11/1999 | |
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Pastoral |
Verschiedene Jugendverbände haben sich (...) zusammengetan, um eine
neue Jugendzeitschrift zu planen, die von mehreren Jugendgruppen und der
katholischen Kirche getragen würde. Sie soll vor allem die Jugendlichen
von 14 bis 18 Jahren ansprechen und ihre Lebensfragen aufnehmen. So war
in der SKZ 24 (1998) einem Bericht aus der Junisitzung der OKJV (Ordinarienkonferenz
und Jugendverbände) zu entnehmen. Diese an sich lobenswerte Absicht
der Jugendverbände und Ordinariate löst jedoch Unbehagen aus,
wenn im gleichen Zusammenhang auf das Ende von LENZ, einer kirchlichen Zeitschrift
für junge Erwachsene, die 1997 ihr Erscheinen einstellen musste, verwiesen
wird, ohne die Umstände des Verschwindens zu erwähnen: Der Redaktion
von LENZ wurde vor gut einem Jahr durch Beschluss der Römisch-Katholischen
Zentralkonferenz (RKZ) die finanzielle Basis entzogen. Zu verantworten haben
diesen Entscheid diejenigen, die nun eine neue Jugendzeitschrift planen:
einerseits die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), anderseits verschiedene
Jugendseelsorgeverbände, namentlich das «Forum», bestehend
aus dem Verband Blauring/Jungwacht, dem Verband Katholischer Pfadfinder,
dem Verein deutschschweizerischer Jugendseelsorger und -seelsorgerinnen
und der Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit. Sie alle
empfahlen der RKZ, sich an der Finanzierung von LENZ nicht mehr zu beteiligen.
Die Argumente der Bischöfe und des Forums geben zu denken.
Zwar sind die Diskussionen um LENZ und sein Vorgängerprodukt LÄBIG
beinahe verstummt, aber keineswegs ausdiskutiert. Am Beispiel von LÄBIG/LENZ
lassen sich einige grundsätzliche Probleme kirchlicher Jugendarbeit
ablesen, die erst geklärt werden müssten, bevor mit einem neuen
Produkt alte Fehler wiederholt bzw. vermeintliche Fehler «verschlimmbessert»
werden. Dieser Artikel soll ein Beitrag dazu sein.
Das Forum befasste sich mit LENZ in zwei Stellungnahmen zuhanden des
Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institus St. Gallen (SPI), welches
im Auftrag der Pastoralplanungskomission (PPK) einen Bericht über die
Finanzierungswürdigkeit von LENZ erstellte. In einer «inhaltliche(n)
Stellungnahme» vom 19. August 1997 gaben einige Mitglieder des Forums
LENZ recht gute Noten: «Es ist unseres Erachtens erfreulich, dass
mit LENZ eine Zeitschrift auf dem Markt ist, die inhaltlich etwas zu bieten
hat und sich von den herkömmlichen Zeitschriften positiv absetzt. LENZ
greift Themen auf, die am Lebenspuls junger Erwachsener sind! Die einzelnen
Nummern sind sorgfältig und qualitativ hochstehend erarbeitet.»
Einzige inhaltliche Kritik betrifft das Vermissen «religiös-spirituelle(r)
Inhalte» eine vage Aussage, zumal in der Ausführung dieses
Kritikpunktes einzig darauf verwiesen wird, dass im LENZ keine Rubrik vorgesehen
war, in der «kirchliche Jugendarbeitsstellen und -verbände kostenlos
Informationen über Veranstaltungen publizieren» können.
Dass eine Zeitschrift irgendwelche Erwartungen an religiös-spirituelle
Inhalte mit einem «schwarzen Brett» erfüllen soll, kann
aber nicht im Ernst gefordert werden!
Deshalb wiegt die formale Kritik, die das Forum in seiner ersten Stellungnahme
vom 4. Juli 1997 äusserte, mehr als die inhaltliche: «Nachdem
nun LENZ seit einem halben Jahr erscheint, stellen wir fest, dass diese
Zeitschrift nicht die Jugendlichen (...) zum Zielpublikum gewählt hat.
