4/1999

INHALT

Pastoral

Wandel im Seelsorgestil

von Josef Bommer

 

Das Pastoralsoziologische Institut (SPI), auf Initiative der St. Galler Katholikinnen und Katholiken 1968 gegründet und deshalb in St. Gallen domiziliert, feierte am vergangenen 6. November im Musiksaal des Bischöflichen Ordinariates seinen 30. Geburtstag. Der nachstehende Beitrag von Josef Bommer, emeritierter Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern, gibt den bei dieser Gelegenheit gehaltenen Festvortrag wieder. Umrahmt wurde der Festvortrag von Darbietungen des Windberg Quintetts sowie Ansprachen von Vertretern der beteiligten Institutionen: Walter Schär sprach als Präsident des SPI-Verwaltungsrates, Hardy Notter als Präsident des Katholischen Administrationsrates (der Exekutive der staatskirchlichen Körperschaft), Alfred Dubach als Institutsleiter, Bischof Ivo Fürer schliesslich ­ seit der Gründung des SPI bis zu seiner Bischofswahl Mitglied des Verwaltungsrates ­ äusserte, was ihm «persönlich und als Bischof» bei dieser Gelegenheit im Blick auf die Zukunft des SPI zu sagen wichtig war. Dabei ging er, ohne es immer ausdrücklich so zu sagen, vor allem auf die Spannung des SPI ein, sich sowohl als Forschungsinstitut zu qualifizieren als auch als kirchliche Arbeitsstelle zu bewähren. Nachdrücklich legte er dem SPI ans Herz, unbeschadet der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit der Kirche ihren im Evangelium gründenden Auftrag nicht nur stillschweigend vorauszusetzen, sondern klar zu benennen und bei der Erarbeitung und Verbreitung von Empfehlungen an die Adressaten zu denken: «Wer sind die Menschen, denen ich Resultate und Anregungen mitteile? Wie kann ich Resultate so kommunizieren, dass die Angesprochenen nicht abgeschreckt werden? Wie kann ich ein Institut der Dienstleistung sein für Menschen, welche sich in der Kirche einsetzen?»

Rolf Weibel

Eine Gesellschaft im Wandel und im Umbruch verlangt auch immer wieder eine diesem Wandel angepasste Seelsorge und Pastoral. Veränderte Umstände, ein verändertes Menschenbild fordern unsere Seelsorge immer wieder heraus, will denn nicht unser ganzes seelsorgliches Bemühen an den Menschen vorbei ins Leere laufen: Es gilt gerade für die Seelsorge und für die Seelsorger, die Seelsorgerinnen, die Zeichen der Zeit zu erkennen (vgl. Lk 15; II. Vat). Es gilt ein schönes Wort von Papst Johannes Paul II.: «Um den Menschen jedes Zeitalters die Botschaft des Heils zu verkünden, muss die Kirche auch jedes Zeitalter mit seinen Voraussetzungen, seinen Werten und Erwartungen und Irrtümern verstehen.»
Man spricht dann in diesem Zusammenhang gerne von einem neuen Seelsorgestil oder gar von einem neuen Paradigma der Pastoral. Unter Seelsorgestil verstehe ich den Gesamtcharakter und das Gesamtbild unserer seelsorglichen Bemühungen; die Prioritäten, die gesetzt werden; die grossen Linien, die befolgt werden; die Inhalte, die im Vordergrund stehen; das Klima, das da herrscht; die charakteristischen Züge, die unsere Arbeit bestimmen.
Und da, meine ich, sind folgende Wandlungen vor sich gegangen, zeigen sich die folgenden sechs Veränderungen, und damit benenne ich auch sechs Forderungen an einen neuen Seelsorgestil:

