40/1999 | |
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Lesejahr A |
Versteht man die Schrift Deuterojesajas wie Klaus Baltzer als Vorlage für ein Schauspiel, so befinden wir uns mit dem Lesungstext mitten im Dritten Akt. Nach dem Prolog (40,131) im Himmel und der Aussendung der Botin Zion wird im Ersten Akt (41,142,13) der Anfang des Kommenden verkündet, das Urteil über die Götzen gesprochen und der Gottesknecht berufen. Im Zweiten Akt (42,1444,23) erfolgt die Einsetzung Israels als Gottesknecht und im Dritten Akt (44,2445,25) diejenige des persischen Königs Kyros (vgl. Kasten) als irdischer Herrscher in einer Thronszene. Allerdings sitzt nicht Kyros auf dem Thron, denn JHWH ist und bleibt der einzige Herrscher, der diesen Sitz für sich beanspruchen kann. Kyros wird aber in einem Gottesorakel als sein Gesalbter (möschicho), also mit dem höchsten im judäischen Inthronisationsritual verwendeten Ehrentitel angesprochen. Er wird von ihm bei der rechten Hand ergriffen, zur Herrschaft über die Völker und zu Reichtum geführt (45,2f.), mit einem Ehrennamen bzw. einem königlichen Titel versehen (45,4) und mit Macht ausgestattet, symbolisiert in der Gürtung durch JHWH (45,56a). Um jedes Missverständnis auszuschliessen, wer letztlich das Sagen hat und woher die Macht des Kyros stammt, endet das Gedicht mit drei Strophen, die jeweils mit den Worten beginnen «Ich bin JHWH» ('ani JHWH), zweimal gefolgt von der monotheistischen Aussage «und sonst gibt es keinen» (wö'en 'od). Beim dritten Mal gipfelt die Selbstcharakterisierung Gottes in einer Schöpfungsaussage: «der alles dies gemacht hat» ('osäh kol-'elläh). Das Walten Gottes in der Schöpfung wird im abschliessenden Vers (45,8) mit dem kosmischen Drama des Regens illustriert, der die Erde befruchtet, die ihrerseits Pflanzen gebiert (vgl. SKZ 2021/1999). Dabei wird die zeugende Kraft (zädäq) mit einem männlichen Wort, die gebärende mit einem weiblichen (zädäqah) derselben Wurzel (zdq) ausgedrückt, die Gerechtigkeit und Heil im umfassenden Sinn, sowohl kosmisch als auch sozial, meint. Frucht dieser Vereinigung ist ein Spross, der «Hilfe» (jäsche'; EÜ: «Heil») heisst. «ÐGerechtigkeitð vom ÐHimmelð und ÐGerechtigkeitð auf Erden entsprechen sich, daher kommt ÐHilfeð zustande» (Klaus Baltzer). Da Tanz in keinem antiken Drama fehlte, kann man sich gut vorstellen, dass die fruchtbringende Begegnung der Heilskräfte im Rahmen der ganzen Thronszene als Ballet einer Heiligen Hochzeit personifizierter Begriffe aufgeführt wurde.
Schöpfung ist ein Prozess permanenter Neuschöpfung. Schaffung neuen Lebens setzt aber auch gerechte Formen menschlicher Herrschaft voraus. Diesen Gedanken der Lesung nimmt die Kirche ernst, wenn sie im Adventsruf «Rorate coeli desuper et nubes pluant justum» (O Heiland, reiss die Himmel auf...) den Text christologisch interpretiert und Christus als gerechten, lebenschaffenden Herrscher preist, der die irdischen Herrscher in die Nachfolge des Dienens ruft. Auf ganz andere Weise thematisiert das Evangelium von der Steuerfrage das Verhältnis zwischen Gott und den irdischen Herrschern (Mt 22,1521).
