5/1999

INHALT

Pastoral

Kirche wie ein Unternehmen führen?

von Pius Bischofberger

 

Der folgende Beitrag berichtet von interdisziplinären Erfahrungen und will Seelsorgerinnen und Seelsorger ermutigen, über die Grenzen des eigenen Gartens hinauszuschauen.
Im letzten Frühjahr erhielt ich die Anfrage betreffend Mitwirkung an einem Dekanatsfortbildungskurs des Bistums Basel. Thema: «Gnadenlos leisten? Gottes Gnade geht der Leistung des Menschen vor.» Die Antwort fiel mir nicht leicht. Bereits die Fragestellung bereitete mir einige Mühe. Im Kurskonzept war auch von «zerstörerischem Leistungsdenken» die Rede; die Botschaft vom Reich Gottes stehe «in einem deutlichen Kontrast zu den Gesetzmässigkeiten der Leistungsgesellschaft». Gilt Leistung im kirchlichen Dienst als Reizwort? Wie werden die Reaktionen der Kursteilnehmer/-innen auf Begriffe wie Management und kirchliches Marketing, auf Effizienz und Effektivität ausfallen?
Ich nahm die Herausforderung an. Die Überraschung war gross: von Skepsis war wenig, von Widerstand nichts zu spüren. Bei den Rollenspielen zur Einführung in die Thematik kam sogar der Humor auf die Rechnung. Damit war das Eis gebrochen und der Weg frei für einen konstruktiven Austausch über ausgewählte Fragen zum kirchlichen Management.

Zeichen der Zeit erkannt

Seit einigen Jahren mehren sich die Stimmen aus dem kirchlichen Dienst zu aktuellen Führungsproblemen. In der SKZ 3/1998 werden auf Seite 40f. unter dem Titel «Vom Verwalten zum Management in der Kirche» die Beratungskommissionen der Bischofskonferenz unter die Lupe genommen. Die Selbstbeurteilung der befragten Kommissionsmitglieder ergab, dass einerseits grosse Unterschiede bestehen und dass anderseits «vieles mangelhaft» sei. In ihrer Lizentiatsarbeit über «Die Frau in den apostolisch-tätigen Ordensgemeinschaften» (Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 1993) betont Sr. Zoe Maria Isenring die mangelhafte Vorbereitung und Ausbildung von Führungskräften. Kirchlichen Institutionen werde ganz allgemein nachgesagt, «dass sie für ihre Betriebsführung die Erkenntnisse des modernen Managements zu wenig zunutze machten. Im Sinne der Effizienzsteigerung und eines guten Klimas sollten auch in Klöstern vermehrte Anstrengungen gemacht werden zur Aus- und Weiterbildung von Leitungskräften» (Seite 120f.). Der Luzerner Bibelwissenschafter Walter Kirchschläger bezeichnet namentlich die personelle Situation als bedrohlich. Kein Konzern könne sich «dieses Personalmanagement oder auch diese Methoden der Personalrekrutierung leisten» (Luzerner Zeitung vom 28. Juni 1996). Für den Luzerner Regionaldekan Max Hofer steht fest, dass die Kirche zwar ausserordentlich gute Angebote habe, «aber niemand kommt, weil wir nicht von den Bedürfnissen der Leute ausgehen» (Luzerner Zeitung vom 11. Januar 1997). Damit spricht er einen kritischen Punkt des kirchlichen Managements an. Vor noch nicht allzu langer Zeit verfügte die Kirche gewissermassen über ein Monopol in der Glaubensverkündigung. Inzwischen hat sich ein religiöser Markt entwickelt; das Leistungsangebot passt sich der zusehends vielfältigeren Nachfrage an. Schliesslich gibt Pfarrer Jakob Fuchs vom Seelsorgeverband Rebstein-Marbach-Lüchingen anlässlich seiner Demission auf Ende 1998 der Sorge über die Immobilität der Kirche Ausdruck. Aber auch bei einer Anzahl anderer Probleme «sehe ich von der Kirchenleitung her nicht die geringste Bereitschaft, sie anzugehen, obwohl sie die Möglichkeit hätte». Eine grössere Bereitschaft zu innovativem Denken tue not (Rheintaler vom 29. August 1998).
Die wenigen Zitate aus der Theologenzunft bringen ein aktuelles Anliegen zum Ausdruck. Sie sind sich bewusst, dass die Anwendung betriebswirtschaftlicher Erkenntnisse und Methoden eine den Verkündigungsauftrag unterstützende Funktion hat und dass zwischen Theologie und Betriebsführung nur scheinbar ein Widerspruch besteht.

Ecclesia semper reformanda?

