3/1999

INHALT

Kirche in der Schweiz

Kooperation der missionarischen Werke und Institute

von Paul Jeannerat

 

Miteinander, nicht gegeneinander, stehen die Hilfs- und Missionswerke und die Missionsinstitute im Dienste der missionarischen Aufgabe der Kirche. Sie haben alle ihre spezifische Aufgabe. Sie sind komplementär. «Uns eint mehr, als uns trennt», stellten Vertreter von Caritas, Fastenopfer, Missio und der missionierenden Institute (Orden und Kongregationen) an einer vom Schweizerischen Katholischen Missionsrat (SKM) anberaumten Aussprache am 20. Oktober 1998 in Zürich fest.
Anlass bot die Feststellung der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), dass zwischen den kirchlichen Werken der Nothilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Mission eine bestimmte Konkurrenz besteht, die sich kontraproduktiv auswirken könne. Als Beratungsorgan der SBK für missionarische Fragen lud darum der SKM anlässlich seiner ordentlichen Herbstversammlung die Marketing-Verantwortlichen von Caritas, Fastenopfer und Missio ein, ihre Strategie der Spendenwerbung darzulegen. Auch zwei Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der Missionsinstitute (AGMI) und des Groupe Romand des Instituts Missionnaires (GRIM) zeigten auf, wie Ordensgemeinschaften bei Spendensammlungen vorgehen.

Grosszügigkeit der Schweizer Katholikinnen und Katholiken

Obwohl in der Öffentlichkeit das Interesse an Fragen der Entwicklungszusammenarbeit zu schwinden scheint, zeigen sich die Schweizer Katholikinnen und Katholiken weiterhin grosszügig bei akuten Katastrophen, in der Unterstützung nachhaltiger Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und zur Förderung der Mission. Dass die Solidarität «bachab» geht, ist ein Schlagwort, das für die Kirchen nicht zutrifft. Viele Pfarreien setzen sehr viel Energie ein, um die Aktionen von Caritas, Fastenopfer und Missio durchzuführen, unterstützen grosszügig Missionarinnen und Missionare und arbeiten in selbstloser Weise für missionarische Direkt-Projekte.
Diese erfreuliche Tatsache ist Verpflichtung. Es gilt für die kirchlichen Werke der Nothilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Mission, zu dieser Gebefreudigkeit Sorge zu tragen und Gönnerinnen und Gönner nicht durch aggressive Werbemethoden, durch die sich gewisse nichtkirchliche Hilfswerke auszeichnen, zu verärgern. Es gilt auch, die Multiplikatoren (Priester, Pastoralassistentinnen und -assistenten, Katechetinnen und Katecheten sowie Jugendarbeiterinnen und -arbeiter) so anzusprechen, dass sie sich in ihrer seelsorgerlichen Aufgabe unterstützt und nicht überfordert erfahren.

