarbeit die als unbefriedigend empfundenen
Strukturen zu festigen. Veränderungen dieser Strukturen werden deshalb
erhofft und erwartet.
Die Hälfte der antwortenden Frauen hat es sich während ihres
Studiums einmal ernsthaft überlegt, die Ausbildung abzubrechen. Die
Unterschiede nach einzelnen Ausbildungsgängen sind hier aber markant.
Während fast 70% der Absolventinnen des ersten Bildungswegs schon einmal
Ausstiegsgedanken hegten, waren es beim KIL und beim DBW erheblich weniger
(ca. 50% bzw. 30%).
Für Frauen mit abgeschlossenem Studium stehen vor allem Gründe
aus dem Umfeld «Frauen und Kirche» wie fehlende Perspektiven
für Frauen oder die Stellung der Frau und die fehlende Zulassung zu
Weiheämtern an erster Stelle. Mehr als die Hälfte der Frauen,
die sich einen Ausstieg überlegt haben, haben ihn aus diesen Gründen
überlegt. Bei den Frauen des DBW waren es sogar die einzigen Gründe,
die angegeben wurden. Dagegen waren Schwierigkeiten mit oder im Studium
weniger schwerwiegend. Nur für einen Viertel der Frauen wären
sie ein Grund für einen Abbruch des Studiums gewesen. Jüngere
Frauen haben sich häufiger überlegt, aus dem Studium auszusteigen
als ältere. Bei Frauen, die noch studieren, sind Schwierigkeiten im
Studium schwerwiegender. Bei gut 40% sind sie für Abbruchsgedanken
verantwortlich. Aber auch hier stehen Gründe aus dem Umfeld «Frauen
und Kirche» an erster Stelle (50%).
Nach einem Studienabschluss möchten gut 40% der Studentinnen in der Kirche arbeiten. Nimmt man Hilfswerke und Beratungsstellen dazu, bereiten sich fast 70% der Frauen auf einen Dienst in der Kirche im weitesten Sinn vor. Eine akademische Laufbahn strebt nur eine ganz kleine Minderheit an.
66% der antwortenden Frauen standen zur Zeit der Umfrage im kirchlichen
Dienst, weitere 21% waren anderswie theologisch tätig.
Obwohl drei Viertel wieder Theologie studieren würden, haben schon
70% der bereits im Beruf stehenden Frauen angegeben, sie hätten schon
mit dem Gedanken an einen Ausstieg daraus gespielt. Nur etwa 20% haben dies
noch nie getan.
Als Gründe werden hier mit 70% der Antworten am häufigsten die
fehlenden Perspektiven in der Kirche genannt, je ca. 20% haben oder hatten
Schwierigkeiten im Team oder mit Kunden/Kundinnen und Probleme, Beruf und
Privatleben miteinander zu vereinbaren.
Doch sind es letztendlich die Arbeit selbst, die Begegnungen mit Menschen,
die Selbständigkeit und die immer neuen Herausforderungen, die die
Theologinnen «dranbleiben» lassen. Auch die Kirche als Raum
für Visionen und Solidarität, der suchende und der feiernde Glaube,
die Möglichkeit, eine frohe Botschaft weiterzugeben und die Hoffnung,
dass etwas Neues wachsen kann, geben den Frauen immer wieder neu die Kraft,
nicht aufzugeben.
Mit einer Ausnahme sprachen sich alle Antwortenden «grundsätzlich»
für eine Zulassung von Frauen zu Weiheämtern aus, auch wenn oftmals
differenziertere Antworten gewünscht und auch gegeben wurden. Es gehe
nicht darum, etwas erzwingen zu wollen oder vor lauter theoretischen Diskussionen
die praktische Arbeit zu vernachlässigen. Irgendwelche konkrete Gründe
gegen eine Öffnung der geweihten Ämter für Frauen konnte
keine Frau finden.
Für die Zulassung wurden viele, verschiedene und differenzierte Gründe
angeführt. Unter anderem wurde moniert, dass sich Charismen nicht an
die Weihe binden lassen, dass historische Argumente nicht allein Geltung
haben dürfen und dass die jetzige Regelung eindeutig eine Diskriminierung
der Frauen bedeute.