Der Ruf nach Reformen im Blick auf eine wirksame und zeitgemässe Erfüllung kirchlicher Aufgaben ist auch ausserhalb der Schweiz zu vernehmen. In der englischen Wochenzeitschrift «The Tablet» vom 23. November 1996 merkte Paul Zulehner kritisch an, die katholische Kirche bedürfe weltweit der Reform. Allerdings kann man sich des Eindrucks gelegentlich nicht erwehren, dass das Echo um so leiser ist, je stärker der Ruf ertönt. Ein Beispiel aus neuester Zeit mag dies verdeutlichen (vgl. dazu Herder-Korrespondenz 5/1997, Seite 231ff.). Im März 1997 wurde in der Erzdiözese München-Freising eine Strukturuntersuchung vorgelegt, die auf einen Auftrag des «Pastoralen Forums» dieses Bistums zurückgeht. Das Anliegen dieser Analyse bestand darin, Vorschläge für wirkungsvolle Lösungen zu erarbeiten. Der Leitgedanke sollte dabei sein ­ so der Generalvikar im Vorwort der Expertise ­, alles zu fördern, was der Wirksamkeit der kirchlichen Strukturen und damit der Motivation aller in den Seelsorgeberufen tätigen Frauen und Männer dienen könne. Ob die Reaktion des Erzbischofs, Kardinal Friedrich Wetter, zur Erreichung dieses Zieles beitrug, mag mit Fug und Recht bezweifelt werden. Wenige Tage nach der Veröffentlichung der Studie betonte er in einer Predigt, kirchlicherseits brauche man «keine Leitbilder für unser Tun zu erfinden. Jesus Christus ist uns als Leitbild vorgegeben.» Nach Ansicht des Kommentators der Herder-Korrespondenz zeigt diese Äusserung, wie sehr man in kirchlichen Kreisen noch am Anfang stehe beim Umgang mit solchen Untersuchungen. Zu begrüssen sei immerhin die Bereitschaft, sich einer Problemlage zu stellen; dabei sei nicht zu übersehen, dass die in der eigenen Diözese zutage geförderten Probleme auch in andern Bistümern anzutreffen seien.
Widerstand gegen Reformen erhebt sich übrigens nicht nur in der Kirche. Der emeritierte Basler Staatsrechtler Kurt Eichenberger weiss wovon er spricht, wenn er einen Beitrag im Schweizerischen Zentralblatt für Staats- und Gemeindeverwaltung, Heft 6/1995, wie folgt überschreibt: «Der ständige Ruf nach Staatsreformen und der Unwille, sie vorzunehmen». Als erfahrener Berater auf Bundes- und Kantonsebene ortet er einen starken Hang zur Passivität, wenn es an die wirksame Realisation gehen sollte.

Führung hat in der Kirche Tradition

Vor einigen Wochen besuchte ich mit einer Reisegruppe «auf den Spuren der Hildegard von Bingen» auch das Kloster Eberbach. Hier gründeten die Zisterzienser 1136 eine Niederlassung. Abt Bernhard von Clairvaux liess diese Anlage mit Mönchen vom Burgund aus besiedeln. Dem Kunstführer dieses ehemaligen Klosters ­ die Aufhebung erfolgte 1803 ­ kann entnommen werden, dass «die Glaubenskraft und das Organisationstalent» des heiligen Bernhard der aus dem Benediktinerorden hervorgegangenen mönchischen Reformbewegung im ganzen Abendland ungeheuren Widerhall verschaffte. Dieses Beispiel macht deutlich, dass sich Spiritualität und Management nicht ausschliessen, sondern in schöner und sinnvoller Weise ergänzen. Ordensgemeinschaften würden nicht Jahrhunderte überdauern, würde deren Leitung nicht tatkräftig ans Werk gehen und deren Entwicklung zielstrebig an die Hand nehmen (Management = manu agere).
Ein weiteres Beispiel. Im Rahmen des kooperativen Führungsstils und der Personalbeurteilung kommt dem Mitarbeitergespräch in privaten Unternehmungen und Nonprofit-Organisationen eine wachsende Bedeutung zu. Dabei dürfte kaum bekannt sein, dass dieses Führungsinstrument für religiöse Gemeinschaften in Form der Visitation eine jahrhundertelange Tradition hat.

Was ist zu tun?