Notwendige Modernisierung

Allerdings gibt es auch im Bereich Fundraising (Mittelbeschaffung) Methoden, die wissenschaftlich erarbeitet und erhärtet sind (u.a. durch das Forschungsinstitut für Verbands- und Genossenschafts-Management der Universität Freiburg). Die Werke und einzelne Missionsgesellschaften wenden solche Methoden an. Sie versuchen aber, darauf zu achten, keinen knallharten, auf Schwächung der Konkurrenz bedachten Verdrängungswettbewerb zu führen, durch den der kirchliche Auftrag verdunkelt würde. Vielmehr geht es darum, sich ein zeitgemässes Erscheinungsbild zu geben und sich gegenüber neutralen und kommerziellen Hilfsorganisationen als kompetente kirchliche Institution zu «positionieren». «Wir haben alle einen Modernisierungsschub nötig», wurde festgestellt, doch «damit geben wir weder unsere ethischen Grundsätze noch unsere Zugehörigkeit zur Kirche und unsere religiöse Motivation auf.»
Dabei sollen nicht die bereits für kirchliche Aufgaben spendenden Menschen noch intensiver bearbeitet, sondern über das kirchliche Stammpublikum hinaus Gönnerinnen und Gönner gesucht werden. Es kann durchaus eine missionarische Aufgabe sein, Menschen anzusprechen, die sich nur noch am Rand als christlich bzw. kirchlich empfinden. Die Missionarinnen und Missionare und die Hilfswerke haben viele «Tatbeweise» für die Lebens- und Befreiungskraft des christlichen Glaubens. Diese sollen als evangelisches Zeugnis bekannt gemacht werden. Oft können gerade die Hilfs- und Missionswerke suchenden Menschen ein glaubwürdiges Bild von Kirche aufzeigen. Es gibt auch Christinnen und Christen, welche aus verschiedenen Gründen die Zahlung der Kirchensteuer ablehnen und aus der Kirche austreten, ihren Solidaritätsbeitrag aber gerne einem Werk oder sogar einer Missionsgesellschaft geben, wenn diese überzeugend wirken.

Konkurrenz und Kooperation

Die Art und Weise, wie die Vertreter der Werke und Missionsinstitute an der Tagung des SKM ihre «Marketing-Strategie» darlegten, zeugte von gegenseitiger Wertschätzung, vom bewussten Bemühen um Transparenz und von der Bereitschaft, gemeinsam am gleichen missionarischen Auftrag der Kirche zu arbeiten. Die Grenzen verantwortbarer Spendenwerbung wurde von den einzelnen Werken und Instituten übereinstimmend so gezogen: Der evangelische Gedanke der Solidarität darf nicht durch immer subtilere Marketingmethoden aufs Spiel gesetzt werden.
Doch wurde festgestellt, dass Konkurrenz besteht und auch gut ist, da jede Institution die je eigene Aufgabe möglichst verständlich und somit abgrenzend formulieren muss. Dabei bemühen sich aber alle, dass durch diese Selbstprofilierung niemand anders abqualifiziert und kein gehässiges Gegeneinander geschaffen wird. «Wir profitieren voneinander», wurde gesagt. Ein geschichtlicher Rückverweis erhärtete diese Feststellung: «Als vor mehr als 35 Jahren das Fastenopfer gegründet wurde, fürchteten die Missionsinstitute, die Einnahmen, die sie zur Unterstützung ihrer