1. Einem vorkonziliaren, stark geschlossenen Seelsorgestil steht heute ein offener Seelsorgestil gegenüber

Wir von der älteren Generation sind noch in einen sehr geschlossenen tridentinischen Seelsorgestil hineingeweiht worden. Es gab da klare und eindeutige Vorgaben. Alles hatte seinen Platz und seine Ordnung. Das Motto dieser geschlossenen Seelsorge hiess: «Rette deine Seele.» Es ging darum, die sichere Lehre der Kirche darzulegen und die Forderungen einer kirchlichen Moral an die Leute heranzutragen. Der Katechismus, nicht die Bibel stand im Vordergrund.
Das Vereinswesen blühte. Soziale Impulse waren sicher auch vorhanden. Es gab die lehrende und die hörende Kirche. Es war jener geschlossene Milieukatholizismus, den Urs Altermann in seinem Buch «Katholizismus und Moderne» so vorzüglich beschrieben hat. Hier brachte das Konzil den grossen Auf- und Durchbruch, die Öffnung nach allen Seiten. Ein neues, umfassenderes Kirchenverständnis, eine neue, durch den grossen Theologen Karl Rahner angestossene Theologie mit der Überwindung einer verknöchterten Neuscholastik, eine befreiende Liberalisierung im ganzen kirchlichen Leben, jenes Öffnen der Fenster, von dem der unvergessliche Papst Johannes XXIII. am Vorabend des Konzils gesprochen hat. Und genau in diese Zeit fällt ja auch die Gründung des Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) St. Gallen, und damit halten die Humanwissenschaften ihren Einzug in die Theologie und in die Pastoral. Ich meine, ein grosser, wichtiger Schritt, ein heute unverzichtbarer Dienst im Rahmen einer offenen, menschenfreundlicheren Seelsorge, eines neuen, nicht mehr so ideologisch fixierten Seelsorgestils.

2. Einem einheitlichen, ja uniformen (wir Kleriker trugen ja damals die Uniform) Seelsorgestil tritt ein pluraler Seelsorgestil gegenüber

Er entspricht einem pluralen Lebensstil, dem individualisierten, multikulturellen Pluralismus der sogenannten Postmoderne. Und genau mit diesem Pluralismus tut sich unsere Kirche heute schwer. Mit einem Hang zum überzogenen Zentralismus glaubt man ihm begegnen zu müssen. «Jede(r) ein Sonderfall», so hat es das SPI in einer vielbeachteten Untersuchung festgehalten. Eine differenzierte, ja oft etwas disparate Seelsorge sucht dem Rechnung zu tragen. Zielgruppen werden wichtig. Am Beispiel der aufgebrochenen Liturgie, der Motiv- und der thematischen Gottesdienste wird das deutlich. Wer unsere Pfarrblätter und die Pfarreiprogramme einsieht, bekommt einen Eindruck von der Pluralität unserer derzeitigen Seelsorge, ein pluraler Seelsorgestil, der einer pluralen Kultur Rechnung tragen will. Ein starker Hang zum Aktivismus und zum seelsorglichen Stress muss hier signalisiert werden. Die aktive Gemeinde steht im Vordergrund.

