47/1999

INHALT

Lesejahr B

Die Strasse des Siegers

Thomas Staubli zu Jes 40,1-11

 

Kirche: Wegbereiterin des Messias

Im römisch besetzten Judäa gab es eine ganze Reihe jüdischer Protestbewegungen, die persönliche Umkehr und die Vorbereitung auf eine nahe bevorstehende messianische Heilszeit predigten. Nicht nur Johannes, wie es die Evangelisten bezeugen (Mk 1,1­8par.), auch die Qumran-Essener beriefen sich dazu auf die Schriften Deuterojesajas. Sie betrachteten ihr vorbildliches, asketisches Leben in der Wüste nach strenger Regel in allegorischer Weise als einen Strassenbau für den bevorstehenden triumphalen Einzug Gottes (in Gestalt des Messias?): «Werden diese in Israel zu einer Einung nach diesen Vorschriften, sondern sie sich mitten aus dem Sitz der Männer des Unrechts ab, um in die Wüste zu gehen, um dort den Weg des ER (in einem Handschriftenfragment steht hier ÐWahrheitð) zu bahnen, wie geschrieben steht: In der Wüste bahnt den Weg des .... (vier Punkte in der Handschrift statt des Tetragramms), macht gerade in der Steppe eine Strasse für unseren Gott» (Sektenregel VIII,14). Schon Deuterojesaja brauchte das Bild vom Strassenbau mindestens teilweise im übertragenen Sinne, wenn auch in etwas anderer Hinsicht.

Bibel: Der Prolog Deuterojesajas

Der Sinn der Schrift Deuterojesajas lässt sich am leichtesten erfassen, wenn wir uns darunter die Vorlage für eine theaterähnliche öffentliche Veranstaltung vorstellen, die den Sinn hatte, die exilierten judäischen Familien in Babylon und Ägypten zur Rückkehr nach Zion zu bewegen (vgl. SKZ 26­27/1999). Der eröffnende Prolog hatte wie im attischen Drama die Funktion, die wichtigsten Akteure und die Themen des Stückes vorzustellen, also das Publikum ins Stück hineinzunehmen. Diesem Modell entsprechend sind die im Text zu findenden Hinweise auf Sprechende und Rufende als Regieanweisungen zu lesen: Stimme Gottes: «Tröstet! Tröstet» ­ Stimme eines Rufenden (Mund bzw. Wesir JHWHs): «In der Wüste bereitet» ­ Sprecher (Engel?): «Rufe!» ­ Sprecherin (Freudenbotin Zion): «Was soll ich rufen?» ­ Sprecher (Engel?): «Auf einen hohen Berg steige»
Der Inhalt des eröffnenden Gottesspruches (40,1­2) ist eine Adaption der Bundesformel: «Ich will dein Gott sein und du sollst mein Volk sein.» Es ist die entscheidende, einen Neuanfang ermöglichende Grundsatzerklärung Gottes, die von Jeremia (Jer 31,33) schon in Aussicht gestellt worden war, aber zu jener Zeit der Trauerarbeit noch nicht wirksam werden konnte. Israel ist Gottes Volk ('am). Es ist der Clan, die Lebens- und Schicksalsgemeinschaft, die JHWH als einzigen König akzeptiert und seine Weisungen zu befolgen bereit ist. Gott seinerseits erweist sich in dreifacher Hinsicht als Löser (go'el) seines Volkes: 1. Er setzt dem Frondienst (zav'a) in der Fremde ein Ende, indem er ­ wie die Fortsetzung zeigen wird ­ eine neue politische Konstellation herbeiführt (vgl. SKZ 39/1999). 2. Er erklärt die Schuld ('awon; wörtl. Beugung) Jerusalems für abgetragen (nirzah). 3. Er verheisst der Stadt doppelte Wiedergutmachung. Damit ist vielleicht gemeint, dass sowohl Witwenschaft als auch Kinderlosigkeit Jerusalems beendet sein sollen, ein Schicksal, das nun Babel heimsuchen wird (Jes 47,8f.). Von grosser Tragweite ist der folgende Spruch des göttlichen Wesirs (40,3­5), der den Bau einer Strasse in Auftrag gibt, auf der sich die Heimkehr des Volkes wie eine triumphale, prozessionsartige Einbringung der königlichen Kriegsbeute ausnehmen wird, sichtbar für alle Völker (vgl. Kasten). Mit seinen Übertreibungen entwirft der Text ein phantastisches, trickfilmartiges Szenario, das spätere Generationen immer wieder fasziniert hat. Zion hingegen lässt sich nach den vielen bitteren Erfahrungen nicht sofort von dieser Heimkehreuphorie anstecken. Ihr Einwand (40,7­8) ist fundamental: «Alles Fleisch ist wie Gras». Ein späterer Kommentator hat diesen Einwand ­ wohl aufgrund eigener Erfahrungen ­ sogar noch unterstrichen: «Gewiss. Gras ist das Volk.» Der Satz findet sich in der Septuaginta nicht und steht in der grossen Jesajarolle von Qumran am Rand! Der Einwand fehlt in der Leseordnung, als ob sich die Kirche die Skepsis der Leidgeprüften angesichts des göttlichen Optimismus nicht anhören sollte. Die darauf an Zion gerichtete Ermutigung greift das Bild des siegreich heimkehrenden, starken Gottes wieder auf, verändert es aber travestieartig: Der kriegerische Held entpuppt sich als besorgter Hirte (vgl. SKZ 44/1999) und die Kriegsbeute besteht nicht aus Sklaven, sondern aus Geretteten.