Unseres Erachtens werden mit den Inhalten Leser und Leserinnen der Altersgruppe
Junge Erwachsene und Erwachsene gesucht.» Quintessenz aus dieser Feststellung:
Das Forum formuliert «den Wunsch, dass eine allfällige Unterstützung
des LENZ nicht über Gelder für den Bereich Jugend finanziert wird.»
Nur gibt es und das wüssten auch die Mitglieder des Forums
in den meisten Budgetplänen den Bereich Junge-Erwachsenen-Pastoral
nicht.
Darin zeigt sich das generelle Problem der unscharfen Altersgrenzen im
Bereich Jugendarbeit. Schon die untere Grenze ist sehr verschwommen und
wird zum Teil bei 12 oder 13 Jahren angesetzt, zum Teil erst bei 16, wenn
die Betroffenen bereits die Schule verlassen. Helga Kohler-Spiegel, Professorin
für Religionspädagogik und Katechetik an der Theologischen Fakultät
der Universitären Hochschule Luzern (UHL) und Leiterin des Katechetischen
Instituts Luzern (KIL), zu Fragen der Jugendarbeit grundsätzlich befragt,
meint: «Noch schwieriger wird es bei der oberen Altersgrenze. Soll
sie bei 19/20 Jahren festgemacht werden, oder zählen junge Erwachsene,
die einerseits noch in der Ausbildung stehen und demnach ein Kriterium der
Jugendarbeit erfüllen, anderseits dem Alter nach schon erwachsen sind,
auch noch dazu?» Wichtig wäre letztlich, dass der Altersgruppe
der jungen Erwachsenen gerade auch kirchlicherseits mehr Beachtung geschenkt
würde. «Die Gruppe der jungen Erwachsenen wurde grösser,
weil Biographien anders verlaufen», meint Prof. Kohler. «Ausbildungswege
dauerten früher kürzer, dementsprechend kürzer war auch die
Zeit zwischen Schulabgang und Familiengründung. Das Spektrum an Menschen,
die der Jugendarbeit entwachsen sind und noch nicht über Familie, Erstkommunion
usw. wieder in die klassischen gemeindlichen Strukturen hineinwachsen, ist
grösser geworden. Es gibt den Bereich der jungen Erwachsenen: sie sind
nicht mehr Jugendliche, sie passen aber (noch) nicht in die klassische Erwachsenenarbeit.
Diese Gruppe darf nicht unterschätzt werden!»
Spezifisch für die Gruppe der jungen Erwachsenen ist die «religiöse
Beheimatung», wie es Prof. Kohler nennt: «Bei 15- oder 17-Jährigen
können wir nur in Ausnahmefällen von Beheimatung reden; sie sind
noch ganz mit Orientieren beschäftigt. Erwachsene hingegen müssen
religiös beheimatet sein, damit sich eine nächste Generation an
ihnen orientieren kann.» Diese Beheimatung erfolgt im jungen Erwachsenenalter:
«Diese Altersphase, in der ich mich positioniere, biographisch und
beruflich mein Zuhause finde, in der ich schaue, welche verschiedenen Antworten
es gibt, welche davon zu genügen vermögen und welche ich letztlich
für mich wähle, ist ganz wichtig. Tatsache ist auch, dass ich
mir im jungen Erwachsenenalter überlege, wie sehr und wo ich noch in
dieser Kirche stehe, dass genau in diesem Alter die ganz pragmatische Entscheidung
ansteht, ob ich in dieser Kirche bleiben und ihr meine Beiträge zahlen
will. Dabei dürfen wir Kirche nicht nur auf Sonntagsgemeinde reduzieren.
Hoffentlich ist sie das Zentrum, aber Kirche ist natürlich viel breiter.
Junge Erwachsene sind oft gerade im breiten Feld des diakonischen Auftrags
der Kirche engagiert.» Dort werden sie bisher aber weder durch klassische
Jugend- noch durch Erwachsenenarbeit erreicht.
