38/1999 | |
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Lesejahr A |
Nicht nur Jesaja selbst, seine ganze Familie, die namentlich nicht bekannte
Gattin (Jes 8,3) und ihre beiden Söhne mit den Symbolnamen «Eile-Beute-raube-bald»
und «Ein-Rest-kehrt-um» waren in die Prophetie involviert. Das
zeigt deutlich, dass das Prophezeihen keine geheimnisvolle, clandestine
Angelegenheit war, schon gar nicht eine Schreibtischangelegenheit, sondern
eine öffentliche Sache. Das macht auch die Form des Weinbergliedes
deutlich, das zu den meisterhaften und berühmtesten Texten der Bibel
zählt. Es handelt sich offensichtlich um ein Liebeslied in Gestalt
einer Klage, also ein Liebeskummerlied. Lieder dieser Art suchen die Öffentlichkeit.
Ein Sänger oder eine Sängerin bringt in prägnanten Worten
ein tief empfundenes Gefühl des Leids zum Ausdruck, das vielen Menschen
aus dem Herzen spricht und deshalb heilende Kraft hat. Die Besonderheit
des jesajanischen Weinbergliedes liegt darin, dass es sich um eine Liebesliedtravestie
handelt eine literarische Form, die sich im politischen Cabaret bis
heute der Beliebtheit erfreut. Unter dem Kleid des Liebesliedes versteckt
sich gesellschaftliche Kritik und eine theopolitische Botschaft.
Um welche Art gesellschaftlicher Missstände es sich handelt, geht aus
dem Kontext des Liedes deutlich hervor. In Kap. 3 werden die reichen Männer
und Frauen Jerusalems, die auf Kosten anderer in Saus und Braus leben, scharf
kritisiert. Schon hier klingt das Thema vom Weinberg an, wenn es von den
Ältesten und Fürsten des Volkes heisst: «Ihr, ihr habt den
Weinberg geplündert;/ eure Häuser sind voll von dem, was ihr den
Armen geraubt habt» (3,14). Wir sind also auf den möglichen Gleichnischarakter
des kommenden Weinbergliedes vorbereitet. Der Weinberg steht hier für
Israel, aber nicht für ganz Israel, sondern nur für das produktive,
aber ausgebeutete Volk. In den auf das Weinberglied folgenden Wehesprüchen
wird die Art der Ausbeutung präzisiert: Grundstückspekulation,
Trunksucht, Schuldenwirtschaft, Verdrehung der Realitäten, Überheblichkeit.
Durch die mehrmalige Nennung des Weintrinkens (5,11f.22) wird auch hier
das Leitmotiv fortgesponnen.
Das Lied selber beginnt beschreibend. Es handelt vom Freund, der mit viel
Mühe einen Weinberg kultiviert, jedoch nichts als Härlinge erntet
(5,1f.). An dieser Stelle werden die Zuhörer, die Bürger Jerusalems
(joschev jöruschalaim) und die Männer Judas (isch jöhudah),
unvermittelt in eine Gerichtsverhandlung verwickelt, in der sie die Angeklagten
sind, während der Sänger den Part des Klägers und Richters
Gott einnimmt (5,36). Es stellt sich heraus, dass mit dem Weinberg,
der nur saure Beeren hervorbringt, diesmal die nichtsnutzige, ausbeuterische,
männliche Oberschicht des Landes gemeint ist (5,7). Ein trefflicher
Reim fasst die Enttäuschung Gottes am Ende des Liedes zusammen: Er
hoffte auf Rechtsspruch -/doch siehe da: Rechtsbruch,/ und auf Gerechtigkeit
-/doch siehe da: der Rechtlose schreit (wajaqav lömischpat/wehinneh
mischpach/ lizdaqah/wahinneh zöaqah)!