Die Frage, ob die Frauen sich gegebenenfalls zur Diakonin weihen lassen
würden, wurde allerdings nicht mehr so eindeutig beantwortet. 45% der
Antwortenden sähen diese Möglichkeit für sich (teilweise
mit Vorbehalt), 40% aber wiederum nicht. Diejenigen, die sich weihen lassen
würden, täten es auch, um grössere Kompetenz in der Seelsorge
zu haben. Die übrigen Antworten unterscheiden sich wohl kaum von denen,
die auch männliche Kandidaten für das Diakonat angeben würden
(Berufung, Diakonie, Pastoral usw.).
Die sich nicht weihen lassen würden, sehen das Diakonat allein vor
allem als ungenügend zur Lösung der in der Kirche und im Geschlechtsverhältnis
anstehenden Probleme; auch die Spannung, mit der eigenen Mitarbeit als nicht
mehr zeitgemäss empfundene Strukturen zu zementieren, lässt die
Frauen eher zögern. Die persönlichen Verhältnisse und die
fehlende aber als notwendig erachtete! Berufung führen
zu negativen Antworten.
Wenn es wirklich abschliessende Aussagen der Kirchenleitung gäbe,
die der Öffnung der Weiheämter für Frauen einen endgültigen
Riegel schieben würden, würden die Theologinnen darauf unterschiedlich
reagieren.
Die meisten der Studentinnen würden der Kirche dennoch treu bleiben
und für Verbesserungen kämpfen, sich nicht entmutigen lassen.
Die bereits im Beruf stehenden Frauen sind aber gespalten. Für die
Hälfte hätte ein solcher Beschluss von oben kaum Konsequenzen
für ihren Beruf oder ihre Einstellung zur Kirche. Ihr Motto würde
dann heissen: weiter kämpfen und nicht aufgeben. Aber es gibt auch
einige Frauen, die sich dann einen Berufswechsel oder sogar einen Kirchenaustritt
überlegen würden.
Zu dieser Frage gab es einige sehr differenzierte Antworten. Die Reaktion
der Basis, die tatsächliche Umsetzung in den Ortskirchen würden
den eigenen Entscheid beeinflussen; oft wurde aber auch engagiert für
den Verbleib in Kirche und Beruf und für den weiteren Kampf um Verbesserungen
votiert.
Die Auswertung der Antworten zu dieser Frage zeigt, dass die Frauen an der
Kirche und an ihrem Beruf hängen und dazu stehen, denn ablehnende,
«endgültige» Aussagen zur Frauenordination hat es ja schon
gegeben. Mittelfristig sind auch keine Änderungen der momentanen Situation
zu erwarten; dennoch sind die Frauen dabei, es wird gehofft, gearbeitet,
gekämpft.
Der Frust auf der einen, Hoffnung und Kampfwille auf der anderen Seite dies entspricht wohl der seelischen Verfassung der meisten Frauen, die sich heute in der Kirche engagieren.
Iva Boutellier, Luzern; Monika Fraefel-Langendorf, Luzern; Lucia
Hauser, Luzern; Thomas Mauchle, Luzern; Andrea von Burg, Luzern; Simone
Dollinger, Freiburg; und Nadja Zereik, Freiburg, sind die Initianten/Initiantinnen
dieser Umfrage und werteten sie auch aus, begleitet von einem Berater des
SPI (Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut) in St. Gallen.
«Zur Frage der zukünftigen Gestalt von Diensten und Ämtern
in der Kirche» bietet die Universitäre Hochschule Luzern im neuen
Studienjahr im Herbst 1999 eine Vortragsreihe an. Zu gegebener Zeit wird
auf die Veranstaltungen hingewiesen.
