42/1999 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Wir erleben eine Zeit juristischer Hochkonjunktur. Kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Paragraph Junge kriegt. Ein Spiegel der differenzierten Gesellschaft, in der wir leben, gewiss, aber auch ein Einfallstor neuer Formen der Abhängigkeit und Versklavung. In unzähligen Bereichen sind wir auf die Beratung kompetenter Rechtsfachleute, Kantonschemiker und -chemikerinnen, Ombudsmänner und -frauen usw. angewiesen, oftmals im wahrsten Sinne auf Gedeih und Verderb.
Die Verantwortung der gesetzeskundigen Priester hat der Prophet Maleachi (vgl. zu Person und Umwelt SKZ 45/1998) im Visier, wenn er den Priestern des Heiligtums in Jerusalem vorwirft, dass sie das Volk nicht zuverlässig belehren, dass sie fehlerhafte Opfertiere annehmen, die Gott nicht genehm sind (Dtn 17,1) und damit das Volk um seine Sühnemittel bringen. Er droht den Leviten in einem Orakel mit derben Worten die Entlassung an: «Achtung! Ich schlage euch den Arm ab/ und schmeisse euch Scheisse (päräsch) ins Gesicht,/ den Darminhalt der Tiere (päräsch) eurer Opferfeste./ Da, wo man ihn deponiert, wird man auch euch hinausschaffen» (2,3). Angesichts des Schicksals der Leviten in Israel im Laufe der Jahrhunderte (vgl. Kasten) drängt sich fast der Verdacht auf, dass Maleachi einen Vorwand sucht, um den erbärmlichen Zustand der übrig gebliebenen levitischen Sippen in der nachexilischen Zeit durch ein Gotteswort zu rechtfertigen (2,9).
Das holzschnittartige Nebeneinander von Maleachis Schimpfpredigt und
Jesu Demontage der Pharisäer und Schriftgelehrten im Evangelium (Mt
23,112) kann zu Missverständnissen führen, denn die Kritik
der beiden Propheten zielt auf Verschiedenes. Maleachi macht sich für
eine striktere Beachtung der Kultvorschriften durch das Tempelpersonal stark.
Er kritisiert die mangelhafte Belehrung des Volkes durch die Priester, das
infolgedessen durch Nichtbeachtung der rituellen Vorschriften Schuld auf
sich lädt. Jesus hingegen kritisiert die Doppelmoral der Pharisäer
und Schriftgelehrten, die sich in einem Auseinanderklaffen ihres Redens
und ihres Tuns zeigt. Er tut es aus der Perspektive einfacher Menschen,
die andere Sorgen haben als gewisse Haarspaltereien der Schriftgelehrten,
die das Leben nur schwerer machen. Die kultische Reinheit interessiert ihn,
wie auch andere Texte deutlich zeigen (Mt 15,120), herzlich wenig.
Entscheidend ist für Jesus die moralische Integrität und Gottes
Liebe für die Menschen, die es schwer haben im Leben.
Einig sind sich die beiden so unterschiedlichen Propheten einzig darin,
dass das von ihnen kritisierte Verhalten der institutionellen Profi-Theologen
dem Volk, das auf sie hört, schadet.
Das heutige Kirchenvolk kann beide Arten von Propheten hören: Jene,
die wie Maleachi gegen Beliebigkeit in der Kultpraxis wettern und eine strengere
Beachtung von Kirchenrecht und Katechismus verlangen, und jene, die wie
Jesus die Ineffizienz theologischer Systeme für die Armen anprangern
und eine Theologie fordern, die aufs Volk hört. Vielleicht sind es
unversöhnliche Weisen religiöser Existenz, die hier einander gegenüberstehen.
Leonardo Boff hat sie mit «Charisma» und «Macht»
etikettiert. Dennoch sollten wir es uns nicht nehmen lassen, mitgestaltend
an die Utopie einer Kirche zu glauben, in der es möglich ist, rite
einen Gottesdienst zu feiern, der den echten Bedürfnissen des Gottesvolkes
entspricht.