Die elaborierte Allegorie von den bösen Winzern (Mt 21,3344) steht ganz in der levantinischen Tradition der Weinbergsymbolik. Der Hausherr ist Gott, der Weinberg das auserwählte Volk, die Knechte die Propheten, der Sohn Jesus, die bösen Winzer die ungläubigen Juden, das andere Volk die Heiden. Auch wenn die Ausgangslage zunächst an das Weinberglied erinnert, so liegen die Unterschiede auf der Hand. Die Weinbergsymbolik wurde von den Kirchenvätern oft aufgegriffen und auf Israel und die Kirche angewandt, in der Kunst häufig in Verbindung mit der mystischen Kelter. Die Reformatoren haben dem verwüsteten katholischen Weinberg den geordneten protestantischen gegenübergestellt. Mit dem Zweiten Vatikanum wurde der katholische Weinberg gründlich gereinigt und umgepflügt und die alten Rebstöcke durch neue Sprösslinge ersetzt. Was sind die Früchte dieser Bemühungen? «Ich hoffte auf Demokratie, doch siehe da: Hierarchie, und auf Partizipation, doch siehe da: Frauenfron.»
Weinberge sind in Palästina bis heute der Stolz der bäuerlichen Bevölkerung, die sie mit Mühe und Schweiss bebauen. Im Kontext der israelischen Besetzung der West-Bank sind sie darüber hinaus Symbol einer jahrhundertealten Kultur im palästinischen Hügelland, das von christlichen und muslimischen Familien heute vor der willkürlichen Enteignung durch die israelischen Militärbehörden geschützt werden muss. So ist zum Beispiel seit 1991 auch ein 35 Hektar grosser, liebevoll gepflegter Weinberg der Familie Nasser in Betlehem, bekannt als «Dahers Weinberg», von der Konfiszierung und Okkupation durch radikale Siedler bedroht. Während die Familie gegen die Militärbehörde prozessiert, versuchen die Siedler mit nackter Gewalt Tatsachen zu schaffen; «doch siehe da: der Rechtlose schreit». Wer hört den Schrei? (s. Hinweis)
Hinweis:
Mit Spenden (z.B. Aufnahme des Kirchenopfers) ist es möglich, «Dahers
Weinberg» erhalten zu helfen und ein Zeichen gegen die militärische
Willkür auf der West-Bank zu setzen. Informationen/Konto: Pfarrerin
Dr. theol. Sophia Bietenhard, Auhofstrasse 8, 8051 Zürich. Spar- und
Leihkasse Steffisburg, PC 30-38220-1; Kontonummer 16 2.140.429.01 Kennwort
«Dahers Weinberg».
Keine andere Kulturpflanze Palästinas verlangt soviel Pflege wie die Weinrebe. Der Acker muss sorgfältig ausgewählt, entsteint, ummauert und zur Reifezeit der Trauben vor Füchsen (Hld 2,15), Wildschweinen (Ps 80,14), Vögeln und menschlichen Dieben (Jes 1,8; 5,2) geschützt werden, wozu man Wachttürme baute. Die Rebe muss mehrmals geschnitten, der Boden gepflügt, gejätet und gedüngt werden. Um den Saft der mit dem Winzermesser geernteten Trauben zu gewinnen, bedarf es einer Kelter (vgl. Bild). Die Frucht des Weinbergs ist daher Inbegriff des Wohlstands und Segens (1 Kön 5,5; Mi 4,4; Sach 3,10). Um den Reichtum des Gelobten Landes zu beweisen, bringen die Kundschafter eine riesige Weintraube mit (Num 13,23.27), Juda wird in den Stammessprüchen für seinen Weinreichtum gepriesen (Gen 49,11). Ein Weinberg gehörte zum streng gehüteten Familienerbe (1 Kön 21). Nach einer arabischen Sage entstand der Weinstock aus den Tränen des Engels, der über die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies weinte. Er ist das Jauchzen der Erde (Jes 24,11), geschaffen zur Freude (Sir 31,27). Bei der Ernte sang man: «Verdirb sie nicht, denn Segen ist darin!» (Jes 65,8). In den Liebesliedern ist der Weinberg eine Metapher für die Geliebte (Hld 1,6; 2,15; 8,11f.), eine Variante der Gartenmetapher (vgl. SKZ 12/1999). Der Weinberg selbst ist aber auch ein beliebter Treffpunkt der Verliebten (vgl. Ri 21,1523). Noch die Mischna überliefert, dass die Jerusalemer Mädchen am 15. Ab (August) wohl anlässlich des zweiten Blattschnittes und am Versöhnungstag (September/Oktober) wohl anlässlich der Ernte in den Weinbergen Reigentänze aufführten, was die unverheirateten Männer anzog (mTa'anit 4,8; bTa'anit 31a).