Die Erinnerung ist eine Grundvoraussetzung für die Identität
einer Gesellschaft, einer Institution, eines Menschen selbst, welche alle
eine eigene Geschichte haben. Wer sich nicht mehr erinnern kann, wer seine
Geschichte vergisst, verliert seine Identität. Aufbewahrte und gepflegte
Geschichte hilft die wesentliche Frage einer Gemeinschaft zu beantworten,
wer sie ist. Das Aufbewahren und Pflegen der Geschichte sind primäre
Aufgaben der Archive. Archive sind Gedächtnisse, die Menschen aufgebaut
haben. Archive hüten historische Dokumente und sonstige Zeugnisse der
Vergangenheit, die für die Gegenwart von Bedeutung und für den
Weg in die Zukunft behilflich sein können. Diese Quellen sind für
die Erforschung der Geschichte, für die Erhellung des Vergangenen zum
besseren Verständnis der Gegenwart von zentraler Bedeutung. «Archive
dienen einerseits der Erinnerung, oder genauer gesagt dem Umgang mit der
eigenen Vergangenheit oder mit jener des Gemeinwesens, zu dem wir gehören,
oder mit jener von religiösen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen
Gruppen; andererseits: Versicherungsausweise, Quittungen und Ähnliches
helfen, im Zweifelsfalle Rechte und Ansprüche geltend zu machen»,
so die Definition von Josef Zwicker bei der Begründung zur Führung
eines Archivs.<1> Auf das kirchliche Archivwesen
übertragen heisst dies gemäss RGG, dass alles erfasst wird, was
«einerseits theoretisch, wissenschaftlich, geschichtlich und rechtlich,
andererseits praktisch, also technisch wie verwaltungsmässig mit der
Sammlung von Schriftstücken zur dauernden Aufbewahrung auf kirchlichem
Gebiet zusammenhängt»<2>.
Die Christengemeinden des 1./2. Jahrhunderts haben bereits ihre Briefe und
Sendschreiben aufbewahrt. Seit dem 3./4. Jahrhundert sind Sakristeien als
Aufbewahrungsstätten kirchlicher Dokumente nachgewiesen. Der Sakristan
war somit der Hüter der Schriften. Die ersten eigentlichen kirchlichen
Archive sind in den Klöstern zu finden, so zum Beispiel das Kloster
St. Gallen.
Zu den Landschaften der vielfältigen Archivtypen der Schweiz ist auch
diejenige der geistlichen Archive zu nennen. Die geistlichen Archive der
Schweiz sind Kultur- und Datenträger von unschätzbarem Wert. Sie
haben je nach Struktur und Konstitutionen der Kirchen und deren Institutionen
in der Schweiz unterschiedlichen Öffentlichkeitscharakter. Sie sind
Gedächtnisse kirchlicher Kultur, vermitteln darüber hinaus grundlegende
Informationen zum Kulturleben von Staat und Kirche in der Vergangenheit
und sind zum Teil gleichzeitig Dienstleistungsbetriebe innerhalb einer spezifischen
kirchlichen Institution.
Der Vielfalt geistlicher Archive wird der Verein Schweizerischer Archivarinnen
und Archivare (VSA) gerecht. Er liess 1997, im Jahr seines 75-jährigen
Jubiläums, eine «Arbeitsgruppe Geistliche Archive» (AG
GA) bilden, die sich am 18. April 1997 im Kapuzinerkloster Olten konstituierte.
Sie bezweckt auf interkonfessioneller Basis den Dialog und die Zusammenarbeit
unter den geistlichen Archiven in der Schweiz. Sie setzt sich zusammen aus
elf Vertretern und Vertreterinnen, die in der Schweiz verschiedene Kirchenarchivtypen
repräsentieren: bei den Römisch-Katholiken Diözese, Pfarrei,
Abtei, Bettelorden und Kongregationen/Schwesterninstitute (Dachverbände),
bei den Reformierten eine Missionsgesellschaft. Die Kontakte zur Christ-katholischen
Kirche und zu Orthodoxen Kirchen sind ansatzweise geknüpft und sollen
demnächst konkretisiert werden hinsichtlich einer Bereitschaft zur
sich anbietenden Mitarbeit in der AG GA.
Die AG GA ist keineswegs eine Vereinigung zu schöngeistigen Meetings.
Sie arbeitet, zunächst intern, zur Abklärung der Situation des
Berufsbildes und Berufsbildung der Kirchenarchivare. Mit den gesammelten
Kenntnissen und Resultaten will sie anschliessend für alle, die berufeshalber
geistliche Archive in der Kirche und/oder in staatlichen Institutionen betreuen,
informativ und vermittelnd behilflich sein. Darüber hinaus beabsichtigt
sie im In- und Ausland Kontakte zu geistlichen Archiven ausserhalb des VSA
zu pflegen. Die AG GA steht momentan inmitten der Wegstrecke von der Konstituierung
und Abklärung des Berufstandes bis zum vorgesehenen Brückenschlag
an die Öffentlichkeit. Die hier in der SKZ nachfolgenden Informationen
seitens der AG GA sind bereits als erste Pfeiler für den Brückenschlag
zur Öffentlichkeit gedacht.