Ähnliches stellt auch das SPI in seinem Bericht an die PPK fest. Gestützt
auf verschiedene religionssoziologische Studien, schreibt es: «Die
kirchliche Jugendarbeit erreicht nur einen Teil der jungen Generation. In
den Ortsgemeinden treten die über 20-jährigen Ledigen kaum in
Erscheinung. (...) Die Kirche spielt im Lebensvollzug junger Erwachsener
(...) kaum eine Rolle andererseits kann auch die Kirche herzlich wenig
mit Leben und Selbstdarstellung dieser Menschen anfangen: Ein gutes Beispiel
dafür ist eben gerade die Debatte um den LENZ: Themen und Ausdrucksweise
sind Vertretern der (Staats-)Kirche im Grunde genommen fremd. Die Kirche
tut sich auf allen Ebenen schwer mit Menschen, die nicht ihre Nähe
suchen, aber auch nicht mit ihr brechen.»<1>
So berechtigt und begrüssenswert der Wunsch des Forums nach einer Jugendzeitschrift
für die jüngeren Semester ist, dieser Wunsch sollte angesichts
solcher religionssoziologischer Tatsachen nicht auf Kosten der jungen Erwachsenen
verwirklicht werden. Mit LENZ stand in der Schweiz ein einmaliges Produkt
zur Verfügung, das junge Erwachsene zum Zielpublikum gewählt hat.
Statt verschiedene Altersstufen gegeneinander auszuspielen und einem zukunftsweisenden
Produkt aus Eigeninteresse die finanzielle Basis zu entziehen, wäre
wünschenswert gewesen, wenn auch das Forum versucht hätte, die
kirchlich Verantwortlichen und die Geldgeber von der eminenten Wichtigkeit
einer umfassenden, das heisst die jungen Erwachsenen nicht ausschliessenden
Jugendseelsorge zu überzeugen.
Von Verantwortlichen der Bischofskonferenz wurden weniger formale als
vielmehr inhaltliche Aspekte kritisiert. Öfters wurde die Frage an
LENZ herangetragen, ob diese Zeitschrift dem Anspruch, eine kirchliche Jugendzeitschrift
zu sein, überhaupt gerecht werde. Zwar stellt auch das SPI in seinem
Gutachten fest, dass sich der Anteil explizit religiöser Artikel in
LÄBIG/LENZ im Wesentlichen auf einen Artikel pro Ausgabe beschränke.
«Kritiker stellen angesichts dieser Sachlage zu Recht die Frage, ob
dieser ÐPflichtbeitragð mehr ist als nur ein Feigenblatt.»<2> Gleichzeitig hält das SPI aber ausdrücklich
fest, dass damit «freilich nicht gesagt sein (soll), dass der Rest
niveaulos oder antireligiös wirkt».<3>
Wenn, wie LÄBIG/LENZ vorgeworfen wurde, an die Stelle der Thematisierung
von Gott, Glaube und Religion eine «simple» Selbst- und Alltagsthematisierung
getreten sein soll, so stellt sich gemäss SPI nicht die Frage, ob dies
noch eine christliche Zeitschrift sei, sondern ob sie als solche wahrgenommen
werde. Mit anderen Worten lasse diese Auseinandersetzung darauf schliessen,
«dass sich an der Frage expliziter bzw. impliziter Thematisierung
von christlichen Inhalten die Geister scheiden».<4>
Über diese Auseinandersetzung wird auch eine neue Jugendzeitschrift
stolpern, wenn sie darauf bedacht sein will, von kirchlichen Gremien nicht
nur an Jugendliche verteilt, sondern von letzteren auch gelesen zu werden.
Denn Jugendliche pflegen ihr religiöses Suchen gerade auch implizit
durch Selbst- und Alltagsthematisierung zu vollziehen. Werden Gott, Glaube
und Religion hauptsächlich explizit thematisiert, weichen viele Jugendliche
aus.
Einer impliziten Thematisierung steht theologisch nichts im Wege und wird
von Fachkreisen sogar unterstützt. Helga Kohler-Spiegel meint dazu:
«Eine Sprache für Religiöses heisst nicht einfach eine religiöse
Sprache oder eine Fachsprache.» Natürlich brauche es in Fachgremien
eine Fachsprache, um sich schnell und präzis verständigen zu können.
«Nicht so aber im religionspädagogischen Bereich. Wo es darum
geht, Denken und Reflexion anzuregen, wird man sich einer möglichst
erfahrungsnahen Sprache bedienen; da geht es um gelebtes Lebenswissen, so
dass die klassisch theologischen Worte in einer religiösen Jugendzeitschrift
vermutlich nur selten vorkommen.» Natürlich könnten auch
einzelne Elemente darunter sein, in die theologische Sprache hineinfliesse.