Die europäische Theologie dieses Jahrhunderts, besonders die dialektische Karl Barths, hat Gott in erster Linie in Kontrast zu despotischen Herrschern, allen voran Hitler und Stalin, profiliert und als den ganz einzigartig anderen proklamiert, als eine absolute Grenze jeder menschlichen Macht. Näher bei Deuterojesaja und der jüdischen Theologie der Exilszeit stehen gewisse Kirchen der Dritten Welt, die es immer wieder gewagt haben, «gute» Herrscher bzw. Regierungen als Freunde Gottes zu bezeichnen, als Menschen, die Gottes einzigartigen Namen gross machen in der Welt, in dem sie den Menschen ihres Landes einen Neuanfang ermöglichen. Als Beispiel sei Nelson Mandela und die ihn unterstütztenden Kirchen Südafrikas genannt.
Wahrscheinlich am 29. Oktober 539 v. Chr. öffneten die Priester der Stadt Babel dem Perserkönig Kyros die Tore und liessen ihn ohne Kampf und Schlacht einziehen (Kyroszylinder; Herodot, Historien I, 191). Kyros trat in die Nachfolge der Neubabylonier und herrschte nun über ein Riesenreich, das vom Indus bis ans Mittelmeer reichte. Seine Herrschaft wurde nicht nur von Juden, sondern auch von Babyloniern und Griechen positiv gewertet und religiös ausgedeutet. Im sogenannten Kyrosedikt, einem mesopotamischen Text, lesen wir: «Alle Länder insgesamt musterte er (Marduk, der Stadtgott von Babel), er prüfte sie, er suchte einen gerechten Herrscher nach seinem Herzen, er fasste ihn mit seiner Hand (vgl. Jes 45,1): Kyros, den König von Anschan, berief er, zur Herrschaft über das gesamte All sprach er seinen Namen aus. [...] Marduk, der grosse Herr, der seine Leute pflegt, blickte freudig auf seine guten Taten und sein gerechtes Herz...» In der 472 v. Chr. uraufgeführten Tragödie «Die Perser» lässt Aischylos den Geist des Dareios von seinem Grossvater Kyros sagen: «Der dritte nach ihm (Medos), Kyros, ein glückseliger Mann/ bescherte waltend allen Freunden Friedenszeit./ Die Lyder wie der Phryger Volk gewann er zu,/ und Jonier auch, das ganze, beugt' er seiner Macht/ Die Gottheit hasst ihn nicht, da gütigen Sinns er war.» Unter den Persern selbst ging das Bonmot um, «Dareios sei ein Kaufmann (kapälos), Kambyses ein Herr (despotäs), Kyros aber ein Vater (patär) gewesen; denn Dareios habe in allem nach Krämerart gehandelt; Kambyses sei hart und rücksichtslos gewesen, Kyros mild; und ihm verdankten sie alles Gute» (Herodot, Historien III, 89). Die positive Beurteilung des Kyros hatte demnach auch den Sinn einer Kritik an der persischen Herrschaft, die sich zur Zeit der Abfassung dieser Texte durch ein harsches Steuerregiment, ermöglicht durch die Einführung der Münzwirtschaft (vgl. SKZ 18/1998), auszeichnete. Das wird deutlich in der Kyropädia des Xenophon (ca. 430354 v. Chr.): «Er (Kyros) brachte seinen Untertanen Achtung und Fürsorge entgegen, als ob sie seine eigenen Kinder gewesen wären, und seine Untertanen verehrten ihn wie einen Vater. Doch als Kyros gestorben war, kam es sofort zu einem Zerwürfnis zwischen seinen Söhnen, trennten sich sofort Städte und Völker vom Reich, und alles entwickelte sich zum Schlechten hin.» Diese Sicht der Dinge veranlasste später den Mazedonier Alexander den Grossen, an die Herrschaft des Kyros anzuknüpfen. Er besuchte sein Grabmal und liess es restaurieren (Strabo, Geographie 15,3,7 C730; Arrian, Anabasis 6,29,411).