Missionarinnen und Missionare nötig haben, würden zurückgehen. Das Gegenteil war der Fall!» Heute gibt es ein wechselseitiges Ineinandergreifen der Missionsinstitute mit Caritas, Fastenopfer und Missio: Einerseits sind die in der Schweiz wirkenden Missionarinnen und Missionare so etwas wie «Regionalvertretungen» der Werke (vgl. zum Beispiel das Team «Missionarische Information und Bildung» [MIB] in der deutschsprachigen und der «Groupe interinstituts d'animateurs missionnaires» [GRIM] in der französischen Schweiz). Andererseits stützen die Werke viele Projekte in Ländern des Südens und Ostens, welche auf Aktivitäten schweizerischer Missionsinstitute zurückgehen. Zudem leisten alle Werke und Missionsinstitute ihren Anteil an der Erarbeitung und Finanzierung der missionarischen Bildungsarbeit und an der Durchführung der Solidaritätsaufgaben hier in der Schweiz.
Diese Kooperation beschränkt sich nicht auf die an der SKM-Tagung anwesenden Werke Caritas, Fastenopfer und Missio (deren Direktoren von Amtes wegen Mitglieder des SKM sind), noch auf die Missionsinstitute von AGMI bzw. GRIM. Einbezogen in das freundschaftliche Zusammenspiel sind auch die «kleineren» katholischen Werke, die in den regionalen Missionskonferenzen mitarbeiten: Brücke-Cecotret, Elisabethenwerk SKF, Interteam/E-Changer, MIVA, SolidarMed. Der Missionskonferenz der deutschen und rätoromanischen Schweiz und Liechtensteins, dem Groupe de coopération missionnaire de la Suisse romande und der Conferenza missionaria della Svizzera italiana kommt das Verdienst zu, dass sich alle «missionarischen Kräfte» immer wieder neu und gemeinsam auf die missionarische Aufgabe der Kirche ausrichten: Da sich die Exponenten kennen, hören sie aufeinander und schätzen sich gegenseitig. Nicht gnadenlose Konkurrenz, so konnte an dieser Tagung festgestellt werden, sondern gegenseitiges Vertrauen prägen diese missionarischen Institutionen der Kirche in der Schweiz.
Selbstverständlich gibt es auch bereits institutionalisierte Zusammenarbeit: Acht Werke (Brücke/Cecotrec, Elisabethenwerk SKF, Caritas, Fastenopfer, Missio, Kolpingwerk, MIVA und SolidarMed) bieten gemeinsam den «Projektservice» an. Die Kapuziner, die Weissen Väter, die Schwestern von Menzingen, Caritas, Fastenopfer und Missio bilden katholischerseits die Trägerschaft der Fachstelle «Filme für eine Welt». Caritas und Fastenopfer sind auf nationaler Ebene mit Brot für alle, Helvetas und Swissaid in der «Arbeitsgemeinschaft» verbunden und international in die CIDSE (Kooperation der kirchlichen Werke der Entwicklungszusammenarbeit) bzw. Caritas Internationalis integriert. Missio ist als «Ausgleichskasse der Weltkirche» mit allen 210 Nationaldirektionen der «Päpstlichen Missionswerke» verknüpft und arbeitet national mit der Kooperation evangelischer Kirchen und Missionen (KEM) zusammen. Impulse aus diesem ökumenischen und internationalen Engagement kommt immer wieder allen katholischen Werken und Missionsinstituten zugute.