Drei Überlegungen sollen zum Abschluss herausgehoben werden.
Zunächst ist festzuhalten, dass eine der privaten Betriebswirtschaftslehre (BWL) analoge Disziplin für den kirchlichen Bereich fehlt; für die öffentliche Verwaltung sind demgegenüber erste Umrisse eines New Public Management erkennbar. Damit muss, wer sich in der Kirche um die Durchsetzung zeitgemässer Führungsgrundsätze und -methoden bemüht, auf die Erkenntnisse der BWL zurückgreifen. Zugleich ist allerdings vor unkritischen Übernahmen zu warnen. Angemessene Strukturen und Abläufe können nur gelingen, wenn die geforderten Reformen den Sonderheiten der kirchlichen Organisation gebührend Rechnung tragen; das Spezifische ist zu ermitteln. Erst auf dieser Basis und in diesem Bewusstsein lässt sich letztlich eine kirchliche Betriebslehre entwickeln. Einzelne Steinchen eines entsprechenden Mosaiks sind erkennbar (siehe als Beispiel Steffen W. Hillebrecht [Hrsg.], Kirchliches Marketing, Bonifatius Verlag, Paderborn 1997).
Ein Zweites gilt es zu beachten. Sollen Reformen nicht bereits im Keime ersticken, bedürfen sie des richtigen Masses. Zeitlich sollen sie nicht zu zögerlich, aber auch nicht zu hastig ablaufen. Sachlich darf das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden, anders formuliert: Bewährtes bewahren, aber auch Neues wagen. Unter diesem Motto stand das Generalkapitel 1997 der Schwesterngemeinschaft St. Anna, Luzern. Methodisch darf mit andern Worten nach dem Grundsatz von «trial and error» verfahren werden. Am Beispiel der Erzdiözese München-Freising liegt die Vermutung allerdings nahe, dass nicht einmal der «Versuch» gewagt wurde, weil Erneuerung zu sehr den Stempel des «Irrtums» trägt. Augenmass beweist die Führung auch dann, wenn sie eine Reform nicht zum Dauerlauf entarten lässt. Strukturen und Abläufe werden zwar nicht für die Ewigkeit gestaltet, und trotzdem bedürfen sie einer gewissen Kontinuität.
Der dritte Aspekt schliesslich betrifft die Aus- und Fortbildung. Reformen haben zum Ziel, die ständig wachsenden, zusehends komplexeren und sich wandelnden Aufgaben der Kirche wirksam erfüllen zu können. Die vielfachen Veränderungen allein im Laufe der letzten Jahrzehnte ­ Zusammensetzung des kirchlichen Dienstes, Kirchenaustritte, Entstehung eines religiösen Marktes, um nur wenige Stichworte zu nennen ­ stellen hohe Anforderungen an die kirchliche Führung der verschiedenen Ebenen. Stehen die not-wendigen Führungsinstrumente zur Verfügung, um den Wandel zulänglich zu bewältigen? An der Beantwortung dieser Frage bemisst sich nicht zuletzt der Stellenwert der Führungsschulung. Einige kirchliche Instanzen haben die Zeichen der Zeit erkannt.

Schlussbemerkung

Die bisherigen Darlegungen könnten den Eindruck erwecken, dass sich in der Kirche Schweiz nichts bewegt. Dieser Schein trügt. Die Aprilausgabe 1997 des «aufbruch» war dem Thema Kirchgemeinde und Management gewidmet. In einem Gespräch mit dem Seelsorgeteam der Pfarrei St. Paul in Freiburg wurde das Spannungsfeld zwischen Führung und den täglichen pastoralen Ansprüchen erörtert. Pfarrer Winfried Bächler brachte es auf den Punkt: «Die Seelsorge muss heute geplant werden, wenn man dafür Zeit haben will.»
Im Luzerner Pfarreiblatt schildert Ludwig Spirig-Huber die Neuausrichtung der Pfarrei St. Maria zu Franziskanern.<1> «Die Antworten, die eine Pfarrei auf die Bedürfnisse ihrer Angehörigen in der heutigen Situation geben muss (und auch geben will!), müssen neue Horizonte öffnen.»

 

Pius Bischofberger, Berater von kirchlichen Institutionen, Promotion an der Universität St. Gallen zur Durchsetzung betriebswirtschaftlicher Erkenntnisse in der öffentlichen Verwaltung (Dr. rer. publ.), Lehrbeauftragter an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


Anmerkung

1 In Nr. 17/1998 unter dem Titel «Experimentelle Kirche».


Lese-Seminar: Kirchliches Management

Im kirchlichen Dienst stellen sich zusehends Probleme, für deren Lösung die Theologie auf Erkenntnisse und Methoden anderer Disziplinen angewiesen ist. Soweit sie betriebswirtschaftlicher Natur sind, sollen sie den Studierenden der Theologischen Fakultät Luzern im Sommersemester 1999 in angemessener Form vermittelt werden. Eine beschränkte Anzahl Plätze steht auch für Personen zur Verfügung, die bereits als Seelsorger/Seelsorgerinnen Führungsverantwortung haben.
Ziel: Die Grundlage für einen interdisziplinären Diskurs zwischen Theologie und Betriebswirtschaftslehre schaffen.
Co-Leitung: Dr. Pius Bischofberger, Prof. Dr. Adrian Loretan.
Dauer: Mittwoch, 31. März, bis Mittwoch, 16. Juni 1999, je 16­18 Uhr.
Ort: Pfistergasse 20, Universitäre Hochschule Luzern.
Anmeldung und Auskünfte bis 22. März 1999: Andréa Belliger, Lehrstuhl (Staats-)Kirchenrecht UHL, Postfach 7424, 6000 Luzern 7.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999