Fazit der ersten Tagung der AG GA vor zwei Jahren in Olten ist die Tatsache,
dass aufgrund der Auswertung gesammelter «Visitenkarten» die
Mitglieder der AG GA Kleriker, Ordensleute und Laien in ihren
Institutionen mit wenigen Ausnahmen quasi «Einzelkämpfer»
sind, fast kein weiteres Personal zur Seite haben und meistens ihre Aufgaben
im Archiv entweder im Nebenamt oder gleichzeitig mit einer anderen, ebenso
anspruchsvollen Verpflichtung erfüllen. Dies dürfte mehr oder
weniger repräsentativ für die gesamte schweizerische Landschaft
der geistlichen Archive sein. Ferner hat die AG GA eine Liste von 25 geistlichen
Archiven, die Mitglied beim VSA sind oder in irgendeiner Form in Verbindung
mit den VSA stehen, zusammengestellt und publizieren lassen.<3>
Die zweite Tagung am 28. November 1997 in der Benediktinerabtei Beinwil-Mariastein
befasste sich mit dem Ausbildungs- und Fortbildungsstand der geistlichen
Archivare und Archivarinnen. Das Ergebnis war ernüchternd: Da die Schweiz
im Unterschied zu den Nachbarländern Deutschland, Österreich,
Frankreich und Italien weder allgemeine Archivschulen noch spezifische auf
kirchliche Archive ausgerichtete Ausbildungs-/Fortbildungsmöglichkeiten
kennt, ist das Niveau der Bildung jeweils von der Eigeninitiative sowie
dem oft beruflich vielseitigen Engagement der Person und von der Bereitwilligkeit
des Arbeitgebers abhängig. Eine bisher vom VSA angebotene Grundausbildung,
die den kirchlichen Bereich bisher sehr begrenzt wahrnehmen kann, ist für
die Verantwortlichen geistlicher Archive ungenügend. Zur speditiven
berufsbegleitenden Hilfe für diejenigen aus der Deutschschweiz empfiehlt
sich der in der Regel alle zwei Jahre stattfindende sogenannte «Volkersbergerkurs»
in Bad Honnef bei Bonn. Organisiert von der «Bundeskonferenz der kirchlichen
Archive» und unterstützt von der Deutschen Bischofskonferenz,
bietet dieser auf das Jahr verteilte fünfwöchige Kurs (inklusive
Prüfungen und Diplomierung) eine solide und praxisorientierte Ausbildung
an, für die in der Schweiz zurzeit aus finanziellen und personellen
Gründen selbst in der Kirche keine Fachdozenten engagiert, geschweige
freigestellt werden können.<4> Die
fachliche Professionalität zur Führung und Verwaltung eines geistlichen
Archives, wie sie beim Stiftsarchiv St. Gallen als eines der wenigen Ausnahnmen
in der Schweiz zu hundert Prozent gewährleistet ist, bleibt vorderhand
beschränkt garantiert. Autodidaktik und der Blick von einem Garten
in den anderen sind nötig und vorteilhaft.
Vor diesem Hintergrund traf sich die AG GA am 18. Mai 1998 in St. Gallen
zu einem Erfahrungsaustausch über Verwaltung kirchlichen Archivguts
am Beispiel des neu geordneten Diözesan-Archivs als eines Typs des
«lebendigen Archivs», das heisst eines Archivs mit wachsendem
Bestand seitens der existierenden Institution Diözese, und am Beispiel
des Stiftsarchivs als eines Typs des «toten Archivs», dessen
Institution Abtei aufgehoben ist und daher kein Bestandeszuwachs hat. Beide
bestätigten die grosse Bedeutung der geistlichen Archive als Hüter
von wichtigen Kulturdokumenten auch über das Kirchliche weit hinaus.
