50/1999

INHALT

Lesejahr B

Kraft der Erinnerung

Thomas Staubli zu Jes 62,6-12

 

Bibel: Gott keine Ruhe lassen

Warum eigentlich hat sich Israel im babylonischen Exil nicht aufgelöst? Warum haben sich die Rückkehrer nach Zion nicht den Sitten und Gebräuchen der übrigen Völker im östlichen Mittelmeerraum angepasst? Warum bestanden sie ­ äusseren Widerständen zum Trotz ­ auf der Wiederherstellung Jerusalems und seines Tempels? Die Antworten auf solche und ähnliche Fragen müssen gewiss komplexen historischen Faktoren Rechnung tragen. Aber es ist auch auf eine zentrale menschliche Kraft hinzuweisen, ohne die die nachexilische Restauration unmöglich gewesen wäre: die Kraft der Erinnerung im jüdischen Volk.
Sie steht im Zentrum des zweiten Teils des Schlusshymnus der Dritten Jesajas (zum ersten Teil vgl. SKZ 3/1998). Das Erstaunliche dieses Textes ist, dass nicht Israel aufgefordert wird, sich zu erinnern. Das scheint nicht fraglich gewesen zu sein, das Gegenteil, geradezu ein Tabu: «Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren» (Ps 137,5). Erinnert wird vielmehr JHWH an seinen Bund mit Israel. Dazu werden professionelle «Erinnerer» (maskirim) als Wächter auf die Mauern Jerusalems gestellt. Der «Erinnerer» war ein hohes Amt am Königshof (2 Sam 8,16; Jes 36,3), ein Archivar und Kanzler, der den Überblick über die königlichen Amtsgeschäfte besass. Mit Hilfe dieser Delegierten soll Gott nun bei Tag und Nacht an seinen heiligen Schwur erinnert werden, den er mit erhobener rechter Hand geschworen hat. Den Inhalt des Schwurs (62,8­9) spitzen die Dritten Jesajas ihrer Situation entsprechend vor allem auf seine wirtschaftlichen Konsequenzen und den Tempel hin zu. Wenn er erfüllt wird, kann das Volk wieder selber essen, was es produziert. Es wird aus den kolonialen Strukturen befreit, die ihm den Mehrwert abziehen, und kann im wiederaufgebauten Tempel die Erzeugnisse des Landes an den grossen Erntedankfesten (Pessach-, Schawuot- und Laubhüttenfest) Gott präsentieren und geniessen. Die abschliessenden Verse des Hymnus (62,10­12) nehmen Stichworte, ja ganze Sentenzen vom Anfang der Botschaft der Zweiten Jesajas auf (vgl. SKZ 47/1999). Offensichtlich wollten die Ergänzer der Zweiten Jesajas ihr Werk mit jenem als Einheit verstanden wissen. Umso mehr treten neue Akzente hervor. Die bereits zu Hause Angekommenen stellen für die noch unter den Völkern Weilenden ein Signal auf, das für alle sichtbar ist, und räumen die Steine aus dem Weg. Das dürfte bildhaft zu verstehen sein für eine Wegweisung in die Heimat und ein Beseitigen der Hindernisse einer geordneten Rückkehr. Die entfalteten Szenarien münden wie schon bei Deuterojesaja in einen Triumphmarsch (vgl. SKZ 26­27/1999). Das «Heilige Volk» präsentiert sich selbst als Beute eines Feldherrn, der statt Unterdrückung Befreiung gebracht hat (vgl. noch 2 Kor 2,14).

Synagoge/Kirche: An eine Wand reden

Beten heisst unserer Lesung zufolge vor allem «müeden», wie wir im Dialekt sagen, Gott ermüden, mürbe machen durch Erinnerung an seine Versprechungen. Jesus war ein begeisterter Anhänger des impertinenten Gebetes wie viele Sprüche und Gleichnisse verraten (vgl. besonders Lk 18,1­8). Die Juden sind bis heute Meister darin. Über Jahrhunderte hinweg sind sie nach der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) zur Tempelmauer in Jerusalem gepilgert und lagen Gott mit ihren Klagen über den Verlust von Tempel, Stadt und Land in den Ohren, bis er ihnen in diesem Jahrhundert endlich Gehör verschaffte. Das christliche Gebet hierzulande mutet demgegenüber oft etwas süsslich an. Ist es wirklich getragen von der Hoffnung auf die Realisierung des Projektes Gottes? Erinnern wir Gott an seine Gerechtigkeit in der Hoffnung auf Erlösung? Oder hoffen wir, dass er unsere Ungerechtigkeit nicht entdecken möge, damit alles beim Alten bleibe?