Gentlemen's agreement der Selbstbegrenzung

Gegenseitiges Rücksichtnehmen zwischen den Werken und Missionsinstituten ist nicht etwa neu. Die ZEWO (Zentralstelle für Wohlfahrtsunternehmungen) erstellt seit Jahren einen Kalender für nationale Sammelaktionen. Caritas und Fastenopfer sind Mitglied der ZEWO, haben also je zwei Wochen im März bzw. Ende November reserviert. Missio und die Missionsinstitute können als Instrumente der religiösen Verkündigung statutengemäss nicht Mitglieder der ZEWO sein; ihnen sind darum auch keine Sammelwochen reserviert. Seit Jahren spielt aber unter den kirchlichen Werken und Missionsinstituten eine, zwar nicht schriftlich fixierte, aber doch recht gut eingehaltene Übereinkunft: Die einzelnen Werke und Institute wollen einander nicht durch Werbemassnahmen das Wasser abgraben. Dieses «Gentlemen's agreement» wurde an der SKM-Tagung erneuert. Es beinhaltet im Wesentlichen die folgenden Punkte:

1. Die Werke und Missionsinstitute respektieren gegenseitig bestimmte «reservierte» Zeiträume: die Fastenzeit für das Fastenopfer, den Missionsmonat Oktober für Missio, Ende November für die Caritas. Während dieser Perioden verzichten die jeweils anderen Werke und die Missionsinstitute auf die Durchführung öffentlicher Sammelaktionen.
2. Dennoch sind alle Werke und Missionsinstitute ganzjährig tätig. Darum dürfen zum Beispiel Dankesbriefe für erhaltene Spenden, «Mitgliederbriefe» (auch mit Einzahlungsschein) an bisherige Gönnerinnen und Gönner und Informationen über künftige Aktionen an Multiplikatoren auch während den reservierten Zeiten versandt werden. Dabei wird aber auf die laufenden Aktionen Rücksicht genommen, indem in dieser Zeit keine öffentlichen Spendenaufrufe lanciert werden.
3. Weitergehende Abmachungen zur Kooperation bestehen bereits zwischen einzelnen Werken und Missionsinstituten. Diese können vermehrt und ausgebaut werden. Beispielsweise führen die Bethlehem Mission Immensee und das Fastenopfer im Luzerner Romerohaus gemeinsam Tagungen durch.
4. Auftauchende Konflikte sollen (wie bis anhin) möglichst offen und kooperativ in bilateraler Weise gelöst werden.
5. In ihren Publikationen, besonders im Bildungsbereich, verweisen die Werke und Missionsinstitute gegenseitig auf Materialien. Zum Bespiel sind die Broschüren der Caritas «Arbeitslos ­ Aussichtslos» und «Langzeitarbeitslosigkeit» sehr brauchbar zum Thema «Solidarität schafft Arbeit» des Fastenopfers, und das Bibelheft, das KEM und Missio jeweils im Oktober publizieren, ist in der folgenden Fastenzeit und darüber hinaus verwendbar.

Fairness seitens der Pfarreien

Einbezogen in diese Übereinkunft zur gegenseitigen Rücksichtnahme und Kooperation sind natürlich auch die Pfarreien. Vielerorts ist es selbstverständlich, pfarreiliche Aktionen (Missionssonntag, Suppentag, Missionsbazar) für eigene Projekte nicht in die Fastenzeit (reserviert für das Fastenopfer), nicht im Monat Oktober (reserviert für Missio) und nicht in den zwei letzten Novemberwochen (reserviert für Caritas) festzulegen, sondern auf die übrigen Zeiträume des Jahres zu verteilen. Hier ist eine gesamtschweizerische, in der Fastenzeit auch eine ökumenische Solidarität aller Pfarreien und Kirchgemeinden gefordert.
Auch gibt es eine bewährte Spendenkultur, die sorgfältige Rücksichtnahme beinhaltet: Finanzielle Mittel, die unter dem Namen Fastenopfer und mit dem Signet «Wir teilen», mit dem Material von Missio und dem Titel «Weltmissionssonntag» oder mit Werbemitteln der Caritas eingesammelt werden, kommen fairerweise vollumfänglich diesen offiziellen kirchlichen Werken zugute. Beispiele: Eine Missionarin, welche am Caritas-«Flüchtlingssonntag» predigt, wird das Kollektenergebnis dieses Sonntags nicht einem eigenen Zweck, auch nicht einem eigenen Flüchtlingsprojekt, zukommen lassen. Der Erlös von Suppentagen während der Fastenzeit mit Tischsets von Fastenopfer/Brot für alle geht ausschliesslich in Projekte des Fastenopfers. Das Sternsingen als Verkündigung der Ankunft des Herrn (Epiphanie) ist eine missionarische Jugendaktion, die missionarischen Zwecken und nicht gruppeneigenen Anliegen (Aufbessern der Sommerlagerkasse) dient. Diese Beispiele zeigen, wie Sorgfalt am Platz ist, damit die Spenderinnen und Spender nicht irregeführt werden. Zweckentfremdung ist ja auch rechtlich problematisch.
Die Tagung des SKM hat den kirchlichen Werken der Nothilfe, der Entwicklungszusammenarbeit und Mission sowie den Orden und Missionsgesellschaften geholfen, das Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit zu eigener Profilierung und der aus den gemeinsamen missionarischen Zielen begründeten Bereitschaft zur Kooperation neu abzustecken. Gemäss einem allgemein begrüssten Vorschlag werden die Ergebnisse der Besprechung in dieser Zeitschrift publiziert, in der Erwartung, dass sie durch die Verantwortungsträger der Pfarreien allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im missionarischen Dienst der Kirche bekannt gemacht werden.

 

Paul Jeannerat ist Sekretär des Schweizerischen Katholischen Missionsrates.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999