3. Einem klerikalen, stark vom Klerus bestimmten Seelsorgestil tritt heute ein laikaler Seelsorgestil entgegen

Die Zahl der Priester wird immer kleiner, die Zahl der Laienseelsorger, der Pastoralassistenten und Pastoralassistentinnen ist im Steigen begriffen. Ihre Zahl wird bald einmal die Zahl der Priester übertreffen. Kommt dazu, dass die Mitarbeit der Laien im Allgemeinen, ein grosses Hoffnungszeichen in der Kirche, immer grösser geworden ist. Hier steht dann freilich die ganze Ämterfrage zur Debatte. Die Zweiständekirche muss sich heftige Angriffe gefallen lassen. Wesen und Aufgabe des Priestertums stehen zur Diskussion. Bewegliche Dienste ­ unbewegliche Ämter, so lautet der Vorwurf. Die scheinbar unbewegliche Lehre von den kirchlichen Ämtern (Diakon, Priester, Bischof) und die noch unveränderlichen disziplinarischen Einschränkungen (Zölibat, keine Frauenordination) verlieren immer mehr ihren sakrosankten Anspruch, wenn man an die bewegliche, schon im Neuen Testament erkennbare Entwicklungsgeschichte der Ämter denkt. Warum soll die Kirche sich nicht neue Ämter zulegen und diese mit den nötigen Vollmachten ausstatten, wenn die Zeichen der Zeit es erfordern? Wer will denn da dem Walten des Heiligen Geistes Grenzen setzen?
Die heutige Situation hierzulande wird immer unerträglicher. Ich erinnere nur an die immer zahlreicheren Pfarreien ohne sonntägliche Eucharistiefeier und an die unselige Vermischung von Eucharistie und Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung. Die Grenzen zerfliessen, eine gefährliche Bewusstseinsveränderung beim Kirchenvolk findet statt, weil wesentliche Unterschiede nicht mehr einsichtig zu machen sind.

4. Ein autoritärer Seelsorgestil wird abgelöst durch einen emanzipatorischen Seelsorgestil

Das hängt zusammen mit der Subjektwerdung des modernen Menschen, die eine subjektorientierte Seelsorge fordert. Kommt dazu die negative Haltung vieler moderner Menschen institutionellen Bindungen gegenüber. Die Gläubigen ertragen einen bestimmten Typ institutioneller Absicherung immer weniger. Die Schere zwischen oben und unten, zwischen der Kirchenleitung und der Basis klafft immer mehr auseinander.
Es kommt zu dem, was Leo Karrer einmal ein horizontales Schisma genannt hat. Die Soziologin Hervieu-Léger schrieb einmal: «Die katholische Kirche spielt gegenwärtig deutlich die Karte des Antimodernismus, des Rückzugs.»
Was von oben kommt, in immer zahlreicheren, oft sehr wortreichen römischen Erklärungen, kommt weitgehend unten nicht mehr an, es wird schlicht nicht rezipiert und ist ein Schlag ins Wasser und untergräbt die Glaubwürdigkeit der obersten Autorität. Schon die Sprache solcher Erklärungen ist einem heutigen Menschen fremd. Eine Meinungsumfrage will herausgefunden haben, dass nur acht Prozent der Pfarrer die römischen Dokumente noch lesen, bei den Laien seien es sogar weniger als ein Prozent. Vieles, was Rom dekretiert, wird schlicht unterlaufen. Werden wir für einmal konkret: Was würde in unseren Pfarreien geschehen, wenn unsere Bischöfe das Predigtverbot für Laien, wohlgemerkt auch für Laientheologen im kirchlichen Dienst, konsequent durchsetzen wollten? Und weiter: Was würde geschehen, wenn unsere Bischöfe alle Theologen und Seelsorger mit einer kirchlichen Strafe und einer eventuellen Entlassung aus dem kirchlichen Dienst belegen würden, die trotz des unglücklichen Motu Proprio «Ad fidem tuendam» weiterhin an der Möglichkeit des Frauenpriestertums festhalten und das auch offen vertreten, weil sie nicht willens sind, auch vor ihrem Gewissen nicht, sich solche Denkverbote auferlegen zu lassen? Zudem, was ist das für ein Seelsorgestil: strafrechtliche Bestimmungen zur Erzwingung von Einheitlichkeit? Was für ein tiefes Misstrauen gegen gutwillige Theologen und kirchliche Amtsträger verbirgt sich hinter solch fragwürdigen kirchenpolitischen Unternehmungen. Lesen Sie dazu die wirklich massvollen, aber doch klaren Kommentare in der Herder-Korrespondenz und in der Orientierung.