Literaturhinweis: H. Schulz, Leviten im vorstaatlichen Israel und im Mittleren Osten, München 1987.
Nach Gen 34,25ff. plünderten die Stämme Simeon und Levi (Kurzform von Leviel, «Anhänger Els») die Stadt Sichem und brachten ihre Bewohner um, obwohl man sich nach der Vergewaltigung Dinas durch einen Sichemiten vertraglich auf einen Frieden geeinigt hatte. Später erfahren wir, dass die beiden Stämme deshalb in ganz Israel geächtet wurden (49,5ff.). Aus irgendwelchen Gründen landlos gewordene Pariastämme waren gezwungen, gesellschaftliche Sonderrollen zu übernehmen. Im Falle der Leviten war es die Betreuung von lokalen Heiligtümern, wie die Geschichten in Ri 17f. anschaulich zeigen. Für Stammesgesellschaften sind religiöse Spezialisten und rechtliche Schlichter und Vermittler am Rande der Gesellschaft oder zwischen den Stämmen eine Notwendigkeit, jedenfalls ein Segen, den man gerne in Anspruch nahm, in geschichtlich günstigen Momenten institutionalisierte und durch Abgaben entlöhnte. Beispiele in heutigen muslimischen Gesellschaften sind die Moslem-Bruderschaften, die Ineslemen der Tuareg oder die Marabuts (vgl. Lit.). Charakteristisch für diese «levitischen» Sippen oder Stämme ist ihre Sensibilität für die Segenskraft (arab. baraka) eines ihrer Mitglieder, im Falle der Bibel ist es Mose bzw. Mirjam. Die Nachkommen dieser Heiligen versuchen die Beziehung zu ihrer Segensquelle aufrechtzuerhalten und für ihre Sippe und Mitmenschen wirksam zu machen. In diesem Sinne stellen fiktive Stammbäume der Leviten eine Verwandtschaft zum Gesetzgeber Mose her (Ri 18,30). Der Wandel der föderalistischen Stämmegesellschaft zum zentralistischen Königtum ging einher mit der Liquidation von lokalen Heiligtümern. Teilweise fanden die Leviten Unterschlupf in den zentralen Heiligtümern, die nun mehr Personal benötigten, teilweise übernahmen sie Sonderaufgaben in Asylstädten (Jos 21). Viele Leviten aber wurden arbeitslos und gingen an der Seite des Volkes in Opposition zur Priesterschaft der Metropolen. Das ist der Hintergrund der Konfliktgeschichten in Num 16f., worin Mose von der «orthodoxen» Priesterschaft der Zentrale vereinnahmt wird, während Datan, Abiram und Korach die verfemten Landleviten mit ihren lokalen Traditionen repräsentieren. Die Leviten gehören nun neben Fremden, Witwen und Waisen zu den Randfiguren der Gesellschaft. Einigen von ihnen, die sich als Musiker/Musikerinnen im Jerusalemer Tempel durchbrachten, verdanken wir die ergreifendsten Psalmen, die die Not dieser Menschen widerspiegeln (z.B. Ps 12; 14). Weder der Versuch des Deuteronomiums, das Levitenproblem durch die Abgabe des Zehnten zu regeln (Dtn 14,27), noch der der Priesterschrift, sie als untergeordnetes Kultpersonal in den zentralisierten Jerusalemer Kultbetrieb zu integrieren, konnten das besiegelte Schicksal der Leviten wesentlich wenden. Nur 74 auf 4289 Priester (Esr 2,40||Neh 7,43) sind aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt. Ezechiel behauptete, die Leviten hätten Israel in seinem Götzendienst geholfen (Ez 44,9f.). Vielleicht hat es zadokidische Kreise gegeben, die die Leviten/Levitinnen am liebsten aus der Erinnerung gestrichen hätten. Aber das liess das kollektive Gedächtnis Israels nicht zu. Sie mussten in die Geschichtsschreibung integriert werden, die aber so stark von den Interessen der Jerusalemer Priesterschaft geprägt und überformt wurde, dass wir oft nur noch erahnen können, welche geschichtlichen Ereignisse sich dahinter verbergen.