Welt: Königliche und bürgerliche Siegesstrassen

Es war ein erhebendes Gefühl, als ich vor wenigen Jahren an einem frühen Sonntagmorgen vom Bahnhof Zoo auf fast leeren Strassen Richtung Alexanderplatz fuhr. Die Namen der Strassen ­ Bismarckstrasse, Strasse des 17. Juni, Unter den Linden, Karl-Liebknecht-Strasse ­ ihre ungewohnte Grosszügigkeit, die Siegessäule und natürlich das Brandenburger Tor, Symbol eines epochalen Wandels, liessen mich für ein paar Minuten zu einem Herrn der Geschichte werden, der scheinbar souverän durch die Zeiten fuhr. Königliche Paradestrassen dieser Art gibt es in der Schweiz nicht, wohl aber Einkaufsstrassen, durch die die stolzen, kaufkräftigen Bürgerinnen und Bürger schreiten wie durch Arsenale ihres Reichtums ­ eines Reichtums allerdings, der nicht selten in den Hinterhöfen der Welt geschneidert, geknüpft, geschustert und montiert wurde.


Siegeszüge und königliche Strassen

Siegeszüge waren das Lieblingsmotiv assyrischer Herrscher. Über hunderte Meter hinweg schmückten sie in Gestalt von Reliefs die Wände ihrer Paläste. Einige davon füllen heute mehrere Säle des British Museum. Zu sehen sind der König auf dem Streitwagen, Soldaten, die die Kriegsbeute liebevoll vor sich hertreiben: Frauen, Kinder, Vieh. Schreiber zählen die Köpfe der niedergemetzelten oder hingerichteten Männer, Soldaten veranstalten mit den Köpfen Ballspiele, dazu musizieren die Musikanten. Auch die Götterbilder der eroberten Städte werden in Reih' und Glied aufgebahrt und abtransportiert. Eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche militärische und kolonialistische Kampagnen waren zuverlässige Transportwege. Der neubabylonische Herrscher und Eroberer Jerusalems rühmt sich seiner Expedition ins unzugängliche Libanongebirge zwecks Abholzung der kostbaren Zedern: «Was kein früherer König getan hatte ­ hohe Berge durchbrach ich, Gebirgssteine spaltete ich, Zugänge öffnete ich, einen Weg für Zedern bahnte ich, hin zu Marduk, dem König» (aus Felsinschriften im Libanon). Der griechische Geschichtsschreiber Herodot beschreibt ausführlich die königliche Strasse, die unter den Persern vom lydischen Sardis nach dem medischen Susa angelegt wurde. Sie war mit ausgezeichneten Raststätten bestückt und wurde in den unbewohnten Gegenden von Soldaten bewacht. Die 13500 Stadien wurden in 111 Tagen zurückgelegt (Herodot V,52­54).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999