Die Kirchengeschichte in der Schweiz ist stark geprägt vom Verhältnis
Staat/Kirche und Kirche/Staat. Dies schlägt sich im Wesen und Bestand
der geistlichen Archive nieder. Unter diesem Aspekt will die AG GA die konstruktive
Partnerschaft von geistlichen und staatlichen Archiven fördern und
an Beispielen die Kirchen darauf aufmerksam machen, dass der Staat mit seinem
fachlich ausgewiesenen Dienstleitungsbetrieb wie dem Archiv eine echte Hilfeleistung
für geistliche Archive sein kann. Als eines der Vorzeigemodelle in
der Schweiz darf zweifellos das Staatsarchiv des Kantons Luzern genannt
werden, das sich seit 25 Jahren um die Betreuung und Auswertung der ihm
infolge der historischen Ereignisse (Sonderbund, Kulturkampf usw.) übergebenen
oder von kirchlichen Institutionen anvertrauten Beständen aus verschiedenen
Typen kirchlichen Archivgutes vorwiegend der römisch-katholischen Kirche
sehr verdient gemacht hat.
Dort konnte der AG GA am 24. November 1998 an seiner vierten Tagung mit
dem Thema «Kirchliches Archivgut in Staatsarchiven» das Resultat
eines von Kanton und Landeskirche getragenen kirchlichen Archivdienstes,
den seit mehreren Jahren Marlis Betschart versieht, besichtigt werden. Bei
dieser Tagung zeigte Silvan Freddi als Vertreter des Staatsarchivs Solothurn
mit seinem Referat, wie ein Staatsarchiv wie dasjenige des Kantons Solothurn
zur Verwaltung von kirchlichem Archivgut herangezogen wurde und wie und
welche kirchlichen Archivbestände bei Wiederherstellung einer geistlichen
Niederlassung (Abtei Beinwil-Mariastein) zurückgeführt wurden.<5>
Mittelfristig sieht die AG GA für die VSA-Mitglieder einen Bildungstag
im Rahmen der regulären Fortbildungsanlässe des VSA. Dies wäre
der nächste konsequente Schritt der AG GA an die Öffentlichkeit.
Sie will dies tun nicht zuletzt zur Sensibilisierung der geforderten Kirchen
in der Schweiz in der Pflege von Kulturgütern, zu denen die geistlichen
Archive zu zählen sind.
Dr. phil. Christian Schweizer, seit 1989 Provinzarchivar der Schweizer Kapuziner in Luzern, vertritt als Vorstandsmitglied des Vereins Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA) die Belange der geistlichen Archive und präsidiert die interkonfessionelle «Arbeitsgruppe Geistliche Archive» (AG GA).
Präsident:
Dr. Christian Schweizer, Provinzarchiv Schweizer Kapuziner, Postfach 129,
6000 Luzern 10
Sekretariat:
Dr. Rolf De Kegel, Stiftsarchiv Benediktinerabtei, 6390 Engelberg
Mitglieder:
Josef Bernadic, Archiv Bistum Basel, Baselstrasse 58, 6003 Luzern (Mitglied
bis 30. April 1999)
Marlis Betschart, Kirchlicher Archivdienst, Staatsarchiv Kanton Luzern,
Schützenstrasse 9, 6000 Luzern 7
Dr. Uta Teresa Fromherz OSF, Archiv Schwestern vom Heiligen Kreuz Menzingen,
Postfach 11, 6313 Menzingen
Lorenz Hollenstein, Stiftarchiv St. Gallen, Klosterhof 1, 9001 St. Gallen
Paul Jenkins MA, Archiv Basler Mission, Missionstrasse 21, 4003 Basel
Stefan Kemmer, Bischöfliches Archiv St. Gallen, Klosterhof 6b, 9001
St. Gallen
Canisia Mack OSF, Archiv Institut Barmherzige Schwestern vom Heiligen Kreuz
Ingenbohl, 6440 Brunnen
Dr. Joachim Salzgeber OSB, Stiftsarchiv Benediktinerabtei, 8840 Einsiedeln
Dr. Lukas Schenker OSB, Stiftsarchiv Benediktinerabtei Beinwil-Mariastein,
4115 Mariastein
1 Josef Zwicker, Archive wozu?; in: Archive in der Schweiz I (Funktion, Benutzung, der Archivarsberuf, Zukunftsperspektiven), hrsg. vom Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archive (VSA), St. Gallen 1997, S. 1.