5. Ein stark individualisierter Seelsorgestil scheint einen mehr kommunitären Stil abzulösen

Das weckt natürlich Bedenken. Die Gemeindeeuphorie ist im Schwinden. Subjektorientierte Individualseelsorge wird immer wichtiger. Religiosität ist Lebenshilfe.
Nicht dogmatische Wahrheiten stehen für die meisten Christen im Vordergrund ihres Glaubens, sondern Dienst am Leben. Man erwartet von der Kirche Seelsorge im engsten Sinn, Trost und Hilfe in den Fährnissen des Lebens, Kontingenzbewältigung. Man erwartet Zuwendung und Rituale an den wichtigen Übergängen des Lebens. Man sieht in den Kirchen Dienstleistungsbetriebe. Dafür bezahlt man seine Kirchensteuer. Nicht die Gemeinschaft steht im Vordergrund, sondern das autonome Subjekt, das Individuum mit seinen subjektiven Ansprüchen und Gefühlen, mit seinen persönlichen Bedürfnissen, etwa dem Recht auf Selbstverwirklichung. Die rationale Moderne der Aufklärung wird abgelöst von dem, was die Soziologen die psychologische Moderne genannt haben. Nicht das Ende jeglichen Gemeinschaftsdenkens ist angesagt, wohl aber werden neue Formen von Gemeinschaftlichkeit gesucht. Die Zeit der Grossorganisationen ist vorbei. Die Gruppe, die kleine überschaubare Gemeinschaft steht im Vordergrund. Es geht um emotional getragene Gemeinschaftlichkeit. Das zeigen ja auch die vielen spirituellen Bewegungen. Räume gemeinschaftlichen Glaubens sind gesucht. Austausch von Sinn ist gefragt. Das Leben in unseren Pfarreien hat sich in dieser Richtung stark verändert. Quantitativ haben wir verloren, qualitativ gewonnen. Neue Milieus, eine neue Beziehungskultur ist gewachsen. Pfarrliches Leben basiert immer mehr auf der freiwilligen Mitarbeit von Laien. Persönliche Affinitäten sind wichtig, das Institutionelle trägt nicht mehr. Man ist heute in den Pfarreien in weitesten Kreisen per Du. Auch der Pfarrer mit dem Sakristan und mit den Putzfrauen. Kirche der Armen ­ ein Traum vieler Priester...

6. Der früher stark betonte sakramentale Seelsorgestil weicht immer mehr einem diakonischen Seelsorgestil

Praktizieren war doch früher gleichbedeutend mit regelmässigem Sakramentenempfang. Heute redet man von Sozialpastoral. Der Transzendenzbezug tritt zurück. Die Horizontale ersetzt die Vertikale. Man hat in diesem Zusammenhang schon von einer Selbstsäkularisierung der Kirche gesprochen. Dabei möge ein Zitat aus der Herder-Korrespondenz an den Schluss meiner Gedanken gesetzt sein: «Zwischen der Notwendigkeit zu Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Fragen, die aus dem christlichen Glauben heraus begründet werden bzw. aktivem, sozialdiakonischem Handeln einerseits und dem Bezug zu zentralen Aussagen des christlichen Glaubens andererseits gibt es keine Alternative.
Eine Kirche, die sich vor allem in sogenannten profanen Themen tummelt, aber den Transzendenzbezug, das Sakrale, materiale Glaubensaussagen vernachlässigt, sägt den Ast ab, auf dem sie sitzt. Und umgekehrt versündigt sich eine Kirche, die den Glauben nicht praktisch werden lässt, an eben diesem Glauben. Hier die nötige plausible Balance zu finden, ist das eigentliche Problem.»
So ist das unser aller Aufgabe, in der sich zu guter Letzt Theologie und Soziologie, Pastoral und Humanwissenschaften die Hände reichen: Jenen Seelsorgestil zu finden, der den Menschen dient und Gott die Ehre gibt. Den Wandel zu gestalten, ohne die Identität aufzugeben, und mutig den Schritt in die Zukunft zu tun, an die Zukunftskraft unserer Kirche auch in nachchristlicher Zeit zu glauben.

 

Dr. theol. Josef Bommer ist emeritierter Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999