«Die Herausforderung aber gerade als eine Hauptaufgabe der Religionspädagogik
ist, nicht nur in Fachvokabeln zu vermitteln, was einem als Inhalt
wichtig ist. Versuche ich, mit Jugendlichen und nicht nur für Jugendliche
über eine Erfahrung zu reden, so gebrauche ich andere Worte. Dann kommen
die Erfahrungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen selber zum Zuge.»
Zu vergleichen sei dieses Problem mit einer Ärztin, die einem Patienten
etwas so präzis erläutern können müsse, dass es fachlich
richtig bleibt, aber in solchen Worten, dass es gut verständlich wird.
Für die Redaktion von LENZ bedeutete dies, eine grosse Offenheit in
der Wahl als auch in der Bearbeitung der Themen walten zu lassen. Ziel war
es, die Leser und Leserinnen mit einer erfahrungsnahen Sprache in ihrem
Suchen zu begleiten und den Suchprozess nicht durch vorschnelles Liefern
einer vermeintlich fertigen Antwort zu unterbinden. Denn eine Antwort kann
erst dann eine Antwort sein, wenn sie jeder zu seiner Antwort gemacht hat:
«Fertige Antworten gibt es für mich grundsätzlich nicht»,
bestätigt Prof. Kohler. «Vielmehr besteht die Gefahr, dass wir
uns mit heiklen Fragen zu wenig konfrontieren. Religiöse Fragen sind
immer ein Suchen des Menschen nach einer Antwort aus der jeweiligen Zeit
heraus.» Das Gutachten des SPI beschreibt diesen Umstand mit «zwei
Mentalitäten», die in LÄBIG/LENZ zusammenträfen und
«die einerseits bezeichnend für die christlichen Kirchen West-
und Mitteleuropas, andererseits aber auch ebenso unvereinbar sind. (...)
Die eine Gruppe lässt sich knapp mit dem Bedürfnis nach Antwort,
die andere mit dem nach Frage umschreiben. Die einen suchen Halt, die anderen
Freiraum. Der Halt der einen ist den anderen Enge, die Freiheit dieser ist
jenen Indifferenz.»<5> LÄBIG/LENZ
hat sich mit gutem Grund auf eine Seite gestellt und dadurch die Kritik
der Bischöfe auf sich gezogen. Auch eine neue Jugendzeitschrift wird
sich in diesem Punkt klar entscheiden müssen und sich dadurch automatisch
die Kritik der anderen Seite aufhalsen.
Das SPI meint in seinem Gutachten resümierend: «Vom LENZ fühlt sich eine Gruppe von Katholiken (!) angesprochen, denen das Mischungsverhältnis von Weltdeutung, Selbstformulierung und Transzendenzerfahrung, wie es sich im LENZ ausdrückt, weitgehend entspricht. Nicht nur Geldgeber, auch kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen tun sich schwer mit dieser Mentalität. Die Kirche schwankt zwischen unangebrachter Überheblichkeit und spürbarer Hilflosigkeit im Umgang mit der unter volkskirchlichen Vorzeichen Mehrheit (!) der Kirchenmitglieder.»<6> Und: Wer aus der auf junge Erwachsene zugeschnittenen Art der Darstellung und Ausdrucksweise des LENZ «den Schluss zieht, LENZ sei unter diesen Bedingungen nicht mehr förderungswürdig, muss sich die Frage gefallen lassen, ob diese Gruppe junger Menschen in der Kirche denn nichts verloren habe».<7> Die Empfehlungen der SBK und des Forums sowie der Beschluss der RKZ sprechen leider für sich.
Der Theologiestudent Lukas Fries war Mitglied der Redaktion von LENZ, er schreibt hier indes im eigenen Namen als kirchlich engagierter junger Erwachsener.
1 Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut SPI, LENZ: Das junge Schriftstück eine Beurteilung der Finanzierungswürdigkeit zuhanden der PPK, St. Gallen 1997, 89.
2 Ebd 3.
3 Ebd.
4 Ebd. 4.
5 Ebd. 10.
6 Ebd. 89.
7 Ebd. 8.