Welt: Die Lamedwowniks

Im Judentum gibt es noch eine Tradition, die eng mit der Hoffnung auf Erlösung verbunden ist, nämlich die im Volksglauben wurzelnde Vorstellung von den 36 Gerechten, auf denen ­ ob bekannt oder unbekannt ­ das Schicksal der Welt ruht. Die Vorstellung vom unbekannten Gerechten ist alt und begegnet schon in einer Legende des 3. Jh. n. Chr. (vgl. Kasten). Der babylonische Lehrer Abbaji hat die Zahl 36 im 4. Jh. n. Chr. aus dem Jesajavers abgeleitet: «Wohl denen, die auf ihn (lo) hoffen» (Jes 30,18)! Das Wort «ihn» wird mit den Buchstaben Lamed und Waw geschrieben. Es hat den Zahlenwert 36. Hinter dieser künstlichen Herleitung der Zahl verbirgt sich die in der Astrologie des Altertums verbreitete Einteilung des Himmelskreises von 360° in 36 Dekane, die als Götter verehrt wurden. Rabbi Abbaji scheint die göttlichen Mächte in Menschen verwandelt zu haben. Im Mittelalter haben die Juden jedem Dekan eine biblische Gestalt zugeordnet, angefangen von Adam und Henoch bis hin zu Daniel und Esra. Im Chassidismus hat sich dann in vielerlei Erzählungen die Vorstellung verbreitet, die 36 Gerechten lebten in jeder Generation, teils verborgen (nistar), teils als Berühmtheiten (mefursam), teils als Juden, teils unter den Völkern. Sogar der Messias sei unter ihnen. Im Jiddischen wurden sie, ihrer Buchstabenzahlform entsprechend, einfach Lamedwowniks genannt. Gershom Scholem, der grosse Kenner der jüdischen Mystik, erläutert die Bedeutung dieser messianischen Gestalten so: «Der verborgene Gerechte, wenn er irgendetwas ist, ist eben dein und mein Nachbar, dessen wahre Natur uns ewig unergründlich bleibt und über den kein moralisches Urteil abzugeben uns diese Vorstellung ermahnen will. Es ist eine von einer etwas anarchischen Moral getragene, aber eben deswegen um so eindrucksvollere Warnung. Der Mitmensch mag der verborgene Gerechte sein» (vgl. Lit.).

 

Literaturhinweis: Gershom Scholem, Die 36 verborgenen Gerechten in der jüdischen Tradition, in: Judaica 1, Frankfurt a.M. 1963.


Die Legende von Pentakaka
(aus dem Palästinischen Talmud, im Traktat von den Fasttagen, zitiert nach Scholem; vgl. Lit.)

«Rabbi Abbahu sah im Traume, dass, wenn ein gewisser Pentakaka beten würde, Regen fallen würde. Der Rabbi liess ihn kommen und fragte ihn: Was ist deine Beschäftigung? Ich begehe an jedem Tag fünf Sünden [daher wohl der Name Pentakaka, in welchem das griechische Wort Penta-Kaka, fünf schlechte Taten, steckt]. Ich vermiete Huren, reinige das Theater, trage den Huren die Kleider ins Badehaus und tanze und schlage dabei die Pauke vor ihnen. Der Rabbi fragte: Und was hast du Gutes getan? Er antwortete: Einmal machte ich das Theater rein, da kam ein Weib, stellte sich hinter die Säule und weinte. Ich fragte sie: Was fehlt dir? Sie antwortete: Mein Mann ist im Gefängnis, und ich möchte ihn gerne freikaufen. Da verkaufte ich mein Bett und meine Decke und gab ihr den Erlös mit den Worten: Hier hast du Geld, kaufe deinen Mann los und werde keine Hure. Der Rabbi sprach zu ihm: Du bist in der Tat würdig, zu beten und erhört zu werden.»


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999