2 Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG), 3. völlig neu bearb. Aufl., Tübingen 1986, Bd. 1, S. 587.
3 Archive in der Schweiz II (Die besten Adressen 1997/98), hrsg. vom Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA), St. Gallen 1997, S. 3037 (Geistliche Archive). Vgl. dazu auch Artikel von Christian Schweizer, Geistliche Archive; Archive in der Schweiz I (Funktion, Benutzung, der Archivarsberufe, Zukunftsperspektiven), hrsg. vom Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA), St. Gallen 1997, S. 4243.
4 Zum Stand der Bildung der Kirchenarchivare in der Schweiz und zum «Volkersberger Kurs» siehe Artikel von Christian Schweizer: Arbeitsgruppe «Geistliche Archive» (AG GA). Gemeinsame Situationen und Perspektiven der «Einzelkämpfer» in Geistlichen Archiven der Schweiz; in ARBIDO (Offizielle monatliche Revue des Vereins Schweizerischer Archivarinnen und Archivare, des Verbands der Bibliotheken der Schweiz und der Schweizerischen Vereinigung für Dokumentation) 6/1998, S. 1516.
5 Für die Publikation der umfangreichen Vorträge von Marlis Betschart und Silvan Freddi in einem entsprechenden wissenschaftlichen Medium wird die AG GA besorgt sein und zu gegebener Zeit die Leserschaft der SKZ darauf hinweisen.
Im Jahre 1120 gründete Konrad von Sellenbüren im Hochtal von
Engelberg ein Benediktinerkloster. In diesem Kloster richtete der 1147 gewählte
Abt Frowin eine Maler- und Schreibschule ein, die unter den nachfolgenden
Äbten Bertold und Heinrich weitergeführt wurde. Das Tal-Museum
Engelberg zeigt bis am 27. Juni 1999 einzigartige Handschriften, die in
dieser Maler- und Schreibschule entstanden sind.
Zu Beginn wurde eine dreibändige Bibel, nach dem Auftraggeber «Frowin-Bibel»
genannt, geschaffen. Nach und nach entstand im kleinen Bergkloster eine
grundlegende Bibliothek von höchstem europäischen Rang. Auf eigenständige
Art veranschaulichen die ausgestellten Handschriften die Renaissance-Bewegung
des 12. Jahrhunderts. «Die Werke haben eine Frische und Unmittelbarkeit
des Ausdrucks bewahrt, dem sich die Betrachtenden an der Schwelle zum dritten
Jahrtausend nicht entziehen können.»
Bald kamen weitere illustrierte Kommentarbände zu Quellentexten der
Kirchenväter hinzu. Fast alle Kodizes sind reich mit Initialen und
oft auch mit ganzseitigen Bildern geschmückt, zum Teil in Gold- und
Deckfarbe gestaltet. Einflüsse und Anlehnungen an die beginnende Gotik
in Frankreich werden spürbar. Dies zeugt von der Weltnähe des
Klosters im Bergtal. Die Engelberger Miniaturen und Illustrationen sind
Kunstwerke auf der Höhe der Zeit. Das Engelberger Skriptorium erreichte
seine hohe Qualität durch den vielfachen Austausch im benediktinischen
Netzwerk.
Die Ausstellung im Tal-Museum lässt die Besuchenden die grossartige
Bilderwelt aus dem Kloster Engelberg erleben und zeigt die Kunstfertigkeit
der frühen Schreiber- und Malermönche in ihrer fantasievollen
Art. Bereichert wird die Ausstellung durch Kunstwerke, die sich in den Sammlungen
des Klosters seit ältester Zeit, trotz aller Wirrnisse und dreier Brände,
in den Archiven erhalten haben. Die Gesamtschau wird mit Ausblicken in die
Kunst- und Kulturgeschichte um 1200 verankert. Die Ausstellung beeindruckt
all jene, die gerne eintauchen in eine faszinierende Bilderwelt des Hochmittelalters.
Jeweils am Mittwoch und am Samstag, um 16.00 Uhr, findet eine Führung
durch die Ausstellungsräume statt.